Ausgabe 
4.6.1910
 
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die Felder, trug fr (einen Witter in der Rocktasche, im Walde liegend las er Gedichte und diese Lektüre' war es auch, die aus der noch schlummernden Poetenseele die ersten und harten Knospen jugendlicher Lyrik emporsprießen ließen. Mer die Wirklichkeit mit ihren Forderungen zog die Gren­zen dieses kleinen Tummelplatzes dichterischer Freuden immer enger, der künftige Tuchfabrikant mußte an die

Aus dem Ohmgebiet.

Beschäftigung der Bewohner.

Welch ein Jagdgebiet für einen tatendurstigen Nimrod wäre eine so wald- und wildreiche Gegend! Leider aber ist der Wald! im Ohmtale ausgerodet, und lachende Fluren, Aecker und Wiesen, sind an dessen Stelle getreten, was freilich auch nicht zu ver^ achten ist. Bringt auch die Feldjagd nicht überreichen Gewinn, so entschädigen jedenfalls Ackerbau und Viehzucht durch gute Erfolge vollkommen. Am ausgezeichnetsten sind, wie wir schon hörten, die Gemarkungen von Roßdorf und Mardorf; letzterer Ort hat auch ausgedehnte Waldungen. Die Schafzucht ist zurück^ gegangen, dagegen wendet man sich mit Sorgfalt der Ziegen- und Hühnerzucht zu, und die Rindvieh-, Schweine- und Pferde­zucht befinden sich'auf der Höhe, wovon erstere wieder ihre Grund­lage in den üppigen Wiesen hat. Der gesegnete Ackerbau im Ohmtale beruht aus dem vortrefflichen Boden und der günstigen Lage. Gegen die rauhen Nordwinde ist das Tal einigermaßen geschützt durch den Burgwald und das Äilserberger Gebirge. Je mehr wir uns der Ohmquelle nähern, umsomehr nimmt die Kälte und Unfruchtbarkeit zu. Gedeihen noch am Fuße beäl Vogelsberges Getreide und Obst ausgezeichnet, so wachsen wohl auch noch bei Ulrichstein Apfelbäume, aber nur die Zwetschenj kommen noch in dieser Höhe zur Reise. Der Ohmgrund hat fast überall tiefgründigen Lehmboden; dazu kommt noch in den übrigen Teilen des Ohmgebietes, namentlich am Vogelsberg, der Basalp-, boden. Selbst wenn dieser mit Steinen vermischt ist, zeigt er große Fruchtbarkeit, wie er denn überhaupt die größte Mannigi-i saltigkeit und Ueppigkeit der Vegetation hervorbringt. Darum beteiligt sich auch nicht nur der Dorfbewohner an der Ausbeutung der Fruchtbarkeit seiner Fluren, sondern auch in den Städten über--, wiegt die Landwirtschaft. Und in Kirchhain ist einKorn-, haus" eutstaudcu, welches zu Tagespreisen hie ihm aus der Um­gegend zugeführten Bestände von Getreide aufkaust und in größeren Lieferungen wieder abgibt. Kirchhain hat ferner bedeutende monat-i

Buch zurück. Es hätte Aussicht auf Annahme, doch einige' Mängel müßten apsgefeilt werden.Mit heller BegeisA rung und einem Herzen voll Hoffnung fiel ich über mein Werk her, flickte und seilte mit fliegender Feder daran herum und noch nicht zwei Wochen später war Till Enlen- spiegel zum zweitenmal in Stuttgart. Aber da kam ein strengesOho!" von Freiligrath. Was ich mir denn eigent­lich einbildete; ich wäre verfahren wie ein Schneider, der einen verschnittenen Rock in ein paar Tagen wieder zurecht­meistert." Die Herren vom Verlage in Stuttgart wärest verschnupft und lehnten das Buch ein für alle mal ab. Wer die Enttäuschungen begannen eigentlich erst jetzt: er, dessen Bücher in einer Auflage von einer halben Milliost verbreitet worden und der wenige Jahre später der Lieb­lingsdichter Deutschlands werden sollte, fand und fand keinen Verleger. Ueberall wurde der Eulenfpiegel abge­lehnt. Bis endlich in Detmold sich ein Verleger freiwillig meldete. Als das Buch ausgedruckt war, kommt plötzlich ein neuer Schicksalsschlag: die Druckerei brennt ab und mit ihm die ganze erste Auslage. Doch dies blieb das letzte Miß­geschick: der Till Eulenfpiegel redivivus ward neu gedruckt'; was die Verleger gesündigt hatten, machte die Kritik ein­stimmig wieder gut und wenige Monate später wär Julius! Wolff in der vordersten Reihe der meistgelesenen Schrifk- steller seiner Zeit.

