freit fikhrt mich zu Ihnen. Ich möchte Ähre Hilfe in An spruch nehmen.

Bitte, ich stehe ganz Kur Berfügung.

Es handelt sich um einen Scherz

Der Oberstleutnant sagte: Ach so> ja dann natürlich, es war ja auch nur eine Frage.

Ludwig fuhr fort:

Aber ich will zu der andern Sache zurückkehren, wes­halb ich eigentlich gekommen bin. Ich sprach von meiner Stellung hier. Ich habe mich gewiß, denke ich, immer korrekt benommen. Wie komme ich nun dazu, daß jemand, der an meinem Tisch sitzt, dumme Witze über mich macht? Gewiß war ich verdutzt, daß mein Vater plötzlich erschien, aber . . .

Ludwig wurde unsicher, wie jemand, der nicht ganz pvn dem überzeugt ist, was er spricht, ohne gerade die Un- ivahrheit zu sagen:

. es war mehr, weil es eben überhaupt un-an­genehm ist, wenn einer so hereinplatzt. Hab da wagt je­mand zu behaupten, ich schämte mich meines Vaters? Dazu hätte ich keine Veranlassung. Gewiß, er gibt nichts auf sein Aeußeres, aus Formen, aber wenn ihn Seine Majestät unser allergnädigster Kaiser so ausgezeichnet hat, ist es dann wohl wahrscheinlich, daß ich mich eines solchen Mannes schämen würde? Und da kommt ein Herr, ich weiß ja nicht, wer es ist, und stellt eine Behauptung von mir auf, die einfach ich suche einen Ausdruck genug, die ich mir nicht gefallen lassen kann.

Der Oberstleutnant meinte ruhig:

r- Herr Droesigl, cs ist vielleicht nicht so gemeint.

- Bitte, Herr von Herrnwerth, man muß so etwas so auffassen, wie man es selbst empfindet.

Das ist int Sinne eines Offiziers gedacht. Wer sich beleidigt suhlt, ist es. Also darf ich nm Näheres bitten?

Ludwig nahm seine Brieftasche heraus, und unter Vi­sitenkarten und Taitsendmarkscheinen kam die Tischkarte zum Vorschein. Er öffnete das schräg gekniffene Pappblättchen, auf dem eine kleine Lithographie des Schlosses Kölln zu sehen war und darunter gedruckt die Speisenfolge, drehte W herum und zeigte, was mit Bleistift gekritzelt stand. Oberstleutnant von Herrnwerth las laut vor:

Den Alten zeigen sie nicht, der wird sonst versteckt.

Fast schwebte eilt Lächeln um sein Gesicht:

Das ist in der Tat ein törichter Scherz. DarHbers dürfen Sie sich aber nicht so aufregen. Uebrigens, etwas ist Wbei von Belang. Das ist Ihnen dock nickt versönlich ge­geben worden?

Es handelt sich um eilten Scherz, der gestern ge­macht worden ist. An meinem Tisch von meinen Gästen über mein Haus gemacht worden ist. Ich bin sonst nicht empfindlich und verstehe wohl einen Spaß. Mer es gibt Augenblicke, wo das aushört.

-- Ich kann mir schon denken. . .

Gestatten Sie, Herr von tzerrnwerth, daß ich Ihnen einmal nicht nur meine Meinung sage, sondern mein Herz ausschütte.

Ich bin hier in Verhältnisse hmeingekoinmen, in denen ich von Geburt an zwar nicht war, in denen ich aber, seit ich erwachsen, gewesen bin. Denn ich habe immer in der besten Gesellschaft verkehrt. Trotzdem bin ich sozusagen ein weißer Rabe. Ich bin unter Ihnen, bis auf Domänenrat Kühn und ein paar Herren unter, den Offizieren und den Honoratioren dieser Stadt, der einzige Bürgerliche.

Der Oberstleutnant legte ihm die Hand auf den Arm:

Aber lieber Herr Droesigl, tote können Sie sich daraus etwas machen. Ich habe im Regiment ein paar bürgerliche Herren, die mit meine besten Reiter sind, mit Meine besten Offiziere, die tadellose Formen haben, wie das bei einem preußischen Offizier nicht anders möglich ist übrigens, Sie sind doch Reserve-Offizier

Ludwig drehte heftiger seinen Hut:

Verehrter Herr von Herrnwerth, ich hoffe und denke, ich wäre e» geworden, wenn ich gedient hätte, aber ich bin für dienstuntauglich befunden worden. Das hat mich sehr geschmerzt, Uebrigens später erst. Ich will ganz ehr- lick) fein. Als ich mich als junger Mensch zum Militär stellte, war ich Unbrauchbar. Wenn ich es hätte erzwingen wollen, hätte ich vielleicht dienen können. Ich kann aber sagen, daß ich'es später sehr bebauet), habe, nicht gedient! zu haben. Aber es ist die alte Sache: die Erkenntnis konimt mt Leben immer zu-spät. Also das nur nebenbei wegen des Reserve-Offiziers.

