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Ehre, lieber Herr Friedel, die Ehre der Erfindung hat man uns gestohlen! Jetzt heißt es: die alte Veuve Miquelon k— ah, das war die berühmte Frau, die durch den Prozeß der Remuage die Champagnerfabrikation erst auf die Höhe gebracht hat! Ja, Kuchen — ein Deutscher war das, ein simpler Küfer, und hieß Nikodemus Kesselholz, Und sein Vaterhaus stand am grünen Rhein! . . . Also, Herr Friedel, kein Wort weiter, keinen Streit, keinen Widerspruch. Miquelon sils darf an Ihren Luftballon nicht heran. Wir liefern den Taufsekt — und meinetwegen, er soll „Excelsior" heißen!"
„Halt!" rief Feßler. „Ehe wir weiter verhandeln: Herr Friedel, diese Flasche Ayala hat ausgeleöt. Ich proponiere: als dritte im Bunde wählen wir eine Bouteille Miquelon sils. Schandenhalber wollen wir sie leeren. Mit diesem Trosttropfen der Witwe stoßen wir an auf unsre neue Marke Excelsior, auf den Herzog von Abeelen Und auf den Sieg der deutschen Luftschifsahrt. So sei es!"
„Ra, Gott sei Dank," sagte Fritz, „nun hätt ich auch Sie auf meiner Seite, alter Kesselholz! Denn Sie mußte ich haben — der Papa allein genügte mir nicht. Wird unsre neue Marke bald versandfähig sein?"
»Ist sie jetzt schon. Ich habe vorgestern gekostet —i zusammen mit Ringer und mit Westermann, unserm Oberkellermeister. Delikat, Herr Friedel. Herr Friedel, wundervoll! Ganz Binkett, Kraft, Nerv, edelster Inhalt."
Fritz nickte. „Scharmant! Kesselholz, da gilt es nur NoH, etwaigen Widerstand meines Großvaters zu überwinden. Ich bin überzeugt, er wird sich mit aller Gewalt gegen die Taufgeschichte sträuben. Aber auf Sie gibt er viel."
Der Kellner hatte den Champagner gebracht. Er wurde diesmal nicht umgegossen. Er war auch nicht in Eis gesetzt worden; die Kellertemperatur genügte. Kesselholz stillte hie Gläser. Dann nahm er das seine, hielt es gegen das Picht und versetzte den Wein in leicht kreisende Bewegung. Kn der schimmernden Flüssigkeit von der Farbe alten Goldes Massen die Perlen der Kohlensäure durcheinander; ein winer heller Schaum sammelte sich an der Oberfläche. Nun setzte Kesselholz, das Glas an den Mund und atmete die Mume ein. Dabei wurden seine Augen glänzend, und Kn Ausdruck unbeschreiblichen Wohlgefühls trat ans sein dickes gutmütiges Gesicht. O, er verstand schon etwas von der Sache! Er hatte in den Kellereien ja eigentlich nichts ÄM tun: er gehörte in die Bureaus; aber die ererbte fein« Bunas schätzte man an ihm — er fehlte nie bei den AroM.
M Dank. Er „rollte" den Wein; dann „kaute" er Mr. Und nun sah man an der leichten Bewegung des WanjDapfels sm Ausschnitt des Kragens, wie der Trunk ijst liebevoller Gemächlichkeit durch die Kehle glitt, als wolle W an jeden Geschmacksnerv rühren.
' Er sagte nichts; er stellte den Pokal schweigend wieder Ws den Tisch. Aber Fritz sprach. Auch er hatte wie ein Mahrsner Kenner getrunken; doch dabei verfinsterten sich feine Äugen.
»Das bekommen wir nie fertig," sagte er. „Kesselholz, Warum nicht? Ist es nicht zum Verzweifeln?! Wir haben Me würzigere Traube und haben in bezug auf die Fabrika- hioü den Franzosen jede Einzelheit abgeguckt. Und dennoch ife einen Champagner wie diesen werden wir niemals her- stellen Dünen — nie!"
„Doch," antwortete Kesselholz. „Unser Excelsior, ich Wette, wird sich an Bonität dem Miquelon würdig zur Seite stellen. Wird ihn an Bukett sogar übertreffen und zufolge seines geringen Gehaltes an Alkohol noch den Vorzug haben, leichter und bekömmlicher zu sein. Und wir werden dennoch schwere Kämpfe um ihn haben, die vielleicht das Geschäft Mchüttern, denn wir werden ihn nur zu einem verhältnis- Kaßig hohen Preise verkaufen können, und da ist es die Krage, ob wir genügend Abnehmer finden. Im Auslande Möglicherweise; doch das wird sich nicht lohnen. Wenn wir Wit dem Excelsior nicht auch die Vorurteile in der Heimat brechen, ist an ein Geschäft nicht zu denken."
