Ausgabe 
4.7.1910
 
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leite» int Benehme» des Hysterikers beit Eindruck tum Urteils- schwäche machen, so findet man diese Amrahme doch nur selten bestätigt. Biele, wenn nicht die meisten Erlebnisse außerhalb dieser Komplexe sind durchaus intellektuell verarbeitet und m das Gesamtbewutztsein ausgegangen, nur die assektbetonten Bor- stellnngen führen eine Sondereristenz und sind vom Bewiißtsem abgespalten. , z

Aus dem Ziisammentreten all der einzelnen Zuge und Er­scheinungen ergibt sich ein Bild, dessen charakteristische Zetchen auch dem Laien nicht zu entgehen pflegen. Nur, daß der mcht geschulte Beobachter sich weniger Reserven auszuerlegen braucht als der Arzt. Und das soll noch betont werden, daß nicht der eine oder andere Zug, so charakteristisch er auch sei» mag, allein ge­nügen kann, um für sich schon die Bestimmung der Hysterie zu- zi,lassen. Es kommt nicht auf die Einzelheit, sondern auf das Ganze an. P. I. Moebius, einer der beste» Kenner der Hysterie, hat einmal mit Recht gesagt:In irgend einem Grade ist jeder Mensch hysterisch."

Das Fremdenbuch

ist int Aussterben. Mehrere weite Reise» durch entlegene Teile Deutschlands habe» mich belehrt. Wie alle von der Zivilisation überwundenen oder überbotenen Einrichtungen findet mau's nur noch da, wo der Wellenschlag modernen Lebens int Verebben ist. Liib doch war's so lustig. Zu sehen, wer vor zehn Jahren in meinem Zimmer gehaust, welche Glücklichere» den Blick aus die See, die Aussicht auf schneegekrönte Berge länger als ich ge­nossen: zu erfahren, das; Freunde hier einen Becher geleert und Fremde eine Freundschaft geschlossen: und !vie reizvoll war es, die Schriften zu sehen, den Schriftsteller, der im Uulesarltchen 'Meister war, den Pädagogarchen, der feilte Angabe versäumte, den stolzen Sextaner mit eckig-deutscher Schrift, den Primaner, mit lateinischer kühn sich als. stud. litt, bezeichnend, bett Schwung desReisenden", die Würde des Forschenden, die Lehrerin- die ihren Gefühle» keine» Zivaug antat (es war schön!"), eine Familie, Glied für Glied, eingezeichnet, verwandt und verschieden in den Schristzeichen; die Zeichnungen und endlich: bie Verse, die abgeschmackten, bie dürftigen, bie holperig-rührenden, bie sen­timentalen, bie schwärmerischen. Schwärmen wir ruhig selbst ei» bißchen von dieser Unterhaltung stiller Negenabende!Es war

Heute empfängt mich der Zimmerkellner. In der Hand den .Block.Bor- und Zuname",Stand",Tag der Ankunft", >,. . . der Abreise",Alter (Jahr und Tag)", Orte woher und wohin des Wegs. Also ich schreibe, ivas mir gleich einfällt, das übrige dem Zimmerkellner (ich wiederhole mit Grimm diess Mistbildung!) überlassend. Aber schon kommt er, verlegen- verbindlich lächelnd, noch einmal.Ich must bitten, alles aus­zufüllen ..."

Ich weigere mich.Lieber Freund, es kann ja doch niemand interessieren, wie alt ich bin. Lesen kann's auch niemand. Ich bin Schriftsteller!"

Aber die Polizei!"

Also ich schreibe. Geboren 18 . .

Und noch bitte sehr, wohin reisen Sie?"

Nun wird's mir zu bunt.Das weist ich selber noch nicht!" Aber, verzeihen Sie, die Polizei. .

Nun, ich «weist wohl, der Kellner, der Wirt, der Portier, sie alle sind unschuldig. Die Polizei gebietet. Man kauft Blocks, »birst das Fremdenbuch weg, und die Gäste stehen zwei Tage nach der Ankunft im Tageblatt und eilten vorher schon in beö Polizeiliste. Man sollte sich strikte weigern, diese schikanöse In­quisition jeden Abend durchzumachen. Das ist meine ernstliche Meinung: auch hier ist einekleine Freiheit" zu verteidigen. Wozu mein Alter, mein Reiseziel, meine Zimmernummer? Wa­rum nicht gar die Zahl der mitgebrachten Gepäckstücke, Unter-. beinkleider, Kragenknöpfe? Wen schiert das alles? Warum macht man mir, dem Kellner, dem Wirt, dem Registrator die Kosten, die Mühe? Glaubt man, wer was verheimlichen will, wird teilten Weg zum Verheimlichen finden? Er braucht ja nur zu schwindeln! Vielleicht sieht das auch eine hohe Obrigkeit hin, und wir erreichen's, den Block mit seiner Lächerlichkeit Wieben los zu werben und einen alten Reisefreund wiederzusehen mit feinen unendlichen Ergötzlichkeiten: das Fremdenbuch.

Ezard N idde n.

Vermischtes.

