Ausgabe 
3.11.1910
 
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Augenblick instinktiv sofort das Richtige tut." Und nun gibt Grcchaine-While eine Erklärung, die den Laien überraschen^muü: aiü Grund seiner Erfahrungen kann er bebauvlen, daß das Fliegen voin S ch w i n d e r g e i ü h l völlig unabhängig ist. »Es isl sellsam, daß jemand, der beim Blick in einen Abgrund oder von einem hoben Turme herab Lchwindelaniälle erleidet, in der Flugmaschine auch in den höchste» Höhen der Almosphäre völlig davon verschonl bleibt. Ich selbst kanii einen steilen Felsen nicht hinab sehen, ich iverde sofort schwindlig, aber in der Flugmaschine habe icb nicht ein einziges 'Dial Schivindelgeiühl gehabt. Es ist eine völlig falsche Vorstellung, zu denken, daß der Flieger irgend eine besondere Tat vollbringt. Darmn glaube ich auch fest, daß jedermann fliegen ivird, ivenn die 'Diaschine erst vervollkommnet ist. Uiid es gibt keine schönere Art zu reisen als frei durch die Luit". Die ruhige, gleitende Bewegung der 'Diaschine, dies wunder­bare Gefühl, durch die 'Atmosphäre zu segeln, hält das Bewustisein jeder Getahr anlomnlisch lern. Und dabei ist es sicherer, in grotzen Höhen zu fliegen als in der Tieie. In einer Höhe von

mebreren hundert Bielern hat man mehr Raum zu den notigen

Aiauövern, wenn man plötzlich genötigt ist, zu landen. Bei geringer Flughöbe fehlt bei irgend einem Zwischeniall Zeit und Raum und

ehe man sichs versieht, ist man wahllos aus der Erde. Und gleich

der gröberen Höhe bietet auch die gröbere Schnelligkeit gesteigerte Sicherheit, denn je schneller man fliegt, je weniger ist man den Ge'ahren der Windströmungen ausgesetzt. Einstweilen freilich flehen der Ausbreitung des Flugsports neben de» technischen Hindernissen noch andere entgegen, vor allem die ungeheueren Kosten. 'Dian mutz sich ein ganzes Personal von Technikern und Mechanikern halten G r a h a m e -- W h i t e beschästigt nicht weniger als In Mechaniker, dazu treten die Kosten der 'Diaschine mit runb 30 003 'Dif., der Schuppen und die Bewrderuiigskosten. Besonders die Versendung mit der Eisenbahn bietet heute grobe Schwierigkeiten. Zn England gibt es kaum 10 Eisenbahnwagen, die grob genug wären, einen Zweidecker aufjitnehmen. Man ist genötigt, die 'Diaschine auseinander zu nehinen, und das erfordert Arbeit, Zeit und Löhne. Aber diese Schwierigkeiten werden sich rasch verringern. Doch schon türmen sich neue aui. Besonders die Zollbehörden geben schweren Zeiten entgegen. Tas Schmuggeln wird zu einer neuen Wissenschaft und die Geiahr der Entdeckung schrumpft zu einem Minimum zusammen. Bereits mit ben heutigen Flugmaschinen könnte ein unternehmender skrupelloser Geselle in ein paar Monaten genug Zigarren nach Frankreich eiiischmuggeln, um bann von seinen Renten zu leben.

Perm Siebte».

* Der Ungewohnte Königstitel. Die Titel- Lndenmg, die srch vor einigen Wochen am montenegri­nischen Hofe vollzog, hat zu manchen unschuldigen Verstößen gegen die Etikette Anlaß gegeben. Es kommt fast jeden Tag vor, dcrß der greise Nikita, der sich jetzt mit Stolz König nennen darf, wie früher einfachFürst" tituliert wird. Der alte Herr Pflegt, da er es im allgemeinen mit dem höfischen Formenwesen nicht so genau nimmt, einen derartigen Lapsus gutmütig lächelnd zu verzeihen Und sich damit zu trösten, daß es einst einem andern Balkanfürsten, der gleichfalls über Nacht König wurde, nicht viel besser erging. Eines Abends, so erzählt De Frenzi im Giornale d'Jtalia, teilte im Schlosse zu Sofia Fürst Ferdinand von Bulgarien seinen Getreuen unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, daß er die Absicht habe, die Unabhängigkeit Bulgariens zu proklamieren und das Fürstentum zum Range eines Königreichs zu erheben. Scherzend ermahnte er die anwesenden Herren, gut aufzu- pasfen, damit sie, wenn das große Ereignis eingetretery wäre, sich nicht irrten. Wer sich als erster einen Irr­tum in der Anrede zuschulden kommen lassen würde, sollte durch eine Geldstrafe auf feinen Fehler aufmerksam ge­macht werden. Kurz darauf trat denn auch das ange­kündigte Ereignis ein: Bulgarien wurde ein auch der äußern Form nach unabhängiger Staat, und Ferdinand König. Zur Feier der Verfassungsänderung sollte in der Haupt­kirche von Sofia ein Hochamt zelebriert werden, und Ferdi­nand wartete in einem Saale des Konaks auf seine Gattin, Um mit ihr ins Gotteshaus zu fahren. Da er fand, daß sie ein bißchen zu lange ausblieb, wandte er sich unge- vuldig an den Hofmarschall und sagte in Gegenwart des ganzen Hofstaats:Melden Sie der Fürstin, daß wir bereit sind1" Ob er die 'Geldstrafe bezahlt hat, ist nicht bekannt geworden. ,

