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getrennt Raums,
„Maler, nichts als Maler!" In diesem Wort liegt eine gewisse Erklärung für die einzigartige, unvergängliche Wirkung seiner Kunst, sür den unerklärlichen Reiz seines Genies. An Titian, an Rubens sällt neben ihrer rein künstlerischen Größe der Reichtum ihrer Bildungen, ihres Gestaltungsvermögens auf, an Dürer, an Rembrandt die Mannigfaltigkeit ihrer Phantasie, die Tiefe ihrer Ideen, ihres Weltgefühls. Velasquez hat nie etwas „erfunden", wie aufgeregte Schemen eines Traumes, im Geiste erschaute Fabelbilder aus die Leinwand gebannt. Wo er mythologische Stoffe behandelt, überträgt er sie in die harte Wirklichkeit, die er mit den nüchternen klaren Augen genau beobachtet, fetzt feilten Bacchus, einen weichlich fetten Lebemann, unter sonnengebräunte, echt spanische Picaros und Vagabunden, macht aus der Schmiede des Vulkan ein streng naturalistisches Bild, aus deut Mars einen schnauzbärtigen Landsknecht. Tas Hauptwerk seines Lebens aber bestand darin, immer wieder die wenig anmutigen entarteten Mitglieder dieses Königshauses in seiner Kunst zum Leben zu erwecken, sich in die schwamtnigen Gesichter, in diese düsteren Männertrachtcn und geschmacklos grotesken Frauengewänder zu vertiefen. Er wollte selbst nichts als Erfassung des Sichtbaren, nichts als Wahrheit: ihm schien es das Höchste, als die römischen Maler von dem Bilde seines Knechts Juan Pareja sagten: „Alles Übrige, altes und neues, sei Malerei, dieses Bild allein Wahrheit!" Und doch gab er mehr als eme Wiederholung der Natur, gab das innere Leben seiner Mensthen, erfaßte sie im charakteristischsten Augenblick ihres Lebens. Wie hätte ein kalter Realist seinem königlichen Herrn, den er durch fast 40 Jahre hin gemalt, am Schluffe jene großartige Majestät, jenen bedeutenden Ernst geben können, wie Velasquez auf dem Madrider Brustbild Philipps! Es klingt in diesen ohne jede Schmeichelei durchgcführten Bildnisse des Königs itrtb seiner Kinder die tiefste Liebe des treuen Spaniers zu seinem Herrscher- hause an, der unerschütterliche Glaube an das Gottesgnadentüm der Fürsten, an die Macht des reinen Blutes, an die pnserwählte
Mensch, dessen irdisches Teil damals mit allen Ehren bestattet wurde, ist heute noch unter uns lebendiger und wirksamer, als Ull die Großen und Mächtigen, denen er mit bescheidenem Stolz gedient. Philipp IV., der Beherrscher zweier Welten, sein mächtiger allgebietender Günstling Olivarez, die Jnfanten und Prm- zessinncn, Admiral und Feldherr — sie alle haben für uns nur noch Seele, haben Sinn durch ihn. Nur weil ihr menschlich tiefes Mbbild uns im Innersten ergreift und fesselt, haben wer auch Interesse für das, was sie tvaren, was sie erlebten. Während die Taten der Politik längst verklungen sind, vergessen die Gestalten; der Geschichte, die dem Maler den Stoff für seine Bilder boten, sind alle die hohen Werke seiner Hand „Herrlich wie am ersten Tag".
