Ausgabe 
5.11.1910
 
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Seit die abgesonderten Erzeugnisse au Sie Oberfläche befördert zu werden pflegen, fehlte bei allen. Da begann von einer anderen Seite her das Licht zu dämmern. Die Erkrankung wurde zum Ausgangspunkt des Studiums, besonders als die Chirurgie dank der Einführung der Anti- und Asepsis stark genug sich fühlte, «m jeden Eingriff wagen zu dürfen, und derartig an und für sich schon überflüssige, durch die Erkrankung aber nun für den ganzen Körper gefährliche Organe vollständig zu entfernen ver­suchte. Vor allen anderen war die Schilddrüse (Thyreoidea) Gegenstand der chirurgischen Eingriffe. Es dürfte wohl all­gemein bekannt sein, daßKropf" eine krankhafte Entartung dieser Drüse ist. Hatte man den Kropf und damit also auch die Schild­drüse entfernt, so begann sich bald darauf der Körper des Ope­rierten in ausfallender Weise zu verändern. Die Haut schwofl teigig an, die Gesichtszüge bekamen einen blöden Ausdruck und auch die geistigen Fähigkeiten sanken unter das Mittelmaß des Normalen. Da alle diese Erscheinungen auf das Fehlen der Schftddrüse zurückzuführen waren, wurden sie als Ausfalls­erscheinungen bezeichnet.

Nun waren aber derartige Krankheitsbilder an Menschen, die Überhaupt nicht operiert worden waren, bekannt. In gewisserr Berggegenden gibt es nämlich und viel zahlreicher als im Flachlaich Blödsinnige mit eben dieser Gedunsenheit der Haut. Man spricht von Kretinismus und Myxödem. Bei diesen Kranken fehlt die Schilddrüse oder sie ist verkümmert. Nicht mit Unrecht -schrieb man dem G e b i r g s w a s s e r die Schuld Jur die Erkrankungen zu. Untersuchungen ergaben, daß es jod- irmei sei als das Wasser der Flachländer. Von jeher waren auch rein erfahrungsgemäß Kröpfe mit Jod behandelt worden. Das noch fehlende Bindeglied aber fügte fich ein, als es in der Tat gelang, Jod in der normalen Schilddrüse in einer Menge von 21/261/2 Milligramm auszufinden. Wie fast alle anorganische Substanzen geht es im Tierkörper Verbindungen mit Eiweißstoffen ein. In der Jodeiweißverbindung dem Thyreoidtr» oder Jodothyrin liegt das wirksame Prinzip der Schild­drüse. Mit chm vermag man auch die Ausfallserscheinungen nach vollkommener Entfernung der Schilddrüse die übrigens nur noch ganz selten ausgeführt wird aufzuhalten. Jod für sich ist dazu nickt imstande, der Organismus bedarf wohl seiner für die Funktion der Schilddrüse, allein es muß zuvor in einer organischen Form aufnahmefähig gemacht werden. Bevor es gelungen war, das Jodothyrin aus der Schilddrüse rein dar- zustellen und zu Heilzwecken zu benutzen, hatte man sich mit dem Extrakte aus tierischen Schilddrüsen, dem Thyreoidin, das natürlich auch das wirksame Jodothyrin enthielt, zu behelfen versucht.

Welches also ist die Funktion der Schilddrüse? Ans den obenerwähnten Ausfallserscheinungen lvird es am deutlichsten. Sehen wir beim Mangel der Thyreoidea das Nervensystem so schwer geschädigt werden, daß der Erkranke verblödete, so dürfen toir annehmen, daß die Schilddrüse vermfttelst ihres Sekretes ftir die Reinheit des Nervensystems zu sorgen hat, indem es giftige Äbbauprodutte unschädlich macht. Auch für den Äesamtstoffwechsel jst sie von erheblicher Bedeutung; sie steigert ihn und verhindert f) die Ablagerung jenes überschüssigen schleimigen Gewebes, das ie Haut aufschwellen läßt. Die Erkeimtnis dieses großen Ein- Äauf den Stoffwechsel legte den Gedanken nahe, die Schild­substanz überhaupt zur Erhöhung des Stoffwechsels, be­sonders zu einer Entfettung dickleibiger Menschen, zu benutzen. Obwohl derartige Entfettungen auszuführen sind, ist man von dieser Methode mehr und mehr abgekommen, da der übermäßige Gebrauch von Schilddrüsen-Präparaten öfters Bergiftungserschei- nuugen nach sich zog. Diese erklären sich dadurch, daß die Leute ja ihre normale Schilddrüse besaßen, die das für den betreffenden Körper zulässige Quantum wirksamen Sekretes schon lieferte. Da die Substanz ohnehin in kleinsten. Mengen stark werkend ist, und, wie man aus Tierversuchen weiß, neben den oben beschriebenen Wirkungen auf Stoffwechsel und Nervensystem auch den Blutdruck verändert, wird bei fteberschreitung der natürlichen Menge der Körper aus seinem Gleichgewicht gebracht.

