Ausgabe 
5.9.1910
 
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Montag den 5. September

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Das schlafende Heer.

Roman von Clara Biestig.

^Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Ungefeitet war Doleschal zur Haustür h'inausgegangen. Ganz benommen, wie betäubt. Also das war der Erfolg?! Er kam sich vor wie ein dummer Schuljunge. Hatte er denn noch immer nicht ausgelernt? Wie anders hatte er sich sein Herausgehen aus diesem Hause gedacht! Er hatte geglaubt, Kestner würde ihm die Hand drücken, und er hatte gehofft, durch diesen wirklichen Freundschaftdienst wie­der gut zu machen, was er einmal in unbedachter Gereiztheit dem alten Herrn Unliebenswürdiges angetan. Gehofft. -gehofft! Er lachte bitter. Wieder einmal auf Unmög­liches gehofft. Warum hoffte man eigentlich immer wieder für was für wen?!

Die ganze Qual seines Daseins hob sich vor ihm auf und die Fruchtlosigkeit seines Ringens. So wie Kestner, so waren sie alle, alle. Ein wenig besser, ein wenig schlimmer, aber alle ohne Verständnis. Das ganze Volk. Was man ihnen auch Gutes tun wollte, sie stießen es von sich. Ueberall Nichtverstehen, Stupidität, Trotz und noch viel Schlimmeres: Tücke, Haß! War es dieses Land wert, daß man es auf blutendem Herzen trug tote ein Vater ein geliebtes Kind, das ihn oft kränkt und ihm doch immer gleich teuer ist?!

Eiue ungeheure Bitterkeit wallte in Doleschal auf. Dieser unangenehme Zusammenstoß mit dem Nachbarn hatte Quel­len aufgerührt, die noch verschüttet gelegen hatten. Der kleine Zufall wurde ein großer Vorfall nein, nun war es ihm deutlich gezeigt, hier war nichts zu machen! Er war am Ende, ihn ging's nichts mehr cm; mochte jetzt ge­schehen, was da wollte, er würde keine Hand mehr heben, kein Wort mehr dazwischenrufen! Mochten sie polnisch wer­den bis in die Knochen, und mochten sie samt den Polacken selber verkommen in Schmutz und Suff und Verdummung! Mochte dieses Land ausgenützt, ausgesogen werden, ganz unter die Füße kommen! Wer darin war eines besseren Loses wert?! Sich ganz zurückziehen würde er nun, sich ganz auf sich selbst beschränken. Aber da dünkte ihn plötzltch der sonnige Frühlingsvormittag dunkel und kalt; ihn fröstelte.

Als er, ohne zu sehen, über den Hof stolperte, den Blick finster gesenkt, hörte er ein Weinen. klang »so jämmerlich wie ein hilfloses Kinderweinen. Und nun konnte er den Mick nicht zur Erde gesenkt lassen. Er. sah sich um da kauerte, wenig Schritte von ihm entfernt, beim Hof­pfuhl ein junges Ding auf den Hacken. War das nicht das kleine Hühnermädel, das ihn vorhin so flink int Herrenhaus angekündigt hätte? Jetzt saß es hier wie eine Trauernde. Neben dem Pfuhl war eine Mulde im schlammigen Grund gusgeschaufelt, darin lag auf der Seite, bis an die Ohren

mit Schlamm bedeckt, ein junges, noch nicht ausgewachsenes Schwein. Es war häßlich betupft, ganz blaurot angelaufen, und so regungslos lag es, als wäre es schon tot; nur die Ohren zuckten noch. Die Magd war so versunken in ihren Grain, daß sie gar nicht merkte, wie jemand zu ihr trat. Den Kopf auf die Knie gelegt, stöhnte sie herzbrechend.

War das Mädel krank? Doleschal tippte ihr auf die

Schulter.

Die kleine Marynka hob das vom Weinen verschwollene, ganz erhitzte Gesicht. Mit großen, erschrockenen Aügeü starrte sie den gnädigen Herrn von Niemczyce an: was hatte sie dem getan? Er sah streng aus wie Pan Keszner, wie Pan Szulci wie alle, alle! Unwillkürlich duckte sie sich.

Ist das Schwein krank?" fragte Doleschal.O weh, Rotlauf!" Er betrachtete es.Schade um das Tier, es trcpictt!"

Die kleine Marynka horchte auf: war der nicht mitleidig? O ja! O ja! Auf ihre Füße springend und dann tief ein-- knicksend und nach dem Aermel seiner Joppe haschend, stammelte sie:Mein Schweinchen, Ringelschwünzchen, mein bestes Schweinchen! Kann ich aber nicht dafür, daß stirbt. Werd' ich doch nicht schlecht passen auf Ringelschwänzcheü, mein bestes Schweinchen, wenn sich Mamsell auch so sagt. Psia krew!" Den Kindermund auswerfend, machte sie ein! kläglich-trotziges Gesicht, und ein Strahl von Tücke blitzte in ihren scheuen Augen.Mag sie, macht sich kleine Marynkck nicks draus! Aber Schweinchen, Schweinchen, liebes Freund von kleine Marynka, darum weine ich!"

Wem gehörst du?" fragte Doleschal.Gehörst du dem' Kuhhirt oder vielleicht einem der Fornals?"

Ist sie dem Herr Keszner seine," sagte sie unschüldtg und stieß sich mit dem Zeigefinger vor die Brust,Wetß sie nicht, wer Eltern waren, sind sich lang tot. O weh, kleine Marynka, armes Waisenkind, sieht sterben liebes Freund!" Die Hände ringend, fing sie von neuem an, bitter­lich zu weinen. . t ,

Da!" Doleschal faßte in die Hosentasche, nt der er das Geld lose trug.

Was er herauszog, besah er ntcht es wär wtrkltch gleichgültig, ob es vielleicht zu viel war,mochte das arme Ding sich einen guten Tag machen! So viel Tränen um ein Schwein, um ein Schwein Herr Gott, diese Arm- seligkeit! Befaß sie denn weiter nichts auf der Welt zumt Lieben als ein unvernünftiges Stück Vieh? Es schwoll ihm etwas im Herzen ttnd stieg ihm in die Kehle; kurz weudete er sich ab. ., , ,,

Sie blieb zurück wie betäubt vor Erstaunen. Sie hatte ihm noch das Knie küssen wollen, den Segen aller Heiligen auf ihn herab wünsch en, nun war er schon gegangen, nun würde er gewiß denken: kleine Marynka ist undankbar. O nein, o nein! Hat sie ein Herz, die kleine Marynka!

Wie der Wind war sie hinter ihm drein. Draußen an der Akazie Dornt Hoftor ereilte sie ihn noch steh,