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vermischtes.
* Aus dem Haushaltbuch Napoleons III. Als nach der Niederlage von Sedan Kaiserin Eugenie Paris fluchtartig verlassen mußte, wurde die Regierung der nationalen Verteidigung Herr über das kaiserliche Archiv: sie übergab damals einer besonderen Kommission die Fülle wichtiger Dokumente, die nn Archiv vorgesunden ivnrden, uiid erteilte den Austrag, die Schriftstücke zu ordnen und die wesentlichen zu veröffentlichen. So erschien damals der „Brieswechsel der kaiserlichen Familie", der ungeheueres Aussehen erregte und der Gegenstand heißer polemischer Kampfe wurde. Tie Publikation verschwand dann, und heilte bewahren nur noch ivenige ©animier als glückliche Besitzer ein Exemplar dieser gewichtigen Veröffentlichung. Ein Mitarbeiter des „Giornale d'Jlalia", der Gelegenheit gehabt hat, bei einem Bibliophilen das seltene Werk einzusehen, hat an§ ihm einige interessante Einzelheiten znsaininengestellt, die sich au! die finanzieNe Seite des napoleonischen Haiishaltes beziehen. Napoleon bezog eine Zivilliste von 30 Millionen Francs, von denen er jedoch auch die Reirten an die Mitglieder seines Hanses ausbezahlte, die mit der Zeit von 100 000 Frcs. aus 1310 S7ö Francs anwuchsen. Tie Zahl der Schmarotzer, die unter allerlei Vorwäiidelr von der kaiserlichen Schatulle zehrten, iviichs von Jahr z» Jahr; allein die Zeitungen und Joiirnalisten figurieren in dem Haushaltbilch Napoleons III. mit Jahressummen, die durchschnittlich 300 000 Frcs. erreichen. Auch die Schwiegermutter des Kaisers, ■ die Gräfin von Moniljo, pflegte der kaiserlicheii Schatiille des öfteren kräftige Aderlässe zii- ziisügen. Alleiii in einem Jahre ivurde ihr diirch die Berniittlimg von Rothschild dreiiiial eilte Atillion Frcs. ansgezahlt. Unter bett Ausgaben nehmen die Ansivendnngen für Brautausstattungen und Mitgiften, die Napoleon sich angelegen sein ließ, großen Raum em. Für die Herzogin von Mouchy hat er z. B. 1 738 062 Frcs. aus- gegeben. Interessant sind die Angaben über die Kosten, die die Geburt des Prinzen Lulii der kaiserlichen Schatuste auferlegten. Die Ankunst des kleinen Erdenbürgers verschlang genau 898 OuO Frcs. Für diainantbesetzte Medaillons wurden 2ä 000 Frcs. aus- gegeben, die Aerzte bezogen 62 000 Frcs., bie Hebamme 6000 Frcs., die Ausstattung des Babys kostete 100000 Frcs., die Gratifikationen an die Dienerschaft der Kaiserin verschlangen 11000 Frcs., die Gratisvorstellungen für das Volk 44 000, und die Geschenke an die Eltern der Kinder, die am gleicheii Tage, am 16. März, geboren wurden, 50 000 Frcs. Aste Dichter und Gelegenheitspoeten, die die den freudigen Anlaß benutzt halten, um Verse zu schmieden lind Kantaten zu ersinnen, die Angehörigen des Heeres, die Schiller erhielten Medaillen, beten Herstellung 85 000 Frcs. kostete. Tie Ausfertigung der Diplonie an die Eltern der Patenkinder des Kaiserpaares eriorderte 20 000 Frcs., die Tanfsestlichkeiten figurieren in der Ausgabenliste mit 172 000 Frcs., dazu treten noch 160 000 Frcs. für Geschenke an die Beamten und Diener des kaiserlichen Haushaltes. Schließlich ivurde auch einer Reihe von Wohltätigkeits- anstalten nanihaste ©tiftungen überwiesen, deren Höhe in die hunderttausende geht.