Ms das zweite unter den rätselhaften Organen ist der H irn- anhang, die tzypophysis, zu nennen. Er liegt an der Unterseite des Gehirns, mit dem er durch einen Siel verbunden ist und besteht aus zwei Lappen. Das ganze Organ lagert auf dem sogenanntenTürkensattel" der Schädelbasis. Lange blieb es als Anhang auch von den Fachleuten wenig beachtet, und noch heute sind wohl die meisten Laren von seinem Dasein nicht unterrichtet. Gewiß istl der Hirnanhang nicht so wichtig wie die Schilddrüse, insofern wenigstens, als diese häufiger er­krankt. Auch konnten wegen der versteckten und unzugänglichen Lage Erkrankungen so lange nicht bestimmt werden, bis es Der» mittelst einer vervollkommneten Röntgentechnik gelang, den Schädel zu durchleuchten und nach dem Auftreten von Schatten, die in normalen Fällen fehlten oder kleineren Umfang zeigten, Krank­heitsherde genau zu bestimmen. Auf diese Weise wurde der schon vorher vermutete Zusammenhang zwischen der Entartung des Hirnanbangs und der sog. Akromegalie festgestellt. Dies ist eine seltene und seltsame Erkrankung: einem bisher gesunden, erwachsenen Menschen, der gewöhnlich schon über das Alter des zunehmenden Längewachsüims hinaus ist, beginnen aus imbe­kannter Ursache eines oder mehrere feiner Gliedmaßen ins Uw­

gemessene hinein zu wachsen. Der betreffende Körperteil bekommt dadurch ein groteskes Aussehen und fällt um so mehr auf, da er unsymmetrisch zu den anderen normal gebliebenen Partien ge­wachsen ist. (Im Gegensatz zu dem wahren Riesenwuchs, bei dem alle Knochen gleichmäßig stark wachsen I) Die an Akrome­galie Erkrankten können dabei im übrigen gesund sein. Dies« Vergrößerungen der Glieder sind zurückzuführen auf Vergröße- rilngen des oben erwähnten vorderen Lappens des Hirnanhanges, wie man aus Röntgenphotographien sehen kann. Mit diesem krankhaften Wachstum ist eine krankhafte Wirkung verbunden« Je größer eine Drüse ist, um so größer ist auch ihre Absonderung. Da es sich bei allen Blutgesäßdrüsen nicht um echte Drüsen handelt, die einen Ausführungsgang besitzen, durch den das Sekret an die freie Oberfläche gelangt, muß man annehmen, daß ver­mittelst einerinneren Sekretion" ihre Stoffe in die Blutbahn gelangen. Wird nun das Zirkulationssystem mit dem Drüsensekrete gewissermaßen überschwemmt, so sind die Reize, die es ausübt, auch viel stärker wirksam als normalerweise« Da die Reize, die von dem Hirnanhang ausgehen, im wesent­lichen Wachstumsreize sind, so ist das Ergebnis einer tzypophyseir- vergrößerung erklärlicherweise ein ungeheuerliches Wachstum des Organismus; warum freilich in so unsymmetrischer Weise, bleibt dunkel.

