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-Km Nichtsnutz, eilt NichtSntltz, ja, ja. Das ist alles. Man Müßte zum Amrs Vorsteher, daß er ihu durchprügelt, aber es geht nidjt. Ich 6in nicht dazu gemacht. Ich habe ihm ins Gewissen geredet und wieder ins Genüssen geredet, alle meine Worte Habe ich ansgebrauchl, unb er, wie die Wand: Steht und glotzt!"
„Will er auf Sie nicht hören?"
»Ja, ja. . . Marinia ist ein schönes Mädchen und buS! Unserem Dorf. Er hat ihr einen großen Schimpf angetan. In Koslowa dient er, mein Sohn, auf der Station in der Werkstatt«. Und Marinia Hut dort gekocht. Sie ist als Köchin angestellt. Nun, hatten die etwas miteinander oder hatten sie nichts miteinander, höchst wahrscheinlich hatten sie ja etwas miteinander — bloß daß Marinia schwanger ins Dorf zurückgekommen ist. Nikophor, so heißt er, mein Sohn, Hal ihr die Ehe versprochen. Sie muß bald ims Wochenbett, aber er kommt nicht. Das ist es. eben. Darum bandelt es sich..." . I
„Nun, was soll da geschehen?"
„Tas Mädel hat man aus der Scheune herausgeschleppt. Eine lSchlinge hat sie sich um den Hals gegeben. Mit knapper Not bat man sie wieder zum Leben gebracht. Ich war bei ihm, hab' tont ins Gewissen geredet. „Heirate sie," sag« ich, und er wackelt nicht einmal mit den Ohren. Zum Grafen hab' ich Ihn gerufen — er will nicht gehen, wenn man ihn auch mit Hundert Pferden schleppt. „Nikischa," sage ich, „o, es ist eine Sünde!" Und er glotzt mich an und brummt: „Eh, Sünde." Es ist mit ihm nichts zu machen! Da bin ich znm Grafen gegangen, und er sckstckt mich zu dir. . ."
Am selben Abend noch führ ich mit Lew Nikolajewitsch nadj: Koslowa.
„Wie gefällt Ihnen dieser Alte?" sagte unterwegs Lew Nikolajewitsch. „Es ist alles ihm so angenehm, auch die Sprache, er spricht stets unabgeschlossen, abgehackt . . . Und das ist viel fdjihter an einem Menschen, als die geseilte Klarheit und unsere totelligente Abgcmessenheit in der Sprache. Ich kannte noch einen solchen Alten aus Mjassojodow — er ist ein Verwandter Von der Greisin, die miir Märchen erzähl en kommt. Er spricht ebenso Ivie der, der heute war, ist ebewso gottesfürchtig, ebenso sanft. Er war eine Zeitlang KanalraNmer in Tula und erzählt darüber so schön, ohne sich zu genieren, ohne Geringschätzung. Die Arbeit verschönert alles. Hier sehen Sie, wer Buddhas? „Liebet die ewige Schönheit!" erfüllt. Man muß sich dazu! Miausschwingen., Und die Arbeit ist der Lift, der uns zn dieser Höhe erhebt. Wir suchen Sujets, wir haben das ganze herrschast- liche Leben mit allen seinen unscheinbaren Kleinlichkeiten durchs wandert und es in dünnsten Staub zerrieben . . . Ich empfand es selbst an mir und empfinde es auch an den anderen Schriftstellern, wie hohl, wie kurzatmig es ist. Man fühlt, daß man hier das Thema anseinanderzieht, anssangt, wie manche sagen, weil ihr ganzes Leben klein, die Handlungen, die Aufregungen, Und alle Erlebnisse der Menschen aus» diesem Kreise so nichtig, so unnatürlich sind, daß es einer besonderen Anstrengung der Schöpferkraft (Lew Nikolajewitsch lächelte bei diesem Worte) bedarf, um etwas, was dem Leben ähnlich sehen könnte, zu schaffen Und Illusionen von Haitdlnugen, Aufregungen und Erlebnissen hervorzurufen. Und hier, versuchen Sie alles das zu umfassen! Eine mächtige Eiche . . . Ich schreibe diesen Sommer nichts wehr. (Es war im Jahre 1886.) Sie haben mich ganz in die Arbeit hineingezogen, aber ich fühl«, daß sich etwas auf der Seele ablagert, daß sich dort ein Verlangen, zu schreiben, anwandelt. Uber nicht Wr die Intelligenzler, nein, mit ihnen, will mir scheinen, habe ich mich schon über alles ausgesprochen. Ich will aus dem Volksleben und für das Volk schreiben, Tas ist ein Auditorium!"
