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lange der einfachere hysterische Charaktertypus gemeint ist; die komplizierten und schweren Ki'ankheitsbilder entziehen sich seiner Kenntnis. Er hält eine Person für hysterisch, die über einen ihm gleichgültigen Gegenstand in „Exstase" gerät, die durch ein Kunstwerk so in Bewunderung versetzt wird, daß sie vor Aufregung nicht mehr schlafen kann. In denselben Ruf kommt, wer launisch ist, seine Stimmungen ohne sichtbare Motive plötzlich und unvermutet wechselt; bald himmclhochjauchzend, bald zum Tode betrübt ist. Man könnte beguemerweise sagen, alles, was der schöne Satz: „La dönil-a! e mobile" in sich begreift, gehöre hierher, wenn nicht auch ein recht hoher Prozentsatz des starken Geschlechtes dem schwächeren hierin nichts nachgäbe.
Zerlegt man derartig als hysterisch bezeichnete Temperamente in ihre seelischen Elemente, so findet man zunächst eine durchaus Normale Intelligenz, ein fehlerfreies Auffassen der Reize, die aus der Außenwelt -»fließen, und ein gedankliches Verarbeiten und Verknüpfen derselben. Nur der Gefühls ton, der den Erlebnissen anhaftet, ist abnorm und in seiner Stärke verändert. Gleichgültige Erlebnisse lassen den normalen Menschen im allgemeinen kühl, nur außergewöhnliche erregen ihn heftig. Zwar ist jede Vorstellung mit einem Gefühl für un§| verknüpft, aber! dieses ist in seiner Stärke variiert, und es überwiegen dabei die mittleren Intensitäten. Lust und Unlust empfinden wir gewöhnlich in ihren mittleren Lagen, Entzücken und Abscheu, Freude oder Leid, Liebe oder Haß bleiben aufgespart für seltene, besondere Ereignisse. Das hysterische Temperament verfügt nicht über diese Skala, es kennt nur die aller stär ksten Gefühlsäußerungen, mit denen es seine Erlebnisse und Vorstellungchr überflutet. Ein Mord wird nicht mehr als angenehm, sondern als entzückend, eine Dissonanz nicht als unangenehm, sondern als widerwärtig, fcheuK- lich empfunden. Die Gefühle überdauern auch die Ereignisse^ mit denen sie geboren werden. Wenn das Erlebnis schon lange verblaßt ist, wirkt noch das Gefühl nach. Es entstehen aus der Emotivität dauernde Stimmungen, die autokratisch das ganze Seelenleben beherrschen. So können durch diese affektiven Nachwirkungen nun Erlebnisse zn ganz falschen, nicht zugehörigen GeftihlStönen, die einst an früheren Erlebnissen hafteten, kommen. Gewissermaßen tritt dadurch eine Verkehrung — eine Perversion — des Gefühles ein. Eine durchaus genießbare Speise wird als widerlich -»rückgewiesen, während unangenehme Dinge, wie Essig, als angenehm und wohlschmeckend bevorzugt werden.
Wo nun ein und dasselbe Gefühl nicht als Stimmung eins lauge Reihe von Erlebnissen in sich schließt, da kann merkwürdigerweise im Gegensatz ein äußerst rascher Wechsel der Stimmung zustande kommen. Ein unmotiviertes Hin- und Herfallen aus einem Gefühl in das entgegengesetzte, das wiederum in der Eigenart der Objekte nicht genügend begründet ist, scheucht die Traurigkeit und Lustigkeit, oder häufiger wohl umgekehrt, hinüber. Mit elementarer Gewalt und Plötzlichkeit kann ein solcher Umschwung sich vollziehen, Begonnene Fäden jäh abreißen. Manchmal scheint es fast, als käme es überhaupt nur darauf an, daß, den Dingen ein Gefühl anhafte, gleichviel welches es sei. Gefühl wird alles, die Sache Schall und Ranch.