Ist diese Hypothese von der Funftion des Hirnanhanges richtig, so müssen umgekehrte Krankheitsbilder entstehen durch Wachstumshemmung und mangelnder Funktion desselben Organs, Wirklich sind derartige Erscheinungen bekannt. Wo der Hirn­anhang fehlt oder nur wenig entwickelt ist, bleibt auch der übrig« Körper in seinem Wachstum und seiner Emwicklung zurück. Er bewahrt sein kindliches Aussehen auch nach den Entwicklungs­jahren. Besonders ermangelt er der das Geschlecht charakteri- fterenben, von Darwin als sekundäre Geschlechtsmerkmale bezeich­neten Veränderungen, die in der Pubertät sich auszubilden be­ginnen. Beim Mädchen bleibt die stärkere EMwicklung der Brüste und des Beckens aus, der Knabe macht weder den Stimmwechsel durch, noch zeigen sich Ansätze für die dem männlichen Geschlecht eigentümliche Behaarung am Rumpfe und im Gesicht als Schnurr­bart. Alles dies weist auf nahe, für uns nickt immer überseh­bare Beziehungen zur Geschlechtssphäre hin. Auch die an Stell« des Wachstums in diesen Fällen tretende übermäßige Fett­ansammlung unter der Haut spricht dafür. GleiMeitig mit den körperlichen Mängeln geht auch eine geistige Minderwertigkeit einher, entstanden aus der Emwicklungshemrnung des Gehirns«

Ganz anderen Bestimmungen scheint der Hintere, wenige« feste Lappen des Hirnanhanges zu dienen. Seine Produkte kur­sieren nicht in der Blutbahn, sondern fließen Hirn und Rücken­mark zu. Aehnlich der Schilddrüse übt dieser Teil einen Ein- Kfluf den Stoffwechselumsatz und die Blutdrucksregelung aus.

) an nervösen Mechanismen scheint er beteiligt zu fein, wie Versuche an Tieren zeigen, bei denen der eingespritzte Extrakt des Hinteren Hypophysenlappens Pupillenerweiterungen erzeugt«.

Als Dritter im Bunde gesellen sich zuThyreoidea" und Dypophysis" die Nebennieren, kleine Körperchen, die den Nieren aufsitzen. Die alten Anatomen schrieben ihnen die merk­würdige Eigenschaft zu, die schwarze Galle im Gegensatz zu de« aus der Leber stammenden grünen abzusondern. Mit dieser schwarzen Galle wurde dann eines der vier Temperamentes zusammengebracht und als Melancholie (Schwarzgalligkeit) be­nannt. Wie man aber aus jedem Scheffel Unfinn noch ein Körnchen Wahrheit herausklauben kann, so auch hier. Zwar hat noch niemand schwarze Galle in der Nebenniere entdecken können, wohl aber gibt es in ihr Substanzen, die dunkeln Farbstoff ent­halten oder erzeugen. Und wiederum ist es eine Krankheit, di« die Aufmerksamkeit auf die Nebennieren lenkte. Im Jahre 1855 entdeckte der Engländer Addison einen Symptomenkomplex, der sich in einer abnormen Pigmentierung von Haut und Schleim­häuten äußerte. Diese Krankheit, denbronzedakin", de« unter Stoffwechselstörungen und zunehmender Muskelschwäche mit dem Tode endete, führte er auf eine Veränderung der Neben­nierensubstanz zurück. Auch im Tierversuch zeigte sich bald, daß man es mit lebenswichtigen Organen zu tun habe, die man nicht ungestraft ausrotten Dürfte. Wie bei der Schilddrüse versucht« man nun Tiere ohne Nebennieren baburch am Leben zu er­halten, daß man ihnen Nebennierenextrakte bot. Und auch hier ersetzten diese das Fehlen der Organe. Die wirksame Substanz das Adrenalin wurde später gesunden. Mit ihr konnte man viel stärkere Wirkungen erzielen. Insbesondere ist es der Blutdruck, der durch Adrenalin bedeutend verstärkt wird, indem die Blutgefäße durch die Wirkung von Nervenreizen, die ihrerseits durch das Adrenalin gelöst werden, sich verengere, Wegen dieser gefäßverengernden, anämisierenden Eigenschaft ist es zu einem nicht mehr zu missenden Heilmfttel in der moixrnenj Medizin geworden. So dient es als Zusatz zu allen Loläl- anästhetica wie Cocain u. a. m um die zu durchtrennenden Ge­webe blutleer zu machen. Neuerdings ist es sogar gelungen, bas Adrenalin oder Suprarenin auf chemischem Wege zu ge­winnen. Im tierischen Körper wird es dauernd von der Neben­niere hervorgebracht und durch die Blutgefäße der Niere fort* geführt. Sein letzter Ursprung aber scheint wo anders zu liegen L nämlich in der Muskulatur. Wenn diese durch Arbeit ermicket, Hilden sich in ihr Giftstoffe, Vermutlich fällt nun den Neben«