Wohl b e in, ö e r S g (e i d; versteht! DieWelt der Technik" erk! rie auf Grund des Deutschen ReichSpätentS Nr. 173 378 kürzlich in einem AufsätzeDer Streit um die Wrightfchen Patente" die technisd)e Borriehtung eines Fliegers solgenderrnasten:Mit wagerechtem Kopfruder und senkrechtem Schwanzruder versehener Gleilflieger, bei welchem die beiden übereinander ungeordnete» Tragflächen an entgegengesetzten Seiten unter verschiedenen Winkeln niin Winde eingestellt werden können, dadurck) gekennzeichnet, das; Die Tragflächen biegsam gestaltet sind, behufs schraubensörmigen, initlels einer Stellvorrichtung zu bewirkenden Verdrehens um eine

quer zur Flugrichtung gedachte Achse, derart, daß die entgegen gesetzten Seiten der Tragstächen sich in der Flugrichtung unter verschiedenem Winkel ernstesten, und daß das Schwanzruder mit der Stestvorrichtimg derart gekuppelt ist, dass es dem Winde mit derjenigen Seite dargeboten wird, welche den unter dem kleineren Winkel eingestellten Tragflächenseiten zugekehrt ist, zum Zweck den ganzen Gleilflieger um die in der Flugrichtung liegende Mittelachse zu drehen, ohne das; eine gleichzeitige Drehung des Apparates um seine senkrechte Mittelachse erfolgt. Wer nun noch nicht weiß, was eineVerwindung" ist, heißt es dazu in der Zeitschrift deS Ast- gemeinen Deutschen Sprachvereins, dem ist nicht zu Helten.

* D i e E n t st e h u n g der E i s e n b a h n f a h r k a r t e n. In der ersten Zeit der Eisenbahnen behalf man sich mit Fahrt­ausweisen nach Art der Fahrzettel der Post, die nach Eintragung des Reiseziels, der Platznummer und des Fahrgeldes unterschriftlich vollzogen und mit Schwarzstempel versehen wurden. Als die Be­amten bei dem Andrang zum Schalter damit nicht mehr fertig wurden, griff man zu vollständig vorgedruckten Schemen auf dünnem Papier, die nur noch mit der Platznummer zu versehen waren. Erst 1841 wagte der Engländer Edmondson den Vorsd)Iag zu machen, den Text der Fahrkarten in kleiner Schrift auf hand­liche viereckige Papierkarten zu drucken, die der zufälligen Ver­nichtung besser standhielten und in der Westentasche oder in der Börse bequem unterzubringen waren; sie gelangten zuerst ans der Strecke von Manchester nach Leeds zur Einführung. In Deutsch­land und Oesterreich hatte, wie in so vielen anderen Fällen, Sankt Bürokratius die schwersten Bedenken, dem in England eingeschlagenen Wege nachzufolgen. Den Eisenbahngewattigen erschien namentlich die Verwendung des teueren Kartcms und die Möglichkeit des Nach­druckes zum Zwecke von Fälschungen in höchstem Grade anstößig, und noch 1849 konnte sich die in Wien tagende Generalversammlung des Vereins deutscher Eisenbahnen nicht zur Einführung entschließen. Es mußten noch 17 Jahre bis zum Jahre 1866 vergehen, ehe die ietzlen Zettel aus dem deutschen Eisenbahnverkehr verschwanden. Eine teilweise Auferstehung haben sie allerdings in den einzelnen. Blättern der zusannnenstellbaren Fahrscheinhelte gefunden, weil sie hier eben sehr zweckmäßig sind, ferner in den im Zuge Jelbfi zu bezahlenden Fahrscheinen tmb in den Ausweisen jener Glücklichen, denen die Direktioiien der Eisenbahnen in Turistenländern freie Fahrt gewährten.

* Brasilianischer Hochzeitskaffee. Gine eigenartige Voltssitte besteht in verschiedene» taffeebauen- ben Ländern, besonders in Brasilien. Wird ein Kind ge­boren, dann stellt man dort einen Sack vom allerbesten Kaffee beiseite als ein Geschenk für das Neugeborene, das den Kaffee aber erst bei seiner Heirat empfängt. Gewöhn» sich ist dieser Sack Kaffee eine Gabe von nahen Freunden oder Verwandten und wird mit größter Sorgfalt ausbe- wahrt, wie weint er kostbare Schätze enthielte. Nichts in der Welt könnte brasilianische Eltern dazu bewegen, von denk Kaffee zu nehmen, der ihrem Kinde bei seiner Geburt ge­schenkt wurde. Der Sack ist von dein Geber versiegelt und gewöhnlich mit einer Karte versehen, auf der die besondere Art und das Alter des Kaffees angegeben ist, Einzelheiten aus dem Leben des Kindes werden von den Eltern hinzu- gefügt. Zum erstenmal geöffnet wird der Sack, wenn das Kind heiratet. Dann wird der Hochzeitskaffee aus diesen, so bedeutungsvollen Bohnen bereitet und mit großer Feier­lichkeit getrunken. Der Sack wird nach der Hochzeit wieder geschlossen und dem jungen Paare in sein neues Heim gebracht. Die Eheleute decken nun in ihrem ersten Ehejahr ihren Kgfsebedarf ans diesen dem Kinde gespendeten Bohnen.

* O we h! Mutter:Schorschl, is bet Baier immer noch int Wirtshaus?" Schorschl:Nee!" Mutter:Na, Gott sei Dank! Wo ist er bett»?" Schorschl:Im Chausseegraben!'

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Obgleich ein Wenzel und ein im Skat liegen, geht bas Spiel verloren. Wie saßen bie Karlen und wie wurde gespielt? Auslösung tu nächster Nummer.

Auflösung deS Tauscbrälsels iu voriger Nummer: Afd)e fljonb Hab Wichel Huber 1'ops iiachs O()r Wegen Trituf Lahn Km Neff Lladel: A l b e r t L o r tz i n g.

Nedaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl' scheu Universitäts - Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Dießen.