Ausgabe 
3.12.1910
 
Einzelbild herunterladen

756

ihn b'ettt Gebet bestem seilt; Veit Kopf Voll Sorgen, hast äuich sicher bi der ganzen Zeit diesen deinen Geldbeutel von allen Seiten! betastet und an ihn gedacht. Bist aber hereingefallen, Freundchen, es hat sich em Klügerer gefunden. Sie stehen hier, diese Erz­engel, und bewachen euch, ob ihr nicht die Augen verdreht. Fahr nach Hause und rede dort auch den anderen Die Lust aus. .Ja, es ist bl oh eine müßige Spielerei, ein Herumsanlenzen und kein Gott gefälliges Werl. Beten kann und muß man auch daheim Nnd soll nicht, nachdem man sich zu Hause beschmutzt hat, hierher kommen, sich reinzübeten .

Ich hörte neugierig zu. So eine sprühende, wahrhaft ver­nünftige Rede hatte ich schon .lange nicht gehört. Auch mein Nachbar hörte mit Aufmerksamkeit zu.

Also nach deiner Ansicht ist es bloß eifte Faulenzerei?' fragte er nachdenklich.

Jawohl, nichts anderes,"

In demselben Moment knarrte etwas Unter der Bank, etwas bewegte sich dort und, den Hals vorstreckend, schaute ein Mensch jnit verschlafenem flehendem Gesicht hervor.

Bitte, Väterchen, ist die Kontrolle schon vorübergegangen?" fragte er rasch, flüsternd.

Nein, noch nicht," antwortete der Kwasverkäufer, seine! lispeliche Stimme nachahmend.Spielest wohl den Hasen (Haien nennt man in Rußland die Passagiere, die ohne Billett reisen),

Väterchen, vom frühen Morgen schon lieg ich hier auf dein Bauch." t _____

Und sein Kopf verschwand unter dem Sitz.

Zur Wallfahrt?" neigte sich der Kwasverkäufer zu UM. Nein, Arbeit suchen. Wir krepieren zu Hause Hungers.

,^Hörst du?" wandte sich der Kwasverkäufer zu ieinem Nach­bar, der gleichfalls bat Kopf geneigt hatte und unter die Bank S'te,wenn du reich bist und in deinem Beutel Geld hast, so dock) einem Menschen bei." ,

Gleichzeitig hörte man unter dem Wagen die Bremsen klirren Knd auf der Lokomotive ertönte die Pfeise. Der Zug nahert-e sich einer Station. ... ~ ,

Ter Wallfahrer erhob sich, stöberte m seiner Tasche herum ioib sagte:

Kriech hervor, kauf dir ein Billett!" und reichte ihm eins Fünfrubelnote. , ,,

Tann schnürte er rasch sein Bündel, huckte es auf nnd machte sich ächzend aus den Weg zum Ausgang.

Wohin?" fragte ihn der Kwasverkäufer.

Nach Wenewa. Zurück nach Hause. Leb wohl. Gruß Kiew von mir!" , . . Und er ging hinaus. ,

Später kam auch ich mit dem Kwasverkäufer ins Gespräch!. Er hieß Jefim. ... ,, .....

Eben davon," sage ich,wird auch in dar Evangelien erzählt. Auch Christus führte mit einem Weib ein,Gespräch darüber, Wolman zu Gott beten müsse, daß eine Zeit kommen werde, wo man überall, allerorts vor ihm niederknien werde" Und ich zitierte! ihm die Stelle aus den Evangelien. ,

Jefims Augen leuchteten und er lauschte mit offenem Mund.

Bitte noch!" . . . sagte er, als ich M Ende war.Ich könnte es immer und immer wieder hören. Wie ist das nun, Herr, du weißt alles auswendig?" . . .

Ich zog aus der Tasche ein Evangelium, das ich bei mir hatte, um ihm aus dem Buche vorzulesen. In der Hand hiel-I ich eine angezündete Zigarette, die ich öfters zum Munde führte imb eifrig rauchte. Ich blätterte das Buch und rauchte weiter, Der Rauch schlängelte sich auf den aufgeblätterten Seiten des Buches und ballte sich z>u kleinen Wölkchen, wenn ihn die Seit« xudeckte. Jefim neigte sich ein wenig vor, um auch in das Buch bineinzuschanen, obwohl er nicht lesen konnte und mehrer« Male bemerkte ich, tdie er sich, das Gesicht verziehend, vom!

Rauch abwendete.

Hast es gar nötig, diese Saugtet r$e zwischen den Lippeni zu halten. Kennst dich so gut in den Heiligtümern ans und räucherst dich mit diesem Gestank." . ,

Er wendete sich ab und spuckte durch ine Zähne zischend aus.

Dies war so treffend gesagt, so zur rechten Zeit und Ja «unaussprechlich wahr, mit solcher vorwurfsvollen überzeugenden Stimme, daß ich mich ganz besiegt und vernichtet fühlte. Ich sah nun so deutlich) den groben Widerspruch zwischen einem reinen Gespräch und dem schmutzigen Ruß vom Ranch im Munde; Nnd der bläuliche mit schwülfeuchtem Atem vermischte Ranch, der sich über die Seiten des Evangeliums schlängelte, erschien mir fat der Tat so entweihend, daß mich der Ausdruck Gestank nicht nur nicht beleidigte, sondern geradezu zur Verrinnst brachte. Mir selbst erschien es jetzt, daß wirklich etwas Schmutziges und Stinken­des daran sei und seine laute zischende Spucke schien auf mich gerichtet, und fiel auch wirklich tief, tief in, mich hinein. Ich wurde rot, beschämt und sagte ihm:

Du meinst also, man müßte bidfen Unflat wegwerfen?" Freilich, freilich," antwortete er,aber du wirft eS nicht tun. Klebst an ihm und kommst nicht los."

