690
um die Ueber Windung der Schmierigkeiten, die sich wachsender Größe des Ballons und gesteigerter Geschwindigkeit der Fahrt vor allem hinsichtlich der Stabilität bemerkbar gemacht hatten. Der „Excelsior" war das umfangreichste der vorhandenen Luftschiffe, und in der Fachwelt war man sich längst einig darüber, daß die Zukunft der Aeronautik dem großen Rauminhalt gehörte, den Riesenballons, die die stärkste Widerstandsfähigkeit und zugleich die energischste Schnelligkeit zu entnickeln vermögen. Die strage war nur die, ob die neuen Slabilisationsflächen, die Abeelen erfunden hatte, sich bewähren würden. Man hatte für den „Ausstieg" absichtlich keine Zielreise, sondern eine bisher un- erhört große Schleifenfahrt in Aussicht genommen, weil auf einer solchen die Gegnerschaft der Winde sich naturgemäß am kräftigsten bemerkbar macht.
DK rätselhaften Organe des Menschen,
Von Dr. van Troy.
Roch bis vor zwei Jahrzehnten beherbergte der menschliche! Körper m seinem Innern Organe, von denen man nichts weiter wußte, als daß sie eben vorhanden seien. Sie galten weder als notwendig für den Körperbestand noch überhaupt als zweckmäßig., Es mag erinnert werden, daß Haeckel in diesen rätselhaften Organen den Ausdruck einer Unzweckmäßigkeit ,,D y st e l e o l o g i c" der Natur sah, die er der von ihm bekämpften Nalurausiafsung entgegenstellte. Systematische Forfcherarbeit der letzten Dezennien hat zu anderen Ergebnissen geführt. Es zeigte sich, daß es Organ« von lebenswichtiger Funktion waren, die nur deshalb so lange unerkannt geblieben, weil die Wissenschaft in harter Arbeit erst die gröberen, mehr im Lichte stehenden Funktionen des lebenden Organismus wie Stoffwechsel, Atmung, Verdauung, Zeugung u. a. m. in ihren Grundlinien erkennen mußte, ehe man sich zu den feineren und feinsten Regulierungen wenden durfte. Zudem bot die anatomische Untersuchung gar keinen Fingerzeig für die Erkenntnis der Leistungen, man wies wohl aus die mehr als zufällige reichliche Gefäßversorgring und die aus ihr entstandenü stärkeren Durchblutung hin, die diesen Organen den Namen der Blutgefäßdrüsen eintrug; man erkannte wohl ihren drüsigen Bau, aber, das Spezifikum jeder Drüse, der Ansstihrungsgaug. durch
sich mit ihrer Idee, ihre neue Marke unter tem Statuten Luftschiffes einzuführen, begraben lassen.
In der Tat, wenn Abeelen nicht glänzend siegte, waren die Hoffnungen schwach. Kesselbolz hatte wieder bange Stunden. Er hatte sich plötzlich mit Eifer auf das Studium der Aeronautik geworfen, durchstöberte das Konversationslexikon, kaufte sich Broschüren, las aufgeregt alle Zeitungsnotizen, die sich auf die Frage der Lenkbarkeitsmöglichkert bezogen, und war in sichtlicher Unruhe. Auch Fritz über- schlichen dann und wann gewisse Zweifel. Allerdings galt Abeelen seit langem als eine Autorität auf dem Gebiets der Luftschifsahrt. Ludwig der Flieger" war in aeronautr- schen Kreisen ein bekannte Persönlichkeit und war derzeitig wirklich der einzige, von dem man eine wenigstens annähernde Lösung der großen Probleme erwartete, schon deshalb, weil es seiner Unermüdlichkeit und freilich auch dem gesellschaftlichen Glanze seines Namens gelungen war, reiche Mittel zu finden, nm unbeirrt seine Wege verfolgest und bent gewaltigen Anprall von Unglauben, Unverstand und Uebelwollen standhalten zu können. Tatsächlich war es ihm als erstem auch schon gelungen, Luftschiffe unabhängig von der Windrichtung vorwärts zu treiben. Benn „Excelsior" aber sollte es sich um wichtigeres handeln:
..... . I . <1- i:x bei
schäft Holst hat Baracken erbauet: kaffen, so daß S '. immer Unterkunft finden. Auch können Sie nötigenfalls in meiner Bude tarieren. Mit herzlichen Grüßen Ihr ergebenster Abeelen."
