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Ich nicht wirken kann, wie ich möchte, daß ich hier lebe wie ans einer wüsten Insel!"
„Unser Deutschmr eine wüste Insel?!" .Sie machte einen schwachen Versuch zu scherzen.
„Du weißt recht gut, wie ich's meine," sagte er, schort wieder leicht gereizt. „Daß ich Deutschau nicht lieb hätte, davon kann wohl keine Rede sein. Aber gerade weil ich's liebe, so sehr, .daß mir jede Hufe deutschen Bodens so teuer ist wie — wie —" er suchte nach einem Vergleich —, „ich finde nichts, was mir teurer wäre! Es ärgert mich, es kränkt mich, es .schmerzt mich tief" — seine Stimme wurde erregt —, „wenn ich sehe, wie —"
Er brach plötzlich ab; die Krim furchend, versank er wieder in Grübeln.
Leise strich sie ihm über die Wange. „Sprich dich aus, Hanns, sprich! Es wird dir gut tun. Du sagst, ich verstehe es nicht, Frauen könnten so etwas nicht verstehen, nun, ich werde es lernen, zu verstehen. Und wenn ich es nicht ganz lernen kann, so wird mir Gott doch ins Herz Neben, was ich zu tun habe. Immer!"
„Mein Gott, Helene, quäle mich nicht! Das sind eben undefinierbare Dinge; mau sühlt sie — sie liegen in der Luft — aber erzählen kann man sie nicht. Ich habe nichts zu erzählen!"
Er wurde rot — da ertappte er sich auf einer Lüge, hatte er denn wirklich nichts zu erzählen?! Aber warum ihr von dem Drohbrief sagen? Sie würde sich beunruhigen, ihre Augen würden ihn ängstlich begleiten, ihre Sorge ihm folgen, überallhin. War es nicht genug, daß er fich erregt hatte? Wer wohl den Brief geschrieben haben mochte? Da Ivar niemand, dem er eine solche Gemeinheit zutrauen konnte. Auch war er sich nicht bewußt, jemanden beleidigt M haben.
Es klopste. Der Diener überreichte die Post, die der Milchwagen aus Miasteczko mitgebracht hatte: Zeitungen, allerlei landwirtschaftliche Offerten und zwei Briefe. Einer mit gerichtlichem Stempel, der andre in einem dünnen Kuvert von bläulich-weißem, geringem Papier, wie es die Landleute für wenige Pfennige beim Dorfkrämer kaufen.
Ach, dieser zweite war jedenfalls ein Bettelbrief! Erst den andern! Doleschal riß das Siegel ab und warf dann das gerichtliche Schreiben hastig auf den Tisch: das fehlte noch, mußte das auch heute gerade noch kommen?!
Eine gerichtliche Vorladung war's in Sachen der Anna Sierakowska, Witwe des Dorfmusikanten Waclaw Siera- kowski, wohnhaft zu Pociecha-Dorf. Sie klagte auf eine lebenslängliche Rente, da sie durch die ihr am 20. November vergangenen Jahres zugefügte Körperverletzung zu andauernder Betreibung ihres Gewerbes außerstande gesetzt sei, laut Gutachten des Doktor Zygmunt Wolinski zu Miasteczko.
War's möglich?! Jetzt kam die Ciotka mit einer Klage?! Doleschal faßte sich au die Stirn. Da begegnete sein Blick dem Blick Helenens, und er lächelte. „Warum siehst du mich so besorgt an, mein Herz?"
Sie antwortete nicht.
Er griff nach dem zweiten Brief, aber er öffnete ihm jetzt nicht. „Der hat Zeit," sagte er nachlässig und steckte ihn eilt. Aber kaum hatte seine Frau für Augenblicke das Zimmer verlassen, so riß er ihn in nervöser Hast aus der Joppentasche — da — da — natürlich wieder etwas! Wieder las er, mit heißen Augen, die Zähne aufeinander gesetzt, was er heute morgen schon einmal gelesen hatte am Tor der Katarynka. Fast denselben Inhalt hatte dieser Brief wie das Plakat: Schimpfworte, wahnsinnige Beschuldigungen einer getretenen, geknechteten Kreatur.
*
Vierzehn Tage waren verstrichen seit dem Empfang des Drohbriefes, aber es war Doleschal, als hätte er ihn gestern erhalten.
In der Kreisstadt zankten sich fein Anwalt und der Rechtsbeiistand der Witwe Sierakowska herum; ihm war es augenblicklich ganz gleichgültig, ob er verurteilt werden würde, arm würde es ihn ja noch nicht machen, der Ciotka eine Rente zu zahlen. Nur das fraß an ihm, daß er nicht wußte, woher er auch diesen Schlag erhalten hatte. Im Kopf des halbverrückteu Weibes war dieser Anschlag sicherlich nicht geboren, jemand hatte ihn ihr eiitgegeßen — aber wer, wer?! Seine Gedanken irrten umher, suchten und fanden nicht. Und das regte ihn seltsam auf.
