Samstag den 5. Dezember
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lFortfetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Lause Friedel hervorgegangen war, und die bösesten Verdächtigungen.
Friedel halb-süß.
Noman von FedorvonZobeltitz^
Links war die Gemarkung von Hautvillers liegen geblieben. jener alten Abtei, deren Pater Kellermeister dermaleinst das Geheimnis des Gärprozesses im Wem entdeck« hatte, und dann ging es durch den Foret de Retms auf Schlängelpfaden rechts ab und ein Stückchen zurück auf gelben Wegen zwischen Wiesengrün, wo Gras Alired Hochö eine niedliche Bieierei gegründet hatte, in der ihm ein Glas Milch teurer kam als eine Flasche Miquelon. Nichtsdestoweniger ließ Andrse halten, der Schweizer mußte ein paar Glas" dieser kostbaren Milch präsentieren, die man denn auch mit Genuß trank, da sie wundervoll gekühlt war und der Durst sich meldete. Und wieder ging es weiter. Ta- kokette Idyll, das einem hübsch hingestellten Bühnenbilds glich, blieb zurück; von neuem begannen die Weinberge, die von Chigny, Lndes und Mailly-, und dann lenkte das- Gesährt dem Orte Verzenay zu, wo das Rebengelände zn Ende ging. In der Ferne tauchte das Dörfcken Sillery auf, der alte Besitz des Marquis de Sillery, der dem ersten Champagner den Namen gegeben hatte — ein Name, der auf späteren Marken immer wieder kehrte —, und nun fuhr man in weitem Bogen ostwärts, sah am Horizont die Türme der Kathedrale von Reims und lenkte wickder zurück in das Waldesgrün. Hier gehörte eine Enklave dem Hause Miquelon: ein Stückchen Forst mit sorglicher Schonung, ein Stückchen Sumpf mit vielem Geschnatter am Schilfufer, ein Stückchen Höhenland, das parkartig gehalten war und auf dem Jagdschloß La Vitrine sich erhob — das Buen Retiro der Komteß, wenn ihr einmal der Sinn nach noch größerer Einsamkeit stand.
In La Vitrine war schon das Frühstück bereitet. Tetz Koch war mit zwei Dienern von Epernay vorangefahren, das Kastellanspaar paradierte beim Empfang. Fritz bewunderte die Einrichtung des Speisezimmers, an dessen Wänden hunderte von Geweihen prangten. Wer es waren keine aus heimischer Forst; man sah im Gegenteil titel Gehörne von fremdländischem Getier, und Fritz merkte sofort: die ganze Kollektion war en bloc angekauft worden. Das tat jedoch seinem Appetit keinen Abbruch und noch weniger seiner guten Laune. Mehr als das Milieu entzückte ihn seine reizende Begleiterin.
Erst am Spätnachmittage traf man in Epernay ein, Fritz mußte noch zum Diner bleiben, dem wieder Madame Bailloud die Weihe gab, und kehrte frohen Herzens in seinen Gasthof zurück. Er gestand es sich zu: diese Sorgenreise in das Herz Frankreichs war zu einer reizvollen Episode geworden. Aber er mahnte sich nicht mehr: Nu« nicht verlieben! Er fühlte sich gegen neue Torheiten gefeit.
Die Konferenz am nächsten Vormittag sand im Geschäftshause der Firma Miquelon statt, das sich auch durch den Park der Villa erreichen ließ: ein langweilig« quadratischer Bau im sogenannten Präfekturstil des zweiten Kaiserreichs. Die Komteß war bereits anwesend und stellte Fritz dem gefürchteten Prokuristen des Hauses, Mr: Herrn
Die Komteß wies auf die Weinberge zur linken Hand, wo Miqnelonscher Besitz zum Teil mitten in den des Hauses Most et Chandon hineingesprengt war. Die Herren Chan- don successeurs hätten gar zu gern ihr Gebiet arrondiert; Wgesandte der Firma waren schon bei ihr gewesen, um ihr Kaufvorschläge zu unterbreiten. Aber sie wollte nicht. Sie trotzte.
Das alles interessierte Fritz natürlich ungemein. Es war so charakteristisch, daß Neid, Bosheit und Schmähsucht hier genau die gleiche Rolle spielten wie auf dem andern Ufer des Rheins. Es berührte Fritz aber auch seltsam, daß die Komteß sich so ganz ohne Rückhalt ausplauderte. Lag es vielleicht nur daran, daß sie selten in die Lage lam, einmal ihr bedrängtes Herzchen öffnen zu können? Spielte eine unbewußte Sympathie mit, oder war biefe anscheinende Offenherzigkeit auch nur diplomatische Klugheit, den Gegner von drüben für die Vergleichst! erhand- vmgen freundschaftlich zu stimmen?' —
Sie plauderte mit Fritz ganz unbefangen über dies Und das. Nach dem plötzlichen Tode ihres Vaters hatte sie einen förmlichen Sturm auf ihre Hand abwehren müssen. Um der immer mehr anschwellenden Flut von Heiratsanträgen zu entgehen, war sie schließlich genötigt gewesen, sich von aller Welt zurückzuziehen. Das Wettkriechen vor ihren Millionen wurde ihr schließlich widerlich. Und nun begannen die Angriffe gegen sie von neuem. Es hatte den Anschein, als stehe em Lump mit vornehmem Adelsnamen dahinter, dem sie einst in nicht mißzuverstehender Weise die Tür gewiesen hatte. Unsagbare Abscheulichkeiten wurden verbreitet; zuweilen war ihr schon in den Sinn gekommen, das Geschäft zu verkaufen und ihre zweite Heimat, die man ihr gründlich verleidete, zu verlassen. Aber sie wollte nicht feige erscheinen. Es war ja ein ebenso alberner wie niedriger Kampf, den man gegen sie führte. Auch auf den Geschäftsgang blieb er nicht ohne Folgen. Anonyme Zirkulare kursierten, in denen davor gewarnt wurde, die Produkte der Firma Miquelon zu kaufen, die „deutsche Schaumweine erwerbe, um sie unter der Flagge des alten französischen Hauses abzusetzen". Bei dem Streit mit den Friedels hatte die große Pariser Presse sich anfänglich bemüht, die Angelegenheit zu einer nationalen Ehrensache aufzubauschen; dann aber waren ihr die kleinen Blätter in die Seiten gefallen und hatten nachgewiesen, daß die Besitzer der Firma Miquelon Deutsche seien; man hatte sogar berausgebracht, daß der Gatte der berühmten alten Veuve Miquelon aus dem ! wieder hagelte es . _ _


