Ausgabe 
6.6.1910
 
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Es half nichts, er war schon aufgestainden und nahm hastig den Hut. Mir vergingen auch die Worte vor seinem plötzlich wieder veränderten harten Gesicht.

Ich sah ihn noch im Sturmschritt durch den Regen aus dem Garten gehen, ohne Schirm, den Kopf hoch auf dem breiten, starken Nacken.

Eine empörte Bitterkeit kommt über mich. Was habe ich ihm denn getan, daß er so ist? Wenn ich ihn be­leidigt habe, soll er es mir offen sagen, das kann ich wenigstens fordern!

Ich verstehe es nicht! Gerade an ihm nicht, von dem ich selbst doch erst gelernt habe, was weitherziges Ber­stehen und Verzeihen ist!

Soll ich denn wieder verlieren? Immer nur ver­lieren?

20. September.

Er hat doch recht, wenn er böse auf mich ist, ich weiß es jetzt. Und bin selbst außer mir, daß es so kom­men konnte!

Ich habe mir heute beim Mendgebet den Jungen noch einmal vorgenommen, ganz ernst und eindringlich.

Ich hab dich nicht mehr lieb, Seppl, wenn du mir nicht sagst, warum du so häßlich zu deinem Vater bist!"

Da rückt er damit heraus, den Kopf in die Kissen ge­drückt, die Worte halb unverständlich vor Schluchzen: die Zenz hat ihin gesagt, der Vater kommt, ihn wegzuholen. Dann soll er wieder immer beim Vater sein und nicht bei dem fremden Fräulein.

Und du bist kein fremdes Fräulein, und ich will net weg, und wenn der Vater mich Holt, dann sag ich kein Wort mehr zu ihm und hab ihn net so viel mehr gern!"

Ich erschrecke über Seit leidenschaftlichen Zorn in dem kleinen Gesicht, das heiß und rot vor Aufregung und Meinen ist.

Aber Seppl! Das ist ja Sünde! Der Vater hat dich doch lieb! Und wenn der dich holt, mußt du mitgehen und brav sein."

Aber der kleine Kerl weint herzbrechend und eigen­sinnig.

,pJch will auch brav sein, wenn du da bist, Aga, sonst kann ich net. lind sonst Hab ich Vater auch net lieb"

Ich bin ganz stumm vor Entsetzen. Aber ich kenne Seppl. Mit allen guten Worten hätte ich in so einem Augenblick nichts ausgerichtet.

Das hatte ich nicht gewollt! Nicht einmal geahnt!

Ich versuchte, mich zur Ruhe zu reden, wie ich oben allein war: Kindertorheit! Heute ausgesprochen, morgen vergessen!

Mndertorheit, ja. Aber aus dem Kind wird der Mann. Und was heute in den weichen Boden gepflanzt wird, das geht auf und wächst!

Das Kind, das dem Vater fremd ist, wird ihm als Mann nicht mehr viel näher kommen!

Ich habe es nicht so gewollt, nein. Aber das Resultat ist das gleiche, als wenn ich es gewollt hätte. Ich stehe zwischen dem Jungen und seinem Vater. Ich habe an mich gerissen, was dein Vater von Rechts wegen gehörte, seines Müdes Liebe und Vertrauen.

An mich gerissen? Ich habe ihn doch nur selbst lieb gehabt, habe diesem kleinen Geschöpf alles an Liebe ge­geben, iyas unverbraucht in meiner eigenen Natur lag! War es ein Wunder, daß er das fühlte, es mir dankte? War das unrecht?

Liehe zurückweisen müssen, die einem geschenkt wird! Gibt es etwas, das bitterer ist? Kann das verlangt werden?

Ja, wenn ich allein darunter litte! Aber das Kind leidet ebenso!

Ich habe in meiner stummen Not am Fenster in meiner Stube gestanden und habe in die großen feierlichen Sterne mit blquschwarzen Septemberhimmel gesehen. Und zuletzt, aänz instinktiv, habe ich mich vor meines Vaters Bild ge­stellt, weil ich nicht aus noch eilt wußte: Vater, hilf du ttg mir, was recht ist!

habe es gewußt in dem Augenblick. Und das Wissen er als die Unklarheit.

habe ich es denn zu danken, daß ich wieder so ... ...vuieS Vaters lieben Augen stehen darf?

Will ich dem, der ihn mir zurückgegeben hat, nun selbst sein Kind nehmen?

Und wenn es noch tausendmal härter wäre, er hat ein Recht, es von mir zu verlangen! Und ich darf nicht warten, bis er es selbst verlangt, ich muh zurücktreten, ohne ihm mein Opfer zu zeigen!

