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Selten stellt sich das Phantom fertig mitten tu die Versammlung, meistens entwickelt es sich erst vor den Augen der Zuschauer."
Ta wirkliche Geisterphotographien natürlich auch den ärgsten Skeptiker überzeugen mußten, haben es die Spiritisten seit jeher versucht, derartige Geisterphotographien herzustellen, haben dabei aber immer nur solche Erfolge erzielt, die für sie selbst überzeugend waren, nicht dagegen für einen im splritistiichen Aberglauben nicht befangenen Outsider. So wurde kürzlich erst wieder berichtet, daß die von der „Daily Mail" auf Betreiben eines bekannten englischen Spiritisten im November vorigen Jahres zur Untersuchung des Problems der Geisterphotvgraphien cm- gesetzte Kommission keinerlei positives Ergebnis gezeitigt hat. Die drei der Kommission angehörcnden Spiritisten suchten freilich nach beliebter Manier den Mißerfolg dadurch zu erklären, daß die Photographen von dem Spiritismus nichts verständen und nicht die nötige Geschicklichkeit besäßen, mit Geistern umzugehen.
Eine gewisie und oft nicht unbedeutende Geschicklichkeit gehört allerdings dazu, .Geisterphotographien zu produzieren, wie ein jeder aus dem bekannten „Standard-Mort" von Tr. Alsred Lehmann über „Aberglaube und Zauberei" (2. Auslage Stuttgart 1908, Ferd. Enke) ersehen kann. Wohl der bekannteste Geisterphotograph war ein gewisser Münster, seines Bernss Graveur. Durch einen Freund lernte er die Technik des.Photographierens, ohne aber angeblich die Natur und Wirkung der Chemikalien zu kennen. Als er eines Sonntags allein im Atelier wär, versuchte er sein eigenes Bild aufzunehmen und erhielt dabei außer diesem noch eine andere Gestalt auf der Platte. Er gelangte allmählich zu der Ueberzeugung — oder gab dies wenigstens vor —, daß derartige Gestalten, die er häufig auf seinen Platten erhielt, in Wahrheit nichts anderes wären als die Photograhien von Geistern. Als schlauer Geschäftsmann widmete er sich fortan nur noch der Photographie, und zwar speziell der Geisterphotographie. Sein Schutzgeist aber hatte ihn anscheinend verlassen, denn es wurde gar bald bekannt, daß auf verschiedenen seiner Photographien das Bild einer noch im irdischen Jammertale weilenden, noch nicht in die Geister-Sphäre entrückten Person als Geist figuriere. Tas Publikum verlor zu ihm das Vertrauen. Er verschtvand deshalb einige Jahre von der Bildfläche, trat aber im Jahre 1869 in Newyork wieder auf. Nach einigen Monaten tvnrde ihm hier der Prozeß wegen Betrugs gemacht, da einige Photographen die von ihnt angewandte Methode aufdeckten. Ta aber vier andere Fachmänner erklärten, daß sie alle Operationen des Angeklagten überwacht, aber niemals etwas Verdächtiges gesehen hätten, konnte ihn der Richter mangels an Beweisen nicht verurteilen, wenu- gleich er seiner persönlichen Ueberzeugung dahin Ausdruck gab, daß der Angeklagte in betrügerischer Weise vorgegangen sei.
Nicht so gut reüssierten die gewerbsmäßigen Geisterphotographen in Europa. So lieferten beispielsweise in den 70 er Jahren Hudson und Parkes in England so roh ausgeführte Bilder, daß selbst die vertrauensseligsten Spiritisten stutzig wurden und den überirdischen Charakter der von ihnen gefertigten Geisterphotographien nicht anerkennen wollten. Am schlimmsten aber ging es einem gewissen Buguet in Paris, der im Jahre 1873 dort seine Tätigkeit begann un& sich der Protektion des damals vielvermögenden Mediums Firman zu erfreuen hatte. Einem Photographen Lombard gelang es aber, den Betrüger zu entlarven. Als nämlich Buguet die Kassette mit der Platte in den Apparat stecken wollte, um eine Geistcrphotographie herzustellen, nahm ihm Lombard die Kassette fort und verlangte, daß die Platte ohne Exposition enttvickclt werden sollte. Der in die Enge getriebene Schwindler räumte nun ein, daß das Bild des Geistes sich schon auf der Platte befände. Es wurde eine Haussuchung vorgenommen und eine ganze Kollektion von in Leichengewänder gehüllten Puppen und eine Anzahl von aus Photographien aus- geschuitteneit und auf Karton geklebten Köpfen vorgefunden. Obgleich, wie immer in derartigen Prozessen — mau denke an. den Fall stiothe — eine Anzahl von Zeugen auftraten, welche immer noch von der Wunderkraft des Angeklagten überzeugt waren, ja sogar beschworen, sie hätten in den Geisterphotographien Verstorbene Angehörige erkannt, wurde Buguet dennoch zu einem Jahre und Firman zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.
