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tu dem affen. Ich schüttele mich, to'eiut ich an Euer Güttingen, an Hör sä le und Ballsäle denke. Ein Pereat aller Stubenhockerei!"
Beruhardi hatte es ähnlich ivie Vater gemacht, er Hütte das Corpus juris in die Ecke geworfen und war nach München unter die Maler gegangen. Dies befreite junge Künstlertum in den beiden führte sie wohl zusammen. Das jungenhaft Frische in den Briefen zieht mich an, ich will sie später weiterlesen.
Ein paar Zeichnungen von ihm lagen lose in dem Schreibtischfach. Flotte, spaßhafte Dinger, Kneipszenen mit ungeheuren Bierschoppen und von Schmissen zerhackten Gesichtern. Eine plump aus Füßen wandelnde Tonne mit einem lustigen, augenscheinlich porträtierten Kopf. Ein paar Bilder gehen wohl auf Vater, wenigstens steht ein winziges P. F. W. darunter gekritzelt. Und in der Karikatur mit der kühnen Stirnlocke ist Vater auch wirklich etwas zu erkennen. Das eine Mal verfolgt von eitlem ganzen Trupp dicker Folianten, die drohend mit langen Beinen ihm nachrennen. Auf dem andern Ding stolz in einem Kreis von winzigen Weibchen, die bettelnd dünne, spinnige Arme nach einem großen Herzen ausstrecken, das er in der Hand hält Und brockenweise verteilt. Eigentlich ein höchst alberner Sekundanerwitz. Ich habe das Blatt verbrannt. —
23. August, Anatomie. P. F. W.
Ein dünnes Heft zwischen zwei schwarzen Pappdeckeln. Und noch eins, zwei, vier ebensolche, nur mit andern Aufschriften über dem Namen.
Auf den ersten Seiten der Kolleghefte eine seine, lineal- arade korrekte Schrift. Satz für Satz farbloses Professoren- deutsch, etwas komprimiert durch Weglassung überflüssiger Worte. Aber auf der fünften, sechsten Seite schon bisweilen rin eigenmächtiges spöttisches Ausrufungszeichen oder ein ratloses Fragezeichen in Klammern.
Dann auf einmal ist es, als ob dieser junge, eigene lebendige Geist diese Schranken nicht mehr aushält. Mit 'einem Sprung hinüber!
Mitten in einem Satz über Muskelbänder ein paar ungeduldig gekritzelte Zeilen:
„Spitze Worte und spitze Seziermesser. Wenn sie glücklich die Seele herausgetrieben haben, was bleibt? Tote Materie. Für das Leben hat doch nur Leben Wert. Könnten sie das wegbeweisen, sie täten es."
Vater hat nie Verse veröffentlicht, auch nie viele geschrieben. Er war nicht leicht genug beanlagt, um sich in flüssiger, lyrischer Form auszugeben. Er ließ, was er zu sagen hatte, erst ausgären und verbrausen, und wenn es innerlich durchgearbeitet war, formte und bildete er aus seinem Material diese wuchtigen Dramen, mit denen er hen Stoff bis in die Tiefen ausschöpfte.
Aber hier in diesen Brausejahren fliegt doch bisweilen stoch ein Blatt Verse Dazwischen. Hastig hingeworfene Strophen, schülerhaft mit dem störrischen Wort ringend. Mitten In den Kollegheften steht solche Konterbande, bruchstückweise, fast wie widerwillig herausgestoßen. Der Torso eines „Kain", in dem ich schon den späteren Dramatiker erkenne.
„Der da droben
Will nur zitternde Knechte, Denn die Starken
Stehen zu nahe
Seinem 'Throne —
Aber ich will mich nicht beugen,
Ich will ihm trotzen, Ich bin stark wie er, Ich recke die Arme Ihm entgegen Und lache, lache Seines Zornes!"
Die ganze Zeit ist Auflehnung', Kamps, Trotz. Aber der verzweifelte Trotz der Liebe, die nicht verlieren ivill, was sie liebt.
Der alte Mann auf Weddigeuhof war von strengster Kirchlichkeit. Was seine Söhne ins Leben mitbekamen, war eine Last von Dogmen und Formeln, die jede freie Regung Unterdrückten. Scheuklappen und Maulkorb. Das war die geistige Atmosphäre in Vaters Elternhaus.
