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sich an den Tische . , -,
„Ich habe mit euch zn sprechen," sagte er. „Hort zu. Mir ist ein Unglück passiert. Spannuth — Jacques I)at mich am ersten Festspielabend in Wiesbaden zu einem Duell provoziert —" r x„
„Herrgott!" ries der Kommerzienrat erschrocken, „du willst dich schießen?!" ,
„Bitte, laß mich ausreden, Papa. Das Duell ist vor- über nnd ist — und ist blutig verlaufen. Ich habe Spannuth ^b^Fr'jtz hatte jetzt seine Ruhe wiedergefunden. Seine Stimme klang kaltblütig. Aber die Überraschung war doch so groß, daß der Kommerzienrat einen heiseren Schrei ausstieß. Da flog ein zürnender Blick aus den Augen des - Opas zu ihm hinüber. „Vorsicht, Karl," sagte der Ulte grollend; „deine Frau schläft noch wir wollen sie nicht früher wecken, als nötig ist. Zudem. . . Fritz ist, wie ich ihn kenne, kein Mann, der um einer Lappalie willen einen Gegner tötet. Es muß sich um Ernsthaftes handeln. Setz dich, Fritz, und erzähle."
Das geschah. Fritz schilderte die Szeue vom Montag abend, wie sie sich abgespielt hätte. Er glaubte, daß eine Verabredung! zwischen Spannuth und Diane Helldorf voran- gegangeii sei. Man wollte ihn gewissermaßen zwingen, I die alten Beziehungen zu Helldorf auch nach dessen Lmch- I zeit wieder anfznnehmen — oder man hatte den Streit I gesucht. Fritz verhehlte nicht seine Antipathie gegen I Spannuth; aber er hatte nicht daran gedacht, ihn im Duell I auch nur zu verwund^, „Meine Hand daraus, Dpa, unu
beschwören werde." I
Er nickte uif ging weiter, blieb noch einmal stehen I und wollte Kesselholz einen Gruß für Fräulein Dora nach- rnfeu, besann sich aber und schritt eilfertiger die Allee hinab.
Das Gartentor war geschlossen, doch der Gärtner in der Nähe, der öffnete. Aus dem Kieswege blinkten noch Reste des nächtlichen Regens. Die große Veranda mit der weit vorspringenden Freitreppe war mit blühenden Blu- men gefüllt. Dahinter stieg das Schloß auf: in der Hauptsache eine Schöpfung der Frau Margot, die die Fassade zweimal hatte niederreißen lassen, ehe ein englischer Architekt ihren launenhaften Geschmack getroffen hatte. ,, Vor allen Fenstern der ersten Etage, die die Gesellschaftsräume enthielt, lagen lichtblaue Rouleäux; die große Glastüre nach der Veranda zu stand offen. Sie führte in einen Garteiisalmi, in dem der alte Herr Friedel und der Kommerzienrat beim Frühstück saßen, während ein Diener an der ©er ü ante die Flamme unter dem Samowar ansteckte und sich dann daranmachte, auf einer niedlichen, mit glühender Holzkohle gefüllten Röstmaschine den Toast zu bereiten.
Der alte Herr Friedel, der „Dpa", wie er genannt wurde, war ein gewaltiger Greis, der trotz seiner zweiundachtzig Jahre noch ungebückt daherschreiten konnte, nur den rechten Fuß ein wenig, nachstehend, den die Gicht heimsuchte. Unter dem weißen Schädel lag eine start vorspringende Mru, unter der Stirn ein unruhiges, -Mtso
„Im Gegenteil. Es ist uns sicher; ich habe einen Brief i tCU Jb, Gott^seüDmll! Ein Hoffnungsstrahl. Auch der Herr Großpapa greift diesmal mit beiden Händen zu. Alle Bedenken gegen die Art der Reklame sind vorläufig verstaut worden. Man wird Sie drüben als Rettungs-
'„Kesselholz, nun gradeheraus: was ist passiert?" I Der Prokurist schlug auf seine Aktenmappe. „Auf mein I Wort: nichts. Passiert ist eigentlich nichts. Aber das Nichts ist eben das Schlimme. Wir haben kern Geld und wollen nicht pumpen. Das ist alles." „
„Kein Geld," widerholte Fritz. „Das heißt —
Das heißt," fiel Kesselholz em, „daß unsere Reserven erschöpft sind. Warum?" — Kesselholz ^og die breiten I Schultern fast bis zu den Ohren hoch „MllErlaubnis mx sagen: wenn man die Einkünfte eines Barons hat, soll I man nicht wie ein Fürst leben." I
„Nun und? Das Fazit?" I
,Einschränkung. Opa hat die Augen gerollt und das
Geheimbuch unter ben Tisch geworfen. Dann kriegte es I der Herr 'Papa zu hören. Tie Frau Mama schlaft noch; aber wen/sie erwacht. . . . Also - es soll anders werden. Gute Vorsäüe in Haufen, lieber Herr Leutnant. Aber Über den schwersten Punkt helfen sie uns doch nicht hinweg. Die flüssigen Mittel sind knapp. Kredit haben wlim schon. Bloß wehe uiis, wenn wir ihn tn Anspruch | nehmen! Dann 'kommen wieder die Leute und zeigen mit Fingern auf ims, und alle Nixen im Rhemgan erzählen sich Mordsgeschichten, und Herr Jacques Spannuth prophezeit uns bähende Pleite."
