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was lehrt die Seit?
Unter dieser Uebersch-rist bringt die Deutsche Arbeitgebers Zeitung folgende ergötzliche Plauderei:
Im Olymp war grosser Götterrat! Athene, die Göttin der Weisheit und des GötterKuig» LieWngStochter, hatte sich bitter über das Menschengeschlecht, beschwert. Es sei unter den Menschen keine Spur mehr von vornehmer, abgeWrker Lebensführung, von wirklicher Hingabe an die grossen Ideale der Kuntz und Wissenschaft zu finden. Alles sei voll .Hast und Unruhe ans der Jagd nach schnellem Erfolg und Gewinn! „Was tun?" fragte Zeus in bekannter Weise! i
Rasch war- Asklepios, der Heilkunde erfahrener Meister, bei der Hand. Er hatte gerade ein neues unübertreffliches Brompräparat hergestellt und schlug vor, dasselbe in die Wollen zu mischen, worauf sich dann bei nächster Gelegenheit ein sanften Bromregen über die Menschheit ergießen würde. Eine sofortige nervenberuhigende Wirbmg sei garantiert. „Alter Pflasterkästen", brummte Ares, der schneidige Kriegsgott, in seinen Bart, um1 mit kräftiger Stimme fortzrifahren: „Ich! werde mich sofort mit S';n Mann auf die Erde begeben, zunächst sämtliche Parlaments ließen und dann die Regierungen und Völker derartig durcheinander bringen, daß ein frisch-fröhlicher Krieg, die beste Blut!- reinigung für unruhige Gemüter, unausbleiblich ist. Der Menschheit geht es eben zu gut, sie muß einmal den. Ernst! des LebeiiA hosten." „Wenn es nur darauf ankäme!" polterte. Plutns', del" Gott der Unterwelt. „Habe ich nicht in den letzten Jahren! an Erdbeben,'Grubcnkatasttophen, UebersOvemmnngen das Alög- lichste geleistet, ohne daß sich. das übermütige .Menschenlorps zur Einkehr bequemt hätte?" „Das sind GewältmittÄ," sagte Apollo, der den Musen gebietet, und erklärte sich großmütig bereit, dir! Direktion des Berliner HebbeltheaterS zu übernehmen, wovon ihm aber der geschäftskundige H c r m e 8 dringend abriet, da dass Berliner Publikum jedenfalls mehr für das eigentliche Apollo- theatrr zu haben sei. Größere Uebereinstinrmnng unter den Göttern zeigte sich schon, als Apollo die unglücklich und unruhevolle Stimmung der Menschen auf die Musik von Richard Strauß zurück- führte. Nur die lieblich« Aphrodite glaubte diese Behauchung' noch dahin ergänzen zu müssen, daß sie einest großen Teil' der' Schuld den Susfragettes, Frauenrechtlerinnen (bei dem bloßen Gedanken schüttelte sich die Göttin der Anmut vor Entsetzen) und ähnlichen entarteten Geschöpfen zuschrieb. „So kommen wir Nicht weiter," sägte Zeus, „wir müssen einen erfahrenen Menschen selbst als Zeugen befragen." Er berief Iris, die von ihrem! Posten als Göttcrbotin längst zum himmlischen Telephonsränlein avanciert Ivar, intb befahl' ihr, eine Verbindung mit dein in der Unterwelt befindlichen Nestor herznstellen, bekanntlich deut weisesten Menschen, „der drei Menschenalter sah". Natürlich,kam die Verbindung nicht gleich zustande. Sie würbe immer wieder gestört, weil Thersites, der größte Schimpsbold im Hause, beständig mit seinem Genossen Stadthagen auf der Obcrp> weit zu telephonieren hatte. Die beiden tauschten 'nämlich gerade ihre Gedanken über die neuesten Wahlersvlge der Sozialdemokratie aus. Aber schließlich! gelang der Anschluß, rind der greise R e st ör erklärte sich auch sofort bereit, den gewünschten Rat zu erteilen, „Wie wenn ein mutiges Pferd," sagte er, „in vollem Lauf dahinstürmt, der Reiter aber fürchtet, er wird es nicht bändigen können, und darum lenlt er sein Roß auf ein weites Feld, wo es gcl- fahrleS seine Kraft austoben kann, also ist es auch um die Menschheit von heute bestellt. Kein Reden und Raten wird helfen, nur die Erfahrung kann auf den richtigen Weg führen. Im Geg«!- leil, willst du, >o Göttervater, die Menschheit von ihrem Wahn heilen, so jage sie erst recht hin und her, Hetze sie von einer Auf- regnug in die andere, bis ihr der Atem, ans'geht und sie endlich ihrer Verirrung, inne wird. Dann wird, man sich besinnen!, wo'der QuÄl'wahrer• Zufriedenheit und Lebensfreude zu suchen ist."