Er selbst hing an diesem Elternhaus mit allen.Fasern seines Wesens. Der Kampf zwischen Autorität und' Selbständigkeit'must furchtbar für ihn gewesen fein.
24. August.
Ich habe heute mit heißen Backen über den altem Blättern gesessen und konnte bisweilen vor Tränen die Worte nicht lesen.
Diese Kolleghefte eines jungen Studenten gehören mit zu dem Heiligsten, was ich besitze. Ich gehe darin Schritt für Schritt den Weg nach, den feine Seele gegangen ist.
Wie er gelitten hat! Es mußte ja abfallen, was ihn festbinden wollte, aber er hat schwer dabei gekämpft und' sich zerrieben.
Ich fühle und weiß es. Und doch ist es so wenig, aus dem ich es herauslese. Ein paar Seiten kurzer, nervöser Fragen und Antworten. Fragen an sich selbst, Antworten ans sich selbst.
„Kausalitätsgesetz und Gottesglaube. Schließt eins das andere aus?
„Kausalität läßt keinem frei wirkenden Gott Raunt.
„Ja, aber wenn Gott alles und in allem ist, so ist er eben selbst die Kausalität. Oder verliert er dann sich selbst?"
*
„Es gibt keine objektive Wahrheit. Was ich glaube, ist meine Wahrheit. Die Wahrheit hat viele Gestalten. Oder: sie ist wie eine Gestalt, die viele Künstler von verschiedenen Seiten zeichnen. Jedes Bild ist anders als alle anderen, und doch stellen alle die gleiche Gestalt dar. So hat jeder Mensch seine eigene Wahrheit, und meine ist anders als eure."
*
„Faßt man Gott als der Natur innewohnend, so bleibt die Frage: was ist das Böse? Oder eher: gibt es überhaupt das Böse? Wo alles Gottesofsenbaruug, da ist eben alles Natürliche weder gut noch böse. Gott kann sich nicht selbst negieren."
*
„Gott-Natur-Kausalität. Wo bleibt Gott? Er ist ein Begriff geworden. Er ist tot. Der Glaube ist Aberglaube. Die Kirche ein Possenspiel."
„Meine Kinderheimat liegt so weit,
Liegt in einem anbern fernen Leben, Meiner Seele ruheloses Streben Suchte neuer Ziele Glück und Leid.
.Wo mein Knaben fuß im Spiel einst flog,
Lockt mich heute keines Vogels Rufen,
Längst vergaß ich des Altares Stufen, Wo ich betend einst die Knie bog.
Fremd ist euch, was meine Seele spricht, Die ihr einst mein Kinderwort gedeutet, Hände, die den ersten Schritt geleitet, Wissen meine neuen Wege nicht.
Ach, ich weiß nicht, was den Sinn mir lenkt
Weit zurück von junger Zukunft Sehnen,
Und mir wird das Herz so schwer von Tränen, Schwer, als ob es' lieber Toter denkt."
Es waren aber nicht Tote, es waren Lebende, mit denen er zu rechnen hatte. Vater hat den alten Mann auf Weddigenhof in Ehrfurcht geliebt. Er hat gewußt, daß er die Heimat aufgab, wenn er sich zu seinem „Wfall" bekanntet, Diese Ferienwochen zu Haus müssen böse Zeiten gewesen sein. In dem einen Heft liegt ein alter Brief, aus dessen Rückseite ein paar Verse gekritzelt sind:
„Kein Wort spricht aus, wie weh mir das getan.
Ich sah dein graues Haar schon durch die Menge', Und deine guten, alten Augen sahn
Froh nach mir ans im schiebenden Gedränge.
Dann stand ich vor dir, gab dir meine Hand!
Und hörte dein Willkomm in meinen Ohren
Und wußte doch — wenn du mein Herz gekannt,
Ich hieße dir gestorben und verloren —"
Der Brief selbst ist in Großvater Weddigeus steiler',- ungeübter Schrift. Er hat besser mit Pflug und Egge umgehen können als mit der Feder.
„Lieber Sohn!
Da Du mir schreibst, daß Du Dein Studium aufgeben und etwas anderes werden willst, so kann ich Dich ja dar an nicht hindern, da Du ein erwachsener Mensch bist. Mit m eilt ein Willen geschieht es aber nicht. Und ich will Dir 1 hiermit nur sagen, haß Du bann selbst sehen mußt, wie Du