Fritz bedachte 'sich einen Moment. Dann sagte er langsam: „Jacques Spannuth ist tot."
„Herr du wein. . ." Kesselholz fuhr zurück. „Herr Leutnant, um Gott . . . Jacques Spannuth — tot?! . . . Tooot — ? Aber ich sah ihn ja gestern noch —
„Ich habe soeben ein Duell mit ihm ausgetragen — oben im Mederwald. Seine Kugel sollte treffen — bte meine traf. Aber ohne Absicht. Ich habe ihn tn bte Stirn geschossen, bicht an ber Schläfe."
Die Augen des Prokuristen würben glotztg. „O bu himmlischer Vater," stöhnte er. Er mischte einen Schweißtropfen ab, der ihm über die Nase raun. „Das ist w ganz schrecklich'" — Gr hielt seine Akteiimappe vor den Bauch und faltete die Hände darüber. „Ja, aber warum bloß — warum nur?" jammerte er. .
„Er hat wir Ungezogenheit vorgeworfen."
„Hat er? Und deshalb —"
„Deshalb, Kesselholz," schloß Fritz nut scharfer Betonung. Die 'Lust zu längeren Ausführungen war ihm vergangen: es drängte ihn nach Hause. „Acho, Alter. Und wenn Wan Sie fragen sollte, merken Sie sich: auf meine Ehre, ich wollte vorbeischießen und wider meinen Willen traf weine Kugel. So ist die Wahrheit, die ich
Augenpaar, von grauen Buschen beschattet. Das 6"UM Gesicht besaß jenen Ausdruck, den der Kommerzienrat erstrebte, wenn er sich Pose zu geben wünschte, der ihm aber'nicht immer gelang: den einer gewissen rücksichtslosen Eroberungssucht, die sich jedoch auch diplomatisch zu beherrschen verstand. Die plebejischen Züge des Ahnen, der ein lleiuer Weinbauer gewesen, waren hier durch erhöhte Intelligenz verfeinert worden; aber im Winkel der Augen nistete immer noch die alte Bauernschlauheit und em flackerndes Mißtrauen gegen den lieben Nächsten. Wie sein Sohn, so war auch der Alte stets glatt rasiert, und infolge dieser Bart- lostgkeit erschien das frische und blühende ^rsengesicht mit seinen feinen Donnüancen, der verschwimmenden Fallen lagerung unter den Augen und dem herrschsuchtigen Kinn noch malerischer.
Der Opa war etwas altmodisch, doch sehr sorgfaltig gekleidet; über der schwarzseidenen,, großen, sichtlich still langsamer Kunst gefalteten Halsbinde, die vorn eme goldene Nadel zusammenhielt, ragten em paar sogenannte Bäffchen von schneeigem Weiß hervor, die indessen ungestärkt waren wie auch die Hemdmanschetten.
Zwischen ihm und dem Koinmerzieiirat lag die ganze Breite des Tisches, dessen Arrangement man ohne weiteres ansah, daß man in diesem Hanse gut zu leben wußte und auch auf vornehmen Anstrich hielt. Man brauchte npr ! einen Blick auf den Damast des Täfeltuchs und der Servietten zu werfen, auf Porzellan, Tassen und Mer, auf die Bestecke und die silbernen 'Niedlichkeiten für ^Pfeffer und Salz, die Flaschenhülsen für die englischen das geflochtene Körbchen für die frischen Eier, die ^ale für Sandwichs und Toaste auf dies lw'sze reiche Fruh- stücksservice, um sich zu überzeugen, daß das Wohlsein sich hier in eteganten Formen gab.
I Der Opa war übrigens mäßig. Er trank ein Glas I Milch und atz eim paar trockene Zwieback dazu. Der >e .i- merjienrat war dagegen em starker Esser: sur ihn war zudem das Breakfast eine Hauptmahlzeit, der er dav Melle
I itrühfiiict opferte Trotz der erregten Ausetnandersetzun- Ei der letzten Stunden speiste er mit gutem Appetit em Kotelett, auf das er vorher eine halbe Zitrone aus gedruckt
I unb ein wenig Worcestersauce getröpfelt hatte.
I Das Sporenklirren auf der Berandatreppe ließ die beiden Herren ansblicken. Der Diener sprang an die Tnr.
„I sag mal!" rief der Opa; „Junge, was ist los?!
Der Kommerzienrat riß sich die Serviette aus dem Kragen und legte Messer und Gabel hm Er erhob ich j schwerfällig. Die ungewohnte Besuchsstunde und das blasse | Gesicht seines Sohnes erweckten Verdacht tn ihm. „Wo kommst du denn her?" stotterte er.
Fritz antwortete nicht sogleich. Er reichte Vater und Großvater die Hand, schickte den Diener hinaus und schloß I die Glastür. Daun legte er Mütze und Sabel ab und stellte


