Donnerstag den 6. Januar
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Sommerseele.
Von Helene Böhl au.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung-!
Laß er abends unter den dröhnenden Bäumen und hörte auf den Gesang der Mädchens so rannen ihm vor Seligkeit die Tränen über die Wangen.
Älma, das wundervolle, blonde Mädchen mit den dunklen, geheimnisvollen Sommeraugen, der sehnsuchtsvollen Stimme, hatte in den Sommerwochen einen Anbeter, wie ihn sich ein Götterbild nur hätte wünschen können, und er duftete sogar wie Weihrauch, nach Lorbeer, Kaffeepulver, Zitronenschale und Kardamom. Er trieb tatsächlich einen verschwiegenen Gottesdienst mit ihr. Er betete an, er kniete nieder. Freilich nur in seiner Vorstellung, denn nie hätten seine steifen, spießbürgerlichen Glieder, die ihm die schönheitstrunkene Seele zusammenhielten, sich zu solchem Götzendienst hergegeben.
Sie war für ihn die Blüte des Sommers oder dessen Frucht. Im Winter war es ihm, als schliefe sie, als wenn Man sie nicht wecken dürfte, da hatte sie etwas so tief Sehnsüchtiges — Wartendes, daß sie ihm immer zu Herzen ging. Ihm war's, als stürbe sie jedesmal mit dem Sommer. Sie blieb dann sein Sorgenkind; aber er sah im Herbst Ulrikchen zu einem rotbackigen, köstlichen Herbstapfel werden. Das übrige Jahr stand er mit ihr auf Kriegsfuß.
Utzrle kam schwer aus seinem Seelenfrieden und hielt wohl für das wichtigste Gesetz, Frieden zu halten rnit sich selbst; so hatte er sich auch mit dem wunderlichen Schicksal, sich in vier Frauen zu verlieben, kunstvoll abgesundeu.
Im Grund seiner Seele liebte er aber auch noch die zarte, sanfte Mutter der vier Mädchen. An ihr hing er Frühling, Sommer, Herbst und Winter und wurde nicht müde, der alten, lieblichen Frau zu dienen, wo und wie er konnte. So hatten die Frauenzimmer auf dem Horn wirklich einen erprobten Freund, auf den sie bauen und dem sie trauen konnte. So verschwiegen Uerle auch seine vierfache Liebe hielt, so lebten die Mädchen doch ln der Sonnenwärme dieser Liebe und gediehen in Weltfremdheit und Einsamkeit gar Herrlich.
Es war an einem Sommerabend, da kam Freund Uerle und sah feierlich aus. Er trug auch sein Feiertagsgewand und hatte in der Brusttasche einen kleinen, literarischen Auswuchs. , , . ,
„Er hat etwas in der Tasche," sagte Alma, „er bringt etwas Schönes." r . ....
„Ja," sagte Uerle bewegt, „die Jungfern werden Augen machen. Wir setzen den Tisch unter die Linden, und den bc- quemen Stuhl der Frau Mutter tragen wir hinaus, ^ch werde beim Bieneugesumme etwas lesen, wie wir alle, alte noch nichts gehört haben. — Wollte Gott," setzte er hinzu,
„ich dürfte niederknieen und dem herrlichen Menschen die Hände küssen.
„Und noch eins: ehe ich anfange, wäre es sehr schön, wenn die vier werten Jungfern" — die junge Witwe wurde dabei nicht weiter berücksichtigt — „ein Lied zum Besten geben wollten.
„Meinen guten Rock hab' ich.schon angezogen: aber die Seele mutz auch rein werden von allem, was ihr an- hängt."
Die Mädchen waren gern bereit und sangen, und er saß unter den Linden. „Herr Gott," sagte er, „was für ein glücklicher Mensch bin ich doch! Wissen Sie noch, Frau Pfarrerin, wie ivir einander kennen lernten, — wie ich Ihnen den Kaffee, Zucker, Reis und Mehl selber herauftrug/ lveil ich mich hier oben gern auskennen wollte mib wie nnr's gleich so sehr gefiel? Sie setzten mir damals em Schälchen Kaffee für den langen Weg vor, und wir kamen ins Plaudern. — Wie die Zeit dahingeht, Frau Pfarrerin!" —
Als der letzte Ton des Liedes verklungen war, und die Mädchen heraustraten, holte Uerle den Stuhl für die Frau Mutter, setzte sich au den Tisch, brachte weihevoll und langsam ein Büchlein aus der Tasche und sagte: „Das tJtJ von einem geschrieben, gegen den alle andern bisher gar nichts sind — aber auch gar nichts!"
„Das hat er schon so oft gesagt!" meinte Ulrtkcheir und lachte.
„Und hat er nicht recht gehabt, war nicht eins schöner wie's andere?" meinte die kleine Witwe.
„Ja," sagte die Mittler, „zu Dank sind wir dein guten Uerle verpflichtet." ,
„Werteste Frau Pfarrerin, der Dank ist ganz aus meiner Seite." r
Wenn Uerle höflich wurde, stand es bedenklich um ihn, da brannten auch seine Ohren, und wenn die Ohren ihm brannten, stand das Herz ihm in Feuer. Und die Höflichkeit war geivissermaßen das Ventil für seine Leidenschaften. Seine Glieder, seine Stimme, seine Beivegungeu, alles lag bei dem armen Menschen in Fesseln und Bauden und Steifheit. — O, hätte er die Höflichkeit nicht gehabt, so wäre er gewiß vor Ekstase schon zersprungen.
„Ich bitte," sagte er gemessen, „die liebe Frau Pfarrerin und die verehrten Jungfern, ganz andächtig züzu- böten!"
Er schlug das Buch auf und las: „Des jungen Werthers ßcibcn//
Die Bäume dröhnten vom Summen der Bienenvölker. Im Himinelsblau jubilierten die Lerchen ihr Mendlied, und das Korn duftete den großem Opferduft der weiten Ebene. . r
„Des jungen Werthers Leiden," las er noch einmal und machte wieder eine Pause.
„Nun?" fragte Ulrikchen.