Emen Monat später komme ich zu Lew Nikolajewitsch.
„WjUen Sie," sagt er, „es war bei mir dieser Alte, ddv Kater vom Nikophor. Es wird doch Hochzeit sein. Er ist so froh darüber. Er hat auch seine Alte mitgebracht. Die hat ein Mündchen! „Ich sehe," sagt sie, „einen Meter tief unter die Erde". Und dem Alten hat sie tüchtig den Kopf gewaschen? „Und der Schlag soll dich treffen, und Zuchthäusler, und Trunken- bvld, und den Magen soll sich dir umdrehen" . . . Sie will Nicht, daß der Sohn die Marinia heiratet."
Und der Alte lacht bloß dazu: „Ein Plappermaul," sagt er. „Sie stirbt schon so, da hilft fein Teufel!" Ein wundersamen Greis!
„Ja," erinnert sich Lew Rikolajewftsch, „vor einigen Tagen War bei mir Davido ans Tula, er erzählte mir einen erschütternden Fall aus der Gerichtspraxis, wie ein Bauer fein Kind, das ihm |eine Geliebte geboren hatte, erstickt hat. Entsetzliche! Ich er» zähle es Ihnen nächstens ausführlich . . . Auch ein Drama! , ."
Es verging der Sommer. Lew Nikolajewitsch erkrankte, hatte Fieber, war aber bereits auf dem Weg« der Besserung. Ich kam Mr besuchen, lieber seinem Bett war ein Brett schief angebracht, daraus einige beschriebene Seiten und Schreibzeug.
„Ich habe mich nicht zurückhalten können," sagte mir Lew Nikolajewitsch lächelnd, „ich schreibe etwas. Sie werden Bekannte finden. Erinnern Sie sich an den Burschen ans Koslowska? Das Drama wird ein Drama werden. Ich weiß nicht, wie es *nir gelingen wird: aber ich berausche mich förmlich daran, kann Kisch nicht davon abreißen. Ich fündige, scheint es".
„Nock) ohne Titel?" fragte ich.
„Wird schon einen Titel bekommen. Ter Gang des Stückes totrb beit Titel bestimmen. Die Personen benenne ich mit dest Namen derer, die ich beschreibe. Da sehen Sie, da sind unfern) Bekannten: Nadjeschda, Nikophor, Marinia. Es ist so leichter, sie zn zeichnen; ich habe sie stets vor Augen und kann nun leicht vorstellen, wie sie in dieser oder ber anderen Situation sprechen unb handeln werden. Später werde ich felbstverstimd- lich alles um arbeiten unb ihnen aitbere Namen geben. Ich sage Ihnen, baß etwas Großes herauskommt, das, wenigstens mich, in großem Maße ergreift." . . .
Ein sonderbares Gefühl. Ich schreibe zmu erstenmal ein größeres Theaterstück und empfiube bei weitem nicht das, was! man gewöhnlich darüber erzählt. Ich schreibe nicht, ich zeichn« nicht, sondern — wie kann man sich deutlicher ausdrücken? —, ich meißle es. Es ist eine Arbeit mit hem Meißel. Ist der! Romanschriftsteller ein Maler, so ist der dramatische Dichter ein Bildhauer. Er hat nicht diese Licht- unb Schattennüancen, diese! Uebergangsstadien; er hat bereits fertige Momente, Reliefe, und tritt scheint es, ahsj gäbe es nichts Langweiligeres in einckm Drama, als bieses Werden, dieses Anwachsen von Ereignissen vor den Augen des Zuschauers. Die Ereignisse müssen schon Hinte« der Szene reif werden, sie müssen bereits fertig he raus kommen und im Kampf, im Zusammenstoß mit anderen Ereignissen das Drama entwickeln. Dies erschüttert. Dies ' ist interessant, es bringt uns in warme! Nähe zum Sujet unb zu dem, der dieses Sujet bearbeitet. Ja, da sage ich es Ihnen und mir, aber das bedeutet noch lange nicht, daß ich es' auch so machen werde. Erscheinen die Ereignisse! und die Personen einmal durcheinandevgewürfelt auf dem Papier, so beherrschen sie dich, und nicht du sie. Es ist so, wie iveaym man bergab fährt. Der Wagen läuft. Nicht du lenkst jetzt diel Pferde, sondern die Pferde lenken dich. Als du bergauf fuhrst Tonntest du leichter umwenden, stehen bleiben und alles nach deinem Willen tun. Ich fühle z. Ä., daß die Monologe nicht gut sind, daß dies im Leben nicht so vorkommt, sie gehen aber immer durch, bergabwärts . . ."