Das Telegramm sagte genug. Es war auch ganz m )er Art Abeelens gehalten, der den. vermittelnden Funken brieflicher Nachricht vorzog. Fritz kannte den Mann: er war zu jeder Gefälligkeit bereit, aber wenn er den Kopf voll hatte, wälzte er gern alles Nebensächliche auf die Schultern seiner Leute ab. Das war übrigens durchaus verständlich: handelte es sich in diesem Falle doch um einen weltbewegenden Vorgang, dem auch die Regierungett mit gespannter Aufmerksamkeit entgegensahen. ,
'Amsterdamer Blätter brachten die ersten Nachrichten Über die $u erwartenden fürstlichen Gäste. Der Prinz der Niederlande als Protektor des Unternehmens hatte die Ein- ladungen ergehen lassen und außer dem Kaiser und den deutschen Bund/sfürsten auch seinen Nachbar, den König von Belgien und den Gxoßherzog von Luxemburg zu Gaste gebeten. Dazu kam eine ungeheure Menge von bedeutenden Persönlichkeiten aus dem hohen Adel, der Diplomatie und Gelehrtenwelt, so daß man auf eine kleine Völkerwanderung gefaßt sein konnte. Ursprünglich war geplant worden, die Einladungen noch iveiter auszudehnen, aber zum Seibtoefen des Prinzen, der mit wahrem FeuereifM bei der Sache war und am liebsten die ganze Kulturwelt! an dem Schauspiel hätte teilnehmen lassen, war das eine Unmöglichkeit. Es sagten ja eine ganze Menge ab; immerhin war hie Schwierigkeit groß, schon die Fürstlichkeiten «nterKubringen, und auf den Hofämtern im Haag gab es deshalb seit Wochen fieberhaft erregte Nerven. Glücklicherweise lagen in der Nähe der Wiesen von Uttenhooveu din paar königliche Jagdschlösser; in Beerdooren stand noch eine alte, ganz wohnliche Burg, und auch einige reiche Grund- besitzer der Umgegend hatten ihre Herrensitze zur Ver- Ülgung gestellt. Die hohen Fürstlichkeiten sollten natürlich im Haag, in Loo unb in den Schlössern zu Amsterdam, Soest- dijk unb Sawerd Quartier finden, während für bie übrige Gesellschaft auf den Geländen von Uttenhooveu ungeheure Barackenlager errichtet wurden, bereit Verwaltung bie Holst- Compagnie übernommen hatte. Wenn man den holländischen Blättern Glauben schenken konnte, war auf den be- rühmten fruchtreichen Wiesen bereits eine ganze Stadt entstanden, die nur noch auf ihre Bevölkerung wartete |tnb bie in weitem Bogen das Aerodrom umgab.
Am 8. Juli sollte die silberne Hülse für bie Flasche tnit dem Taufchampagner fertig sein. Aber der Goldarbeiter hatte sich infolge einer Verletzung an der Hand ein wenig verspätet, und so konnte die Arbeit erst am zehnten abge- jiefert werden. Sie war übrigens außerordentlich geglückt, ein Schmuckstück ans duftig feinen Fiftgranornamenten: in» einandergreifende Weinranken, zwei pausbäckige Putten umschlingend, die eine Banderole mit der Inschrift „Excelsior" trugen. Dazu gehörte ein kleines silbernes Beil zum Kappen des Flaschenhalses und eine Kassette aus geflochtenem Leder, bie oben in schöner Punzarbeit die Wappenschilder jder Niederlande und des Geschlechts Abeelen trug.
Die Sendung ging sofort unter Versicherung unb durch Eilboten an bie Adresse des Direktors Henri Lesson nach Uttenhooven ab, mußte also noch rechtzeitig eintreffen.
Bisher hatte man das Geheimnis der neuen Marke zu hüten verstanden. Aber obwohl Feßler den Juwelier Unb Lederarbeiter in feierlicher Weise beschworen hatte, reinen Mund zu halten, mußten sie doch wohl nicht ganz diskret gewesen sein, denn schon auf der Versteigerung be,i Nidderkovp hatte der Weinhändler Kothe eine nicht nnßzu- verstehende Anspielung gemacht. Nun wurde Fritz mit Fragen bestürmt, wenn ein Geschäftskollege ihn traf. Genaueres wußte man ja nicht; man ahnte nur. Aber man ahnte doch das Richtige, unb der Konkurrenzneid regte sich wieder. Sehr erbost war der dicke Kupka, der die Lieferung hes Tcmfsekts für die Schiffe der deutschen Kriegsmarine hatte; er hatte das Gefühl, als wolle K. A. Friedel seine Kreise stören. Man hatte ja hin unb wieder schon davon gehört, daß Ballons mit flüssiger Luft getauft worden waren — über eine Luftschifftaufe mit Schaumwein war in den Augen von Kupka Söhne ein Konkilrrenznianöver ganz niedriger Art. Der lange Rickert hielt die ganze Spekulation jfür verfehlt. Er wollte gehört haben, daß der Ausstieg des Mbeelenschen Ballons sich zu einem ungeheuren Reinfall gestalten werde —i NG und bann konnten auch bie Friedels
Merkwürdig war, daß der alte Opa, obwohl er Abeelen gar nicht kannte, mit fester Zuversicht an das Gelingen des Unternehmens glaubte. Das Interesse des Kvmmerz.en- rats für die Angelegenheit Ivar dagegen sichtlich gesunken. Von dem Tage ab, da Fritz in das Geschäft eirigetreten) war, schien bei ihm die Freude an der Arbeit erlahmt zu sein. Er führte das bequeme Dasein eines Privatiers der von seinen Renten lebt, stand spät auf, zeigte sich nur vorübergehend in den Bureaus und fuhr gcw.hiuich schon in den Nachmittagsstunden nach Wiesbaden, um erst in der Nacht wieder heimzukehren. Es widerstrebte Fritz, ihn beobachten zu lassen, obwohl er es gern getan hatte, denn er war überzeugt, daß der Alte auf nicht ganz lichten Wegen wandelte. Feßler hatte nicht herausbekvmmen können, ob der Kommerzienrat für das Leben der Gräfin Orczelska sorgte. Sie bezahlte ihre Rechnungen im Nassauer Hof selbst; bas stand fest, wollte aber nichts sagen. Der Kommerzienrat konnte mit seiner Börse trotzdem gefällig hinter ihr stehen.
(Fortsetzung folgt.)