* Bei den Menschenfressern. In einem Lande, in dem der Tod ein kaum beachtenswerter Zwischenfall ist und die Menschen sich brüderlich gegenseitig auffressen, kann das Leben nicht monoton dahinfliesten. Aus diesem Grunde ist auch Papuasien, die Heimat der Papua, ein sehr interessantes Land. Der Gou­

verneur pdn Ne-chinea, der vor kurzem in London eingetroffen ifk> hat einem englischen Journalisten erzählt, daß manche Papua­stämme das Menschenfleisch gebraten lieben, während andere es nur in Salzwasser und zwar in recht wenig Wasser, aufkochen lassen. Und wehe, wenn ein Papua einen Menschen fressen würde, den er selbst erschlagen hat! Er würde sofort getötet und seinerseits! aufgcfressen werden. GewöhMich tauschen die Stammeshäuptlinge die Opfer ihrer Bluttaten untereinander aus, und es kommt dabei manchmal zu lebhaften Streitigteiten, wenn ein Leichnam weniger fett ist als ein anderer, der für ihn in Zahlung gegeben werdet^ soll Die Papua glauben, daß nur die alten Leute eines natürlichen! Todes sterben: wer jung stirbt, ist, nach ihrer Ansicht, immer das Opfer der Zaubereien eines Magiers. Der Mord gilt bei den wilden Stämmen Papuasiens nicht als ein verabscheuungs­würdiges Verbrechen, sondern als eine fromme Sitte, und wer einen Menschen tötet, wird nicht bestraft, sondern erringt vielmehr tue Achtung und Wertschätzung ihres Stammes. Trotz alledem ist dieser barbarische Menschenfresserstamm mit ungewöhnlicher Intelligenz, begabt. Es braucht nur gesagt zu werden, daß fast alle Papua mehrere Sprachen sprechen: die Männer sprechen eine ganz andere Sprache als die Frauen; ja es geht so weit, daß gewisse Berufs- klassen, wie die Fischer, die Jäger und die Zauberer, außer der gemeinsamen Mämnersprache noch je eine besondere Zunftsprache sprechen.

* V e r l o b u n g s st e i n e. Was ein Verlobungsring ist, weiß in Deutschland und darüber hinaus jedermann, and) dürfte Manchem bekannt sein, daß in gewissen friesischen Gegenden der Bräu­tigam als Zeichen des geschlossciren Verlöbnisses nicht euren Ring, sondern eine seltene Münze überreicht. Aber von Verlobungs­steinen wußte man vor kurzem gar nichts, und erst der Leipziger Professor W e u l e hat uns von ihnen, Namangahlu, toiefte heißen, d. h. eigentlichM und st eine", erzählt. Bei denj M a k u a , einem Negerstamm in O sta fr i ka , gibt es diese selt­samen Symbole. Es handelt sich um klare, vom Wasser abge- schlifsene Kiesel, deren schönste sich im Bette des Rovumafluss^ finden. Liebt nun ein Makuajüngling ein Mädchen und gedenkt er es zu heiraten, so ist es Ehrensache für ihn, ihr solche Steins mitzubringen, und die Schöne bewahrt sie in Ermangelung anderer Behältnisse im Munde, unter der Zunge auf. Ist der Jüngling sehr galant, so hat sie ein ganzes Nest von solchen haselnußgroßen Steinen dauernd im Munde. Das mag unbequem sein, aber un­bequemer ist es sicher noch, daß die Besitzerin der Mundsteine damit nicht renommieren darf. Niemand darf die Verlobungskiesel sehen^ als der Geliebte selber.

, Vücherlisch.

Licht und Schatten." Die eben erschienene Num­mer 4 dieser neuen, gediegenen Münchener Wochenschrift bringt eine Titelzeichnung,Jägerin", von Ernst Liebermann, außerdem künstlerische Beiträge von Hans von Hayek, Hans von Bartels, Hugo von Habermann, Ludwig Bolgiano, Richard Winkel und Hans Volkert, sowie Dichtungen von Georg Engel, Karl Hans Strobl, Otto Frommel, Mika Rheinsch, Wert Funder, Emanuel von Bodman und Reinhard Koester,

Altägyptlfche Hieroglyphen.

(Jedes Bild bezeichnet ben Anfangsbuchstaben feines Namens, z. B. Sonne s. Glos = g ic. Tie Bciiale finb ru ergänzen.)

.Auflösung in nächster Nummer.)

c8, e7, carD, car9, car8

Spieles:

M. pA

V. car8

c9 cZ

1. V. p7

2. H. tr7

3. M. cA

4. Di. cD

H.

H.

H. carB 13 M. trA.

V. c7.

V. eL -- 17.

Auflösung der Skat-Aufgabe in voriger Nummer: Abkürzungen: tr Treff, p Pique, c Coeur, car Garreau, trB Treff-Bube, pA = Pique-, cD Coeur-Dame u. f. f. Das Spiel wirb verloren; Vorhand hatte pZ, pK, p8, p7, cK, und Hinterhand den Rest. Gang des

5. H. tr8

6. M. pg

7. V. pK

V. carD M. trZ.

H. trK V. pZ 14.

M. pD H. carZ 17.

Sa. 61 Augen.

Redaktion: kk. Neurath. Rotationsdruck und Berlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Sleinbruckerei, R. Lange, Gießen.