Ausgabe 
3.8.1910
 
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Mittwoch den 3 August

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Das schlafende Heer.

Roman von Clara Viebig.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

. hiltte Doleschal doch tiefer gegriffen, als er es Zeigen mochte. Dieses:denn durch dich, bin ich elender geworden tote ein kriechender Wurm" hielt ihn gepackt, ^enn er srch auch zwingen wollte, nicht mehr daran zu deuten, er riß sich nicht los davon. Wem hatte er denn so viel Leides getan, daß der ihn dafür mit solchem Haß bewerfen konnte?! Grübelnd rührte er in der Tasse Tee, die ihm seine Frau eingeschenlr hatte.

Helene saß ihm gegenüber am Frühstückstisch. Ein wenig blajser und ein-wenig schmaler hatte der Winter sie gemacht. Sie ivar jetzt selten herausgekommen, die tlnaben hatten die Masern gehabt und die Mutter ganz und immerwährend beansprucht. Aber ihr zartes Gesicht hob sich lieblich über der dunklen Hausbluse, lieblicher noch, als es gewesen war mit der Sommerröte auf den runderen Wangen.

Ein wenig die Brauen hochziehend, sah sie ihren Mann beobachtend an: was hatte er nur? Die nervösen Fältchen um seine Augenwinkel zeigten sich heute tiefer als sonst, und eut bitterer Zug war uni seinen Mund. Er hatte Merger gehabt und eben erst, des war sie sicher, denn beim Aufstehen war er noch vergnügt gewesen, hatte, was er selten tat, sogar gescherzt wie ein ganz Junger.

Geräuschlos stand sie auf, stellte sich hinter ihn und legte ihre Wange auf seiueu Scheitel.Woran denkst du? Haben sie draußen Dummheiten gemacht?"

Wieso wieso?"

Mein Gott, wie du auffährst! Ich. fragte ja nur!"

Du sollst mich nicht fragen, du Iveißt, ich kamt es nicht Vertragen, ich ich es macht mich ganz, rasend!"

Verzeih!" Es lag keine Verletztheit in ihrer Stimme, aber eine stille Trauer in der Bewegung, mit der sie nun von ihm trat und sich wieder an ihren Platz setzte. Sie strich ihm ein Butterbrötchen.

Willst du auch ein bißchen Honig darauf haben?"

Er gab keine Antwort. Aber als sie auch noch Honig über die Butter gestrichen und ihm das Brötchen °still- schweigend auf beit Teller geschoben hatte, er es still- schweigeud auf.

In dem behaglichen Zimmer tickte die Uhr, die Zeit ging unaufhaltsam weiter schade um jede Minute, die da verstrich, unwiederbringlich dahin war, ohne genossen worden Zu sein! Ja mit einem tiefen Atemzug sah Doleschal auf, er ivar doch glücklich, wirklich glücklich, hier im Hause, bei seiner Frau, bei seinen Kindern! Daran mußte mau sich eben halten!

Helene saß nicht mehr am Tisch, sie war ans Fenster getreten, wo zwischen den Doppelscheiben Hyazinthen, Ta- zetten und Primeln blühten, ein ganzer Flor. Die begoß

ihre Blumen, ein süßer Duft umschwebte sie. Ach, sie war doch seine gute, seine geliebte Frau! Wie könnte er nur einen Augenblick wahnen, daß das Glück ihn fliehe, daß alles sich verschworen habe, ihn zu kränken, zu peinigen, zu reizen?!

Reuig trat er zu ihr rind küßte ihre Hand:Helene, es war nicht böse gemeint!"

Das weiß ich, das ist selbstverständlich, daß du's nicht böse meinst!" Ihr reines Gesicht ihm zuwendend, sah sie rhm tief in die Augen.Wenn du nur glücklicher wärest Hanns!"

Bin ich denn nicht glücklich? Warum fragst du mich? Wie kommst du darauf?" Er sah sie argwöhnisch anDu bist wohl nicht glücklich, daß du so von nur denkst?! Ich bin glücklich, sehr glücklich wer sagt, haß ich nicht glücklich bin? Aber freilich, wenn du nicht glücklich bist, daun" Er zuckte die Achseln.

Ich bin glücklich!" Sie sagte es ruhig, mit einer felsenfesten Zuversicht.

Nun denn also was ivollen !rir daun noch mehr?!" Er schlug einen heiteren Ton au:Weißt du, du mußt es nicht gleich tragisch nehmen, wenn ich mal irgend welchen Verdruß habe!"

Sage ihn mir," bat sie rasch.

Wozu? Männersacheu sind teilte Frauensachen. Ich will ja auch nicht alles ivisscu, was du an deine Eltern, an deine Dutzend Freunde schreibst!"

Hanns" sie sah ihn innig andu weißt sehr gut, daß ich nur dich auf der Welt habe. Selbst meine Eltern sind mir ferner getreten. Nicht, daß ich sie weniger liebte, o nein, aber hier bei dir, nur hier wurzle ich jetzt ganz. Und ibn läßt Mich jetzt so oft allein! Ich meiste nicht," sagte sie rasch, als er sie unterbrechen wollte,daß du nicht aufs Feld gehen sollst, aufs Vorwerk, dich nicht um deine ganze Wirtschaft kümmern sollst! O nein!" Tränen stiegen ihr in die Augen, aber sie unterdrückte sie tapfer.. Deine Seele ist nicht bei mir! Du hast viel im Kopf, ja, aber ich würde mich gern darein finden, wenn ich nur sehen könnte, daß es dich froh macht. Du hast mir's zwar nicht gesagt, aber ich weiß es doch: du möchtest dich gern auf­stellen lassen zur nächsten Wahl tote soll es dann erst werden?!" Sie rang leicht die Hände ineinander und blickte starr geradeaus:Ich fürchte, wir werden bald gar nichts tnehr von dir haben, die Kinder und ich!"

Setze dich," bat er und drückte sie in den nächsten Sessel. Aus der Lehne Platz nehmend, legt er vertraulich den Arm um ihre Schultern.

Sieh mal, wenn du meinst, ihr hättet dann weniger von nttf, dann irrst du. Im Gegenteil, ihr hättet mehr! Denn ich würde so viel freudiger feilt, so viel zuversicht­licher, so ganz andrer Stimmung. Das verstehst du eben nicht. Ihr Frauen seid zufrieden, wenn ihr für Mann und Kind und Haus gesorgt habt, aber wir Männer ja, wir haben eben noch etwas andres! Und das quält m.icst daß