Geftlhle sind es, die dem Leben des Einzelnen den Reiz der individuellen Eigenart geben. Ohne sie wäre uns die Wahr- nehmnngstvelt ein leeres Nebeneinander, wenn nicht Durcheincm- der; im besten Falle diente sie zu einer logischen Abstraktion. Die begleitenden Gefühle akzentuieren, unterbrechen, heben das Besondere heraus, unterscheiden Wesentliches von Unbedeutsamen, Sie stellen die Erlebnisse unter die Oberherrschaft des Werturteiles, In den gemäßigten Zonen eines stabilen Charakters ist dieser Ausleseprozeß zweckmäßig. Gewinnt er über die unumschränkte Gewalt, so wirkt er nur einschränkend und beengend. Dabei ist es, tvie wir sahen, weniger die Vorstellung an! sich etwa eine! Slnneswahrnehmung, welche die Aufmerksamkeit und mit ihr das Interesse auf sich zieht, als das Gefühl, das sie erweckt. Man spricht von dem Persönlichen in den Dingen, und man meint damit cen je i n e n Teil der komplexen Erscheinungen, der unsere Person -um Mitschwingen bringt. Die Sache wird mit der Person verwechselt; nur was diese noch interessiert, wird ausgenommen und verarbeitet. Die Dinge verlieren ihre organische Gliederung, sie Werden halb und schief gesehen. Die /egoistische Hinlenkung der Aufmerksamkeit ausschließlich auf das, was der Anteilnahme wert scheint, bedeutet eine Einengung des Bewußtseins und damit gewisse Minderleistungen. Die Welt der Erscheinungen ist ja nicht nur angefüllt mit Diftgen, die in dem Beobachter eine starhe! Gefühlsreaktion hervorzurufen vermögen, im Gegenteil, die meisten tragen den Stempel mehr oder minder großer Indifferenz an sich. Die Wahrnehmung einer Anzahl dieser .Dinge entfällt dem Hysterisch eingeengten Bewußtsein. Dadurch entstehen in der zeitlichen Folge der Wahrnehmungen und Vorstellungen Lücken, die fast wie Jn- telligeiizdefekte sich ausnehmen, während, wie schon oben gesagt, tatsächlich die Intelligenz normal ist, sehr häufig aber sogar den Durchschnitt überragt. Diese Lücken entgehen der Denkarbeit nicht. Sie trachtet sie auszufüllen. Aber die Füllsel sind nicht die realen Erlebnisse gewesen, sondern sie stellen fiktive Elemente wtr. Dadurch wird der ganze Vorstellungskomplex verfälscht. Das äußert sich am häufigsten im täglichen Leben in einer mangelhaften Reproduktionsfähigkeit von Erlebnissen, im hysterischen Lüg c n. Das Individuum ist dabei sich durchaus nicht bewußt, Me Fälschung zu begehen, es hält seinen .Bericht, etwa eine
Zeugenaussage für wahrheitsgetreu; besonders bann täuscht es sich über: die Tauglichkeit feiner Erinnerung, wenn es sich vorher den Gang des Ereignisses „zurechtgelegt" hat. Auch hier ist die Intensität des Geftihles während des Erlebnisses für die Repro- ■ chuktionsunfähigkeit so maßgebend, daß der Satz fast Gesetzcsuorm erlangt: Je stärker das Gefühl während des seelischen Erlebens war, um so eher fällt dies dem Vergessen anheim. Dabei ist Voraussetzung, daß der Gefühlston des Borstellungskomplexes negativ war. Das heißt, das Erlebnis hinterließ einen unangenehmen Eindruck. Lustbetonte, angenehme Erinnerungen zu verdrängen, liegt bei der oben erörterten exzentrischen Einstellung des hysterischen Charakters kein Grund vor.
Auf der anderen Seite besteht nun das Streben, sich möglichst viele angenehme Eindrücke zu sichern. Nicht in der Realität, denn über diese ist man nicht Herr genug, sondern in der Fiktion, der Vorstellung. Das sind die Wünsche. Man gibt sich ihnen hin, um über das Peinliche einer gegenwärtigen Situation hinweg- zukommen. Sie haben gar nichts gemein mit Wallungen und Strebungen, die auf ein sichtbares und erreichbares Ziel zeigen, sie haben auch nicht die Aktivität in sich, die zur Ncalisiernuig führen könnte, sondern sie gehen eher ins Maßlose, Unwahrscheinliche, Unerreichbare über. Um sich ihnen hingeben zu können, muß die bessere Einsicht ausgeschaltet sein, der Intellekt schweigen, wo diese Gefühle reden. Eine solche Bewußtseinseinengung ist das Träumen der Hysterischen mit wachen Augen. (Vielleicht aber lassen überhaupt die Träume aller Menschen eine Deutung als Wünsche zu.) Daun wird der ganze Wohlgeschmack der nun verwirklichten Situation ausgekostet; man ist kein armes, unansehn- liches Mädchen mehr, sondern eine schöne Prinzessin, um die ein Fürst freit, fein schwacher Stubenhocker, sondern ein kraftvolles Staatsmann und Redner, dem die Völker lauschen. Die phantastischsten Geschichten, die einem nüchternen Beobachter als Heller Unsinn erscheinen mürben, werben ausgesponnen. Wie sehr derartige Konfabulationen erlebt werden und in. Erfüllung gehen, kann man dem Träumer aus dem Gesichte ablesen. Eine Thea- tralik der Gebärden und Haltung beherrscht sein Aeußeres. Er spielt, ein Schauspieler, seine eigenen Stücke. Aber der echte Schauspieler schminkt sich ab und geht in die Wirklichkeit zurück« Nicht so der hysterische Mensch. Er kann schließlich Natur irret Einbildung nicht mehr unterscheiden, et legt seinen Truggespinsten den Wert von wirklichen Erlebnissen Bei.
