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Entfernung der einzelnen Personen in bett „Meninas" von einander kann inan mit dem Meterstab nachmessen; „die voll- kommenste optische Täuschung, die wahre Kunst je hervorgebracht hat", nennt sie Karl Boll. Wahrlich: „Der Maler, der mehr Maler war, als irgend eilt anderer!" ,
Mit seinem rein malerischen Stil hat er nun Wunder der Schönheit vollbracht, die in der Geschichte der Kunst emztg dastehen. Nicht nur den König, seine Familie und die Großen hatte er ja zu malen, sondern auch seine Narren, seine Zwerge, seine Idioten, die den melancholischen Herrscher mit ihrem fratzenhaften Lachen erheitern sollten. Aus diesen dünionischen Hanswursten und kläglichen Kretins hat er die herrlichsten Werke geschaffen, ein Fest den farbenfreudigen Augen und Sinnen. Der „Bobo von Coria" ist eigentlich ein grausiges Bild des Blödsinns und leeren, idiotisch grinsenden Lachens. Aber er erscheint wie eine bezaubernde Synlphonie in Dunkelgrün und. Grau. Und das „Kind von Vallecas", der scheußliche Wasserkopf mit den Glotzaugen, ver- schwindet vor dem wundervollen Gelb und Grün, in das er gekleidet ist. Nie hat ein Maler häßlichere Modelle gehabt als Belasguez in dieser traurigen Galerie der Spaßmacher, Lumpen und Blödsinnigen; aber nie hat die Kunst auch einen grogartigeren Sieg errungen, einen stolzeren Triumph des Schönen. Diese sieghafte Wirkung seiner Kunst, die göttliche und geheimnisvolle Leichtigkeit seines Schaffens, dieses rätselvolle Verschwinden seiner Persönlichkeit hinter seinen Werken, dies doch zugleich deutlich spürbare Walten seines Geistes, diese heute «och ungeschwächte Bedeutung seines Einflusses als einen lebendigen, bestimmenden — all das läßt uns Belasguez an seinem 250. Todestage als einen jener höchsten schöpferischen Genien erscheinen, deren Können unbegrenzt, deren Vollbringen unerreicht, deren Wirken unendlich ist. i
VeLinncbtes.
* P e r l e n s i s ch e re i mit Röntgenstrahlen. Tie Perlenfischerei in Zeylon war, wie sie bisher betrieben wurde, ein ziemlich umständliches und primitives Verfahren, da man sämtliche heraufgeholten Muscheln erst ansbrechen mußte und dabei hnndert- tansende von Schattieren unnötig töten und verfaulen lasten mußte. Ein rationeller Betrieb ivar dabei überhaupt ausgeschlossen. Prof. Robert v. Lendenfeld vom Zoologischen Institut in Prag, eine bekannte Autorität auf dem Gebiete der Tiefseeforschung, hatte deshalb schon vor süns Jahrein empfohleti, die Muscheln mittels Röntgenstrahlen aus ihren Perlengehalt zu prüfen, und wie derselbe Gelehrte im „Wissen sür alle" mitteilt, ist man jetzt endlich daran gegangen, diese Idee zur Ausführung zu bringen. Es wurde ein Apparat konstriiiert, womit man gegen hundert Aiuscheln in der Minute ans ihren Perleniiihalt prüfen kann. Dieser Apparat wirb auf einem Dampfer aufgestellt, die Muscheln werden zuin Teil von Tauchern in Taucheranzügen, zum Teil mit Hilfe von Scharrnetzen in Bord dieses Dampfers gebracht. Hier werbe« sie untersucht. Die ganz perlenlosen werben ins Wasser zurückgeworfen, wo sie, ba ihnen bas Herausholen nicht schabet, iveiterleben. Die kleine Perleit enthaltenden iverden ebenfalls ivieder ins Wasser gebracht, aber an besondere bekannte Stellen. Hier leben sie weiter, während die in ihnen befindlichen Perlen sich vergrößern. Man kann sie jederzeit herausholen und prüfen imb immer wieder zurück ins Wasser iverfen, bis die Perlen in ihnen hinreichend groß imb wertvoll geworben sinb. Nur die größere Perlen enthalteitben Muscheln werben geöffnet imb ihres kostbaren Inhaltes beraubt.
