686
Ich bitte zu kosten."
Die Herren taten es. „Gut," sagte Fritz. Feßler jedoch geriet in Verzückung und schwor, nur ein Idiot könne solche« Mischung die Würdigung versagen. Kesselholz aber nahm die Gelegenheit wahr, dem heimischen Rheingau tviebenc einmal einen Hymnus zu singen und seine Trauben zu preisen: den Fliederduft des Steinbergers, den Honig- geschmack alten Rauentalers, die brennendem Siegellack ähnelnde Blume des Johannisbergers. Er war ganz Parti- kularist: hie Rheingau und nichts daneben! Freclich, de« Jahrgang mußte darnach sein. Von Vater Und Großvate« her kannte man noch die glänzenden Jahre 1811 und 1846. Aber 1868 hatte Kesselholz selbst erlebt und schwärmte von seinen Auslesen. Auch Siebzig ließ sich noch halten, doch dann kam eine böse Zeit, bis 1884 die Verluste Wiede« einigermaßen einholte und 1893 die letzte Höhe brachte. Das war ein Jährchen! Bis zu siebzigtausend Mark tourt den für zwölfhundert Liter bezahlt.
(Fortsetzung folgt.)
Gestohlenes Gut.
Von Thomas Glahn. (Schluß.)
Statt aller Antwort schwang Friedrich Wilhelm die Peitschs nur noch stärker. Von den Hufen aufgeworfen wirbelte der Schnee empor, längst war die breite Straße mit den übrigens Schlitten verschwunden, und immer weiter, immer schneller rasten die beiden Gäule. . „ „
„Lassen Sie uns heraus', setzen Sre uns ab — das rst Freu-, heitsberaubung!" brüllte der Dicke aus Leibeskräften.
„In einer Stunde!" schrie Friedrich Wilhelm.
^Jn — einer — Stunde —!" Nach Luft grpsend sank der beleibte Herr in seine Decken. '„In eine« — <
Das ist ja eine Höllenfahrt!"
„Herr Eberhardt!"
..Lassen Sie mich zufrieden!"
„Ich möcht' Ihnen eine Geschichte erzählen,"
Trudes Vater war fast blaurot. „Hrer will er . . . GÄ schichten erzählen!! Herr —!" „ _
Ja, ich hab' Ihnen als Gymnastast Himbeeren gestohlen.
„Jetzt höhnt der Mensch gar! Lassen Sie mich 'raus, sag' \u
„Dabei Hat mich Ihre Tochter abgefaßt," schrie Friedrich Wilhelm durch den Wind. „Das war das erste Mal."
Trude Eberhardt sagte kein Wort. Sie hielt sich nur fest.
„Das zweite Ma! beim Waldsest, wo wir Rotwein kneipten-, hab' ich Sie wieder bestohlen."
„Herr Gruber," ries Trude jetzt. Aber er konnte sich nicht nmsehes, ex mußte M die Pferde achten. Sonst lag ig$ MM
werden." I
„Ach, die Moral! Liebster, ich bin kein Pedant, auch kein Trappist. Papa ist sein freier Herr. Ich schere mich nicht um seine kleinen Eskapaden. Nur dürfen sie unsre Buchführung nicht erschweren. Das geht nicht an. Ich will I Nicht ein Stück Leben zerbrochen haben, um auch die zweite Halste zerbröckeln zu sehen."
Man stand jetzt vor dem Gartenhäuschen des Proku-- I risten. Feßler hielt Fritz noch einen Augenblick zurück. i „Ich habe Bewunderung für Sie," sagte er. „Ich muß I mich einmal aussprechen. Ich wollte es 'längst. Donnerwetter, es ist aller Achtung wert, wie Sie sich plötzlich I gemausert — sozusagen mit eigener Hand zwischen die I Scheren genommen haben! Sehen Sie: in gewisser Beziehung hat unser Leben Aehnlichkeit. Wir haben beide den Soldatenrock ausgezogen, um uns andere Arbeit zu suchen. Aber,in der Art der Arbeit liegt der Unterschied. Die meine ist künstlerischer Natur und schon deshalb die liebenswürdigere, während die Ihre, die rein kaufmännische, eine Mechanik des Denkens erfordert, die doch nur in aller- strasfester Selbstzucht erlernt werden kann."
Fritz schüttelte den Kvpf.
