Ausgabe 
4.6.1910
 
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und weihen, großblütigen Anemonen an schlanken Sten­geln waren wie Spott dieser Stimmung gegenüber. Der Professor versuchte ein paarmal, Seppl Mer den Tisch herüber zu necken und anzureden, aber der Junge hatte nur einen scheuen Blick aus verweinten Augen für ihn. Da lachte er auf und ließ ihn in Ruhe.

Gleich nach Tisch ist der Professor gegangen. Er käme erst morgen wieder, erklärte er, heute wolle er eine Wande­rung in den Wald machen und sein Skizzenbuch mitnehmen.

Ich sah ihn an wie einen Fremden, als er da vor mir stand uub sich so förmlich verabschiedete. Ich mußte auf einmal an die Tage im Frühling denken, als er mir Seppl brachte. Das Lachen, das das ganze Haus lebendig machte, und die frische, gutherzige Teilnahme für alles um ihn herum, auch für mein eigenes, ganz verfahrenes Leben, die mich beinah quälte! Wider meinen Willen hat er mir damals ja geholfen!

Ich habe ihm so viel zu danken. Ich hätte so vieles mit ihm durchsprechen mögen, was sich nicht schreiben ließ. Ich hatte mich auf ihn gefreut!

Jetzt ist das vorbei. Es ist überhaupt alles vorbei, was mir das Leben wieder lieb machen wollte, wenn er mir den Jungen nimmt!

Er darf es nicht, er soll's nidy f Wie bringe ich es nur fertig, es ihm zu sagen?

16. September.

Ich werde selbst nicht klug aus Seppl. Ein paarmal schon habe ich ihn ins Gebet genommen und ihn gefragt, was er gegen seinen Baier hätte.

Hast du ihn denn nicht lieb, Seppl?"

Er nickt.Doch."

Warum bist du denn nicht gut zu ihm? Was soll denn das? Hat er dir etwas getan?"

Aber ex schüttelt nur den Kopf und versteckt ihn an Meiner Schulter. Es ist nichts aus ihm herauszubringen.

Mit mir ist er zärtlich und zutraulich tute immer. Wer wenn sein Vater da ist, dann ist der Junge scheu wie ein verprügelter Hund und sieht ihn nur mit ängstlichen Augen von fern an.

Drei Tage ist der Professor nun schon da. Er kommt zu Tisch, sitzt nachher mit uns eine Stunde oder zwei im Garten, macht in einer kurzen, knurrigen Weise Konver­sation oder schweigt ganz, fühlt sich sichtlich unbehaglich Upd geht, sobald es mit Anstand möglich ist. Des Abends sst er trotz meiner Aufforderung nicht ein einziges Mal gekommen. Ich weiß nicht, wo er daun ist,

Es ist Überhaupt wie ein heimlicher Kriegszustand Mischen uns. Wir haben noch kein uns naheliegendes Thema berührt, weher meines Vaters Briefe noch die Frage Seppl. Um die gehen wir beide herum lote die Katze um beit heißen Brei.

Was ich an Seppl tue, kann jede tüchtige Pflegerin auch tun, sagt der Medizinalrat. Ja, körperlich wohl. Mer was der Junge braucht: Liebe, stündliches Eingehen aus seine grüblerische kleine Seelenwelt laßt sich das auch kaufen und bezahlen? Nein, ich weiß, daß er mich nötig hat! Ich muß es durchsetzen!

Aber den Mstt dazu habe ikh nur, .wenn ich allein in meiner Stube bin. Aus des Professors Augen und aus dem Ton jedes Wortes fühle ich noch das gleiche heraus wie im ersten Augenblick: du hast mir mein Kind ent­fremdet!

Und wenn ich auch weiß, daß es nicht wahr ist es verschließt nur doch den Münd, wenn ich mit ihm zu­sammen bin!

18. September.

Manchmal kommt mir ja der Gedanke: der Junge ist nicht allein der Grund seiner veränderten Stimmung. Es muß da noch etwas anderes sein, das tiefer liegt.

Ich beobachte ihn, wenn er im Garten sitzt, sich mit der großen Hand durch ben roten Bart fährt mit einer langsam nachdenklichen Bewegung und, die Brauen zu- fammengezogen, vor sich hinsieht. Wenn mir die Pause zu lange dauert und ich ihn anrede, hebt er zerstreut desii Ävpf und gibt irgend eine gleichgültige Antwort. Unds wenn er sich dann hastig verabschiedet, möchte ich ih!n sefftz- halten, ihn fragen, warum er nicht er selbst ist. Und habe doch Angst vor einer kurzen, schroffen Antwort, wie ich sie dieser.Tage schon ein paar MW bekommen habe!