* D i e T a s ch e n s ch r e i b m a s ch i n e. Währenb der Reisende es früher für selbstverstänblich hielt, daß er währenb seiner ganzen Tour den gewohnten Bedürfnissen entsagen mußte, mag er bas heute nicht einmal im Eiseubahneoups, im'Dampfschiff, im Automobil tun. Das Reisegepäck soll zwar klein sein, aber dennoch alles enthalten, ivas er braucht, sogar die — Schreibmaschine. Und, o Wunder, die Industrie kommt seinen Wünschen entgegen, sie beschert ihm einen allerliebsten Apparat, nicht umfangreicher, als eine große Herrenuhr und einer solchen äußerlich täuschendähnlich, vermöge dessen er ohne jegliche Vorbereitungen, ivo immer er sich befinden mag, seine Gedanken auf daktylogiaphischem Wege zu Papier bringen kann. Die Herren tragen ihre Schreibmaschine in der Westentasche, die Damen in ihrem Handtäschchen und so sehr ist der moderne Nomade an die Tatsache ihrer Existenz gewöhnt, daß er, falls er zufällig doch keine besitzen ober die (einige zu Hanse gelassen haben sollte, sich ohne Zögern an seinen Mitpassagier tueitbef, ihn bitteub — mit der gleichen Selbstverstänblichkeit, mit ber er ihn um Feuer für seine Zigarre ersucht — ihm für einen Moment seine Taschenschreibmnschine zu leihen. Und bies Maschinchen ist wirklich ausgezeichnet, es fungiert tabellos, die Schrüt sieht aus wie klarste Druckschrist imb nebenbei stellt sich auch sein Preis sehr nichtig, nur einen Fehler besitzt es — nämlich beit, daß die daraus hervorgehenben Schriftstücke die Form schmaler Bänder besitzen. Aber warum soll man seine Briefe nicht auf solchen verfassen? Es fragt sich nur, wie die Redaktionen sich dazu stellen, wenn die Schriftsteller ihnen die Manuskripte mit ihren Reisefeuilletons in Banbwiirmform schicken. Aber schließlich kommt auch liier alles auf Gewohnheit an!
* Die Marseillaise als Tanz. Die Marseillaise, die Nationalhymne der Franzosett, wird künftig nicht nur von den
Patrioten gesungen werden; sie soll sich auch den Salon und daI gesellschaftliche Leben erobern, sie soll künftig auch getanzt werden. Der 14. Juli, der Nationalfeiertag der Franzosen, hat der getanzten Marseillaise das Leben geschenkt. Ihr Vater ist der Präsident der nationalen Akademie der Tänzlehre, M. Lefort. Die Tanzmeister waren sich schon lange darüber einig, daß ihre Kunst, die am 14. Juli auf allen Plätzen und in allen Straßen Triumphe feiert, dem Nationalfeste eine nette Gabe darbringen müßte. In der Stille kamen sie zusammen, und nach langen heimlichen Beratungen Wurde der Beschluß! gefaßt, dem französischen Volke einen Nationaltanz zu schenken, der nach den Klängen _bet Marseillaise getanzt werden muß. Der Absicht folgte die Tat auf dem Fuße; allein die Absicht genügte, um M. Leforts Phantasie! zu befruchten, und wenige Tage später war der neue Tanz ersonnen, entworfen und bis zu den kleinsten Einzelheiten ausgestaltet. Er beginnt mit 6 Marschschritten-vorwärts, mit dem rechten Fuß wird angetreten, dann folgen sechs weitere Schritte, bei denen der linke Fuß den Bortritt hat. Die Fortsetznngj ist eine Reihe von Figuren und Gruppierungen, die sehr geschickt dem Rhythmus und der melodischen Linie der Marseillaise angepaßt sind. Die Tänzer reichen sich des öfteren die Händel, Wendungen nach der Seite geben der choreographischen Struktur des Tgnzes Leben, Bewegung und Frische, die 6 Marschschritte als Grundmotiv kehren immer wieder. Die Touren sind verhältnismäßig leicht zu erlernen, und unter der Anleitung von Lehrern wurde die Marseillaise in allen Quartieren von Paris mit Enthusiasmus getanzt. Nun ist der Plan aufgetaucht, auch die Schulkinder im Marseillaise-Tanz zu unterrichten, innerhalb eines Jahres werden die Kinder die Erwachsenen lehren können, imb dann wird ganz Frankreich, auf dem Parkett der vornehmen Ballsäle wie auf den schlichten Dielen vorstädtischer Tanzlokale, Patriotismus ünd Vergnügen verbinden und eifrig die Mar- seillaise tanzen.
