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sich mit der Toilette beeilt, und so kant sie, etwas erhitzt, in einem schweren Wolle Meid mit Seidenbesatz.
Dokeschal küßte ihr die Hand mit dem lebhaften Wunsch, bei der Mutter mehr Verständnis zu finden. Er wußte, Mau Kestner galt als sehr gute Mutter. Es wär ihm so unbehaglich in diesem) nicht immer bewohnten, nur bei besonderen Gelegenheiten benutzten Salon. Ein erkältender Hauch legte sich von diesen Wänden nieder auf seine Seele. So steif wär er kaum- je gewesen, er fand keinen gemütlichen Ton. Konnte er sich wundern, daß die Kestners auch steif waren?
„Ein seltnes Vergnügen!" sagte die Hausfrau spitz, wenn sie auch verbindlich dabei lächelte.
„Er kommt wegen Kornelia," sagte Kestner. „Unsre Tochter soll sich nicht passend benommen haben!" Die ganze Berletztheit des eitlen Vaters brach jetzt durch nichts auf der Welt liebte er so wie diese Tochter H er bekam einen roten Kopf, und die Stimme zitterte ihm: „Man sagt dem Kinde Abscheuliches nach! Man verdächtigt sie — womöglich eine Liebschaft mit dem Inspektor — Herrgott, Herrgott!" Er faßte sich an den Kopf.
„Aber ich muß doch sehr bitten, bester Herr Kestner! Nichts habe ich hiervon gesagt, gnädige Mau, gar nichts, ich versichere Sie!"
Der bestürzte Besucher erhob die Stimme, aber der Hausherr erhob die seine dagegen. Nein, auf feine Kornelia ließ er nichts sagen! Und wenn es etwa galt, auf Pau Szulc zu hetzen; der ja, verhaßt wie alles Polnische, — allbekauut war das und diente wahrlich nicht zur Förde- ping des allgemeinen Interesses — dem Herrn Baron ein Doru im Auge war, so mußte er sich's doch ganz entschieden verbitten, seine Tochter als Deckmantel einer Jntrigue benutzt zu sehen!
Diesen Ton konnte er sich nicht gefallen lassen. Doleschal verabschiedete sich mit einer steifen Verbeugung gegen die Mau des Hauses.
Sie hielt ihn nicht zurück. Auch sie war empört. In die Stille ihres Hauses hatte dieser adelsstolze Prinzipienreiter einen Funken zu werfen gewagt wie überall, wohin er auch kam. Was hätte er denn eigentlich gesagt? Was war denn eigentlich geschehen?!
Aber Kestner rannte wie unsinnig durch die Stube, gab ihr keine Antwort und hielt sich den Kopf mit beiden Händen: dieser Doleschal, dieser verfluchte Hakatist — ein Hetzer, ein Stänker! Was mischte er sich in alles, in Sachen, die ihn gar nichts angingen?!
„Rufe mir den Juspektor — den Pan Szulc — sofort!" Was Kestner sonst nie getan haben würde, er bestimmte, daß man den Inspektor hole, vom Felde, aus der Scheune, wo er auch sei, mitten von der Arbeit weg. Er mußte ihn sprechen. Und dann würde er au Paul schreiben — Paul mußte her, und zwar sofort — das ließ er sich nicht gefallen, das war eine Beleidigung, eine ungeheure Beleidigung!
Der sonst ewig grämelnde, nie ganz ernsthaft zu nehmende Manu wuchs jetzt in der Kränkung über die Kränkung seiner Tochter über sich selbst hinaus. Es war Würde in dem Brief, den er sofort an fernen ältesten Sohn schrieb.
(Fortsetzung folgt.)
Aus dem Ghmgebiet.
Kriegerische Ereignisse im Ohmgebiet.
