Ausgabe 
5.9.1910
 
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wie traurig er dastand! vor ihiü niederstürzend, um­fing sie seine Knie, atemlos stammelte sie:Gnädiger Paine, guter Panic! Daß heilige Mutter ihn segne, miliwnenmal. Hat er sehr freundlich gesprochen mit arme Marynka, wird sie ihm dankbar sein ihr Leben lang ! O!" Sieh da, lächelte er nicht schon ein wenig?! Sie küßte und drückte stürmischer sein Knie.Ist er sehr gut gewesen', wird sie das me ver­gessen, kleine Marynka! War nie .jemand gut gegen arme Marynka ihr Leben lang!" Lachend und weinend rutschte sie vor ihm.

Armes Kind! Von einem tiefen, Weichen Gefühl er­regt, ging Doleschal nach Hause, lieber den Aeckern schwebte Duft, der ganze Zauber des Frühlings. Jetzt empfand er ihn. Ach, dieses Land, ausgenutzt, ausgesogen, zertrampelt von vielen Füßen, war doch noch jungfräulich, doch noch fähig, zu empfangen und Frucht zu bringen dem Liebenden Wie konnte er nur daran denken, den Kampf aufzugeben?! Nein, noch einmal ans Werk!

Wie durch einen Zauber neu belebt, ward Doleschals Seele fast heiter. Diese schüchternen, gestammelten, ge­schluchzten Worte des armen Kindes, was hatten sie nicht alles in sich an beschwörender Kraft!

In der diesem Tag folgenden Nacht hatte Doleschal sehr sanft geschlafen. Und auch den nächsten Tag war er noch heiter, er dachte gar nicht mehr an jenen unangenehmen Besuch. Aber dann?! Was sollte er jetzt nur Helene sagen? Ihr Blick ging immer mit ihm, fragend, forschend. Nein, vorderhand durfte sie nichts erfahren! Es war ja so unglaublich von Kestner, fast albern, so über alle Maßen unverständig! Warum sollte er feine arme Frau fchon jetzt Mit Dingen ängstigen, die sie ja, schlimmsten Falles, doch immer noch früh genug erfuhr?!

Kestner hatte ihm einen Brief geschriebeii, ihm, ihm, dem Freiherrn von Doleschal- und er, er, der Freiherr von Doleschal, der nie einen Flecken auf seiner Ehre ge­duldet hatte, sollte sich den ruhig einstecken? Beleidigungen fordern eine Sühne freilich, so hatte Kestner auch ge­schrieben. Lag nicht eine versteckte Drohung hinter diesen Zeilen?

Doleschal grübelte viel.Ich schreibe, habe sehr viel zu schreiben," sagte er zu Helene. Wer er schrieb nicht; auf Kestners Gries hatte er noch gar nicht geantwortet. Aber ihn viele Male gelesen. Am Schreibtisch sitzend, auf die grüntuchene Platte den Arm gestützt und hiuausstarrend durchs blanke Fenster auf den-blanken See, verbrachte er Stunden. Selbst nicht die jauchzenden Stimmen seiner Kin­der, die von den Terrassen unten am See zu ihm herauf­tönten, scheuchten ihn auf. In Worten sagen, was ihn so niederdrückte, was langsam, langsam, aber stetig wie mit schweren Flügeln sich ans ihn niedersenkte, sich wohl einmal wieder lüftete für Minuten, Stunden, sogar für Tage, um dann doppelt fchwer niederzusinken- das hätte er nicht gekonnt. War es wirklich nur das Zerwürfnis mit Kestner, das ihn .quälte? O nein darüber mußte er fast lächeln. Das war den Kummer nicht wert, das gab jetzt nur den Anlaß. Wenn der alte, kindische, eitle Mann, ihn vor die Pistole fordern wollte, nun warum nicht? Ein Küall und so vieles könnte vorbei sein, würde vorbei fein! Dort unten am See, vom Lysa Gora geschützt gegen die Winde des offenen Landes, schlief sich's gut.

Nun, und wenn sie ihn nicht wählen würden ach, das hatte er ganz vergessen, nächste Woche mußte er ja in der Kreisstadt und dann in verschiedenen anderen Orten, Ackerstädtchen und Dörfern Wahlreden halten dann war es auch gleichgültig! Ungeduldig sprang er aus: ach, er war zu müde, zu müde! Nein, er mochte nicht mehr, er konnte nicht mehr, er hatte es satt! Sollte er sich etwa von Löb Scheftel und Genossen ihrer Stimmen versichern lassen? Ein Ekel packte ihn. Und jemand anders würde wohl kaum für ihn stimmen trotz all der Liebenswürdig­keiten in Berlin, trotz der anerkennenden Versicherungen maßgebender Kreise. °Was wußten die so weit ab, so fern was wußten die darum, wie es eigentlich hier stand?! Was man nicht im täglichen Leben so nahe vor sich sieht, so nahe fühlt, so Brust an Brust, wie der keuchende Ringer den Gegner im Faustkampf fühlt, das kennt man nicht. Aber er, er, der täglich, stündlich, immer, all die großen und kleinen Stöße parieren mußte, die dem Deutschf- tum drohten, er wußte wohl, was hier not tat. Weri und zum ersten Male stieg in ihm ein Zweifel aus, ein