Trotzdem ebenso alle andern irgendwie hervorragenden proses- sionellen Geisterphotographen früher oder später als Betrüger entlarvt worden sind — einige Amateure dürften dagegen gutgläubig gewesen sein — haben die Spiritisten natürlich den Glanben an die Tatsächlichkeit der Geisterphotographien auch heute iroch nicht verloren und werden sich sicherlich auch künftig nicht durch die Einwände Skeptischer irre machen lassen. Auch. hier bestätigt sich wieder die alte Erkenntnis: „Mundns vult decipi!"
Vom unterirdischen Paris.
Tie gewaltige Ueberschwemmtmg in Paris, deren Gefährlichkeit besonders dadurch erhöht Wurde, daß di« riesigen unterirdischen^ Höhlen nnd Galerien, über beiten die Seinestadt sich erhebt, vvip den Fluten erobert würden, lenkt die Aufmerksamkeit auf diese Pariser Katakomben, durch die schon mehrfach tragische Unglüasfällv hervorgernsen worden sind. Erst im Oktober vorigen Jahres sank in der Nähe des berühmten Mvutin de la Galette die Straße plötzlich in sich zusammen, ein 30 Meter langes und 6 Meter breites, tiefes Loch entstand und zwei Menschen wurden mit hinab gerissen tit die geheimuisviolle tiefst Höhle, die sich so plötzlich gebildet!
hatte. Paris steht buchstäblich über einem! Abgrund, Jo führt ein Aufsatz der Lectures pour Tons aus; jahrhundertelang liest serte der Boden von Paris das Material zu allen Bauten, und mit jedem Meter Bauwerk, das emporwuchs, vergrößerten sich di« unterirdischen AushöWingen der Stadt. Bis zum 17. Jahrhundert wurden mitten in der Stadt große Steinbrüche betrieben!,, die erst später halb verschüttet ausgegeben wurden. Unter bat modernen Bauten von.heute dehnen sich noch! die großen Katast kvmben, Höhlen und Stollen, die damals entstanden waren und die im 18. Jahrhundert den großen Berbrecherbanden willkommenen Unterschlupf boten. Bott Zeit zu Zeit versank plötzlich ein Haus in den Tiefen; aber erst in der Zeit des ersten Kaiserreiches beschäftigte man sich methodisch mit dieser Gefahr. Ein großerl Plan der unterirdischen Höhlen wurde in Angriff genommen und erst nach 20 Jahren glücklich, beendet. Erst jetzt kannte man die märchenhafte Ausdehnung dieser Unterhöhlüng! der Weltstadt: es zeigte sich, daß mehr als ein Drittel von ganz Paris, genau 37°/o der bebauten Oberfläche, ans unterminiertem Boden errichtet waren. Unter einer mehr oder weniger soliden Erdkruste dehnen sich iradjl heute nicht weniger als 2900 Hektar Hohlraum aus, in dem man kilometerweit gehen kann. Tie mächtige Höhlung erstreckt suh von der Avenue Kleber bis zur Place d'Jtalie^ vom Jard-in des Plautcs bis zum Trvcaderv. Tie Tiefe der Höhlung ist verschieden ; bei der Place Temsert-Rvchereau beträgt sie 20 Meter, sch daß ein modernes Haus, in der Oessstung völlig versitzvlnhestj könnte. Man hat es an Versuchen nicht fehlen lassen, der drohen- den Gefahr zu begegnen. Unter der Aufsicht eines Ingenieurs patrouilliert eine Arbeiterschar von 60 Mamr regelmäßig die Katakomben, ab, genaue Pläne sind ausgearbeitet, die es ermögltchen, bei den geringsten Bodensenkungei« sofort iw beit Höhlen bi« gefährdeten Stehlen festzustellen und zu stützen, unv an vielen. Teilen Hat man durch Träger die Gefahr bekämpsr. Auf der. Seite von Montmartre dagegen ist daS Erdreich so Acker, daß die Galerien! stellenweise eingestürzt sind, die Passage ist unmöglich, und dalM ereignen sich auch aus dieser Seite