* Hinter den Kulissen eines Schönheits- i n st i t u t e s. Eine ehemalige Assistentin eines großen Pariser Schönheitrinstitutes plaudert in einer englischen Wochenschrift die intimsten Geheimnisse ihres ehemaligen Arbeitsfeldes ails. „Die Kilndschaft der Dame, der das Schönheitsinstitut gehört, zählte nach vielen Huiiderten; natürlich waren es ausschließlich Angehörige des schönen Geschlechtes. Einige der Kundinnen tvaren anerkannte Schönheiten; diese besuchten das Institut, um ihre Schönheit zu erhalten, aber bie Mehrzahl war Häßlich ober mit Schönheitsfehlern behaftet unb kam, um biese beseitigen zu lassen oder sich in Schönheiten verwandeln zu lassen. Diese zweite Klasse bildete natürlich bte beste Kundschaft, wenn sie auch selten ihr Ziel erreichte. Die Reklame des Jnstitnts versprach alles Mögliche und Unmögliche und zeigte diese Erfolge in Bildern. Aber diese Bilder entsprachen nicht ganz der Wahrheit, denn meistens waren es Bilder hübscher, aber imbemittelter Damen, die sich gegen ein gutes Honorar „vorhe r" und „n a ch h e r" photographieren ließen. Für die Aufnahme „Vorher" wurden sie mit allerlei S ch ö n - h e i 18 s e h l e r n k ü n st l i ch a u s st a s s i e r t, mit Pigmentflecken, mit Haaren im Gesicht und mit Falten und Runzeln — nach einer Waschung konnte das Bild „Nachher" ausgenommen werden, das bie unfehlbare Wirkung ber Salbe ober Tinktur Soundso zeigt. Erstaunlich groß nennt die ehemalige Schönheits- assistentm die Anzahl der jungen Mädchen, die in dem Jnstilut eine Kur zur Erneuerung der Gesichtshaut durchmachten Tas Verfahren scheint eine wahre M a r s y a s k u r zn sein, denn wer sich ihm unterwirft, muß zunächst in dem Institute tagelang in einem heißen dunklen Raum sitzen und dann dies Verfahren bei sich zu Hause sortsetzen. Nach vier bis süns Wochen ist dann unter dem Einfluß der Behandlung die oberste Schicht ber Haut vollständig abgeschält, und an ihre Stelle eine neue, zarte Haut getreten. Diese Art ber Behandlung kostete gegen 600 Mk. Für eine tadellose neue Haut ist das ja nun nicht allzuviel, leider aber ist die neue Haut nach wenigen Wochen in dem Zustande der alten, abgeschälten. Zuweilen beklagten sich auch die Kundinnen des Schönheitsinstitutes und machten S ch a d e n s e r s a tz a u sp r ü ch e bei mißlungenen Kuren geltend, meistens aber endeten solche Streitig
keiten in' einem Vergleiche, weil keine Dame vor Gericht gern eilt- gestände, daß sie Kundin eines Schönheitsinstitutes war. Vom geschäftlichen Standpunkt ans. betrachtet muß sich das Schönheitsinstitut sehr gut rentieren, denn nicht nur bie einzelnen Kuren wurden teuer bezahlt, sondern auch ber Verkauf von SchönhAts- mitteln ivack erkleckliche Summen ab. Es gab ganze „Schönheit s a ns st a 11 u ii g e ti", bie 100 bis 3000 Franken kosteten; bas beste Geschäft aber muß wohl ber Verkauf von Salben und Crsmearten gewesen sein, beim eine Büchse Schönheitscrsme, bie für 25 Franken verkauft wurde, konnte für 2-3 Franken hergestellt werden. _____ ., .
* Das Deutschtum in Ungarn. Die 40000 schwabi- scheu Bauern, bie bie Kaiserin Maria Theresia in den Jahren 1764 und 1765 in das durch die Türkenkriege verwüstete Ungarn berief, sind heute, nach 145 Jahren, allein im Temeser Banat auf 600 000 angewachsen. Die Gesamtzahl der Schwaben in Südungarn beträgt 900 000. Dazu kommen noch etwa 250 000 Sachsen in Siebenbürgen, ebensoviel Deutsche in und nniOfenpest, 100000 tm Bakonyer- wald (Weißbrunner Komitat), 150 000 in Nordungarn (Zips, um Kreniniß, Deutsch-Proben, um Mnnkacz) und 600 000 Deutsche in Westimgarn (Öebenburg, Wieselbiirg nnb Eisenstabt). Dies ergibt zusammen 2 250 000 Deutsche für Ungarn. Auch bie im Gebiete ber Schwaben angelegten französischen Kolonien und viele dazwischen befindliche ehemalige serbische und rumänische Dörfer tragen jetzt deutschen Charakter.
* Die HaselnüssevonTraPezunt. Es ist nn Publi- kum kaum bekannt, daß die wenigsten der auf den.Tisch kommenden, allgemein beliebten Haselnüsse auf deutschen Sträuchern gewachsen sind. Wir beziehen Haselnüsse aus dem Kaukasusgebiet, ai,3. Spanien, vor allem aber aus der Türkei. Und hier ist es tvieder der Bezirk von Trapezunt, der den Haselnußbaum beherrscht. Jährlich werden dort etwa 150 000 Sträucher mehr angepflanzt, und die nähere und «weitere Umgebung hat . im letzten Jahrs 300 000 Doppelzentner geliefert. Deutschland bezog von dort im letzten Jahre nicht weniger als 200 Doppelzentner ungeschälte Nüsse und 12 294 Doppelzentner Kerne.
* Abissel zurück. Schulinspektor (der zur Visitation ins Dorf gekommen): „Was, Sie haben zehn Kinder, aber das ist ja gar nicht mehr zeitgemäß." — Kreuzbauer: „Entschuldigen Sie, Herr Schulinspektor, aber hier im Dorfe sein mer noch in allem a bißl zurück!"
Viichettisch.
— D e u t s ch e D i ch t u n g von Karl H eine m a n n. Leipzig Verlag von Alfred Krön er. Dieses handliche und billige Büchlein, das äußerlich einen gefälligen und gediegenen Eindruck macht, ist so ziemlich das übelste Buch, das je über die deutsche Literatur geschrieben wurde. Dem Verfasser fehlt jeder Sinn für das wirklich Bedeutungsvolle, und neben den echten Dichtern nennt er Dutzende, bie nicht ber Erwähnung wert sind. Dafür läßt er aber auch bie „Modernen" vollständig beiseite — wenn es sich nicht um Namen handelt, die jeder kennt. Was er sagt, ist ziemlich belanglos, und wie er es sagt, das ist einfach ein Aneinanberreihen abgeklapperter Phrasen. Wir würden dieses Büchlein, wie so viele andere, gar nicht erwähnen, wenn bei dem billigen Preis nicht eine größere Verbreitung zu befürchten wäre.
Schachaufgabe.
Schwarz.
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b c d e f g h
Weiß.
Weiß setzt mit dem zweiten Zuge Matt (Auflösung in ^nächster Nummer.?
Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Der ist atm, beit bie Sorge grau macht.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