* Was die F i n g e t u ä g e l e t z ä h l e n. Tie Charakter- benter, die aus allen geringfügigen Aenßerltchkeiteii das Wesen und Temperament eines Menschen erkennen wollen, haben mm die Fingernägel in den Stets ihrer Betrachtungen gezogen. Lange schmale Fingernägel, so weiß eine französische Wochenschrift zu berichten, sind das sichere Anzeichen eines guten Naturells, sie verraten großes Selbstvertrauen imb zugleich Mißtrauen gegen die anderen. Wer breite Fingernägel hat, kann mit Gewißheit als ein schüchterner imb zartfühlender Mensch angesehen werben. Vor ben kurzen runbeit Nägeln aber mag man sich Hütten, sie vertaten ben Choleriker imb ben Intriganten. Blasse Nägel lassen auf ein melancholisches Temparament schließen, auf eine bcfonbcre Neigung zu wissenschaftlichen ©tiibien und philosophischen Betrachtungen.
Rätsel.
Mit T kannst btt mich täglich sehen, Benutzest selbst mich manches Mal, Doch kann ich leicht in Stücke gehen, Drum gib nur acht fein jedesmal.
Mit H war ich in frühsten Zeiten Berühmt, bock; jetzt ist bies vorbei. Ich muß sogar es ruhig leiben, Sagt man, daß abgetan ich sei.
Mit K bin fast in jedem Hause Zn finden ich, doch gib nur acht, Suchst du mich wohl nach einem Schmause, Daß bu nicht gehest unters Dach.
Mit W nennt es gar viele Namen, Vielleicht ist es bet beine gar.
Schon manche bnnüt zu mit kamen, Er ist auch hier gar nicht so rar.
Setz' mm am Kopf für beibe Zeichen Ein anbtes — hast ’nen Fluß im Land, Doch wo? — Das kannst geschwinb bu zeigen, Wenn dir die Sache wohlbekannt.
Davor nun noch einmal eins füge, Tu hast ’nen Mann, ber zeugte frei In manchem schön gefaßten Siebe Für bas, was hier fein Glaube sei.
. Jetzt wiederum zwei Zeichen merke, Dann hast bu sicherlich geschwind Den Dichter, gegen dessen Werke Die meinen mit noch Stückwerk sind. E. I.
Auflösung in nächster Nummer:
Auflösung bet Schach-Aufgabe in voriger Nummer:
Weiß. Schwarz.
1) 8 d 3 — e 5 T d 5 n. b 5 f; n, d 6 f;
— c 5; n. e 5.
2) S a 3 n. b 5; T a 7 n. d 6; 8 e 5 — f 3; L h 2 n. e 5 4 und Matt. A.)
l >........ K d 4 — e 4 ober aubets.
2' c 2 — c 3; D a 8 n. d 5 ober T b 5 n. b 4 f unb Matt.
Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sehen Universitäts-Bnch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