Ich sehe ja, wie er darunter leidet! Er hat es mir ja selbst gesagt, daß ihm die Erinnerung nichts ist, daß er lebendige Gegenwart braucht.

Und was hat er denn jetzt sonst noch an lebendiger Gegenwart als das Kind?

Mein Liebling! Der Entschluß ist schon wie ein Abschied. Ich weiß nicht, wie ich es tragen sollt

Ich weiß nur, daß ich für deinen Vater keinen besseren und tieferen Dank habe als den, daß ich dich aufgebet (Fortsetzung folgt.)

Robert Zchtaginiweit.

Ein Gießener Universitätslehrer.

(Zu seinem 25. Todestag. 6. Juni.)

Von D r. Ru d. Schmid-Wallberg, München.

Die Schlagintweitbrüder Hermann, Adolf und Robert genießen für alle Zeiten in der Geschichte des deutschen Ge­lehrten- und Forfchertums den Ruhm, hervorragende Kory­phäen der Wissenschaft gewesen zu sein. Was dieses glänzende Dreigestirn auf seinen Sondergebieten geleistet hat, ist jedoch häute der Allgemeinheit nur sehr wenig bekannt. Am 6. Juni jährt sich der Todestag Roberts zum 25. Male und mögen anläßlich dessen die Verdienste des! bedeutenden Mannes ins Gedächtnis aller, die an Deutsch­lands. Knlturentwicklung Interesse nehmen, wieder zurück­gerufen werden.

Robert erblickte am 27. Oktober 1833 zu München das Licht der Welt und widmete sich nach seinen Gymnasial­studien gleich seinen Brudern ebenda den Naturwissen­schaften. o In ihrer Begleitung hat er auch seine ersten Reisen unternommen. So durchwanderte er mit ihnen, die auch die schweizerischen und italienischen Alpen wissenschaft­lich vorher durchforscht hatten, das Gebiet der Zugspitze anfangs der fünfziger Jahre. 1853 bereiste er allein die gesamte Gebirgskette des Kaisers in den bayrisch-tirolischen Alpen. Was sie zusammen, die über eine Unmenge Detail- kenntnisfe verfügten, bei diesen schwierigen und gefahrvollen Unternehmungen an wertvollen Ergebnissen gesammelt hatten, das legten sie 1854 in dem zu Leipzig erschienenen WerkeNeue Untersuchungen über die physikalische Geo­graphie und Geologie der Alpen" nieder. Die hochbedeut- fame Veröffentlichung, welche dem König Friedrich Wilhelm von Preußen gewidmet war, trug zugleich einen Atlas! von 22 Tafeln in sich, der beredtes Zeugnis davon ablcgt, mit welcher Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt die Forscher an die sich gestellten Aufgaben herantrateu und mit welch künstlerischen Eigenschaften zugleich sic hierfür gerüstet waren. Ihre Alpenbilder erregen noch heute Bewunderung, ebenso beweisen die 1854 zu Leipzig galvauoplastisch ver­vielfältigten Reliefs der. Monte Rosa-Gruppe und der Zug­spitze, mit welcher Genauigkeit die Gelehrten in ihren Messungen nnd Beobachtnngeii zu Werke gingen. Daß ein Hauptteil des Erfolges und der Anerkennung, welche die Neuen Untersuchungen über die physikalische Geographie und Geologie der Alpen" errangen, Robert. zugesprochen werden muß, braucht kaum besonders hervorgehoben zu werden.

Im Jahre 1854 rüsteten sich die Brüder zu einem neuen Unternehmen. Auf Verwendung Alexander von Humboldts wurde ihnen vom König von Preußen sowie von der englisch­ostindischen Compagnie der ehrenvolle Auftrag LU teil, In­dien zu durchforschen. Noch im selben Jahre machten sie sich auf die Reise. Von Bombay nahmen sie ihren Weg durch das Dekan nach Madra. Hier trennte sich die Gesellschaft, in­dem Adolf und Robert nach den norvwcstlichen Provinzen zogen, Hermann nach den östlichen. Ter Frühling 1855 traf die beiden bei der Erforschung des westlichen Hima­laya. Im Winter 1855 auf 1856 durchquerten sie das Hoch­land von Tibet. Inzwischen war der östliche Himalaya von Hermann untersucht worden, auch in BrahmabUtra und Hinterindien hatte er wissenschaftliche Beobachtungen an- gestellt. Im Beginn des Jahres 1856 trafen alle wieder in Simla zusammen. Gemeinsam ging es nun an die Durchquerung Hochasiens. Dabei hat Robert ganz außer­ordentlich wichtige Tatsachen zu Tage gefördert, indeni er das bisher nur von wenigen Forschern betretene Karakorum