Ausgabe 
3.9.1910
 
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Sich vorbeugend zu seinem Gegenüber Und die Hande ineinander schlingend, daß die Gelenke knackten hals es doch nichts, gab es doch kein Zurück mehr sagte Dole- schal jetzt in möglichst leichtem Ton:Gestatten eme Mage, Herr Nachbar! Wie alt ist Ihr Fräulein Tochter?"

Na fünfzehn, wird nächsten Monat sechzehn, sagte Kestner ein wenig erstaunt. Er hatte sich etwas ^anderes, erwartet, aber zugleich lächelte er auch geschmeichelt:Scyou stattliches Mädel, nicht wahr?"

Hm sehr!" Doleschal beugte sich, noch .werter vor, und seine Stimme klang anders, als er eigentlich beabstch- tigt hatte, leiser und doch gewichtiger:Jedenfalls kein Kind mehr! Ich würde sie jedenfalls nicht Ehr allem ausreiten lassen rhören Sie, Kestner, jedenfalls nicht mehr mit dem mit dem nun, mit dem Inspektor.

Mit dem Inspektor?! Wieso warum?" Man sahs au des Vaters weit aufgerissenen, erstaunten Augen unter hoch gezogen en Brauen, daß er keine Ahnung von diesem Ritt hatte. , .

Also richtig: Kestner wußte nichts, hatte gar lerne Ahnung! Wie dankbar würde er ihm' nun sein! Und rasch, ohne sich zu besinnen, erzählte Doleschal jetzt von der neu­lichen Begegnung am Luch. Er hatte sehr vorsichtig fern wollen, äußerst schonend, aber nun betonte er doch, wi« sehr er durch sie verletzt worden sei in die Seele des Vaters hinein in die Ehre des Bruders.

Welchen Mißdeutungen ist solch ein juUges Mädchen ausgesetzt! Ich muß gestehen, ich selber würde, wenn ich Ttidjt"

Erregt unterbrach ihn Kestner.Sie wollen doch etwa nicht sagen, daß meine Tochter imstande wäre, etwast i etwas" Er schnappte nach Luft; ihm war, als sollte ihn der Schlag rühren. Dieser Schreck unb dann diese Enttäuschung! Nicht wegen der Wahl kam der sondern wegen Kornelia wegen Kornelia?!

Da muß ich doch sehr bitten, sehr bitten!" Kestner war aufgesprungeii uiid rannte mit großen Schritten un Salon auf und ab. t

Erschrocken verbesserte Doleschal:Pardon, ich chlbst- verständlich ich ich weiß ja natürlich, daß, ich trete ja gerade für das Fräulein ein aber andre könnten! Lieber Kestner!" Er war auch ausgestanden und legte dem! Erregten die schlanke Hand mit dem Wappenring der Dole-, schals auf die Schulter:Sie kennen doch die Welt so gut wie ich! Das Reinste ist nicht rein genug. Und dann in unfern hiesigen Verhältnissen wir müssen doppelt Bedacht nehmen und dieser polnische Inspektor. . ."

Erlauben Sie, der Mann ist nicht polnisch," unter-, brach ihn Kestner heftig,der Mann heißtSchulz"!"

Aber polnisch geworden ist er!Szulc" schreibt er sich Sie gestatten!" sagte Dolefchal jetzt etwas scharf. Daß Kestner jedes Rühran seiner Tochter übel vermerkte, war natürlich, aber wie man so gereizt werden konnte bei Er­wähnung dieses Inspektors! Ueberhaupt, war es nicht um erhört, daß ein deutscher Gutsherr sich einen plonischeu I Inspektor hielt?!

I Das hatte ihn schon lange geärgert.

Ich traue dem Menschen nicht," sagte er mit einem Achselzucken,den Renegaten ist nie zu trauen!"

Da fing Kestner laut an zu lachen:Das hat Ihnen wohl Hoppe eingeblafen, der alte Esel! Nichts tote Eifer­sucht von dem, Eifersucht, daß er nicht mehr hier in Przy-

I borowo ist!" . ~ . r±o . ,. r

Ich lasse mir von meutern Inspektor nichts emblaseu.

Uebrigens hat er das auch nie versucht."

So na, wenn Sie mit ihm zufrieden sind! Ich hätte mir an Ihrer Stelle diesen alten Stoppelhopser nicht engagiert. Sozialdemokrat ist er auch noch dazu das I verträgt sich nicht mit meiner Stellung!"

Doleschal stieg das Blut zu Kopf. Schärfer, als er es eigentlich wollte, sagte er:Und ich finde es mit meiner Wellung nicht vereinbar, mir einen polnischen Jnsepktor zu halten! Uebrigens," er besann sich, was sollte er mit I dein hier disputieren?sind wir von uuserm Thema | ab gekommen, Herr Kestner! Es ivar lediglich das Jnter- I esse für Pauls Schwester, das mich hierhergeführt hat!"

Interesse, Interesse," grämelte Kestner und lief mit j hochgezogenen Brauen in der Stube hin und her.