Wie keine Gegend unseres schönen Hessenlandes, ist auch das Ohmgebiet nicht von des Krieges Schrecknissen verschont geblieben. Das mächtige Volk der Römer drang zur Zeit der Geburt Christi in das Land der Kattcn ein, auch unsere Gegend überflutende An der Schlacht im Teutoburger Walde (9 n. Chr.) nahmen! auch die Kalten rühmlichen Anteil. Racheschnaubend schickte nun der Kaiser Tiberius den tapferen Feldherrn G e r manikus ,- des Drusus Sahn, in das Land der Germanen. Dieser schlug im Jahre 157 n. Chr. die Natten vollständig und zerstörte ihren Hauptort Mattium (Kreis Fritzlar). Auf demselben Zuge berührte Germauikus auch unser Ohmgebiet, als er, den Taunus, die Saalburg, die Wettcrau, Friedberg, den Lahnberg heimsuchend, die O h m überschritt und im Burgwald rastete. Auch der P f a h l g r a b e n, der das römische Gebiet gegen das Katten- land schützende Grenzwall, zog bis an das Quellgebiet der Ohm heran, Auch Karl der Große (768—814) mag auf seinen Kriegszügen gegen die Sachsen im Ohmgebiet geweilt haben. Bei den alten Deutschen war jeder Waffenfähige auch waffen- pslichtig; aber nur die Freien dursten Waffen führen und am Mampfe teilnehmen. Im Mittelalter müßten die Lehnsleute ihrem
Lehnsherrn in den Krieg folgen. Nach der Erfindung des Schießpulvers (1354) erlangte der Fußgänger wieder gleiche Bedeutung mit dem Reiter) und an die Stelle des Ritter- oder Lehnsheeres traten fortan die Landsknechte mit ihren eigenen Gesetzen Und eigener Gerichtsbarkeit. Unter dem Landgrafen Heinrich II., dem Eisernen (1328—1376), entspann sich ein heftiger Krieg zwischen Mainz und Hessen, dem man auf beiden Seiten durch Errichtung neuer Festen Nachdruck zu geben sich bemühte. Auch auf dem Kirchhofe zu Kirchhain erbaute Heinrich II. 1346 eine Burg und gab dem Dorfe das Ansehen einer befestigten Stadt. Richt ein Jahrhundert vermochte sich indessen die Burg zu halten; schon am 21. März 1411 wurde sie und zugleich die Stadt von dem Grasen von Waldau eingeäschert. Au die Stelle der Landsknechtsheere traten im 17. und 18. Jahrhundert stehende Heere der Fürsten. Der Pfarradjunkt Johann Joel Milchsack in Niederasphe mußte seine am 2. Februar 1678 in Marburg durch den Oberstwachtmeister der damals in Kirchhain liegenden Martini-Dragoner erfolgte Anwerbung zum Dragoner und seine 14 tägige Dienstzeit mit ebenso langem Sitzen in der Sakristei der lutherischen Pfarrkirche in Marburg und öffentlicher Beichte und Abbitte in der Kirche zu Niederasphe büßen. Landgraf Moritz, der Gelehrte (1592—1627), war der erste hessische Fürst, welcher stehende Truppen warb, so daß er als Schöpfer des hessischen Militärs anzusehen ist. Der unter ihm beginnende Marburger Erbschaftsstreit dauerte bis zum dreißigjährigen Kriege (1618—1648) fort. Darmstadt, auf die Seite des! Kaisers tretend, erhielt von diesem Recht, und obgleich Moritz neutral blieb, wurde Hessen-Cassel durch die wilden Horden Tillys und Wallensteins in den Jahren 1622—1626 entsetzlich verwüstet. Auch Kirchhain hatte viel zu leiden. 