Ausgabe 
6.10.1910
 
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Donnerstag den 6. Gttober

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Friedel halb-süß.

Roman von Fedor von Aobeltitz.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

W(1 f(f)ritt an dem eisernen Gitter entlang dem Rherne zu. Von der Höhe der Schuppen den ober» rrdlschen Kellern, in denen die Fässer mit dem Most z-ur Lagerung kamen grüßte ihn in großen Metallettern Wohl zwanzigmal der Name seiner FirmaK. A. Friedel". Auf den Hosen herrschte ein lebhaftes Treiben. Ein Waggon ?f.A^.Fuuschen wurde entladen: die charakteristischen dick- bauchlgen Schaumweinflaschen, die einen Druck von vier bis sechs Atmosphären aushalten müssen. Die erste Prü- fung erfolgte bereits während des Entladens: ein paar erfahrene Leute hielten die Flaschen gegen die Sonne und schlugen dann je zwei leicht aneinander: der Ton des Klanges genügte ihnen als Merkmal der Güte. Die schlech­ten wurden besonders gepackt, um zurückgeschickt zu werden, die guten auf Rollenwagen in das Flaschenlager gefahren.

An einer anderen Stelle arbeiteten Zimmerleute im Freren; sie hantierten an merkwürdigen, für dieRemuaae" bestimmten dreieckigen Holzgestellen, und der Metallton ihrer Hämmer, mit denen sie die Nägel und Verbandeisen festschlugen, dröhnte durch- die Morgenluft. Vor dem größten Gebäude ivurde ein Waggon, der nach Hamburg gehen sollte und auf einen besonderen, vom Bahnhofe sich abzweigeuden Schienenstrang herangefahren worden war, mit gefüllten Kisten beladen. Sie nmren für den Export bestiinmt, meist für Deutsch-Afrika, China und Süd- Amerika, und demzufolge dauerhafter gearbeitet als die Kisten für das Inland. Jede Kiste trug auf einer der Längsseiteu den Brand der Firma und auf der gegen­überliegenden die AufschriftFriedel halb-süß orange". Die Nebenbezeichnungorange" nach der Farbe des Lacks, mit dem man den Korken verpichte: ein sonst nicht mehr gebräuchliches Verfahren, das man für diesen Fall aber beibchalten hatte wies darauf hin, daß die Marke speziell für das Ausland fabriziert war, wo man einen stärkeren Alkoholgehalt vorzieht. NebenFriedel halb­süß" kam hauptsächlich noch einSpärkling Hock" zur Ver­sendung, der minder gesüßt und gehaltvoller war und von den russischen und englischen Konsumenten bevorzugt wurde. Die Kisten enthielten je sechzig und dreißig Flaschen und sahen sehr schmuck aus in der Weiße ihres Hotzes und der Sauberkeit ihrer Arbeit.

Jetzt wandte sich der Weg und stieg ab. An der Bie- gung grüßte Fritz. Einer der Werkmeister hatte ihn er­kannt und die Mütze gezogen. Das Eisengitter des großen Fabrikhofs begleitete den Weg noch ein Stückchen; links auf der Anhöhe türmte das kleine Städtchen sich auf, das zur Rheingrafenzeit ein stattliches Kirchdorf gewesen war

und in dessen Nähe man unlängst eine altfränkische Gräber- statte aufgedeckt hatte. Rechts unten sah man zwischen dem Grün von Dbstplantagen und Gartenanlagen den Rhein schimmern. Am Kriegerdenkmal blieb Fritz einen Augen­blick stehen. Er nahm die Mtze vom Kopf und fuhr mit dem Taschentuch über seine Stirn. Nun fror ihn nicht mehr. Mr war auch ruhiger geworden. Er behielt dre Mütze in der Hand und schaute umher. Der Blick flog wett von hier aus. Gerade unter sich sah Fritz ein schwarK- blaues Schieferdach aus blühenden Apfelbäumen auf­tauchen; es gehörte zu dem Häuschen des Prolüristen Kesselholz, der in feinen Mußestunden ein begeisterter Pomotoge war. Dann kamen die Nußbäume der großen Allee, die bis an das Gartenportal des Friedelschlosses führte. Dann wieder Weinberge und schmale Wiesenstreifen und hinter einer hohen grauen Mauer ein seltsamer Bau, halb wie ein Kloster, halb- wie ein architektonisch ver­unglücktes schottisches Kastell. Aber ringsum wuchsen die berühmten Weine der Firma Helldorf:Klostereck" und Mäuerchen", und in dem Kastell wohnte der unglückliche Mann, der seinen guten Namen an eine fahrende Dirne gehängt hatte.

Da ging über das blasse Gesicht des jungen Offiziers etne rasche Röte, und der Zorn zog in sein Herz. Dies« Dirne 0 diese Dirne! Trug sie nicht auch die Schuld' au dem unseligen Zweikampf?! Was hatte sie alles auf dem Gewissen! Wer sich in ihre weiße Larve vergaffte, den verwandelte die Circe in ein blödes Tier; wen der Blick ihrer sanften Taubenaugen traf, der war gezeichnet.

Mit einem grimmigen Fluchwort setzte Fritz die Mütze wieder auf und ging weiter. In der Nußbaumallee kam ihm ein dicker kleiner Mann mit einer braunen Akten­mappe unter dem Arm entgegen.

Kesselholz!" rief Fritz.Sind Sie's wirklich?! Woher um diese Stunde?"

Ihr Gehorsamster," sagte Kesselhvlz- zog seinen Kala­breser und krümmte sich devot zur Kurve.Woher ich komme? Von da" er wies mit dem Daumen der Rech­ten nach dem Friedelschlvsse.Wir haben mal nachts durch- gearbeitet."

Wer?"

Der Herr Großvater und der Herr Vater und Jh'v ergebenster Kesselholz. Wer wenigstens die gnädige Frau Mama haben geschlafen und schlafen wohl noch."

Der lange Leutnant sah ernst und forschend auf den, kleinen Dicken herab.Kesselholz, ich müßte lügen, wollt ich behaupten, mir wäre an diesem fröhlichen Frühlings­morgen sonderlich fröhlich zumute. Wär's anders, danu: hätte ich eine bequemere Besuchsstunde gewählt."

Sie dünkt auch mich ein wenig matinal, Herr Leut­nant. Es ist ja kaum acht. Wer so früh kommt, bringt selten was Gutes. Hoffentlich hat sich Ihr durchlauch­tigster Freund, der Herzog von Mbeelen, nicht anders be­sonnen, als in der Verabredung lag."