„Was Sie meinen," entgegnete er, „verstehe ich schon. | Sie nennen Ihre Arbeit die liebenswürdigere, weil sie Ihrer natürlichen Begabung entspricht. Es steht indes doch ein Aber dahinter. Wenn Sie es auch nicht sagen: ich weiß, daß diese handwerksmäßige Kleinkunst Sie keineswegs befriedigt, daß sie mir eine Aushilfe ist. So ähnlich geht's mir ja auch — wenigstens vorläufig noch. Ich bin in das Geschäft lediglich aus Zweckmäßigkeitsgründen eingetreten: weil ich sah, daß es notwendig war. Aber, Liebster, auch der Selbstzweck kann zur Freude werden, wenn wir fühlen, daß das Gelingen weit über den praktischen Nutzen Yinauszuwachsen vermag. Und diese Möglichkeit liegt hier vor. Es handelt sich nicht mehr allein um die hübschen Einnahmen, die uns der Excelsior bringen soll, sondern Um etwas viel Höheres: um den Sieg einer unsrer großen nationalen Industrien über den mächtigen Gegner des Auslands. Das gibt der Arbeit ganz andere Werte, Hinter die der krämerische Nutzen zurücktritt, und die auch für unser
nun ja, unser sogenanntes Pflichtbewußtsein eine ideale Steigerung bedeuten — um mich schön auszudrücken. Ich sage „unser", denn Mch Sie sind ja ein Mitarbeiter am guten Werke." ,
Feßler verbeugte sich. „Bien merci für die Schmeichelei. Ein Mitarbeiter, der sich selbst ziemlich gering einschätzt. Uber die Wahrheit Ihrer Worte bestreite ich deshalb nicht. Und ziehe um so tiefer den Hut vor Euer Gnaden in dem Gefühl, daß auch in der Gebundenheit eine gewisse Größe liegen kann. Ach du lieber Gott, bester Herr Friedel, wie recht haben Sie! Es stände schlimm um uns, wenn man nicht selbst die geringste Arbeit und das scheinbar Unwesentliche zur Sache des ganzen Menschen machen könnte! ।— Und nun kommen Sie, sonst wird der Spargel kalt find
Necken ging gleich wieder los. In der Laube war es schon dunkel geworden, aber man hatte eine prosaische Lampe verschmäht und dafür ein halbes Dutzend bunter Papierlaternen, in denen Lichter brannten, zwischen dem Grün versteckt. Das sah niedlich aus, wenn es auch den Beleuchtungszweck nur mangelhaft erfüllte. Doch meinte Feßler, das claire obscure sei nicht ohne malerische Wirkling, und lege einen geistreichen Schatten um die Nasenflügel i Doras. Inzwischen erschienen die Koteletts und eine Schübel voll Spargel. Wo die Sauce sei, fragte Kesselholz verärgert. Dora entgegnete, Spargel äße man im zwanzigsten Jahrhundert nur noch mit frischer Butter. Kesselholz schimpfte über die Neuheit, doch Feßler warf dem Mädchen einen warmen Blick zu, denn er wußte: die frische Butte« hatte die heimliche Liebe diktiert. . .
Die Bowle stand schon neben dem Tisch: m einem riesigen irdenen Topfe, der schön mit Weinlaub umkranzt war und der wiederum in einem Gefäß mit Eisstückchen stand. Kesselholz schenkte ein und gab dabei eine Erklärung ab, die wie eine Entschuldigung klang. Es sei eigentlich eines tugendhaften Weinkenners nicht würdig, sich mit Mischungen abzugebeu. Und so kämpfe er in jedem Jahre um die Erdbeerzeit einen sehr schweren Kampf und freua sich immer herzlich über seine Niederlage, weil fte zugleich ein Vorurteil niederstrecke: daß die Rheintraube als Bowlenwein nicht gut verwendbar sei. „Ich möchte alle Bowlentrinker laden," sagte er, „und hier eine Rheinwembowle Herstellen und da eine aus Mosel und mir an Eidesstatt erklären lassen, welche besser munde. Liebe Herren, pA ist nicht zweifelhaft: der Duft der Erdbeere vermischt sich mit dem Bukett unsres Rheinweins viel inniger und verschmilzt sich zu einem Aroma, das jeden wahrheitsliebenden Menschen begeistern muß. Natürlich wähle man ein leichteH Weinchen, aber dafür einen etwas kräftigeren Schaumwein.
die Bowle warm."
Sie traten in das blühende Gärtchen.
Dora hatte ein neues Kleid an, auf das sie stolz war. Feßler sah es natürlich sofort und bewunderte den guten Sitz, während er die Färb enWsammenstellung tadelte. Das
Feßler nickte. „Wenigstens allerlei. Es ist eine Gräfin. Aber wohl ohne Stammbaum. Aeußerlich Nicht mein Geschmack. Innerlich kenne ich sie nicht. Sie hat ein großes Appartement im Nassauer Hof und lebt auf dem Fuße einer beneidenswerten Wohlhabenheit —"
„Wer hoffentlich nicht auf das Kvnto Papas," fiel Fritz ein.
° „Man sagt Ja. Doch das sagt man in den Cafes, was noch nichts zu beweisen hat. Soll ich mich unter der Hand erkundigen?"
„Sie täten mir einen großen Gefallen. Lieber Feßler, ich brauche Ihnen gegenüber kein Blatt vor den Mund zu ^nehmen. Sie kennen die Situation. Jetzt sind wir so weit, daß wir langsam wieder aufatmen können. Die Abreise meiner Mutter ermöglicht uns einen völlig neuen Lebenszuschnitt. Da ist es selbstverständlich, daß mir ein kostspieliger Johannistrieb Papas sehr bös in die Quere kommen würde."
Feßler stimmte zu. „Verstehe durchaus." Dann lachte er. „Verkehrte Welt! Sonst steht es im Buche, daß der Herr Papa den leichtsinnigen Sohn an die Kandare nimmt. . Hier muß der Herr Sohn zum Hüter der Moral des Vaters


