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Stirn, und dann sagte er gehalten: „Du scheinst dir das „Fordern" doch etwas leichter vorzustellen, als es ist, Papa! Ein Duell ist kein Kinderspiel, mau bricht es heutzutage —i selbst bei uns — nicht mehr so vom Zaun. Und noch dazu in diesem Fall. Doleschal ist mein guter Freund .gewesen, als ich noch ein dummer Junge war!"
„Mich rührt der Schlag," ächzte Kestner und griff mit den Händen um sich.
„Ich werde ja zu ihm hingehen und mit ihm sprechen, Papa — wenn du es wünschest gleich ! Ich bin überzeugt, daß
„Warte, warte nur bis morgen!" Die Mutter zog den Sohn, der sich jetzt eben erhoben hatte, mit einer gewissen Besorgnis wieder nieder. „Wir wollen die Sache doch erst noch überlegen. Ich bitte dich, Kestner, du kannst doch wirklich von Paul nicht verlangen, daß er sein schönes) junges Leben so aufs Spiel setzt, einem Nichtswürdigen — ja, lieber Moritz, da bin ich ganz deiner Ansicht —. einem! Nichtswürdigen sich ausliefert!"
„Und Kornelia, Kornelia —?! Und keine Antwort, nicht einmal eine Antwort hat er mir geschrieben! Kein Wort der Entschuldigung! Dieser Hakätist, dieser hochnäsige! Was hat der hier schon alles verbrochen! Längst hätte die Kommission mir ab gekauft, wenn der nicht wäre! Aber so werden nur die Polen chre Güter los — raus sollen oie nm jeden Preis — und Preise kriegen sie, Preise! Wir Deutschen bleiben einfach sitzen — wir sollen ja bleiben! Lauter deutsche Besitzer, nur Deutsche — als wenn das Land dadurch deutsch würde! Lächerlich!" Kestner lachte zornig auf und hätte die Stimme so laut erhoben, daß Pan Szulc, der gerade vom Hof hereinkäm und einen Bericht in der Studierstube abstatten wollte, aufhorchte und vor der Tür der erregten Stimme seines Prinzipals' lauschte. „Dieser Hakatist, dieser Polenfresser! Verdreschen sollte man ihn, ihm eins auf den Mund geben, daß er still wird wie ein Mäuschen! Dann erst wird es hier besser werden, wenn der zum Schweigen gebracht ist!"
„Aber Papa!" Das war nun heute schon das soundsovielte Mal, daß der Sohn „aber Papa" sagte.
Werstimmt stand der Rittmeister auf: mit dem alten Herrn war wirklich kein vernünftiges Wort zu reden, der war so gereizt wie der Stier, denk man ein rotes Tuch vorhält! Aber von der Mutter ließ er sich in ein stilles Eckchen ziehn. Dort flüsterte sie mit ihm.
(Fortsetzung -folgt.)
Doppelgängertragödren.
Kon D r. Albert Hellwig (Hermsdorf).
Unter !Djoppelgänger verstehen wir hier einen Menschen, der hinein andern äußerst ähnlich sieht, so daß es schwer ist, sie zu unterscheiden. Solcher Doppelgänger laufen gar viele tausende auf dem Erdball herum, ja vielleicht Hunderttausende oder gar Millionen herum. Natürliche Doppelgänger sozusagen sind Zwillingsschwestern oder Zwillingsbrüder; auch ist nichts auffallendes darin zu sehen, daß nahe Verwandte einander oft zum Verwechseln ähnlich sehen. Tas ist von vielen gekrönten Häuptern allgemein bekannt, so z. B. von Zar Nikolaus und dem König von England. Aber auch zwischen nicht verwandten Personen kommen frappante Achnlichkeitcn vor und wird wohl einem jeden aus seinem Bekanntenkreise das eine oder andere Beispiel bekannt sein. Auch unser Kaiser hat seinen Doppelgänger und zwar in einem' Jnfanterieosfizier, der in der französischen Garnisonstadt Sfoissons steht und der wegen dieser auffallenden Aehnlichkeit allgemein l'empereur genannt wird, während seine Braut als l'imperatrice bekannt ist.