In diesem Augenblick kam die Frau des Hauses. Sie | wär noch im Morgenrock gewesen sehr sauber aber * dem Baron so simpel entgegentreten? O nein! Sie hatte

Aber er hatte sich getäuscht, wenn er geglaubt hatte, I sein Besuch würde so ganz unauffällig fern. Dafür ivar er viel zu lange nicht bei Kestners gewesen.

Schon als er durchs Przhborowoer Dor trat, glotzten ihn neugierige Wicke au. Eine kleine Magd stand auf j denk Hof und fütterte die Hühner; etne Wolke von Feder- I Vieh stob um sie auf, als sie jetzt, beim Anblick des Ntemc- I zhcer Herrn, ihren Futterkorb falle« ließ und mit hurtigen I Sprüngen ihrer nackten Füße deut Hause zuetlte. I

Als Doleschal an der Klingel zog, wurde er bereits erwartet. Herr Kestner trat ihm aus seinem Zimmer, rechts | bei der Haustür, entgegen mit Zurückhaltung aber I

Mau sah seiner Miene doch die Genugtuung un. Der I Memczycer kaut zu ihm! Gewiß wegen seiner Wahl?!

Doleschal hatte gedacht, bei Kesttter in das sogenannte Studierzimmer, das den Blick über den Hof hatie, und I dessen Tür von stetem Ein und Aus klappte, ganz un- I geniert eintreten zu dürfen. Er wandte sich auch sofort I dorthin, aber Kestner wehrte ihm mit ausgebreiteten Armen den Eintritt:O, ich bitte Sie nein, das wurde meine Frau nicht verzeihen! Bitte, hier herein!"

Er stieß die Tür auf zum Salon, diesen gegen jeden Sonnenstrahl und jeden Fliegenschmutz verwahrten, mit wohlerhaltenen Plüschmöbeln ausstafsierten Raum, in dem Kornelia am Flügel faß und übte.

Meine Tochter Kornelia!" stellte der Hausherr vor.

N! eine Ainte \u I

Der hochaufgeschossene Backfisch knickste und wußte nicht, vb er die Hand reichen sollte. I

Meine Frau wird gleich kommen. Entschuldigen Sie, sie war gerade dabei, an Paul zu schicken, totrb aber so­fort erscheinen. Darf ich bitten?" Kestner wies auf einen Plüschsessel unb setzte sich bann selber bem Besucher steif gegenüber. . p \

Dolefchal biß sich auf die Lippen: wie fatal, ganz als steifer Besuch wurde sein ungezwungenes Vorsprechen Beim i Nachbarn aufgefaßt! Die ganze Ailgelegeuheit bekam da- hurch ein andres Gesicht. Nun würde auch gleich die Dame hes Hauses erscheinen, und die Tochter war auch zugegen! Uebrigens ein hübsches Mädchen!

Er hatte die Schwester Panls lange nicht gesehen, letzt­hin nur so flüchtig, daß ihr Anblick ihn jetzt überraschte. Zwar war der Rock noch halblaug bis zu den Küochelu, I aber was ihm im Reitkleid nicht ausgefallen war: bte Formen waren schon sehr enllvickelt. Heute hingen ihr auch die Äpfe nicht kindlich laug herunter wie neulich, halb gelöst auf wildem Ritt; sittig zu einem Kranz um he« Kopf gelegt war das blonde Haar. Die Wimpern nieder­geschlagen auf die leicht besomrnersproßte, blühende Wange stand sie da nein, das wär kein Kind mehr!

Eine Befangenheit überkam Dolefchal: wenn das seine Tochter wäre, wie peinlich würde es ihm sei«, das zu hören, was er jetzt dem Vater hier sagen wollte sagen wußte! Er gab sich einen Ruck.Ich ich dachte ch wollte ich möchte Sie gern einen Augenblick allein prechen, lieber Kestner!" Er stotterte etwas. Zu unan­genehm! Immer aufgebauschter wurde so die Sache und o ganz gegen seinen Willen! Aber er konnte nicht mehr zurück. Mit einer leichten Verbeugung wandte er sich gegen Kornelia:Gnädiges Fräulein entschuldigen!"

Geh mal Waus," sagte Kestner und setzte sich erwar­tungsvoll in Positur. Aha, allein sprechen wollte ihn also der Niemcztzeer?! Es schien ihm viel daran zu liegen Welch ein Triumph! Nun kam er doch, der Niemezycer, wußte er doch kommen unb sich um bie Gunst des Przy- borowoers bewerben! Wenn hoch Amalie jetzt zugegen wäre!

Geh, ruf' mal Mama," rief er seiner Tochter nachs, die ihre Noten zusammengerafft hatte unb nun mit einem Knicks das Zimmer verlassen wollte.

O, bitte!" Dolefchal legte ihm bie Hanb auf ben Arm,ich mochte Sje allein sprechen!" Er betonte bas allein".

Also ?" sagte Kestner, als sich bie Tür hinter Kor- neliä geschlossen hatte. Er war neugierig, aber gewisser­maßen auch ein toenig schadenfroh: dem Baron schien es nicht leicht, sein Anliegen vorzubringsu! Ja, bas kommt davon, warum stellt man sich so mit seinem Nachbarn?!

Er tat nichts, gar nichts, bem andern entgegenzukom­men == mochte der ihm nur kommen!