Samstag den 6. August
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Das schlafende Heer.
Roman von Clara Viebig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
14.
Peter Bräuer — der „große" Ansiedler, wie sie ihn in Pociecha-Dorf nannten — suchte eine Magd. Die Frau konnte die Arbeit nun wirklich nicht mehr allein schaffen. Reinlich war sie's gewöhnt, reinlich mußte es um sie sein; so war sie eines Tages beim Scheuern der Dielen, die all die kotigen Füße, die vom aufgeweichten Frühlingsacker her- eintappten, immer wieder und wieder beschmutzten, zusammengebrochen.
Der besorgte Ehemann lief ins Dorf, um eine Hilfe zu suchen. Aber da konnte er lange reihum gehen und hier und dort auklopfen. Im Winter vielleicht, da könnte er ja nral wieder anpochen! Jetzt würde sich kein Mädel bereit finden lassen, jetzt ging inan in die Ernte und hatte weit größeren Verdienst. Ani Osterfeiertag hatte der Agent, der Meir Götz aus bet Kreisstadt, im Kruge beim Eiweih gesessen nnd Burschen und Mädchen angeworben nach Sachsen und Anhalt zum Schnitt und für die Rüben nach Hala*).
Ganz verzweifelt kam Bräuer Heim. Dieses gottverlassene Land, nicht einmal für sein gutes Geld konnte man eine Hilfe kriegen! Er machte sich selber an die Hausarbeit, denn die Frau lag im Bett, hatte das .Gesicht gegen die Wand gekehrt und wimmerte leise.,
Verschüchtert drängten sich die kleinen Mädchen in einer Ecke zusammen, es war ihnen so ungewohnt, daß die Hand der Mutter nicht für sie sorgte. Am Abend half zwar Sei ich en den jüngeren zu Beit, aber am Morgen konnte fie mit dem Zöpfeflechten nur langsam fertig werden; aus Furcht, zu spät in die Schule zu kommen, machten sich alle drei heulend auf den Weg, und das Kleinste, das seine Milch nicht zur gewohnten Zeit bekommen hatte, schrie daheim Zeter.
Die heiße Stirn gegen die Scheibe gedrückt, starrte der Ansiedler hinaus ins unwirtliche Land. Der Regen troff, der Wind peitschte ihn gegen Fenster und Hauswand, und die Weite war grau verhangen. Aus dem Stall tönte das hungrige Brüllen des Viehs.
„Peter," rief schwach die Fran vom Bette her, „hat dat Vieh dann noch nix?"
„Ne."
„Uni) sind die Kuh dann noch nit gemolken?"
„Ne."
„Ach Jesus!" Frau Kettchen seufzte; mühsam richtete sie sich auf und guckte nach ihrem Mann hin. Der stand in verbissenem Trotz.
■*) Halle,
Als er gleich danach hinausgegaugen war — sie hörte ihn draußen mit den Melkeimern rasseln und dazu laut auf deu Valentin, den Bummler, schelten — raffte sie sich doch wieder auf. Es half ja nichts, ganz allein kam der Peter nicht zustande! Ja, wenn der Valentin noch so wäre wie früher! Aber der hatte jetzt gar keine Augen, keine Ohren, keinen Sinn für seine Eltern. Immer war er hinter dem polnischen Mädchen her. .Alle Abend bis spät saß er in der Försterei. Und heute, statt bert_ Stalldünger auf den Schlag fürs Wickengemenge zu schaffen, hatte er den Braunen angespannt und war nach der Kreisstadt gefahren: er müsse notwendig den Chilisalpeter holen für den Gerstenschlag. Gewiß hatte er sich mit ihr verabredet, mit der Tochter des Frelikowski, denn er hatte lange am Pferd geputzt, auch das neue Korbwägelchen genommen, trotz des schlechten Wetters; und als er dann in die Stube hinein- genickt hatte zum Adieu, war er selber so schmück anzusehen gewesen iuie ein Bräutigam.
Die Mutter hatte recht vermutet. Während sie sich daheim plagten — was.half's Bräner, er mußte nun doch die kranke Frau sich allein überlassen nnd hinaus aufs Feld gehen —, fuhr Valentin mit Stasia zur Kreisstadt. Gestern, als er nach Feierabend bei ihr gesessen, hatte sie den Wunsch geäußert, doch auch von der Ostermesse auf dem Domplatz noch etwas zu feheu zu kriegen. Sie hatte ein Mäulchen gezogen: wie lauge noch, nnd die Buden, die vom Fest her noch standen, wurden abgebrochen, und sie hatte nicht einmal ein Stück Honigkuchen gekauft!
Dröhnend hatte der Förster bei ihrem seufzend.herausgebrachten Wunsch gelacht, und die Försterin hatte dem jungen Mann zugenickt.
Ei ja, wozu hatte man denn zu Haus Wagen und Pferd? Aber offen darum zu ersuchen, hatte der Sohn sich nicht getraut. Wenn der Vater es wußte, daß es sich um die Försterstochter handelte, würde er den Wagen sicher nicht bekommen. War er doch böse, ja geradezu wütend geworden, als er, Valentin, sich auf des Frelikowski Seite gestellt hatte. Und Frelikowski war wirklich ein ganz umgänglicher Mensch, man mußte ihn nur zu nehmen wissen. Jetzt hing freilich des Vaters Gewehr in der Försterei, aber daran war er selber schuld — warum gleich so grob?! — eilt gutes Wort ist keine Schande. Hatte Frelikowski nicht auch jetzt zu verstehen gegeben, daß er die Sache gern vergessen sein lassen würde? "Eine Anzeige mußte er also doch noch nicht erstattet haben. Ueberhaupt, daß der Vater immer auf den „Polacken" schimpfte, war hier, ganz und gar nicht angebracht! Der Förster konnte so gut deutsch, hatte den großen Krieg mitgemacht, hatte ebenso gut den Franzosen gegenüber gestanden wie der Vater, war sogar ausgezeichnet worden durchs Eiserne Kreuz!
Förster Frelikowski hatte dem aufhorchenden jungen Mann viel von Siebzig erzählt und von jenen Tagen, in denen er seine Zeit abgedient hatte bei den Breslauer Jägern. Und Valentin war ganz umsponnen worden von