Die abenteuerlichsten Phantasmen werden aufgetischt, nicht Einzelheiten, die Lügen marschieren in dichten Zügen vor dAst Zuhörer auf: Man ist in Indien gewesen und hat Tiger getagt; Aber nicht auf gewöhnliche Art von einem sicheren Elefanten mit einer guten Büchse. Nein, auf die allein edle Art, mit dem auf einem pfeilschnellen Rosse. Natürlich hat der erste PW sofort den Tiger tödlich getroffen, ins Herz mitten im Sprunge, ast möchte zu verstehen gegeben werden: alles ging so schnell,, daß die springende Bestie nicht einmal Zeit hatte, ans der Luft auf die Erde zu fallen. Doch das Erlebnis wird noch weiter gedichtet. In den Dschungeln hat sich der Erzähler das Fieber zngezogeu, das höchste Fieber, das jemals Bei Menschen beobachtet worden ist, 45 Grad Celsius. Und mit dieser zehrenden Krankheit ist die Reise fortgesetzt worden, zwei Tage und zwei Nachte lang. Auch ein geschulter Beobachter weiß häufig nicht, wo absichtsloses Lügen und hysterische Lügen, die Pseudologia phantastica, miteinander sich mischen, so einheitlich wirkt der Vortrag, so stark ist feine Lebenswärme. Seines Publikums ist der Phantast sicher, um so sicherer, je zahlreicher es ist. 'Denn die Massenpsyche überläßt sich mehr und williger dem Ansturm der Geftlhle als bet Kühle logischer Deduktionen. Bei biefer Stimmung der Mengs fallen kritische Geister dem allgemeinen Mitleiden, der Vev-, achtung anheim. Zudem, die Hysterischen ziehen einander an.; der hysterische Hörer" wird von dem hysterischen Sprecher mit» geriffelt, er läßt sich von diesem alles mögliche einreden, „suggerieren". Vielleicht fühlt er die erzählte Geschichte als fein eigenes Erlebnis und gibt sie nächstens als solches zum besten.
Auch diese ins Wttvrme gesteigerte Suggestibilität, d. i. die vermehrte psychische Bereitschaft, den Eindrücken der Außenwelt zu unterliegen, erwächst unter der Suprematie des Gefühlslebens auf dem Boden der Willensschwäche. Die Wirkungen her Suggestion sind vornehmlich durch die hypnotischen Phänomeite bekannt geworden. Bei diesen handelt es sich, nur nm die extremsten! Falle seelischer Passivität, die möglich werden durch eine künstliche Einengung des Bewußtseins, durch Versetzen in bei: hypnotischen Schlaf. Der hypnotische Seelenzustand ist wahrscheinlich nur eine quantitative Steigerung des hhsterischen. Auch der scheinbar wache Hysteriker — wir haben oben gezeigt, daß dieser. Wachzustand nur scheinbar besteht — ist Einreduttgen und Vorspiegelungen von außen auf das Leichteste zugänglich. Vieles beeinflußt ihn, was auf den normalen Menschen gar nicht wirkst. Besondere Kuriositäten und Absonderlichkeiten, die er beobachtet und die seine Gcftihle in Wallung Bringen, ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, daß er sie wirklich wiedererlebt. So kommctst Imitationen von Erlebnissen zustande: Krampfanfälle, die tut irgend einem Kranken beobachtet worden sind, werden nachgeahmt,- oder, ein harmloseres Beispiel, Gebärden, Haltung, Ausdrucksweise, Stimme, Tonfall eines imponierenden Menschen- werden angenommen. Vorbedingung ist immer nur, daß die auslösende Vorstellung gefüblsbesetzt war. Wenn auch all diese Sonderbar-


