Montag den <■ Juli
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Das schlafende Heer.
Roman von Clara Vie big.
(Fvttstiuing.) (Nachdruck verboten.)
Es verging fast kein Vormittag, an dein Pani Kestner nicht in Niemczyce erschienen wäre. Dann frühstückte er Mit den Doleschals, und tv-enn Hanns-Martin zu tun hatte, Web er bei Helene fisten. Wenn sie nähte oder strickte — die WeihnachtSarbeiten für die Leutekinder fingen jetzt schon tot —, guckte er unverwandt auf ihre schönen, schlanken Finger, die den dickwollenen Strickstrumps hielten. Und beim Rasseln der groben Nadeln kam fein leicht entzünd-- liches, alle paar Wochen neu entflammtes Herz zur Ruhe. Bor diesem Klappern und den friedlichen Augen dieser Fran flüchteten alle Gedanken, die nicht schneeweiß waren, wie Lämmchen auf der Weide, sagte er lachend selber. Hier war er ganz der gute alte Freund — den flotten Husaren hatte er in der Garnison gelassen —, der mit Hanns-Martin einst Habichte in den verkrüppelten Akazien von Przyborowo gejagt und den Sandbuckel des Lysa Gora gegen die anstürmende Meute der Polenjungen verteidigt. Sie hatten mit» einander im See getaucht und zu gleicher Zeit die Schul- banl in der Kreisstadt gedrückt. Der Aeltere, Doleschal, war zuerst fvrtgekommeri in die Welt. Sie hatten nichts Direktes voneinander gehört, Knabenfreundschaften pflegen sich nicht tut Briefschreiben zu äußern, aber als spätere Jahre den Gardekürassier und den kleinen Husaren ans der benachbarten Garnison wieder zusamme»führten, hatten sie stundenlang oft nichts anderes getan, als hon „damals" und von „5» Hanse" erzählt.
Als Hanns-Martin den Dienst quittierte, das väterliche Erbe übernahm und Helene, die Tochter des Herrn pvn Reder auf Klein-Höfchen freite, war Paul der erste Brautführer gewesen, der hinter dem schönen Paare zum Mltar geschritten. Doleschal trug damals noch den Trauerflor tun den Arm für den verstorbenen Baier, seit! „Ja" hatte sehr ernst geklungen, und der damals überschlanken Braut waren Tränen tiefster Bewegung auf den Myrtenstrauß .geflossen.
Donnerwetter, wenn man doch auch eine solche Frau kriegen könnte! Aber eine zibeite solche gab's eben nicht mehr!
Die Mutter, die gern Heiratspläne für ihren Paul schmiedete und nicht verfehlte- sämtliche erreichbare Töchter oes Landes — vorausgesetzt, daß sie vornehm oder reich genug ivaren — ihm vörzuführen, hatte bis jetzt kein Glück gehabt. Wozu heiraten?! Der Rittmeister fühlte sich ja äußerst wohl in seiner Haut: .Laß doch Papa mit Kornelia erst mal den Anfang machen! Ich habe noch Zeit!'
Tie Vierzehnjährige ivar in dem letzten halben Jahr gehörig in die Höhe geschossen. Em, allerliebster Racker!
Der Bruder zog sie schäkernd am langest Zopf, der ihr noch nach Kinderart über den Rücken hing.
Ein allerliebster Racker war aber auch die Gouvernante, das Fräulein Wollenberg, trotz der etwas verdächtig geformte» Nase und der zu gescheitelt Augen. Der Rittmeister verschmähte es nicht, mit dem Fräulein oft und lange im Garten auf mtb ab z'u promenieren und angelegentlich Konversation zu machen. r c
Kornelia hatte infolgedessen gute Zeit. Zit bett Mahlzeiten brachte sie einen ganz intensiven Stalldnft mit herein, immer steckte sie im Pferdestall; und wenn sie sich vor der Mutter Augen ganz sicher wußte, ritt sie sogar, ein Bein hüben, eilt Bein drüben, die Pferde zur Schwemme in den Hofpfuhl.
Tas gab mal eine tüchtige Landwirttn! Kestner bedauerte es aufrichtig, daß die Tochter nicht ein Sohn ttitb zlvar nicht gleich der älteste lvar; dann würde er doch vielleicht nicht an Verkaufen denken. Aber so —?! Er ant- mterte deit Sohn ztt Besuchen itt Chwaliborczyce.
,/Jch mag nicht," sagte der Rittmeister. „Die Garczynska erwartet immer, daß man ihr die Cour schneidet. Und der Bitar, der immer da herumsitzt, ist mir unheimlich. Potz Kuckuck, so ’n junger Kerl muß doch auch tioch Wünsche haben! Und er — Garczynski selber — na, weißt du, Papa, denk traue ich erst recht nicht! Die einzig nette ist die kleine Stafia, die Zofe — wirklich ein allerliebstes Mädel!"
Der Baier überhörte das letzte. „Ein sehr intelligenter Mensch, der Garczynski — und so zuvorkommend! Kein Wunder, daß er diverse Orden hat! Ich mutz gestehen, mir sind die Polen noch immer lieber als diese — nun, dieses Leute, die sich jetzt auf einmal bernfett fühlen, hier die Vorsehung zu spielen. Alle Welt stoßen sie vor den Kopf, ihr Deutschtum tragen sie in geradezu herausfordernder Meise zur Schau!"
Das ging auf Doleschal! Paul klapperte ungeduldig mit seinen langen, spitzelt Nägeln auf den Tisch.
Sie saßen int Studierzimmer des Vaters. Draußen auf dem Hof kommandierte Kornelia, man hörte ihre spitze Jungmädchenstintme; sie ließ die kleinen Schecken anspannen, um zur Post nach Miasteczko ztt fahren.
„Es ist ekelhaft," grämelte der Vater weiter, „wozu das Geschrei? Wir sollen uns keine Wanderarbeiter aus Russisch-Polen mehr kommen lassen?! Das lväre ja noch netter! Da könnten wir ja bald tiuter Armenlasten und bet» gleichen ersticken! So, iuettit einer seine Arbeit getan hat und seine Bezahlung gekriegt hak, geht er eben wieder. Deut Doleschat werden sie schon noch die Haare vom Köpfe fressen — na, mir kann's gleich sein! Nur uns soll er ungeschoren lassen!"
„M-r, Papa!" Der Ritinteister «initiierte sich über feinen alten Herrn. -Hanns-Martin tritt dir doch wirklich nicht zu nah, du siehst ihn ja kaum!"
„So, so — was du weißt! Ich sehe thn nicht — ganK recht .— aber ich höre ihn destv mehr. Er verdirbt alles