liche Rindvichmärkte, so daß von hier Extrazüge mit Vieh nach den Großstädten abgehcu. Von größter Bedeutung ist die Lage der Stadt an der Main-Weser-Bahn, deren hiesiger Bahnhof in den letzten Jähren bedeutend erweitert worden ist; dazu, mündet hier die Ohmtalbahn, welche die Orte Amöneburg, Rüdigheim, Schweinsberg, Niederofleiden und Homberg a. O. berührt und bei Nieder-Gemünden die Bahn GießenFulda erreicht. Durch zeitgemäße Einrichtungen, wie elektrisches Licht und Wasserleitung', ist Kirchhain, 1885: 1796, 1895: 1958, 1900: 2017, 1905? 2334 Einwohner zählend, in der Lage, den meisten LandstädtD würdig an die Seite treten zu können. Wesentlich anders snid die Verhältnisse in dem nahen Amöneburg, vornehmlich ist bezug aus die Landwirtschaft, da hinsichtlich dieser die erhabene Lage des Städtchens wahrlich keineangenehme" ist. Dem gab auch ein Landmann Ausdruck, der, im Scherze gefragt, warum sie so hoch da hinauf gebaut hätten, antwortete:Hätten wir eA noch 'einmal zn tun, dann täten wir cs nicht mehr." Frühest trieben die Bewohner neben Ackerbau und Viehzucht auch etwas! Gewerbe, während heute letzteres kaum noch vertreten ist und die Amöneburger von ihrem hoch gelegenen, unregelmäßig und schlecht gebauten, mehr einem Dorfe als einer Stadt gleichenden Wohn­orte aus die Felder zu Füßen des Berges bebauen. Gärten und Terrassen haben erst tiefer ins Leben gerufen werden können und bringen hier vorzügliches Obst hervor. Zwischen Wort 'für hi? QrtiMAfÜMo 7VU I dem Schlosse und dem Rathause der altenStadt des heiligen

verstrichen hn emzulegeir. Wochen Bonifatius" lag einst ein tiefer Teich, der jedoch verschüttet und-

v ijtrtgien. da mm eines ä.ages oom Eottaschen Verlag, tm» 1 in, einen Garten umgewandelt ist. Seitdem wurde Kum Schuhe

