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«zählt er den Jungen nur biunme Geschichten, oder er zefällt ihm, weil er sein Gegenpol ist-, dann wird er keine Manieren haben und ein pedantischer Gelehrter sein-
Ludwig nahm ihn aber doch und schien rechts getan m haben. Der neue Hauslehrer war ein mnaer Mensch von vorzüglichen Formen, der die Herzen der beiden Buben Mb gewann; beim so streng er während der Schulstunde D,rr, ein so guter Kamerad und Freund wurde er ihnen Bt Bark oder wo sie sonst in ihren Freistunden sich belegten. Gr schoß mit ihnen Purzelbäume aus dem Rasen, krieb Reifen, spielte Ball. Wenn sie aber zu Bett gegangen Baren, verlöschte aus seinem Zimmer erst spät das Licht.
Der junge Mann, ein Herr von Jstrow, Sohu eines «nfanteric-Stabs-Offiziers, der während der ersten Sru- fenteuiahre seines Sohnes gestorben war, bereitete sich ranz allein zu seinem juristischen Examen vor., Ludwig schien es nicht unangenehm, daß der Abkömmling einer alten Familie bet ihm im Hause war. Nur auf eines hielt er: ker rechte Mstand mußte gewahrt bleiben, mcht anders tuie beim Pastor. Aber da der pinge Mann nicht sprach, ehe Ludwig ihn nicht anredete, nach Tisch stets sich empfahl, immer dort blieb, wo die Kinder waren, so sagte Ludwig einmal zu Agathe abends, als die Jungen längst schliefen und der Hauslehrer gewiß bet seinen Büchern saß:
— Dieser Jstrow ist ein äußerst brauchbarer Mensch. Ich dachte, er throne nur auf seinem lateinischen und griechischen Piedestal. Neulich aber sprach Valn mit ihm fran- e. Er hat ein Jahr in Lausanne studiert! Und was
t heute heraus? Ich höre zufällig, wie er sich mit White englisch unterhält. Ich habe White gefragt, der sagt, er redete wie ein Engländer, hätte höchstens einen leisen schottischen Akzent. Ich fragte ihn, und was gibt er mir zur Antwort? „Herr Droesigl, meine Mutter war ans Wasgow."
nmal darüber mit seiner
achen nicht. Nun war sie
.Agathe sagte:
— Er ist reizend mit den Juiigen. Ich habe ihm neulich meine Freude darüber ausgedrückt und da meinte M: „Gnädige Frau, sie bedürfen der Liebe und Weichheit/'
Ludwig fragte:
h- Wie nennt dich Jstrow?
dabei fagte er:
— Später einmal, später!
Auf der Fahrt nach Haufe versank er in Brüten.
Agathe störte ibn nicht. Sie hatte in den Jahren ihrer Ehe gelernt, daß der einzige Augenblick, der ihn grillig sand, der war, wenn man seine Gedankenwelt antastete. Bon selbst mußte er reden; und immer häufiger sing er auch an:
— Ich habe allerlei Absichten! Na, wir wollen ma- fehen, was die Zukunft bringt.
Dann tvuchseir dunkle Pläne immer mehr ins Licht, bis plötzlich von ihnen nicht mehr die Rede war.
Agathe blieb nur der stille Zuhörer. Sie hatte es dadurch erreicht, daß er ihr Dinge anvertraute, von denen er in der ersten Zeit nie gesprochen. Früher fand er alle aristokratischen Bekannten reizend. Jetzt redete er bisweilen schärfer von ihnen. Es war, als sei eine neue Seele in ihm, und doch ahnte Agathe, daß alles das ihn auch früher beschäftigt, er es nur nicht gesagt hatte. Als sie doch einmal vorsichtig davon begann, musterte er sie:
— Das ist doch immer so unter Menschen. Ehe man sich nicht genau kennt, sagt man sich nicht alles.
In der nächsten Zeit war er zurückhaltender, und Agathe
r- Gnädige Frau! Warum?
— Ich meinte nur so.
Ludwig hatte jetzt weniger zu tun. Jedes Jähr ivareu Verbesserungen vorgenommen worden, nun schien ein Standpunkt erreicht, wo sich kaum mehr etwas machen ließ, Ludwig dachte zwar au eine große Mauer, die wildpark- artig ein gewaltiges Waldgebiet eiuschließen sollte, doch er wollte diesen Plan erst ausführen, wenn er noch einen großen Forst, der vielleicht einmal zu bekommen war, dazu gekauft haben würde. Als er e i..... '
Frau sprach, meinte er: „Dazu müßte ich mehr Geld haben."
