Donnerstag den H. August
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Das schlafende Heer.
Roman von Clara Vie big.
(Fortsetzung.) ' (Nachdruck verboten.)
Der Niemczycer war doch sonst nicht so ungeduldig 'gewesen?! Von der Seite blinzelnd, guckte Löb Scheftel schlau. Uud dann sagte er geschmeidig: „Wer' ich fahren zum Herrn Inspektor, n/er’ ich mer berufen auf den Herrn Baron, wer' ich nicht länger belästigen den gnädigen Herrn Baron selber!" Er zog die Mütze, aber schon im Fortgehen hielt er noch einmal an: „Der Herr Baron hat jetzt wichtigeres in seinem Geiste. Er wird sich wählen lassen. Wann werden sein die Wahlen, wer' ich geben dem Herrn Baron meine Stimme, und alle von unsre Leut' werden geben dem Herrn Baron ihre Stimme. So 'n Mann" — er hob die Hände — „Gott der Gerechte, wie heißt, wie kann man antun dem Herrn Baron so'ne —"
„Was — was — was meinen Sie?" fuhr Doleschal ihn unwirsch an.
„Nu," — Scheftel hatte die Daumen in die Armlöcher seines Rockes gesteckt und spreizte die übrigen vier Finger jeder Hand '— „nu, mer weiß doch, was der Herr Baron hat gefunden an seiner Scheune. So 'ne Frechheit, so 'ne — so 'ne Chuzpe! Aber Gott der Gerechte wird sie strafen bis ins vierte und fünfte Glied! Was meinen wohl der Herr Baron, wer's geschrieben hat?!" Er drängte sich ein Schrittchen näher und lugte dem andern bedeutungsvoll von unten herauf ins Gesicht. „Unsereins kommt viel unters Publikum — en armer Jüd, vor dem geniert man sich nich! Meine Hochachtung dem Herrn Baron — Baron is er, aber er hat 'n Herz für den Fortschritt und für unsre Leut'! Soll ich dem gnädigen Herrn Baron ins Ohr flüstern, wer's Papierchen hat an die Scheune geklebt?"
Er näherte seinen Kopf dem Ohr des Niemczycer.
Da fuhr dieser zurück, als habe ihn ein widriges Insekt gestreift. „Nein," sagte er hochfahrend, „ich will es nicht wissen!" Schroff wendete er sich ab, mit einem flüchtigen Greifen an den Rand seines Hutes, Rasch entfernte er sich querfeldein.
Löb Scheftel stand wie begossen und sah ihm nach.
Isidor kam angefahren: „Nu, nu, was hat der .Herr- Baron gesagt? Wird er dir verkaufen — und wie billig?"
„Dreh' um! Wir werden nicht fahren nach Nieinczyce," sagte der Alte ganz melancholisch, und ein Zucken wie von wirklicher Betrübnis ging über sein spitzbärliges Gesicht. „Ich bin nich gekommen zu Rande mit dem Herrn Baron. Er is 'n Rosche, so gut wie die Gojim alle!"
Da hätte er's nun erfahren können, was ihn so quälte! Das sagte sich Doleschal in einem fort. Aber nein, s o nicht, aus dieser Quelle nicht! Er rümpfte die Nase, ein Ekel zog seine Oberlippe in die Höhe, Und wäs hatte der Jude noch gesägt?! — „Ich werde geben dem Herrn Baron
meine Stimme" — unverschämt! Vom Hofe jagen sollte man den Menschen für diese Frechheit!
Aufs tiefste verstimmt, stapfte Doleschal durch den aufgeweichten Acker. Er fühlte sich beleidigt: also der Jude warf sich auf zu seinem Protektor?! Nein, es war doch zu unsäglich naiv! Darüber konnte man wirklich nur lachen.
Aber er sand kein erlösendes Lachen. Alles ärgerte ihn, die Furche, in die sein Fuß sank, die Sonne, die sich aüss den Wolken losgewunden hatte und grell heruntcrstach, die Bestellung, die ihm viel zu weit zurück schien. Warum! zögerte Hoppe so? Es mußte voran gemacht werden h voran! Alle andern waren schon viel weiter!
Ohne daß er's wußte, war er hinauf gestiegen zumi Lhsa Gora. Den Rücken gegen die Kiefer gelehnt, von Deutschan abgekehrt, sah er mit gerunzelter Stirn hinaus! ins weite Land.
Da grünte die Saat von Przyborowo, da blaute der Chwaliborczycer Wald in der Ferne, die Aecker von Deutschau umwitterte erdiger Duft. Drei Grenzen übersah hier der suchende Blick. Und über allem der Himmel, mir schlängelnden Bändern von einem lichten Blau, wie man ihn lange nicht gesehen hatte. Frühling wollte es werden aiif Erden. Nur schwarz wie immer reckte sich der Turm von Pociecha- Dorf gegen den Horizont, und die Häuschen von Kolonie Augenweide lagen noch immer ivie nackte Würfel auf dem Brett der großen Ebene.
Es verwunderte Doleschal weiter nicht, als er, nach Hause zurückkehrend, den Ansiedler Bräuer dort vorfand. Hatte er nicht eben beim Anblick der Kolonie dieser Öeute gedacht? Hoffentlich hörte er jetzt endlich einmal etwas Gutes!
Aber die Miene des starken Mannes war in sich gekehrt.
Eine Aufforderung der Gutsherrin, drinnen-Platz zu nehmen und im Zimmer ihren Gatten zu erwarten, hatte Bräuer abgelehnt. Neber den Hof war er hin und her getrottelt in einer gewissen Unruhe, hatte flüchtige Blicke in die Ställe geworfen und mit seinem derben Knotenstock gedankenlos im Mist gestochert. Nun hatte er auf die Frage des Gutsherrn, wie es denn bei ihm zu Hause stehe, nur ein mißvergnügtes Brummen.
Wie sollte es wohl bei einem Ansiedler stehen, der hierzuland so aufgeschmissen war, so aufgeschmissen wie — ito, gar nicht zu sagen wie! Das itene Haus war feucht. ^Jn der trocken-kalten Winterszeit war es noch leidlich gewesen, aber nun sickerte und rieselte es von allen Wänden; die tauten. In der guten Stube war nicht nur an der Wetterseite die Tapete abgefallen; in der Küche stand auf den: Estrich alle Morgen ein ganzer Pfuhl, das Grund- wasser drang aus dem Boden. Alle Türen klafften, sie hatten sich geworfen; kein Fenster ging auf, alle Rahmen waren verquollen. Aber ivas das Schlimmste war: die Frau konnte das Klima nicht vertragen, die war krank. Den ganzen Winter hatte sie Zahnreißen gehabt, jetzt hatte sie's im Leibe und immer Schmerzen ich Seite und Rücken. Das


