Ausgabe 
4.4.1910
 
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Ihres Vaters Tochter.

Roman von Lulu von Strauß und Torney.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsebuua.)

Nach Tisch zeigte ich ihnen das Haus. Eigentlich merk- toürbtg, daß Ti!la es noch nicht kannte. Aber wir waren ja immer nur zusammen, wenn Vater und der alte van Straateu das soiniuerliche Rendezvous in den Bergen hatten.

Tilla ist in Möbeln und Zimmereiurichtungen sachver­ständig wie ein gelernter Dekorateur. Sie ging kritisch von einer Stube in die andere, aber mir fanden Gnade vor ihren verwöhnten Augen, die Empirestühle in dxx Garten­stube neidete sie mir sogar fast ab.

Ich erzählte Herrn von Berg von meinem Arbeitsplan, als ich ihm Vaters Arbeitstisch zeigie. Er war einen Augen­blick still.

Finden Sie die Idee nicht auch schön?" fragte ich.

Doch gewiß. Die Entwicklung eines bedeutenden Men­schen ist immer das interessanteste Studium. Aber ich glaube, man darf ihm nicht zu nah stehen. Das macht leicht Ungerecht."

Sie meinen parteiisch?"

Nein, ungerecht. Keine Enttvicklung ohne Irrwege Und Fehler. Aber Fehler wollen wir nicht an einem ver­ehrten Menschen. Wir tragen es ihm nach, wenn er nicht ist, wie wir ihn sehen wollen. Wr vergessen dann eben, daß wir selbst doch viel in die Menschen hineinlegen und hineinlieben."

Ich nicht, Herr von Berg. Ich kenne Vater genau, wie er ioar."

Er schüttelte den Kopf.Sehen Sie, das ist schon der Beweis für meine Behauptung. Meiner Ansicht nach gehört überhaupt ein männlicher Geist dazu, um die Ent­wicklung eines Mannes zu verstehen."

Ich ärgerte mich.Das wissen wir armen Frauen ja Nun allmählich, daß der Mann uns bergeweit überlegen ist."

Wie kampfbereit!" Er lachte etwas, _die, Frauen­frage wollte ich wirklich nicht anschneiden. Ein Wertuutcr- schied existiert zwischen Wann unb Weib doch nicht, nur ein Wesensunterschied. Sie sollen eben füreinander sein und sich vollkommen ergänzen."

Sie widersprechen sich selbst, Herr von Berg. In dein Fall müßte ja gerade eine Frau die Entwicklung des Mannes verstehen können."

Trugschluß, gnädiges Fräulein. Ergänzen ist uccht ergründen. Das Weib ist dem Mann ein Stück Entwicklung, aber es versteht sie nicht."

Er war einen Augenblick in Gedanken.

Wer versteht denn überhaupt im Grund die Entwick­lung eines andern Menschen? Wir können da ja immer

nur raten, Hypothesen bau eit, aus Analogien mit eigenem Erleben Schlüsse ziehen. Geistige Entwicklungsgeschichte tst eine Wissenschaft wie andere auch, aber mit keiner andern wird so frivol uingesprungen wie"

Tillas etwas spöttische Stimme schnitt ihm fernen Sah mitten durch. , , ...

Mir scheint, du hältst dich im voraus schadlos dafür, daß du dann ivieder geistig bei mir darben mußt, Georg!"

Wir nahmen das Thema nicht wieder auf. Nur zuletzt kam er noch einmal zu mir.

Sind Sie mir böse?"

Ich lachte.Böse? Nein, aber auch nicht einverstanden."

Das tut nichts, lieber verständigen Widerspruch sind übrigens auch nur ungebildete Leute böse. Ich hatte Ihnen das im Ernst auch nicht zugetraut."

Tilla lud mich, ehe sie gingen, dringend zu sich ettt.

Große Gesellschaften kannst du ja in der tiefen Trauer nicht mitmachen, aber du siehst doch hin und wieder einen Menschen, die Damen vonr Regiment sind wirklich sehr nett, besonders die Gräfin Wallmoden."

Ich schlug im Geist drei Kreuze. Bewahre mich her Himmel vor derartigen Zerstreuungen! Mir ist meine grüne Gartenstille tausendmal mehr wert und meine geliebte Arbeit trotz Herrn von Berg!

22. August.

Einen ganzen Haufen alter Briefe und Bilder habe ich heute gefunden. Mes ans Vaters Studentenzeit. Ver-, blaßte Gesichter, über denen die grob angetuschte Verbin-, dungsmütze noch tvie ein greller roter Klex steht.

Namen sind nicht darunter geschrieben, aber ein paar erkenne ich doch. Das feine Gelehrtengesicht ist Tillas Vater, der alte oder hier vielmehr noch junge van Straatenft Er hat nie in diese Hamburger Großkaufmannsfamilie! hineingepaßt, wenn er sich auch nach den paar Studienjahren der Tradition fügen und auf den Kontorbock setzen mußte, Tilla und ihr Bruder sind dann ja dafür wieder echte van Straatens geworden.

Das daneben ist Bernhardt, der Maler. Vater must ihn sehr gern gehabt haben, er sprach noch- öfter von ihm. Ich möchte wissen, warum er schon so lange jede Verbindung mit ihm aufgegeben hatte.

Damals müssen sie noch wie Brüder gewesen sein. Es sind eine Masse Briefe von Bernhardt da, ein paar habe ich gelesen. Junge, ausgelassene Briefe, nur bisweilen ein komisch väterlicher Ton dazwischen:

Ich muß Dir eine Standpauke halten, alter Kerl. Läßt wieder zwei Monate nichts von Dir hören. Womit vertust Du Deine Zeit? Die fili-a hospitalis sollte doch nun Über-! wund en er Standpunkt sein. Meine Aufsicht fehlt Dir, was ?"

Mensch rappele Dich ans und komme hierher. Es ist unerhört schön, wie die weiße böse Wettersteinwaild sich gegen den hartblauen Februarhimmel reckt und wie die Regimenter schwarzer Tannen um die toten eingefrorenen Gebirgsseen stumme Wache halten. 'So. viel gesunde Härte