Sie kümmerte sich um Gelöst.h. ’ 7. “ ?
ein wenig erstaunt. Aber Ludwig begann in der nächsten Zeit immer wieder von seinen Plänen, zu „arrondieren!", tote er es nannte. Dann ließ er anspannen, und es ging hinaus in eine entfernte Ecke des Besitzes. Dort zeigte er ihr Felder, die im Winde ihre Saatenmeere wiegten, Bäume, deren Blätter bei leiser Bewegung der Luft flüsterten, und
Stoß Papiere mit:
Aber bitte, unterbrich mich nicht. Ich
mir's nicht sagen.
Er wurde um einen Grad zurückhaltender:
— Meinst du mit Berlin? Und mit der Anrede? .
Ihr praktischer, aber nie über das Nächste hinausgehender Verstand ahnte nichts von Plänen und Hoffnungen. Er las eS aus ihrem nicht verstehenden Staunen. Und er begann zu erzählen: Er wolle seine Jagd- und Reiter-Erinnerungen aus England aufschreiben, dann die Reise um die Erde beschreiben, die er als junger Mensch gemacht hatte, vielleicht sollte auch sein Aufenthalt in Aegypten, die steirischen Gemsjagden mit hineinkommen. Er war vom Khedive empfangen worden; hatte dem Papst den Pantoffel geküßt; Lord Fitzvenor, eine Prinzipessa, eine Marchioueß, ein paar Earls und Vicomtes, die Gestair des alten Herzogs von Robeira spukten mit hinein.
Er unterbrach sich mitten im Satz, lief in sein Zimmer und brachte einen Stoß Papiere mit: ,
— Hör zu. Aber bitte, unterbrich mich mcht. Fch will's dir mal vorlesen. ,
Er begann sein Manuskript vorzutragen. In des klugen Mannes Kopf, dem Natur und Landschaft verschlossen geblieben, spiegelten sich all die Reisen nur wieder als Bekannt- schafteu mit den Hochgestellten dieser Erde. Man wurde den
ärgerte sich, so etwas auch nur angedentet zu haben. Immer häufiger aber kehrte eine Redewendung wieder: „Ja, wenn man m Berlin wäre!"
Agathe fragte, warum sie start im Hotel Bristol ab- zufteigen, nicht lieber eine kleine Wohnung in Berlin nähmen ?
— Liebes Kind, mit einer kleinen Wohnung wäre uns nicht gedient. Da kann man ja niemand einladen. Entweder anständig oder gar nicht. Ja, die an der Quelle itzen — —
Und er brach wieder ab.
In der nächsten Zeit schien er auf andere Gedanken gekommen zu sein, denn er saß viel am Schreibtisch. Agathe ümmerte sich um ihre Jungen, lief in Haus und Hof umher, auch Ludwig zu Gefallen in die Ställe, den Pferden Zucker zu geben. Sie schrieb der alten Gräfin; auch mit Valy wechselte sie ab und zu einen Brief: Köllner Hausgeschichten, Tvilettensragen, Ausdruck fürchterlichster Langeweile von ihrer Schwester Seite. Von Patsch wußte Agathe wenig, nur Die junge Gräfin Lindenbach, Regniers Schwester, die schon ein Baby hatte, deutete an, ihr Bruder fei nicht glücklich.
Ludwig zog sich immer mehr zurück. Herr von Jstrow war öfters noch abends bei ihm. Agathe fragte nicht. Einmal fand sie die beiden zusammen am Schreibtisch, und Ludwig rief, den Kopf auf die Tischplatte geneigt:
— Einen Augenblick!
Es klang beinahe wie beim alten Droesigl im Askauischen Hof. Und dann warf Ludwig plötzlich so hin, er fei doch nicht ganz überzeugt, ob der Hauslehrer wirklich ins Haus passe.
Agathe war erstaunt:
— Wie meinst du das?
— Er hat nicht immer Manieren. Ueberhaupt seine Art und Welse ist nicht ganz passend. Immer dieses „Herr Droesigl, Herr Droesigl" — ich nenne ihn doch auch nicht fortwährend Herr von Jstrow, Herr von Jstrow."
— Was soll er denn sägen?
— Na, die einfachsten Leute im Dorf finden doch das Richtige. . c .
— Gnädiger Herr? Tas wird er doch nicht sagen.
Plötzlich wurde Ludwig heftig:
— Ach, der Grünschnabel, der alles besser weiß! Mer- dings, wie soll er mich denn nennen? Er hat ganz recht. Wer ein unverschämter Patron ist's doch. Man kann eben hier sterben, und keiner weiß, was man ist.
Sie schmiegte sich an ihn und fragte, ob es an ihr fehle, ob sie etwas andern könne.
Das- rührte ihn, und er gebrauchte das Wort, das er sonst nie in den Mund nahm:
— Aga, meine kleine Aga!
— Ich bin nur dein „ftinbt"!
Er nahm sie jubelnd in die Arme:
— Ja, wenn ich dich nicht hätte!
Sie fragte:
— Ludwig, hast du kein Vertrauen Lu mir?
— Wie meinst du das?
— Ich meine, es bedrückt dich etwas, und du willst