Bei der Suche nach dem Mörder Hennig wurden mehr als ein Dutzend Personen verhaftet, die zum großen Teil eine auffallende Aehnlichkeit mit dem gesuchten Raubmörder hatten. So wurde eines schönen Tages mit großer Bestimmtheit gemeldet, der Verfolgte halte sich in Marienfelde auf. Sofort wurden Kriminalbeamte dorthin entsendet, welche icnschwer feststellten, daß der Sistierte nicht Hennig, foitixrn ein harmloser Bäckergeselle war, der allerdings aber eine frappante Aehnlichkeit mit dem Bilde des Mörders hatte. Ein anderes, noch mehr überraschendes Beispiel ist folgendes. Der nachts von Berlin nach Wien fahrende Schnellzug wurde in Tetschen auf den Raubmörder durchsucht, da der Kondukteur und verschiedene Reisende in einem Mitreisenden den Langgesuchten zu erkennen geglaubt hatten und die Dresdener Polizei benachrichtigt hatten, die ihrerseits wieder nach Tetschen telegraphierte. Der betreffende Reisende, dessen Acußercs genau mit dem Signalement des Hennig übereinstimmte — sogar die Halsnarbe fehlte nicht - wurde im Schlafwagen geweckt, konnte
sich aber als' ein auf der Fahrt nach Wien begriffener Aristokrat legitimieren.
So peinlich dieser Verdacht auch für den Reisenden' Ivar, so entstanden für ihn doch daraus keine weiteren Unannehmlichkeiten. Doch nicht immer ging es für die falschen Hennigs so glimpflich, ab. So war gleich zu Anfang der HennigjagÄ ein Doppelgänger von ihm, der aus dem Arbeitshause entsprungen war, verschiedentlich so schwer mißhandelt worden, daß er sich nur mit Mühe flüchten konnte und herzlich froh war, als Polizeibeamte ihn festnahmen. Auf den Knien bat er, ihn doch ja nicht wieder frei zu lassen, da er sonst noch totgeschlagen würde. Freilich wäre er, und ohne daß er darum noch besonders gebeten hätte, in das Arbeitshaus wieder übergeführt worden. Auch ein anderer, der sich von Hennig fast nur durch das Fehlen der Narbe unterscheidet, hatte starke Kratzwunden und war öfters! windelweich! geprügelt worden.
Doch ist dies' immerhin ein, wenngleich für den davon Be- trostenen recht unangenehmes, doch relativ kleines Mißgeschick. Oesters kommt es aber auch vor, daß der Verhaftete auch von den Behörden für identisch mit einem Verbrecher gehalten wird.
So lesen wir im „Archiv für Kriminalanthropslogie" folgend den Fall. Ein eingelieferter Landstreicher sollte nach Annahme der Behörde mit einem gewissen Starke identisch sein. Er wurde auch von vielen Personen, die jenen Skarke vor 16 Jahren genau gekannt hatten, so von Stiefgeschwistern und Schulkameraden, mit voller Bestimmtheit rekognosziert. So erkennt z. B. ein Schulkamerad in ihm nicht nur den Starke, sondern meint auch „sogar die Stimme kommt mir bekannt vor", und sein Stiefvater sagte unter Eid aus: „Das ist der Joseph Skarke, nicht eine Faser hat sich au ihm geändert." Nur wenige Zeugen waren ihrer! Aussage nicht ganz sicher, und Nur ein einziger bezweifelte die Identität. Die ärztliche Untersuchung und Messung ergab nichts/ was gegen die Identität sprach; und da auch die Schreibsachverständigen erklärten, daß die vorhandenen Schriftproben des Skarke mit der Handschrift des Eingelieferten identisch seien/ verurteilte das k. k. Kreis- und Schwurgericht in Nentitscheinj den Angeklagten am 18. Oktober 1893 wegen Verbrechens des Raubes und Diebstahls zu lebenslänglichem Kerker. Am selben! Tage aber gab der Verurteilte seinen wahren Namen, Florian; Beck, an, den er sich bisher hartnäckig geweigert hatte, zn nennen., Seine Angaben wurden als zweifellos wahr erwiesen, er war eist vielfach vorbestrafter Landstreicher. Im Wiederaufnahmeverfahren wurde er auf Kosten der Staatskasse freigesprochen.
