Ausgabe 
3.9.1910
 
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1910 - M. 157

Samstag den z. September

Leutekinder verteilt seine Ostereier, auf die er sich so gefreut hatte?! Ach, mein Junge!" Er konnte nicht genug davon hören. Morgen, ja morgen, würde er sich's noch einmal von Hoppe erzählen lassen.

Hand in Hand mit Helene ging er zu den Betten der Kinder und stand dann lange an dem Bett, in benti feilt Nettester lag. Warmrote Wangen hatte sich der Knabe geschlafen, und ruhig ging der gleichmäßige Atem der kräftigen Kinderbrust.

Der Vater konnte den Blick nicht losreißen von seinem" Zungen; es war ihm, als sähe er ihn heute zum ersten Mas. Das war sein lieber Sohn, sein tapferer Sohn, das' junge Reis am Stamm der Doleschals! Liebkosend strich er immer wieder und wieder über den blonden Kopf.

Helene bat:Komm, laß uns jetzt schlafen gehen'/'

Da. brach es aus ihm heraus mit einem Atemzug der Erlösung, so wohlgemut, wie er lange nicht gesprochen> einen frohen Blick sandte er dabei über die Schläfer hin: 3a, laß uns schlafen gehen, geliebte Frau. Und wenn wir einstmals für immer schlafen gehen, diese werden er­wachen!"

20.

Wie einen tiefen Schmerz empfand es Helene, daß die Stimmung jenes ersten schönen Abends bei ihrem Manne nicht andauerte. Er hielt sich ganz für sich, schützte wichtige Korrespondenzen vor. Sonst lagen die fertig gemachten Briefe immer auf dem kleinen Tisch int Entree, und der Landbriefträger oder der Bote, der gerade zur Post ging, holte sie sich von dort heraus aber jetzt lag da kein Brief, sie sah keine Adresse. Er hielt seine Tür verschlossen, was er sonst nie getan- jederzeit hatte sie sonst eintreten und ihm über die Schulter weg aufs Papier sehen dürfen. Nicht löte sonst saß er abends bei ihr in ihrem Wohnzimmer: feit Tagen stand sie allein am Fenster und sah über den dunklen See hin zum dunklen Lysa Gora, über dem Früh­lingssterne funkelten.

Hatte er denn immer noch zu schreiben?! Die im Sommer bevorstehende Wahl mache ihm unendliche Arbeit ~~ so sagte er ihr. Aber sie glaubte es nicht recht- inw da nrcht noch etwas, anderes, etwas, das ihm mehr Qual machte, als alle Arbeit und Wahlunruhe es machen konnten? Ihr schien es, fast, als habe er jetzt gar nicht mehr 'das rechte Interesse für die Wahl. War er denn seiner Sache so sicher, oder hatte er die Hoffnung bereits aufgegeben? Sie wußte nicht, was von beiden sie wünschen sollte.

Doleschal sah sich in einer peinlichen Lage. Er hatte, um das, was er für unbedingte Pflicht hielt, nicht länger hinausznschieben, wenige Tage nach seiner Rückkehr von Berlin einen Besuch in Przyborowo gemacht. Er war nicht hinübergefahren, er war hinübergegangen, am gewöhnlichen Wochentag, und um ja der Sache nicht den Schein von Wichtigkeit beizulegen, int gewöhnlichen Anzug, so wie man wohl auf einem Schlendergang bei einem nächsten Nach­barn ungeniert vorspricht.

Das schlafende Heer.

Roman von Clara Viebig.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

. .. Doleschal kam nicht heiter zu Hause an. Ein weich behauchter Vorfruhllngsabeud lag zwar über Hof und Park, aber der Hetiukehrende hatte doch die Empfindung, als ob sc n Winter fei. Helene, durch fein Kommen auss freu» ^0'. , stoerrascht, hatte ihn innig in die Arme geschlossen, ® c ine Küsse, die sie ihm warm auf Wangen und Mund, aus Stirn und Augen drückte, entzündeten ihn nicht: auch ste dankten ihn kalt. Hatte Halene ihn vermißt, wirklich sehr vermißt?!

ja!" Sie nickte eifrig. Und die Knaben, die mit glühenden Wangen um ihn herumstanden, nickten ebenso eifrig nut Ein Licht glomm ihm entgegen aus den Augen seiner Lieben, aber ein Dämon beherrschte ihn, der befahl: lösche es ans, lösche es aus!

c wünschte, ich wäre noch fortgeblieben," sagte er selbstquälerisch, ihr kommt ja ganz gut zurecht ohne mich, und ich habe hier nichts als Widrigkeiten!"

llni Gottes willen," sagte Helene langsam. Ihr Blick wurde traurig; hinter ihn tretend und beide Arme um Jemen Hals legend und ihre Wange auf seinen Scheitel wie sie so gern zu tun pflegte, weinte sie, und er fühlte t^re Tränen warm auf seinen Kops tropfen. Das also war die Heimkehr?! Erst ihre Tränen brachten ihn zu sich

^a, sie hatte ganz recht, zu weinen! Sie hatte Ursache, es war undankbar von ihm, nach all den guten Tagen in Berlin, nach den Ermunterungen, die ihm dort zuteil geworden waren, nicht besserer Stimmung zu feini' Sie nmfjte ihn entschuldigen, es lag in einer Ueberreiznng, ja er war ganz abscheulich nervös!

Und er zwang sich zu einer gewissen Fröhlichkeit. Erst zwang er sich zu ihr wie zu etivas Fremdem, aber nach und nach wurde sie ihm eigner. Für diesen Abend wenigstens konnte er vergessen, was ihn drückte; er gehörte ganz seiner Fran. 0

Helene wollte ihm vorerst verschweigen, was sich in seiner Abwesenheit zugetragen hatte; sie' war mit Hoppe uperemgetommen, ihm nicht gleich davon zu erzählen, ivie die Rotte hier vors Haus gezogen war und gefährlich ge­lärmt hatte et würde sich ja noch nachträglich auf regen P aber nun sagte sie's ihm doch. Ein Stolz ans ihren Knaben trieb sie dazu und zugleich der Wunsch, den Baler zu erfreuen: siehe, das ist dein Sohn!

Mit einer Rührung, die sie fast beängstigte, nahm er es auf.~ Er ließ sich wieder und immer wieder erzählen, löte fern <301)11 vor die wilden Männer getreten war.

Also so sagte er? Mso wirklich?! Erzähle, Helene, sagte er wirklich so? Und nicht geweint, sagst du, hat er? Und die Ostereier, die ich geschickt ha.be, hat er unter die