'Ich legte das Evangelium beiseite, zog tofS der Tasche dH Tabakdose, die Zündholzschachtel, neigte mich zum offenen Fenster, durch welches ein frischer Nachtwind eindrang und schlendert«! die Tabakdose mitsamt den Zündhütchen hinaus. Ich sah, wis dtie silberne Dose auf den zweiten Scknenenweg fiel, an eins Schiene anschlug, wodurch sie sich öffnete, und wie der ganz« Tabak mit dem Zigarettenpapier vom Wind weit weit zerstreut wurden.

Ich fühlte eine große Erleichterung, wie lvenn plötzlich ei« hohler Zahn zu schmerzen aushören würde. Seit damals habd ich zu rauchen aufgehört. ..." ' '

Vermachtes.

* Das Ehrenbegrabnis eines Polizeihundes^ Me Pariser Polizeibeamten sind in Trauer versetzt: Leo, dep Polizeihund, der treue Gehilfe und Liebling der Beamten, ist itri Kampfe gegen die Apachen gefallen, ein Opfer feines scküwerew Berufes und ein Held seines Amtes. Eine Revolverkugel traf! Leo, als et bei einer nächtlichen Razzia zwischen den alten Festungs­werken von Paris einem Uebeltäter auf der Spur war. Dis 17. Polizeibrigade von Paris, der Leo angehürte, will dem tapferen Hunde ein feierliches Ehrenbegräbnis stiften, und all« dienstfreien Beamten werden dem treuen Hund das letzte Geleit« Seben. Leo mar der erste Polizeihund, der in Erfüllung feines .flicht sozusagen auf dem Schlachtfelde einen ehrenvollen Tod fanbt

* Das Märchen vom giftigen Menschenfleis chb Es waren einmal im Lande der Tungnsen im östlichen Sibirien! viele sehr tüdjtige Jäger, die recht gut mit der Büchse umgehe« tonnten. Die wurden eines Tages sehr übermütig und rühmte« fid), daß sie jeden Vogel auf den ersten Schuß ans der Luft herunterholen könnten. Der Geist der Steppe war sehr erzürn« darüber und dachte daran, sie zu strafen. Er kam zu den Schütze« und sagte zum Vesten von ihnen:Ich will glauben, daß du! das sicherste Auge hast, aber du mußt es wahr madjen, dessen d« dich gerührt. Du sollst eine Schwalbe im Fluge auf den erste« Schuß treffen, fehlst du aber, dann werde ich dich ob deines! Prahlens strafen." Die Schwalbe flog auf, der Jäger schoß, aber siehe da, die Kugel traf nur den Schwanz. Von der Stund« an behielten denn auch alle Schwalben den gegabelten Schwanz, die übermütigen Jäger aber wurden zu Murmeltieren oder Tat- baganen, von denen der Geist alles zu essen erlaubte, nur nicht die Stelle unter dem Schulterblatt, denn die ist Menschen­fleisch geblieben. Soweit das Märchen. Noch heute ver- Öen, wie demB. B. C." geschrieben wird, die Tungnsen jene

Partie, die stark mit fettigem Zellgewebe durchsetzt ist, denn sie glauben, daß dieses Menschenfleisch giftig sei. Wer es doch ißt, der erkrankt au heftigen Fieber, hat starke Kopfschmerze« und erbricht fid) häufig. Zugleich treten Beulen in der Achsel­höhle ober in der Schenkelbeuge auf, die mit großen Schmerze« verbunden sind. Ter Kranke stirbt meist schon am zweiten Tag« und es ist sehr gefährlich, solche Patienten zu besuchen, denn all« Gäste und die, die sie berühren, erkranken bann auch. Deshalb sondern die Tungnsen diese Kranken ab und verlassen ihre Jurten, wenn sie den ersten Fall erfahren. Die Tungnsen haben hie« nur teilweise ridstig beobachtet; es ist nicht an jedem Murmel­tier das weißliche Fleisch unter dem Schulterblatt giftig, abe« umgekehrt ist, wenn bas weiße Fleisch giftig ist, das ganze Murmel-, tier gefahrbringend. Es ist krank gewesen. Jin Sommer, wen« die Sträucher verdorren und das Gras vertrocknet, dann werde« Murmeltiere oft von der nach ihnen benannten Tarbagankrankheitj befallen. Sie werden matt und schwach und können leicht erjag« werden. Wer ein solches Tier näher betrachtet, der sieht, daß unter seinen Achselhöhlen dort, wo der Tunguse das Menschen- fleisch sieht eine feste Geschwulst bemerkbar ist und leicht« Blutungen auftreten. Diese Fleischpartie allein crfdjcint de« Tungnsen alsdann gefährlich, obwohl natürlich das ganze Murmel­tier 'voll von Jnfektionsstoff ist, denn die Krankheit ist, wie in der Ethnologischen Abteilung" der Internationalen Hygiene-AnA- stellung Dresden 19.11 gezeigt werden wird, biePest.

Scherzrätsel.

Sechs Zeichen nennen Dir einen Fisch, Er ist aui des-Armen und Reichen Tisch.

Steck ihm an den Kopf ein halbes Ei: Kein Mann bleibt Junggeselle dabei.

Auflösung de» Leiterrätsels in voriger Nummer r C 8

H A L E C R H

ISCHL 8 0

TITUS 0 S

PUPPE H R

Redaktion: K. Neurath. Rolationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universität»-Buck;- und ©teinbrutferet, R. Lange, Gieße»