Ein ähnlicher Fall beschäftigte vor anderthalb Jahren das Berliner Schöffengericht. Ein Hausdiener H. hatte int Juli 1904 von einem unbekannten Manne eine fast wertlose Uhr für 6 Mark gekauft, nachdem ihm ein „zufällig" hinzukommcnder Komplize des Gauners den Wert der Uhr bestätigt hatte. 'Diesen Dritten! glaubten H. und ein gewisser Ti., der während des ganzen Vorganges in der Nähe gestanden hatte, eines Tages aus der Straße; zu erkennen und ließen ihn verhaften. Es war der Angeklagte^ Auch im Termin behaupteten beide, in ihm den Gauner mit Bestimmtheit wieder zu erkennen. Zum Glück vernrochte der Astgeklagte, dem übrigens von allen Seiten das beste Zeugnis aus^ gestellt wurde, durch einen einwandfreien Zeugen R. nachtzn!- weisen, daß er an dem fraglichen Abend in einem ganz andern Stadtteil mit dem Zeugen gewesen war, an der Gaunerei als» gar nicht teilgenommen haben konnte. Er wurde daher auch auf Kosten der Staatskasse freigesprochen.
In vielen Fällen gelingt es aber den Angeklagten nicht); den Alibibeweis zu fuhren. So hat sich schon manche Doppel- gäugertragödie abgespielt. Am bekanntesten dürfte wohl der Fall Beck sein, wohl der merkwürdigste Justizirrtum, den die Annalest der englischen 'Kriminalgeschichte zu verzeichnen haben.
Im Jahre 1895 wurde in London ein norwegischer Untertan!/ namens Adolf Beck, auf die Anzeige eines Mädchens verhaftet, das von ihm durch falsche Vorspiegelungen um Geld und Schmucksachen gebracht worden zu sein behauptete. Während der polizei- gerichtlichen Voruntersuchnng gegen den Häftling meldeten sich noch neun weitere Frauenspersonen, die ähnliche Anschuldigungen gegen ihn vorbrachten. Seiner Versicherung, daß alle zehn Zeuginnest sich in der Person irren müßten, wurde kein Glauben geschenkt, er wurde vielmehr schuldig befunden und zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Fünfzehn Gnadengesuche, die er . an das Ministerium des Innern richtete, wurden, als unzureichend begründet, abgewiesen. Nur der allen Sträflingen bei guter Führung gewährte Strafabzug wurde ihm zu teil, d. h., er wurde nach Verbüßung von fünf und einem halben Jahre entlassen. Alle Be- mühungen, die er seither zum nachträglichen Beweise seiner Unschuld unternahm, blieben erfolglos, — ja, er wurde sogar tmi Sommer 1904 auf Grund einer ähnlichen Anzeige abermals ver- Ijaftet, und abermals fand sich eine Reihe von Zeuginnen — diesmal sechs —, die in Beck mit aller Bestimmtheit den Mann wiedererkennen wollten, der ihnen Wertgegenstände abgeschwindelt hatte. 'Daraufhin sprachen ihn die Geschworenen abermals schuldig, der Richter aber verschob die Verkündigung des Urteils. Inzwischen. nahm die Kriminalpolizei einen Menschen namens! William Thomas fest, der einer ganzen Reihe von Mädchen mehr oder minder guten Rufes gegenüber folgendes Betrugsverfahren an- gewandt hatte. Er schrieb an das von ihm ausersehene Opfer


