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„Irr Erinnerung leben kann wohl auch nur, wer »schon ist. Und Sie —"
Er schob mit heftigem Ruck den Stuhl zurück und Warf halbgerauchte Zigarre hin.
W — m. 86
„Ich verstehe Sie vollMndig. Was will ein alter Kerl, wie ich denn mehr als Erinnerungen? Auf die hat er ein Recht, sonst auf nichts. Sehr richtig, daß Sie mir das klarmachen!"
„Wer Herr Professor —"
Ihres Vaters Tochter.
Roman von Lulu von Strauß, und Torney., (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Auf einmal kam mir ein Einfall, ein Wunsch.
„Erzählen Sie mir von meiner Mutter, Herr Professor! Bitte!"
Er sah nachdenklich das feine Bildchen an und nebelte eure wahre Wolke von bläulichem Zigarrenrauch um seinen großen, buschigen Rotkopf.
,^a, Kind, das sagt sich so leicht hin. Wer es ist altes lange her. Mas man von einem Menschen behält, ofls sind meistens keine Einzelheiten, nur so ein blasses!, allgemernes Bild. Was ich Ihnen erzählen könnte, das wissen Sie schon oder können sich's selbst aus dem Gesicht da herausrätseln. Alle Pietät vor dem Andenken der Toten! zu l' ’”e recht verstanden, von der Erinnerung
„Wer warum sind Sie beim so lange allein geblieben?" fuhr es mir heraus.
Ich erschrak selbst über meine indiskrete Frage. Werder Professor schien nicht böse darüber zu sein.
„Das hatte andere Gründe. Ich hatte mich so in die Arbeit verbissen, daß ich für Privatgefühle keine Zeit mehr hatte. Ich säße, auch noch auf meiner Junggesellenbude, wenn es auf mich allein angekommen wäre."
Er zog sich den breiten Korbsessel her und streifte langsam dre Zigarrenasche in die Achatschale auf dem Tischchen neben ihm.
„Es war eine wunderliche Geschichte. Ich wohnte damals als Meter in meinem jetzigen Haus. Die Zimmer paßten mir, auch die Lage, und das Atelier war hell und groß. Ich fühlte mich sehr behaglich. Abends ging ich Manchmal, eine halbe Stunde herunter zu meiner Hauswirtin. Eine kleine Subalternbeamtenwitwe, gutmütig, beschränkt und nicht sehr taktvoll. Eine Tochter hatte sie, so ent blasses, sanftes Mädchen, nicht mehr ganz jung und em bissel bigott. Ich mochte ganz gern ein Wort mit ihr reden, sie sagte nicht viel, aber sie hörte zu. Und Mit der Zett taute sie auf, lachte mal ein bißchen und fragte. Das ganze Hauswesen hielt sie auch allein int ®ang und musterhaft. Ich fand sogar oft einen Busch Wceferuzwelge oder sonst was Grünes und Buntes in Meinem Atelcer. Kurz, rch hätte mich bis an mein Ende als Hage- JÄ4etni r oa eingebaut, wenn mir die Frau nicht plötzlich auf dre Bude gerückt wäre. Es täte ihr sehr leid- Wer ue mußte den Herrn Professor bitten, auszuziehen., Ihre Tochter — dre dürfte aber beileibe nicht wissen, daß
dem Herrn Professor spräche! — Wer das Mädel set schon ganz ttefstnnta und hätte nichts im Kopf als den Herrn Professor, und dre Nachbarn redeten auch schon dar
über, so a lediges Mannsbild, wo eine Tochter im .Haus wäre, das täte nie und nimmer gut. Und wenn mir am dem Ruf und der Seelenruhe des Märgretl was läge, so sollte ich mir um Himmels willen zum Ersten eine andere Wohnung suchen.
Na, da saß ich denn. Die Frau heulte, ich schimpfte und schickte sie schließlich hinaus. Ich wollte am Nach,- mittag auf Wohnungssuche gehen. Aber ich druckse und! druckse und komme nicht zum Weggehn. Mir paßt dies Haus so gut wie teilt anderes. Aber es hilft nichts —i das Märgretl! lind dann kriege ich das Rühren, und es kommt mir so unverdient vor, daß so ein Mädel aü mich denkt.
llnd auf einmal fällt mir ein: ja, was kann ich bemt Besseres tun als das Mädchen heiraten? Daß sie mich nimmt, weiß ich jetzt im voraus. Brav ist sie, ein liebes Ding, gern hab ich sie auch. Und im Haus bleibe ich tmbi alles ist in Ordnung. Na — am Abend waren lvir verlobt."
Er warf mit seiner ungeduldigen Handbewegung den Haarschopf aus der Stirn.
„Recht war's nicht, das hab ich nachher eingesehen. Heiraten ist nicht so ein Ding zum Nebenherabmachen. Die Margret war eine halbe Heilige, die jeden Morgen mit der Zenz zur Messe lief. Und ich — na, ich habe mir Mühe gegeben, es ihr nicht schwer zu machen. Aber zum Bekehren war ich nicht mehr jung genug. Sie war zu fromm, das hat zwischen uns gestanden. Es dauerte ja auch knapp ein Jahr. Daß der Bub.rechtgläubig' getauft wurde, ist ihre letzte Freude gewesen."
Er sah vor sich hin und dann mich an.
„Sie hat mich in ihrer Art lieb gehabt, und das hab ich ihr gedankt. Mer jetzt hab ich von ihr auch nichts mehr als so ein Bild an der Wand. Ich habe zeitlebens nicht viel mit der Erinnerung aufangen können. Das warme, lebendige Leben habe ich nötig, den Augenblick. Den fest- halien, das ist das Rechte. Die Bergaugenh eit macht nicht
Ich hatte still AUgehprt und war mit allen Gedanken bei dem, was er sagte. So hatte er mir noch nie von sich erzählt, er war mir ein ganz anderer dadurch. Ich fühlte mich so gehoben durch sein Vertrauen, ich verstand ihn so gut. Ein Mann wie der, so voll Frische und Leben, was konnte dem die Erinnerung sein?
Montag den 6. Zuni 'jeßeMDEeichl
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