19. September.

Eine Viertelstunde laug habe jch gehofft, es könnte alles wieder wie früher werden. Ich glaubte, ich hätte den Faden gefunden, an den sich wieder anknüpfen lieh!

Es regnete, wir konnten heute nach Tisch nicht int Garten sitzen. In der großen, Hellen Gartenstube ist es dann so behaglich, wenn der frische Geruch der feuchten Erde und des nassen Laubes durch die breite Glastür kommt. Der Professor lies im Saal auf und ab er hat noch kein Wort darüber gesagt, daß wir ihn jetzt täglich bewohnen und rauchte seine Nachtischzigarre. Ich bin seine Schweig­samkeit jetzt schon so gewohnt, daß ich ganz erstaunt aufsah, als ich ihn reden hörte.

Holla, was ist denn das?"

Er stand vor den Bildern, bem' meines Vaters und der Zeichnung meiner Mutter, die er selbst gemacht hast Ich kam rasch zu ihm hin.

Kennen Sie das Bild noch, Herr Professor?" Er war auf einmal ganz der Mte, mit lebhaften Augen.

Das ist brav, daß Sie die Bilder hierhergehängt haben, sehr brav!"

Ich stand einen Augenblick neben ihm und sah die Bilder an. Und auf einmal kam es mir heiß und stark zum Bewußtsein, was sie mir bedeuteten, und was ich dem da neben mir zu danken hatte. Ich konnte es nicht lassen, ich streckte ihm die Hand hin.

Herr Professor, ich wollte, ich könnte es Ihnen sagen, was Sie damals an mir getan haben!"

Ich? Au Ihnen?"

Sollte das Abwehr fein? Ich wurde unsicher.

Natürlich, ich weiß ja, daß Sie es ipeines Paters wegen getan haben, aber"

Da sind Sie doch etwas im Irrtum, Kind!" Er wandte: sich rasch zu mir herum.So hoch mir das Andenken, meines guten Freundes stand, dem schadete oder nützte es nichts mehr, was wir hier von ihm dachten. Aber ich sah, daß Ihnen der Konflikt innerlich Schaden tat, und deshalb wollte ich Sie herausreißen. Vielleicht habe ich in meinem guten Willen ein bißchen derb zugefaßt, das müssen Sie einem grob zugehauenen Kerl wie mir zugute halten."

Nein, nein, es war gerade gut so!"

Ich sah ganz glücklich, zu ihm in die Höhe, es kam mir vor, als ob diese letzten Tage ein häßlicher Traum gewesen wären. Ich hätte den Augenblick, die Stimmung mit beiden Händen festhalten mögen,

Fortsetzung folgt.)

Aus dem (eben Julins Vsiffs.

Julius Wolfs hat nicht von Jugend auf in der Lauf­bahn des Dichters seine wirkliche Bestimmung erkannt; als feilt erstes Werk erschien, der Till Eulenspiegel redivivus, der ihn mit einem Schlage zum berühmten Dichter machte, war er ein gereifter Mann von 40 Jahren, der auf reiche! Erfahrungen zurückblicken konnte und das Leben kennen gelernt hatte, inmitten des prächtigen Harzes, in einem alten, von dem Schimmer der Historie ummitterten Giebel­hause Quedlinburgs hatte er au einem Septembertage des Jahres 1834 das äicht der Welt erblickt, als der Nachkomme einer alten Familie, die seit Jahrhunderten in der Stadt Till Eulenspiegels das ehrbare Tuchmachergewerbe ausübte.- In dieser Tradition wurde auch Julius auferzogen, aber sein frisches, wirklichkeitsfrohes und unverwüstlich heiteres Tem­perament bewahrte ihn davor, in der Vorbereitung für, seinen neuen Beruf feinen einzigen Lebensinhalt zu sehen. Schon als Knabe war er ein leidenschaftlicher Freund ben Natur, auf den grünen Matten des Harzes, im Schatten der Wälder, an plätschernden Bächen beobachtete er mit kindlicher Neu gier die Tierwelt, daheim in feinem Stüb­chen hat er eine ganze Sammlung von gezähmten Waldtieren und wenn er der Unterhaltung mit diesen Spielgefährteri müde ward, dann ging er in den Dachkammern des alten! 'Vaterhauses auf die Mausejagd. Er scheint in seinen Kiuder- jahren ein guter Mäusefänger gewesen zu sein, er, dech später mit feinem Rattenfänger von Hameln fo viel Ruhm! ernten sollte, denn mehr als eine Maus hat er daheim mit der Hand gefangen. Bei einer dieser Jagden war es auch, daß er in einer Bodenkammer eine verwitterte alte Aus­gabe der Schillerscheu Gedichte ausstöberte. Fortan blieb! dies Buch! sein treuer Begleiter; wenn er hinauszog in