' , „Lassen Sie erst den Namen der Marke in aller Munde fein, Kesselholz — däüu wird sich das weitere finden! Der Herzog von Abeelen ist mir ein lieber Freund. Er wird dafür sorgen, daß die Marke genaUnt wird. Mr sich selber rührt er die Werbetrommel nicht h für mich aber, wenn . es sein must, daß es schallt. Könüen wir'Ms Besseres
wünschen: eine Reklame, ivie sie noch nicht da War und für ein Produkt, wie e§! ,in der deutschen Schaumwein-, industrie noch nie auf den Markt gekommen ist?! Ist da nicht ein Sieg zu erwarten?!"
»Hoffen .wir es," entgegnete Kesselholz, und leiser setzte er hinzu: „Wir können den ..Sieg brauchen.'. .."
Fritz war schon aufgestauden, die Taschenuhr in der einen Hand, das Glas in her andern; er stieß mit den dreien an. „Evoe," wiederholte er; „besser, der laute Jubel kommt nach, als daß wir ihn vorwegnehmen. Kellner, meine Rechnung! Und nun addio, Dame Dora, addio, Kesselholz. In drei Tagen legen wir los." . .
Er drückte jedem die Hand. „In drei Tagen", wiederholte sich Feßler. Ein Schatten ging durch seine Stimmung. Zwischen heute und übermorgen lag ein törichter Zwew kamps.
5.
lieber den Rheingau war während der Nacht ein rau- schender Mühlingsregen herniedergegangen. Unten rollte der Strom: breiter als sonst, in schweren Wogen mit grünlichen Gischtkämmen, und oben auf den Höhen tropfte es rhythmisch. Es war wie ein Flüstern der Natur; es war so, als raunten die Thyaden der Weinberge sich gegenseitig ihre Geheimnisse zu.
Am Himmel hing weißes Gewölk; durch das Lenzgrün krochen beinfarbige Nebel. Die Sonne war nicht zu sehen; aber das lag nrcht daran, daß es noch früh am Tage war. Ein lichter Dunstschleier spannte sich über das Ta'l und fing die Strahlen auf. Dabei war die Luft treib!- hauswarm.
Ein Zweispänner fuhr vom Niederwald zwischen dem Rebengelände abwärts nach Rüdesheim. Kein herrschaftlicher Wagen: ein einfaches Gefährt aus irgend einem Fuhrgeschäft des Städtchens, Mit zwei struppigen Gäulen', deren schwere Hufe tiefe Spureu im aufgeweichten Boden hinterließen.
Der Wagen fuhr langsam. Der Kutscher hatte die Bremse angezogen, denn es ging ziemlich steil abwärts', und auf dem schlüpfrigen Erdreich glitten die Pferde leicht aus.
Hinten auf dem zwischen Riemen hängenden Rücksitz saßen Feßler und Fritz. Beide blaß; Fritz mit dem starren Gesicht einer Maske. Er war in Uniform, hatte den Kragen seines Paletots aufgeschlagen und die Mütze tief in den Racken gezogen. Ihn sror trotz der Wärme des Morgens, und hin und wieder ging ein Zittern durch seine Glieder.
Des Wegs kam ein Trupp Arbeiter: junge Leute, von einem Alten geführt, Frauen, Männer und Mädchen, auch ein paar Kinder waren dabeü Sie trugen Spaten und' Hacken und traten beiseite, um auf dem schmalen Pfade den Wagen vorbeizulassen. Die meisten grüßten, und die Kinder starrten verwundert die beiden Herren an. Besonders der Offizier erregte ihre Neugier; man wußte nicht recht, wy er herkam, in dieser Frühe des Tages und bei einem Wetter, das wenig verlockend für einen Ausflug war.
Fritz hatte mechanisch zum Gegengruß die Hand an die Mütze erhoben. Er starrte über die Gesichter am Wege, die wenig von den Winzerfreuden erzählten. Er starrte über, sie fort auf die noch ziemlich kahlen Gehege, das! braune Mauerwerk der Umfassung, die Grenzpfähle mit den Farben und Signaturen der Besitzer. Der Nebel flog auf; um einen knorrigen Weidenbaum hing er seine weißen Lappen, aber ein Windzug kam und zerriß sie. In der Ferne lief der Nebel in langgezogenen schmalen Streifen über die Landschaft; blies der Odem des Morgens hinein, so zerfaserten sie wie aufgetrieseltes Gewebe, und dahinter wurden die Silhouetten von Bäumen sichtbar, von Landhäusern und Schlößchen. Aber auf der Höhe war es schon klar. Nur hatte das junge Laub des Niederwalds eine ockergelbe Färbung; um das Haupt der Germania des großen Denkmals krerste schon ein goldiges' Sonnenleuchten.
Fritz sah das alles nicht. Er sah nur den Nebels einen weißen brodelnden Nebel, ein Meer von Nebel. Darinnen eine schwankende Gestalt: einen Mann, der sich' rasch um sich selbst drehte und dann zu Boden stürzte. Das' sah' er vielmals; es war ein Bild, das immer wiederkehrte. Und da seufzte er tief Und schmerzlich auf.
Feßler legte seine Hand auf die des neben ihm Sitzens- den. „Beruhigen Sie sich, lieber Freund," sagte er. »Es ist ein matter Trost, es ist ein Gemeinplatz, aber es ist denji