Wohl nirgends in der Kunst tritt uns die Göttlichkeit und Größe des Genies so eindrucksvoll vor die Seele, als wenn wir des Velasquez gemalte Schönheitswunder, ihren magischen Zauber, ihre geheimnisreiche Vollkommenheit, ihre unendliche Wirkung betrachten und erwägen. Mögen sich auch Herostrate gegen die Unverletzlichkeit seines Namens vergangen haben, ste beweisen nur die ganz unvergleichliche Stellung dieses „alten Meisters .. in der modernen Kunst, die Magie seines Schaffens, die so gegenwärtig, so völlig neu uns berührt, daß sie bekämpft und geschmäht wird wie die Arbeit eines „Jungen", eines Künstlers, der mitten innen steht im Getriebe der Meinungen und Stile. Velasquez ist der ;,Seelenführer" gewesen, den die Impressionisten und Freilichtmalerei sich zu ihrem Gott erkoren; sein Vorbild, sein Muster hals die wundervollen Kräfte entbinden, die in der herrlichen Kunst des 19. Jahrhunderts zum Licht und Leben drängten. So ward plötzlich um die Mitte des Jahrhunderts ein neuer „Klassikerk entdeckt, einer, der ebenbürtig in den scheinbar längst geschlossenen Kreis der Maler allererster Ordnung trat, der mit Jan van Eyck um den Gipfel der Naturwahrheit, mit Holbein um die Scharfe der Charakteristik, mit Titian oder Rubens mit die Schönheit der Farben, mit Rembrandt um die Tiefe der Auffassung rang. Und dieser Klassiker war der modernste; er bot ferne kühlen. blonden Harmonien in all der strahlenden Reinheit und Fülle, wie sie ein Manet oder Whistler erträumten; er enthüllte die weiche wogende Lust und die silbrige flimmernde Lichthelle, dre die Figuren umspielen uiid in den Raum einbetten. Seine außerordentlich knappe, in flüchtigen Andeutungen alles erschöpfende Pinselführung, wie sie seinen sogenannten „dritten Stil' charakterisiert, erschien als das Ideal impressionistischer Darstellung, In seinen Landschaften, sowohl in den weit sich dehnenden Hintergründen der Reiterbildnisse als vor allem in den von.silbrig- grünen Lichtflecken durchwogten Skizzen der Villa Medici, ist der Eindruck der von Helligkeit erfüllten, die Natur umgoldenden Luft bewußt gegeben. Von blendendem Glanz ist in den sog. „Meninas", der Familie Philipps IV., das volle Sonnenlicht, das ein Diener durch die geöffnete Tür in mächtigem, grellem Strome hereinsluten läßt; das in Dämmerung versinkende Zmimerlicht, das den ganzen Raum leise durchzittert,. umkost mit seelisch sprechender Zartheit die Farben und Linien. „Alles ist m freier Luft modelliert, hell hebt sich ab auf hell, blonde Farben stehen auf silbrigem Himmel, zwischen deut Braun in der Ecke des Vordergrundes und der Ferne ist kein Unterschied der Töne." Velasquez ist, wie ihn W. Bürger-Thors genannt hat, „der Maler, der mehr Maler gewesen als irgend ein andrer."
zerlegen. '
Tie Anfänge in Sevilla stehen ganz unter dem Einfluß der damals „modernen" naturalistischen Malerei eines Caravaggw und Ribera. Diese „Küchenstücke" haben etwas Starres, etn plastisches Hervortreten der Linien, sind im scharfen Gegensatz von Licht und Schatten gearbeitet; die schwere, erdig braune Färbung paßt zu der scharfen Betonung der Rchefwirüing. Das erste Bildnis des Königs, in dem Philipp an einem Tisch in ganzer Figur steht, zeigt den Maler schon auf einem neuen Wege, der sich allmählich als stärkster Gegensatz zu der bisherigen Mamer erweist. Das grelle Licht und die tiefsten. Schatten weichen einer gleichmäßig hellen Behandlung; an die Stelle der steinernen Starrheit tritt eine bewegte Lebendigkeit und die start herausspringende Plastik der Figuren wird von einer rein malerischen Einbettung der Körper in dem lusterfullten Raum aufgelöst. Der teilt lineare Ausbau, der großartige Gesamtclndruck leidet sogar manchmal unter dieser Betonung, der schonen Harbe des über die Stoffe hinspielenden Lichts. Die reifste Zeit, jetn sogenannter „dritter Stil" bringt nun die Synthese der beiden ersten Manieren, die Vollendung seiner Kunst. Tie oreite flächige Maliveise mit ihren vollen koloristischen Akkorden, wie sie etwa die ruhige Pracht der „Nebergabe von Breda" wundervoll darstellt, wird aufgegcbcn zu Gunsten einer viel unruhigeren, vielfach Unterbrochenen fleckigen Technik, die der unserer