, i Es fiel mir in die Hand.:

H- Ist eS Ihnen in die Hand gespielt worden?

r-. Es Warf jemand über den Tisch, und ich hob es auf.

Ach so, ein unglücklicher Zufall! Nicht für Sie berechnet. .

Ludwig schloß die Absätze und biß die Lippen aufein­ander. Der Oberstleutnant, der das Herz auf dem rechten Fleck hatte, es aber nicht liebte, wenn Angelegenheiten aus fröhlicher Gesellschaft Anlaß zu Zusammenstößen gaben, glaubte bett Punkt gefunden zu haben, um einzusetzen:

Das ändert die Sachlage allerdings wesentlich. Sie haben etwas genommen, das nicht für Sie bestimmt war.

Ludwig duckte sich ein wenig:

Bitte sehr, ich habe es nicht genommen.

Der Oberstleutnant verbesserte sich augenblicklich:

Es war nicht für Sie bestimmt, und Sie bekamen! es durch einen unglücklichen Zufall in die Hand. Daraus würde ich nichts machen, lieber jeden wird gespöttelt. Ich weiß zum Beispiel genau, daß ich im Regiment:Go on" heiße. Ich hatte nämlich die dumme Angewohnheit, bei jedem SprungGo on!" zu rufen, auch wenn der Gaul noch so stielend sprang. Das ist au mir hängen geblieben. Ins Gesicht sollte mich mal einer meiner Herten so nennen! Mer daß sie nicht sagen:Jetzt kommt der Herr Oberst­leutnant von Herrnwerth", sondern:Go on kommt!" na, da möcht ich doch daraus wetten. Wenn ich das nun zu­fällig so hörte würde ich doch tun, als hätte ich's nicht! gehört! Was?

Er lachte fröhlich. Ludlvig behielt sein ernstes Gesicht.

Aber ich muß der Sache auf den Grund gehen.

Oberstleutnant von Herrnwerth holte einen Kneifet zwi­schen zwei Knöpfen des Ueberrockes hervor, setzte ihn auf die Nase und betrachtete die Tischkarte. Et wendete sie um und um. Plötzlich ließ er sie sinken und blickte Ludwig an:

Sehen Sie mal, sehen Sie mal!

Und er zeigte die weiße Rückseite, aus der in nndeut- licher Schrift, da das Glanzpapier den Bleistift nicht or­dentlich angenommen hatte, stand:

Frau von Mengen.

Ludwig beugte sich darüber. Es wat in der Tat kaum leserlich, und er hatte auch immer nur die andere Seite betrachtet. Der Oberstleutnant meinte:

Das ist eine Adresse. Hören Sie mal, verehrtes Freund, ich glaube, wir lassen dann die Sache lieber auf sich beruhen.

Ludlvig wat zu sehr erstaunt, daß er in blindem Aetger gar nicht daraus gekommen, die Rückseite der Karte zu betrachten:

Wieso?

Weil es so ein Brief ist, wenn auch ein offenerV an jemand anderen gerichtet, den Sie, natürlich ohne böse: Absicht, gelesen haben. Das ist Pech. Aber ich würde daranf- hin die Sache wirklich nicht weiter verfolgen. Uebrigens! rauchen Sie vielleicht?

Er boi ihm eine Zigarre an und fuhr fort:

Sie setzen sich dein aus, daß der Briefschreibev, wenn wir ihn wirklich herauskriegen, und ich hätte das ja gern für Sie übernommen

Ludwig verbeugte sich.

* So hier ist, zum Abschneiden kurz, wir würden uns möglicherweise tüchtig blamieren, denn der andre könnte antworten: Es stand eine Adresse darauf; fremde Briefe liest man nicht.

Ludwig wurde unruhig auf seinem Stuhl:

Aber, ich habe doch eben erst die Adresse bemerkt« Das glaube ich gern, es ist ja auch kaum zu lesen- aber , . . pardou, Sie hätten wohl lieber eine Zigarette geraucht?

Danke, Herr von Herrnwerth. Ich meine nur, ich habe doch wahrhaftig keine Taktlosigkeit begehen wollen.

Das glaubt ja auch niemand. Wahrscheinlich ist der andere sogar froh, daß es noch so abgelaufen ist. Man muß für seine Handlungen zwar einstehen, aber für so ne Dummheit, wenn man ein Glas Wein getrunken hat, mein Gott! Ich würde unbedingt raten, in der An­gelegenheit nichts zu tun. : Was wollen Sie antworten, wenn der den Spieß umdreht und sagt:Ich kann doch nicht dafür, daß er fremde Briefe liest!"

iFortsetzung folgt.)