Wenn er jetzt einsam über seine Felder ging, allein', wie er es oftmals seit Jahren getan hatte, fühlte er sich doch nicht mehr allein und nicht frei auf feiner Flur — der Nachhall feines Trittes auf der Scholle erschreckte ihn. Ihn umlauerte etwas, was er nicht mit Augen fah, nicht mit Händen greifen konnte, und was doch da war. Wer mochte das Plakat und den Drohbrief verfaßt haben?! Stand die Klage der Ciotka mit ihnen in Zusammenhang? Die Ciotka war der einzige Mensch, dem er übles getan, freilich wider Willen — aber geschrieben hatte sie's doch nicht, sie konnte ja gar nicht schreiben. Diktiert vielleicht — wem?! Wem denn nur?! Dieses immerwährende Denken darüber machte ihn ganz wirr. Alle Menschen, die er kannte, ließ er an sich vorbei passieren, vom untersten Knecht an bis zum vornehmsten Besitzer, vom Nachbar links — dem Polen auf Chwaliborezyee — bis zum Nachbar rechts, Herrn Kestner auf Przyborowo. Mit einem1 gewissen Argwohn klammerte sich sein Geist an Garezhnski: der war viel zu geschmeidig, unk immer aufrichtig zu sein! Aber, nein — mit Unwillen gegen sich selbst wies er diesen Gedanken weit von sich — — Garezhnski war ein Edelmann, und ob deutscher oder polnischer, Adel bleibt Adel. Und dann — er schlug sich vor die Stirn — tote konnte er das vergessen, das: ,;Durch' dich bin ich elender geworden wie ein kriechender Wurm?!" Das stimmte ja gar nie zu Garezhnski. Es war doch die Ciotka — nein, nein, sie war's doch nicht! Aber wer — wer?!. In tollem Wirbel drehten sich die Gesichter um ihn: Bürger und Bauersleute, Städter und Dörfler, Förster und! Inspektor — auch nicht einer war unter ihnen, bei dem er hätte rufen können: der ist's!
Er hatte unruhige Träume. Und wie er sich auch! gegen die Niedergeschlagenheit sträubte, die ihn gleich beim' Erwachen überkam, sie befiel ihn doch.
An den Weiden um den Luch im Niemezheer Acker zeigten sich die ersten Kätzchen, die mau weihen läßt ank Palmsonntag; auch die erste Lerche ließ sich hören am Feldrain, und grüner schien die Wintersaat zu grünen. Ein Ostern war" int Nahen, ein Auferftehen aSs Winter- dunkel, aber der Deutschauer Herr schritt mit gesenkter Stirn über feinen Acker, und seine Füße wurden kält und naß von den getauten Schueelacheu, in die er achtlos trat.
Löb Scheftel fuhr auf Niemczhce zu. Vor der Karwoche war er immer auf der Tour, denn zu Ostern aßen auch die kleinen Leute Fleisch, die sonst das ganz« Jahr keines kauften. Wenn die gnädigen Herren nur nicht gar so teuer sein wollten mit dem „Lebend-Gewicht"!
Der Handelsmann sah den Baron schreiten, so ganz! in Gedanken verloren, daß er feinen respektvollen Gruß mit tief abgezogener Mütze gar nicht bemerkte.
„Gott soll hüten, was der gnädige Herr macht for’n Pottum!" sprach Löb Scheftel zu seinem Sohu. „Isidor, halt an, laß mer absteigen! Wer' ich mal hingehu zum Herrn Baron, wer' ich zu ihm sprechen: „Kein Kälbchen zu verhandeln, Herr Baron? Kein Lämmchen auf Passah?" und wer' ich ihm dabei ins Auge blicken, daß er fiehch er hat wenigstens eine treue Seele. En freisinniger Mann, en aufgeklärter Manu — ne, was tu ich mit der ganzen andern Meschboche?!"
Mit leisem Schritt machte sich Löb Scheftel an des Niemezheers Seite. Hui, wie fuhr der auf!
„Bitte um Verzeihung, daß ich habe erschrocken den gnädigen Herrn Baron! Nix zu handeln heute, Herr Barou? Der Herr Baron werden doch nich verkaufen dem Meir Götz aus der Kreisstadt? Lassen Se mir zukommen den kleinen Verdienst! Die Zeiten sind schleeht, die Zeiten sind teuer, aber ich zahle de höchsten Preise, das wissen doch der gnädige Herr Baron!"
„Ich habe nichts zu verkaufen, Scheftel," sagte Doleschal müde. Aber bann dauerte ihn des Händlers enttäuschtes Gesicht. „Sie können ja mal auf den Hof fahren und den Schweizer fragen. Ich weiß nicht, hat er was oder hat er nichts."
„Ach, der Herr Baron, en guter Herr, en einsichtiger Herr! Aber der Herr Baron wissen doch, der Schweizer," — Scheftel hob, die Schultern hochziehend, beide Hände — „eiweih! Wenn der gnädige Herr Baron doch lieber möchten selber —"
„Fragen Sie den Inspektor, meinetwegen, aber mich ~w
lassen Sie in Ruhe!"
(Fortsetzung folgt.)