M« jene Einstürze, die in bem letzten Jahrzehnten Häuser und Menschen verschlungen haben. Enk Teil dieser großen unterirdischen Stadt dient als Kstochenstätt« und ist dem Publikum in Begleitung eines Beamten zugänglich. Eme Galerie vvn 900 Meter Längs ist hier Mit Totenschädeln u. G-eberitest bekleidet, ein grauenvoller Ort. IN der Mitte der Katakomben nimmt ein Bassin das Wasser auf, das von den Wauden herabrieselt, und hier tummeln.sich seit November 1813 große Goldst sische in ihrem unheimlichen Aquarium. Jin unteren Teil des Raumes rieselt ein Bach dahin, in dem seltsame Krebse, wie man sie beim Tageslicht nicht findsi, hausen. Ein paar seusativnsjäger! trollten vor einigen Jahren an diesem! grauenvollen Orte iwmitten der Toten geberne nächtliche Konzerte veranstalten, imbl eine Zahl! Musiker hatte sich in der Tat Eintritt in die Katakomben verschafft. Aber die Polizeibehörde machte diesem Spiel einest düsteren Phantastik bald ein Ende. Doch das unterirdische Paris ist nicht allein die Stätte der Toten; mich das Leben hat sich in das Erdreich eingegrabeu. Jahrhundertelang bildeten die Pariser Abwässer eine scheußliche Kloake, aus der Seuchen und Krankheiten erwuchsen. Erst 1857 begann man mit bem Ban des gewaltigen unterirdischen Kanalisationssystems', das heute die M- wüfser der Seinestadt entführt und dessen Kanäle zusammen eine Länge vvn nicht Weniger als 1184 Km. umfassen. Alke Straßest haben ihren unterirdischen Kanal. In den großen Kanälen sind schmale Wege an den Seiten; die unterirdischeit Flüsse haben fast immer eine Breite vvn 4—6 Meter. 1200 Arbeiter sind stetig am Merke, den Ablnß der Gewässer z-u überwachen und zu regeln» Ties unterirdische Paris hat seine eigene Flotte und seine eigene Eisenbahn, 32 Boote, 5 breiter« Fahrzeuge, .250 kleine Eisenbahnwagen, 7 elektrische Automobile und eine Art Luxuszug von 10 Wagen, her die Besucher der Kanalisation befördert, sind die Verkehrsmittel dieser Welt des Dunkels. Es' ift| ein harter Beruf, den die Kanalisatwnsarbeiter ausfüllen, und lebet Regenschauer bringt sie in Gefahr. Erst vor wenigen Jahren wurden sechs Kanalarbeiter durch plötzlichen Regelt in den dunklen Kanälen vvil einer Hochflstt überrascht; sie faßten sich an den Händen Wb versuchten gemeinsam gegen den Strom anzuschreiten. Fünf von ihnen gelang es, eine höhere Galerie.glücklich zu erreichen; der sechste wurde von dem unterirdischen Sturzbach gepackt nnd in die Tiefe des Kanals mitgerissen; am nächsten Morgen landet« feine Leiche in her Seine. Seitdeut hat mau in Abständen vost 100 zu 100 Metern Rettungsstellen geschaffen, durch die die Arbeiter im. Falle eines plötzlichen Wasserandranges zum Tageslicht empor können und das ganze Kanalisationsnetz ist. vvn elektrischen! Signalapparaten durchzogen, mit deren Hilfe der Ingenieur s-oinL unterirdische Armee warnen kann, sobald durch starken Regen! Gefahr anzieht. -------------
„Weiberfastnacht". *)
Tie tolle Fastnachtslaune, di.' in lang vergangenen Seiten! gleich einer mächtigen Flutwelle die Lebensfreude vvn jung und alt mit sich fvrtriß und kein beobachtendes Beiseitestehen zullest, hat mit der Zeiten Mandel! ihre Eindämmung erfahren, und was einst das Fest aller war, ist in den großen Städten der
*) Das Wort hat nichts mit Fasten zu tun, sondern kommt von faselst; im Bvlksmnnd heißt es ja auch heute- noch Fasnacht. Die SchriWg.