Zukunft denken, er mußte lernen und arbeiten. Zwischen' den surrenden Webstühlen Und den rasselnden Maschinen der väterlichen Fabrik lernte er die Fäden ineinanderspinnen, aber wie eifrig.die Hände auch arbeiteten, seinem Geiste ward die Prosa des Tagewerks zum Gedichte und er fand die Wunder der Poesie in der Arbeitsstube nicht weniger mächtig als in Gottes freier Natur. Eine fröhliche Ber­liner Studentenzeit mag feine poetische Sehnsucht noch er­weitert und gestärkt haben, denn als er nun heimkehrtä luub aus feinen dreibeiuigen Drehsessel Zahlen addierte, iund Rechnungen schrieb, da schnürte ihm die Luft des Bureaus doch die heiterkeitsbedürftige Seele zusammen unb manchmal seufzte er bitter auf, wenn die Zahlen kein Ende nahmen und die Arbeit wuchs. Seine schüchternen poe­tischen Versuche wurden zum Spott der Angehörigen, die den dichtenden Tuchfabrikanten herzhaft verulkten und die ihn schließlich dazu trieben, nur noch heimlich im trauten Kämmerlein stille poetische Andachten zu halten. Aber aus die Dauer litt es ihn nicht in der nüchternen Enge bet' väterlichen Tuchfabrikation. Er gab schließlich die große Fabrik auf, begründete im Jahre 1869 dieHarzzeitung" Und hatte nun int Journalismus ein Arbeitsfeld, das zum Bindeglied zu seiner spateren schriftstellerischen Laufbahn wurde. Die Arbeit war nicht gering, denn Julius Wolff war der einzige Redakteur und zugleich noch der einzige Mitarbeiter seines täglich erscheinenden Blattes, aber die i Bürde der neuen Pflicht ward seinem Wesen zur Freude. I Albert Träger, der bei der Rückkehr Freiligraths aus der Verbannung in Bielefeld und Detmold den jungen Julius Wolff kennen lernte, hat das lebensfrohe Wesen des neu­gebackenen Redakteurs und Zeitungsherausgebers in jenen Julitagen des Jahres 1869 geschildert:In nächster Nähe des Gefeierten (Freiligraths) hielt sich stets ein junger Mann, blond und schlank, mit blauen, klar und treuherzig blickenden Augen und von schlichtem, gewinnendem Wesen." Niemand kannte ihn damals; fein Onkel, deralte Wolff", hatte ihn als seinen Neffen vorgestellt.Seine umfafiende Bil­dung lag offen zn Tage unb der unerschöpfliche Schatz feiner Kneiplieder in traulichen Kreisen vervollständigte den Beweis, daß er die Hochschule mit glänzendem Erfolge j besucht hatte. Alles gewann den wackeren Gesellen lieb. | Freiligraths hatte eine besondere Zuneigung für ihn ge- | faßt, und als die festlich Vereinten allzu schnell sich wieder trennten, da schied ihm in jedem ein wabrer Freund." Doch der Harzzeitung von Julius Wolff war nur ein kurzes Dasein beschieden: als im Juli des Jahres 1870 der Krieg ausbrach, da eilte Wolff zu den Fahnen, nachdem er sich mit I einem schwungvollen patriotischen Abschiedswort von feinen Lesern verabschiedet hatte. In der Armee des Kronprinzen I machte er den ganzen Feldzug mit, vor Tont errang *er das eiserne Kreuz und bald ward er auch zum Offizier befördert. I Die wechselvolleu Bilder des Feldzuges stärkten.seine poe- I tischen Neigungen und unmittelbar nach dem Kriege 'er­schienen auch seine KriegsliederAstis dem Felde", ein dünnes I Heftlein, das seinen Namen zum ersten Male in alle deut- I scheu Gaue trug. Aber von den Erfolgen, die ihm später I in so reichem Maße befchiedeu wurden, war er noch fern. I ^chon 1869 hatte er int Stillen an seinem Till Eulenspiegel 1 begonnen; er selbst hat geschildert, wie fröhlich er cknfiug: I ßfinc mir vorher mit dem Ausspinnen einer Fabel und I Handlung lange den Kopf zu zerbrechen, schrieb ich drauf | los, was mir grabe einfiel, und die Verse slossen mir so I leicht und rasch aus der Feder, als diktierte sie mir I "scht der Heilige, sondern ein recht weltlich gesinnter |

. . Mir war nun zu Mute, als hätte ich mir in I leichtfüßigen Versen etwas von der Seele heruntergeschrie- I ben, das mich unwillkürlich zum Anssprecheu gedrängt I oatte. Aber an Veröffentlichung dachte er nicht; erst nach I dem Kriege tauchte der Gedanke auf,ob mir die praktische I

6? der Dichtkunst nicht auch zur Erwerbsquelle werden I konnte . Der ^.ill Eulenfpiegel ward hervorgefucht unb' I taun Freiligrath gesandt mit der Bitte, bei Cotta ein gutes I