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hier! Rein alles! Ich bin wahrhaftig ein Reichsgetreuer und gut protestantischer Christ — unsre Familie hat seit Generationen den Protestantismus hochgehalten in der Provinz — aber warum denn dieser Trara mit Sedan? Das ist ja schon so lange her! Und was hat das mit hier zu tun? Er soll übrigens an dem Tag grade eine höchst taktlose Rede gehalten haben; der Propst von Pociechg war tief verletzt. Und mit Recht. Ich sprach ihn kürzlich. Wir spielen manchmal 'nen Skat zusammen — ein ganz gemütlicher Herr! Das geht nicht, hier immer den Deutschen 'rausbeißen! Hier haben Polen und Deutsche mitsammen auf der Schulbank gesessen, hier können wir keine Hetzer brauchen. Und noch dazu sind wir ja auf die Leute angewiesen! Ich habe mich aber amüsiert, die Fahne auf dem Lysa Gora haben sie ihm 'runtergerissen und in tausend- Stücke zerfetzt!"
„Lassen wir das, Papa!" Des Sohnes lachendes Gesicht wurde ernst, und er runzelte die -Brauen. Was ihm Helene erzählt, ganz im geheimen — sie hatte ihn dringend- gebeten, bei Hanns-Martin nichts davon zu erwähnen, durfte der doch gar nicht ahnen, daß sie darum mußte — das, was sie ihm mit bebender Stimme, Tränen des Zorns und der Mmmer- nis in den schönen Augen, anvertraut hatte, das wurde nun schon öffentlich bespöttelt!
„Ich innsi doch sehr bitten!" Er sprang aus, wie hie Herren im Offizierskasino aufzuspringen pflegen und hielt sich sehr gerade. „Freiherr von Doleschal ist mein Freund. Kein Wort mehr auf ihn. Adieu, Papa,!"
Er ging steif zur Tür und machte sie unsanft hinter sich zu.
„Ra, na!" Ganz verdlltzt sah ihm der Vater nach. Aber dann ärgerte er sich: was war denn das für eine Manier? Und das alles wegen Doleschal?!
Er trat ans Fensher und sah Paul auf den kleinen Wagen klettern, den Kornelia eben vom Hof herunter kutschieren wollte. Wahrhaftig, da fuhr der Junge mit, und sie harren sich doch verabredet, zusammen zu den Fohlen zu gehen! Noch schöner, nun hatte man schon mal endlich den Sohn hier und hatte doch nichts von ihm!
Ein heftiger Zorn gegen Doleschal erhob! sich in ihin: wäre der" doch, wo der Pfeffer wächst! —
Tie Geschwister fuhren gen Miasteczkö. Kornelia hatte sich die Ziigel nicht nehmen lassen. Der Husar fand rasch seine gute Laune wieder. Die Keine fuhr ja wie ein Daus, immer auf dem Strich, trotz des miserablen Weges! Er fragte sie aus nach Fräulein Wvlleuberg: wie alt war die eigentlich, noch unter zweiundzwanzig?
„So sagt sie!" Die Kleine lachte verschmitzt. „Weißt Hl, die, die ich voriges Jahr hatte, sagte zwar auch so, aber ' ie war viel älter; so gräßlich alt ist die jetzige nicht. Panienka Ist ganz nett, was, Pawelek?" Die Augen halb schließend, so »aß die langen Härchen der Wimpern sich goldig auf die eicht hesommersproßte blühende Wange legten, blinzelte ie den großen Bruder au.
Ter Rittmeister hatte sich selten so gut amüsiert wie auf dieser Fahrt mit der kleinen Schivester. War die ein gescheites Mädel! Ueber alles wußte sie Bescheid: was dieser Acker einbrachte und jener, wie der Roggen gelohnt uns wie hoch die Weizenpreife, und daß Papa verkaufen wollte — an die Kommission natürlich, wer sollte sonst so hoch bezahlen?! Tas Verkaufen war Körnelia unangenehm. Sie wollte gern auf dem Lande bleiben — was sollte man in der Sticht? Wie ein Stoßseufzer klang's: wenn doch einer käme und sie heiratete, der ein recht großes Rittergut hätte! AM schönsten wäre schon eine Herrschaft. Schade, daß der Boleslaw von Gvrczyusli erst fünfzehn war — Papa würde gar nichts gegen den haben!
Angeregt plauderte sie weiter: imißte der Bruder schön, daß der Inspektor ging? Mama konnte jhn nicht mehr schen. Es hatten sich schon andere gemeldet, aber Papa hatte sich noch zu keinem entschließen können; im Winter war ja so wie so faule Zeit, vielleicht, daß Papa einen dann ganz sparen wollte! Wenn doch ein recht netter genommen würde, ein junger, nicht so ein alter Knopp!
Sie sagte .Knopst, nicht .Knöpft, und beide Geschwister lachten herzlich darüber.
