Ausgabe 
3.3.1910
 
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Wochen daraus fand in der kleinen Hauskapelle bte Taufe statt. Aber diesmal hatte die alte Orgel schöne Pfeifen be­kommen, sie dröhnte fast zu laut jn dem kleinen Raum. Und überall im Schloß war Neues, dort Butzenscheiben in den Fenstern, da Bilder gereinigt und gefirnißt, häßliche Rahmen au§ geschmackloser Zeit durch solche von vierzehn- vder fünfzehnhundert ersetzt. Das neue Gewächshaus lieferte wundervollen Blumenschmuck, der die Treppe hinauf über alle Gänge duftete und überall mit der Farbenpracht feiner Blüten das Auge erfreute.

Die Taufgesellschaft war größer als das erste Mal. Zum Diner im Bankettsaal hatte Oberstleutnant von Herrn- werth als Ueberraschung sein Trompeterkorps mitgebracht. Die junge Mutter saß in der Mitte der Tafel, doppelt glücklich au diesem Tage, denn das Kind war, wie es Ludwig gewünscht, abermals ein Knabe. Er sagte zur Gräfin Lmden- bach, rechts neben ihm:

Jetzt habe ich zwei!

Nun, ein kleines Mädchen wäre doch nicht schlecht gewesen. Ihr Männer seid alle gleich, als ob iirir weniger bedeuteten. Immer Jungen müssens sein.

Besorgt, auzustotzen, behauptete Ludwig plötzlich:

Ein kleines Mädchen würde mir auch recht gewesen fein.

Sie hob die magerer^ gewordene Hand,'denn die Jahre begannen doch fühlbar zu werden:

Nun, lieber Beiter, warum denn die Meinung wechseln?

Ich sagte! ja nur so . . .

Nein, du willst lieber eineu Sohu, und ich kanu'K dir gar nicht verdenken. Ich habe auch nur Söhne gehabt.

Und sie erzählte, bis auf einen seien alle jung ge­storben:

- Ich weiß nicht, welche Absichten der liebe Gott damit verknüpft hat, mir meine Kinder im frühesten Alter zu nehmen. Die Liudenbachs sind doch sonst kräftige Men­schen, die Hohengarts auch. Nur dein Schwager ist gerade kein Held, wie wir wissen. Und mein einziger Sohn? Haben wir etwas verfehlt? Soll ich gestraft werden? Man soll nicht hoffärtig sein, aber ich bin mir keiner Schuld bewußt. Und mein seliger Mann, den hättest du einmal kennen sollen, diesen Ehren- und Edelmann von altem Schrot und Korn!

Ludwig fragte nach dem verstorbenen Grafen. Er neigte sich zu seiner Nachbarin, mit jener Gabe, die ihm eigen1, jedem Glauben beizubringen, als interessiere er sich mir für ihn. Und die kluge, alte Dame, sonst wie keine andere die Schwächen Ludwigs kennend, ließ sich gewinnen und schüttete ihm ihr Herz aus, wie viel Sorge ihr der Gesund­heitszustand ihres Sohnes oft bereite. Ludwig neigte sich ganz zu ihr in dem Stimmengewirr, das durch den Saal tönte-, denn allein von den Ulanen waren acht Verheiratete mit ihren Damen da. Lachen klang, Anstößen, und immer schmetterten die hellen Kavallerie-Trompeten, die eben den Marsch aus dem Sommernachtstrautn zu Ende bliesen. Da mit einem Mal war alles still. Man blickte sich nm. Agathe hatte sich erhoben.

Eine, große Gestalt, mit wildem, weißem Lockenbusch und ebenso wildem, weißem Bart schüttelte der jungen Mütter wie einem Geschäftsfreunde die Hand, unbekümmert- um die anderen Menschen:

Ra, das habt ihr ja gut besorgt! Schon'das zweite? Macht mir so weiter!

In der großen Stille Vernahm man jedes Wort.

Ans der andern Seite der Tafel hatte Ludwig sich erhoben. Er war beinahe der letzte, der die Ankunft seines Vaters bemerkt. Das Blut trat ihm ins Gesicht. Er verlor seine ganze Sicherheit, tat ein paar Schritte, kehrte um, legte seine Serviette hin, schließlich ging er in dem großen Schweigen um den Tisch auf seinen Vater zu.

Der rief:

Guten Tag, mein Junge! Ja, ich dachte, ich fön nie nicht tommen, aber. . .