Eine Woche später waren noch zwei Akte fertig, und als ich einige Tage darauf wieder kam, lief mir G« entgegen und erzählt« andächtig, flüsternd: „Ich trete heute zu ihm ein, ganz leise, in der Meinung, er schläft, unb will ihn nicht stören, da öffne® er die Augen, zeigt auf das Geschrieben«.
„Soeben habe ich es beendet!" Und zog mich an sich heran, „Wie wohl ist mir!" sagte er. ,
So ist „Die Macht der Finsternis" entstanden.
Wie T o l st o i das Rauchen a u f g a b!.
„Es war," erzählte Lew Nikolajewitsch, „in der Eisenbahn, auf dem Wege nach Kiew. Gegen Abend füllten sich die Waggons mit Wallfahrern. Jeder zog aus seinem Bündel ein karges Nachtmahl, unb nachdem sie sich Halbwegs gestärkt hatten, suchten sie sich so gut es ging eine Lagerstätte zu errichten. Da hörte ich, wie ein mir gegenüber sitzender ungezwungener Mann mit einem! breiten Bart seinem Nachbar spöttisch zurief:
„Tu solltest deinen Geldbeutel mehr zusammenziehen. Und versteck ihn besser!"
Dieser betastete nervös seine Tasche und machte sich in betf Tat ziemlich lange mit [einem Gelbbeutel zu schaffen.
„Sv seid ihr alle, ihr Betbrüder. Unterwegs zittert ihr übe« jede Kopeke wie dlie Türglocke in einem besuchten Lokal und kommt ihr nach Kiew, so zerfließt alles auf einmal. Kaum daß man sichs versieht. Da, sitz uh! vorigen Herbst in meiner Bud« unb verkaufe Kwas, als da plötzlich auch so ein schnauzbärtiger! Betbruder, wie du einer bist, halb tot, halb lebendig, gelaufen! kommt. Bleich, di« Hände zittern, die Lippen blau, wie vor dcntz Sterben, die Nase laug wie eine Dachrinne.
„Geh, Landsmann, spendier mir einen Kwas!"
Und atmet kaum.
„Ta hat man mir soeben," sagt er, „auf ber Frühmesse int! Kloster das Geld abgezwickt. 18 Rubelchen und Klekngeld. Barmherziger Gott!" ...
Ich seh«, der Mensch lügt nicht und schütte ihm ein Glas Kwas voll.
„Trink," sag ich, „und spuck bann aus".
Er leerte das Glas mit einem Zug.
Ich gofß ihm ein zweites ein.
Er stürzte auch dies bis auf den letzten Tropfen herunter.
„Wisch dir jetzt die Schnauze ab," sage ich, „unb tummkcl dich ans Ufer, dort sind Holzflöße angefummen. Man nimmt Träger auf. Wirst für bie Rückfahrt verdienen und marsch nach Hanse. Woher bist du?" frage ich.
„Aus Wenewa," sagt er.
„Nun, da bist du bis hierher gekrochen gekommen, UM vop Gott nieberzuknieit? Wie wenn in Wenewa der Himmel zu schmal! wäre, wie wenn dort die Sonne nicht aufginge, das Wasser nicht! fließen, bie Menschen nicht sterben würden, tote wenn dort nicht berselbe Gott wäre. Ach, ihr! . . . Tausend Werst mußt M dir die Fuße ablaufen, um hierher zu kommen und dich mit dem Volke in engen Tempeln, dir unb den anderen zum Spott, herilm- hudräugen. Ist hier etwa ein anderer Gott, mit anderen Heiligtümern, mit anderen Gesinnungen zu dir? Jetzt hat er dir eine Lehre erteilt, durch einen Langfinger. Ja und tote mochte es mn$