Der leichte Magen flog lustig dahin. Weiße Fäden flogen auch lustig wer das Land. Altweibersommer. Aber heute merkte man es der Natur gar nicht an, daß sie traurig war über ihre scheidende Jugend. Die Sonne lachte noch! einmal freundlich, nicht wie im Sommer — da tat sie weh w, Wer wie in einem guten April., Klar wie reines Mas wär
die Luft. Mau könnte noch weiter sehen als sonst, als fei der Horizont in ewige Fernen gerückt. In den Akazien von Przhborowv flüsterte ein Windchen und schaukelte die reifen Fruchtschoten.
Der See von Miasteezko, an dessen Hinterem Sand- zipsel sich das kleine Städtchen mit der großen Kirche um den freistehenden Glockenturm scharte, wurde gekräuselt von Wellen und Wellchen. Milchiges Weiß schwamm auf dem heut tiefblauen, himmelfarbenen Becken; der mutwillige Wind hatte darin Schaum geschlagen. Kräftigen Odem hauchten das letzte Grün der Raine und die schon wieder neu eingesäten, feingedrillten Aecker aus. Der Abdecker, der sonst, dicht beim Städtchen, die Luft verpestete, hatte heute nichts in Arbeit.
Ganz oben auf der Himmelsbahn tummellen sich unzählige runde, .weißwollige Wölkchen gleich Lämmern, die aus der Weide springen; und wie ein Aufpasser stand schon der blasse, schmalumngige Halbmond bei ihnen.
Es wär wirklich schön.
„Hui, het!" Mit dem gellenden Zuruf, den sie vielhundertmal im Felde gehört hatte, feuerte Kornelia ihre russischen Schecken au. Fast wäre Inspektor Hoppe überfahren worden, der vom Städtchen her dem Wagen entgegen kaut. Er war auf der.Post gewesen und so vertieft in die Briefschaften, die er sich abgeholt hatte, daß er gerade vor die Pferde rannte.
Kornelia riß sie noch eben zurück.
„Psia trete!" und brummte dann ein „Dämelak" bei seinem Gruß.
Er war in den Waggraben gesprungen; mit trübem! Ausdruck fah er dem Wagen nach, dann ging er langsam weiter wie einer, der müde ist Der Briefbogen, den er entfaltet in der Hand hielt, zitterte — oder war es der Wind, der ihn knisternd schwanken machte?
Der letzte Brief — wieder eine Absage! Und aus jo viele Annoncen hin hatte er sich gemeldet, selber so und so viel Offerten eingerückt! Einen Inspektor, der den Fünfzigen nicht mehr viel näher ist als den Sechzigen, den nimmt man nicht; warum blieb der nicht auf der Stelle, auf der er elf Jahre lang gewesen?
Ein unendlich bitteres Lächeln verzog das wetterzer-- gerbte Inspektoren gesicht. Ja, wenn er noch jung wäre, frisch und kräftig wie der Herr Rittmeister dort auf dem Wägen, oder wenigstens noch um zehn Jahre jünger !vie jetzt, da käme er wohl schon an! Damals, als ihn das! Mißgeschick getroffen, als er, kein weiteres Vermögen im Rückhalt, sein Gütchen nicht hatte halten können, als alles unter den Hammer gekommen, ihm nichts zu eigen geblieben war, als der Stock in der Hand und der Rock aus dem Leib, damals war er nicht so unglücklich gewesen wie heute. Er hatte rasch eine Stelle gefunden, trotz seines Bankerotts — vielleicht gerade darum: man denkt, so einer macht wenig Ansprüche! Auch Herr Mstner hatte sich vor elf Jahren nicht daran gestoßen, jetzt aber hieß es immer: „Schlechte Wirt- schäft!" Grämlich tourt) e es ihm zum Anhören gegeben, alle Tage — das eigne Unglück. Und so hatte er selber gekündigt, überwältigt von seinem Gekränktsein, .fortgerifsen von einer Empfindlichkeit ohne Besinnung, wie ein Jüngling. Er war dem Herrn damit entgegengekommen, das fühlte er wohl. Herr Kestner hatte zwar verwundert getan, geradezu gekränkt, aber dann die Achseln gezuckt: „Wenn Sie denn durchaus wollen, lieber kloppe! Ich denke, wir haben lange genug Zusammen gewirtschaftet, um,zu wissen, was wir aneinander haben. Wer jch lvill Ihnen nfcht im Wege sein!"
Wohin — wohin nun?!
(Fortsetzung folgt.)
Was ist hysterisch?
Ein psychologischer Erklärungsversuch.
Von Dr. van Troy.
Kinberfragen geben den Erwachsenen, Laienfragen den Fach!- leuten harte Nüsse zu knacken. Die Antworten fallen! selten W friedigend aus, selten sind! sie dabei aber auch ganz korrekt. So geht es auch mit der Mlerweltsfrage: Was ist hysterrftch? oder in einer die Bestätigung in sich schließenden Modiftkatwnt Halten Sie mich für hysterisch?
Der Laie, der die eine oder die andere Frageform wählt, tut dies nicht aus reinem Wissensdurst. Er ist eigentlich recht klar darüber, was er unter „hysterisch" zu verstehen hat. Man kann ihm nur das sagen, was er schon lange! weiß. Natürlich nur fo