Er blickte sich nm. unter den buschigen Brauen mit seinen scharfen Augen:

- Donnerwetter, sind das eine Menge Menschen! Na, wenn ich das gewußt hätte

Immer noch sprach niemand. Ludwig war so fassungs­los, oaß er nicht daran dachte, einen Stuhl zu bringen. Da stand- der Prinz vor dem großen alten Herrn, der immer noch, den struppigen Kopf nach vorn gebeugt, sich

umblickte, und bot ihm seinen Sitz au. Der .Geheimrat schüttelte ihm die Hand:

Erkennen Sie mich wieder? Nein, nein, ich setze mich nicht.

Die alte Gräfin rief über den Tischt

Herr Geheimrat, kommen Sie neben mich, wir iver­den zurücken.

Der alte Herr blickte sie erstaunt an. Für Damen hatte er keirwGedächtuis. Agathe flüsterte ihm zu:

-'Meine Taute, Gräfin Lindenbach, du kennst sie von der Hochzeit.

Der Geheimrat wollte artig sein. Mit einem F-reuden- ruf streckte er der Gräfin, sich weit über beit Tisch beugend- die Hände entgegen, schüttelte und drückte sie:

Ja, ja, wir kennen uns, wir kennen uns!

Einzelne der Gäste begannen zu lachen. Der kleine, freche, blonde Leutnant klemmte fein Einglas ins Auge:

Verfault und zugenäht, den möchte ich nicht als Kommandeur haben.

Der Geheimrat blickte auf die Teller und klopfte dem Haushofmeister, der regungslos mit erhobenem Kopfe da- stand, auf die Schulter:

Sagen Sie mal, was effen Sie denn jetzt?

Mister White trat einen Schritt zurück. Es fehlte nicht viel, daß er sich ab gewischt hätte. Agathe begriff, was ihr Schwiegervater wollte:

Wir sind beim Eis.

Der Geheimrat blickte den vornehmen Mann von oben bis unten an, begann zu lachen und sagte zu seiner Schwiegertochter:

Eßt ruhig fertig. Ich werde mich drüben so lange- Hinsehen. Aber 'n Glas Bier kannst du mir rüberschickeu. Ich habe schauderhaften Durst.

Mit knarrenden Schritten ging der alte Herr hinaus. Alles verfolgte ihn mit 6en Blicken. Während Agathe Platz nahm, sagte sie:

Mein Schwiegervater hat nickst stören wollen.

Und bei ein paar fragenden Gesichtern fügte sie hin­zu, absichtlich laut sprechend:

Er hatte uns abgesagt, weil er im Herrenhaus jetzt so viel zu tun hat. Da ist gerade jetzt. . . was ist das für ein Gesetz, Ludwig, das sie machen?

Doch die Frage verklang in der Luft, beim Lubwig ging mit den Tisch herum, kaute feinen kleinen Schnurr­bart, taumelte beinahe, unb als er sich gesetzt, schüttete er ein Glas Wein hinunter und wandte sich mit tief ge­senktem Kopfe zur alten Gräfin, die ihn ein wenig lächelnd ansah. Sie sagte nichts.

Umsomehr tuschelte mau dort am Tisch, wo es nicht gerade einer der nächsten Angehörigen hörte. Manche wußten immer noch Micht, wer der Herr gewesen sei. Einer er­klärte:

Der Vater von 's Janze.

Und der kleine Leutnant putzte sein Einglas:

Den Alten zeigen se nich, der wird sonst versteckt. So'u Pech, daß der nu gerade heute aus der Versenkung rauste sah reu kommt.

Darüber fingen die nächsten an zu lachen, und da andere wissen wollten, was gesagt worden, trug man das Scherzwort weiter. Beim Prinzen machte es Halt. Aber die Freifrau von Mengen geborene Honig musste es wissen. So ward es ihr aus eine Tischkarte geschrieben:Den Alten zeigen sie nicht, der wirb sonst versteckt."

Der Herr, der es über den Tisch 1 verfett sollte, holte aber zu weit aus, das Pappblättchen flatterte im Bogen herum und blieb genau vor Ludwig liegen.

Er hatte kaum seine Fassung wiedergewonnen und nahm in der Meinung, jemand wolle ihm zutrinken, das Blatt auf, las es, aber verstand nicht.

Als ihm einer zurief:

- Bitte für Frau von Mengen! Es ist nicht für Sie! -- gab er die Tischkarte nicht aus der Hand, denn eil war so erregt, daß er nichts hörte. Erst als er ein paar erstaunte, ja erschrockene Gesichter sah, begriff er, wurde aschfahl uud kaute wieder seinen Schnurrbart; dann nahm: er die Tischkarte und steckte sie in die Brusttasche. Nie­mand sagte eilt Wort. Ein Rittmeister meinte:

Das kommt von solchen Dummheiten! Wir sind! hier zu Gast, das darf nicht vergessen werben!

(Fortsetzung folgt )