1635 belagerten die Bayern, 1636 die Schweden und Hessen die Stadt. Oberst Rüdiger, der „schwarze Balser", raubte am 12. Juni 1646 alles Vieh in der Stadt und ließ einige Tage später 34 Bürger erschießen. Nach einer kurzen Weschießung eroberten int Oktober 1643 die Niederhessen Kirchhain, und vom 14. bis 16. Mai 1645 belagerte der bayrische General Merci mit 8000 Mann die Stadt und würde sie abermals eingenommen haben, hätte ihn nicht die hessisch-weimarisch-schwedische Armee vertrieben, welche int folgenden Jahre hier wochenlang stand. Bei Homberg a. d. O. stand dazu die kaiserliche Armee, und beide Heere sogen das Land furchtbar aus. Am 15. August 1646 erschien v. Eberstein, der h e s s i s ch - d a r m st ä d t i s ch c General, vor der Stadt und eroberte sie nach zweitägiger Beschießung. Drei Tage darauf zog ein Heer zum Entsatz heran, wurde aber bei Neustadt geschlagen. Geyso, der General der Niederhessen, wollte am 2. Sep- tembcr Kirchhain erstürmen: erst als er die Bestürmung von einer anderen Seite versuchen wollte, ergab sich die Besatzung. D a r m - st ä d t i s ch e Truppen bauten nun die Festungswerke wieder auf. Die Stadt G r ü n b e r g verlor in diesem Kriege die Hälfte der Häuser und Bewohner. Die Gegend zwischen Ulrichstein, Grünberg und Laubach wurde entsetzlich verwüstest ebenso Ulrichstein im Juni 1622 durch Christian von Braunschweig; die Stadt wurde 1646 von Geyso eingenommen. Geradezu erschreckend sind die Kriegsnachrichten über A m ö n e b n r g. Schon Landgraf Ludwig von Thüringen (1172—1190) brach die Mauern von Amöneburg. Am 21. Dezember 1621 eroberte und plünderte Herzog Christian von Braunschweig die Stadt. Der Graf von Wittgenstein belagerte sie im Februar 1632. Eine von der Brückermühle aus gerichtete Kugel beraubte die Besatzung ihres Kommandanten, und am 27. Februar .ergab sich die Festung dem! Landgrafen Wilhelm V. von Hessen-Cassel (1627—1637). Am 24. September 1633 zogen die Bayern in Amöneburg ein, mußten sich aber schon int November den Hessen ergeben, denen die Mainzer in der Nacht des 2. März 1635 die Stadt entrissen. 500 Mainzische Reiter wurden, von Neustadt kommend, gefangen genommen oder niedergemacht. Die hessische Besatzung in Schweinsberg vermochte die von Amöneburg aus betriebenen Räubereien der Kaiserlichen nicht zu hindern; auch üjr Versuch/ die Festung wiederzugewinnen (13. Juni) war vergeblich. Ver- fpätet eingetroffen, zerstörte Oberstwachtmeister von Böninghausen am 6. Juli Schweinsberg. Endlich waren wieder einmal! die Hessen Herren in der Stadt, bis sie am 10. Juli 1636 «abermals die Kaiserlichen einnahmen, in bereit Hände sie auch am 10. November 1640 wieder gelangte. Vergeblich belagerte 1645 der schwedische General Wrangel die Festung. Zwar versucht« auch der Kommandant der nicderhessischen Truppen in Kirchhain die Entsetzung Amöneburgs, jedoch abermals ohne Erfolg, In der Silvesternacht 1645 wurden die hessischen Truppen durch das Hilfegeschrei der Weiber, welche die Eindringlinge vernommen hatten, zurückgeschlagen Auf dieses Ereignis glaubte man früher das am 1. Januar alljährlich gefeierte @t ei gerieft zurück- führen zu müssen. Es steht jedoch fest, daß sich dasselbe auf eine ältere, unbekannte Tatsache bezieht. In der Nacht des 25. Juni 1646 führte eine Tochter Evas die hessischen Truppen in die Stadt, welche den Ort in Asche legten; und die 3000 Seelen erlagen, bis auf einige hundert, der Uebermacht. Der kleine Rest ber unglücklichen Bewohner führte in ben am Ost- fuße bes Berges erbauten elenden Strohhütten ein kärgliches Dasein. Endlich wehte auf ben oben Trümmern die Palme des Friebens. Seit 1640 wurde in vielen Ortschaften weder gesät noch geerntet. Der Pfarrer von Rosenthal starb 1641 am Hunger,