Zweifel, der ihn erschütterte aber war er, er nicht der nur, der gesandt war, anderen den Weg zu bereiten?! ^-i Herr Kestner auf Przhborowo hatte so ziemlich die Besinnung verloren. Vergebens suchte ihm fein ältester klar zu machen, daß es unmöglich in Doleschals Absicht ge­legen haben könne, Kornelias Mädchenehre anzutasten; dies ebensowenig, wie es seine Absicht gewesen sein konnte, den Vater zn kränken. So empfindlich der Rittmeister selber auch von der Sache berührt war Teufel nochmal, wie kam Hanns-Martin dazu, das harmlose Kind zu verdäch- tägen?! da glaubte er doch seinen Freund freisprechen zu

IttilffCTt.

So r so, aber wenn er sich nun in den Kops gesetzt hat, mir den tüchtigen Inspektor wegzubeißen, koste es, was es wolle?" , , , , ,

Aber Papa!" Jetzt mußte der Sohn doch laut lachen. Wie kannst du nur so was denken?"

Du kennst diese Hakatisten nicht," grämelte der Vater. Was die Kerle alle stänkern! Nie haben wir früher so viel Krakeel in der Provinz gehabt! Deutsch, deutsch, deutsch als ob der Szulc nicht zehnmal besser mit Land und Leuten Bescheid wüßte! Wir gehen zugrunde; aber nur an diesen Wühlereien! Ich hab's satt,". er streß mit dem Fußich ziehe nach Posen!"

Wenn du verkauft hast, Morrtz," warf Frau Kestner ein, die mit tief verstimmtem Gesicht am Kaffeetrsch faß, trotzdem ihr Liebling, der Rittmeister Paul, heute, vor einer Stunde erst angekommen war.

Nein, auch weun ^ch nicht verkaufe," beharrte Kestner eigensinnig.Seit dieser Geschichte mit dem da" er warf einen Nicker über die Schulter nach der Richtung von Niemczyceist mir's nun ganz hier verleidet. Ich werde doch mein einziges Kind

Bitte, Papa, nur sind doch auch noch da," bemerkte trocken der Rittmeister.

Ach, ich meine ä du weißt ja schon!" Aergerlich fuhr der Vater auf.Tochter, meine einzige Tochter, meine ich. Ich werde doch Kvrnelia nicht solchen Brutalitäten aussetzen! Hier ist's mir nicht mehr reinlich genug, alle Verhältnisse sind unsauber. Ich will wenigstens auf meine alten Tage meine paar sauer erworbenen Groschen in rein­lichen Umgebungen verzehren!"

Der Rittmeister, der seine langen, glänzend polierten Fingernägel angelegentlich betrachtet hatte, sah jetzt doch auf:So, also nach Posen? Ist auch 'n netter Ort. Na, wie du meinst, Papa! Wenn ich nur meine Zulage kriege!"

ga" der Vater zog bedenklich die Augenbrauen in die Höheja, lieber Sohn! Aber du kannst ja Przhborowo übernehmen!"

Den Deibel werde ich!" Ganz empört sprang der Rittmeister auf.Eher schieße ich mirne Kugel durch den Kopf, als daß ich hier auf der Klitsche Kartoffeln buddle. Ne, Papa, alles kannst du von deinem Sohn ver­langen, nur das nicht!" . . , , .

Du wirst dem Niemezyeer gründlich die Wahrheit sagen!" rief Kestner rasch, und etwas wie Haß sprühte ut seinen Augen auf. ch > , .

Ich? Aber Papa!" Paul sah etwas betroffen dreiU. Ich denke, Papa, das hast du selber schon besorgt. Und hast du ihm nicht noch, dazu einen ganz, gehörigen Bries hingepfeffert, wie Mama mir sagte?"

Hab' ich, hab' ich! Aber glaubst du, der hat mir ge­antwortet? Einmal schon es ist schon eine Weile her, auf einem Jagddiner bei Garczynski war's hat der hochnäsige Mensch sich nmgedreht und mich stehen lassen ohne ein Wort, zum zweiten Mal passiert mir's mcht mehr! Wozu habe ich denn Söhne? Mein Gut will keiner über­nehmen, aber für meine Ehre wird doch wohl einer ein- treten. Oder nicht?" Aufgeregt war Kestner ausgespungen, die Hände aus den Tisch stützend, sah er den Sohn mit tränensunkelnden Augen an.

Aber Papa, Papa! Ihr seid hier alle so schrecklich aufgeregt, direkt cholerisch, weiß der Himmel, woher das kömmt! Beruhige dich doch! Natürlich, wenn du's wünschest, werde ich mit Doleschal reden und"

.Du wirst ihn fordern!" stieß der Alte heraus. Die Wut, die ihn überkam, erstickte seine .Stimme; er zitterte.

Moritz, Moritz!" Frau Kestner sprang besorgt auf. Um Gottks willen, errege dich doch nicht so!"

Aber Papa!" Des Rittmeisters frisches Gesicht zeigte plötzlich einen ihm sonst fremden Ernst. Er runzelte die