Modernen so nahe steht. Die farbigen Akzente treten zurück; als Grimdton wird ein delikates Grau vorherrschend, das von silbrigen bis zu blaugrauen Tönen alle Skalen durchläuft. Wo aber nun rn diese neutrale Harmonie farbige Akzente eingefugt sind, da leuchten sie hervor wie die Lebenspulse des ganzen Bildes, zittern in vibrierender Bewegung. Nun erst wird in den „Meninas den „Hüan- deras", im letzten Philipp-Portrat jene körperliche Rundung, jenes Freistehen der Gestalten in Raum erreicht, das der junge Maler durch schwere Schattenwirkungen erzwingen wo tc; aber seine Menscheii stehen nun da, ganz umflossen von Licht und^uft, ■ und doch verbunden durch die großartigste Erfassung des rein malerisch zur vollsten .Körperlichkeit erweckt. Tie
Stellung des Adels, dem er selbst angehörte. Und dieser unendlich zart und leise, aus der Tiefe eines verschlossenen Innern emporsteigende Gemütston, der mit seiner warinen Herzensgute den kalten Ernst des Beobachters, die trockene Sachlichkeit des Hof- manncs und Beamten überwindet, waltet auch in den religiösen Gemälden, die nur ein frommer Christ in ihrer, bei aller edlen Vornehmheit erschütternden Glut malen konnte. So ahiien wir hinter dem Schöpfer dieser scheinbar so unpersönlichen Werke den treuen, stolzen, geistreich korrekten und doch warm mitfühlenden Menschen; aber wir ahnen ihn eben nicht aus Bekenntnisten irgend welcher Art, aus individuellen Zutaten zu seinen stoffen, in denen andere Künstler uns ihre Geheimnisse, ihre Wunsche und Hoffnungen verraten, sondern nur aus einer malerischen Behandlung seiner Themen, aus dem Seelenklang der Farben.
dem jauchzenden Farbenjubel in dem Reiterbild des kleinen Jn- santcn Balthasar Carlos fühlen wir die Freude des Wieners, dessen Glück das Glück seiner Herrschaft ist, ahnen hinter der braunen Lockenflut, die das Antlitz seines Gekreuzigten nnt. einem melancholisch düstern Schimmer bedeckt, die verhaltene Rührung des in Anbetung versunkenen Künstlers.
Alles führt bei diesem Meister wieder auf das Malerische zurück, auf seine Farbe, seine Technik, die den spezifischen Zauber seines Genies umschließen und darum unergründlich sind, immerdar werden sich Künstler und Laien die Köpfe zerbrechen über diese luftige, leichte Untermalung auf dünnem, grauem Grund, die z. B. auf dem unfaßlich schönen Männerbildnis der Dresdener; Galerie wirklich nicht mehr als ein duftiger Hauch ist, über die sichere rasche Art, mit der ein paar Deckfarben die Bewegung des Lebens hineinbringen, mit der sich auch spätere Aenderiin^en dem Gesamteindrnck einfügen. „Dieser Künstler , hat der ferne Kenner Burger gesagt, „ist ein Zauberer, der alle Erscheinungen augenblicklich zum Leben erweckt, aber nach mysteriösen Beschwörungen, deren Geheimnisse niemand kennt. Man hat dieses Geheimnis mit dem Rezept der „drei Stile" erklären wollen, einer Einteilung, die schon sehr früh auftritt Und bis heute beibehalten ist, obwohl doch das im Prado befindliche Männerbildnis der Sevillancr Zeit trotz seiner AnUänge an den Greco bereits den ganzen Zauber der Spätkunst entfaltet und manche Werke der reifsten Zeit, wie der Bildhauer Montanes, tn der starken Betonung des Plastischen sich mit den Jugendbildern berühren, jedenfalls legt diese Gliederung seiner Werke nach Stilen gewichtige Abschnitte in der Entwicklung des Valasquez fest. Ter erste stil umfaßt seine Jugendzeit in Sevilla, wo er realistische Genrebilder, un Still- lebencharakter malte mit erstaunlicher Naturtreue und einer starken Verliebtheit in alles Stoffliche. Der zweite Stil hebt langsam in Madrid an, wo er schon 1623 Hofmaler des Königs wird, er endet etwa vor Begimi der zweiten italienischen Rene 1649 die in dem Meisterbildnis schlechthin des Papstes Jnnocenz IV, sogar einen Höhepunkt dieser „dritten Manier zeigt. Solche scharfe Abrenzuug mag ihren praktischen Wert haben, ist aber bei der beispiellos logischen, in einer unablässigen Folge sich vollziehenden Entwicklung des Meisters unhaltbar. Man kann höchstens in dieser „dreifachen Manier' etn Sinnbild der m seiner Schöpfnngswclt mächtigen Grniidtrlebe sehen.und sw nach dem Schema Hcgelscher Philosophie in These, Antithese und Synthese