Nach diesem Ratschluß! wurde verfahren. Eine Kommission, bestehens aus Hermes, teilt Gott des Handels, Hephaistos', , deut Gott der Ersindilngen, und Themis, der Göttin der Rechtspflege, trat in Tätigkeit, indem Hermes den Auftrag erhielt, monatlich mindestens hundert neue Altien-Geselischasten zu gründen, und Hephaistos den Auftrag, dafür zu sorgen, daß in der gleichen Zeit mindestens cbensovielc umwälzende Erfindungen gemacht würden. Das wichtigste Mandat aber erhielt Themis. Diese mußte, sich verpflichten, bei jedem Mondwechsel über die Erde einen großen Sack neuer..Gesetze auszustreuen, von denen jedes nicht unter hundert Paragraphen enthalten darf. ,
Rack diesem Rezept also werden wir Menschen regiert. Es m dafür gesorgt, daß. Handel und Industrie nicht nmchlaseu, und vor allem ist die liebe Obrigkeit mit rührender Sorgfalt darauf bedacht, die Menschen vor Lange weile. zu schützen. Kann inan' sich, i'u eine Zeit, in der ein Menschenalter hindurch, ja viel- leicht ein halbes Iahrhuubcrtlang die gleichen Gesetze, für ein ganzes Land in Gültigkeit geblieben sind hineindenten? Für die letzten Jahrzehnte ergibt die.Statistik, daß. tatsächlich Monat für Monat mindestens ein neues Reichsgesetz in Kraft getreten ist, von der l!u- zahl größerer und kleinerer Laudcsgefctze, Verordnungen und Ergänzungen völlig zu schweigen. Zwei Worte sind es, die m feuriger Schrift über der GecMnwärt leuchten, Reform und Novelle. Reform (nebenbei bemerkt, schon sprachlich ein Greuel!) ist übev- haupt das bezeichnende Schlagwvrl unserer nervösen, neueruuK-
sückstigen Zeit geworden'. Die Reiormlleiduug, die Resormschulc, die Resormgemeinde sind die traurigen Ausgeburten einer Strömung, die nichts Ganzes vertragen, nichts Neues schaffen kann, aber doch das Alte gern auf die Seite werfen möchte. Wenn man in früheren Jahrhunderten „reformierte", dann erbebte die Welt; dann kam eine Reform zustande, die etwas' zu bedeuten hatte und den Böllern neu« Bahnen wies. Aber die Reformen von heute sind meistenteils sehr überflüssiges und klägliches Stückwerk, übetz das man sich ärgert und .aufregt, ohne in Wirklichkeit einen Schrit- vorwärts zu kommen.
Ihre größten Triumphe aber hat die „Reform" auf juristischem Und verwaltungstechnischem Gebiete erlebt. Sein Stein darf auf dem anderen bleiben! So gründlich wird wenigstens! äußerlich an dem Gebäude'der Rechtspflege und Verwaltung herum- resormiert. Strafrechtsreform, Versichcrungsresorm', Finanz-, resvrm, Wahlrechtsreform, wie die Schneeflocken vor unserem! Fenster wirbeln alle diese Reformen lustig durcheinander. Und es gehört schon ein sehr scharfes,nud geübtes Auge dazu, um bei diesem lustigen und traurigen Spiel die Nebersicht nicht ganz zu verlieren.
Wie länge wird die tolle Jagd noch dauern? Wie lauge wird es die Menschheit aushalten unter der Parole des schrankenlosen Fortschritts, von einer Neuerung in die andere, Mr einer! Reform wieder m eine Reform getrieben zu werden? Wann wird, sich ein gewisser Beharrungszustand, der zugleich ein ErholungK- zuftand wäre, einstellen, ein wenigstens relativ stabiles Gleichj-. gelvicht, das nicht fortwährend durch allerhand angebliche, oft recht zweifelhafte Verbesserungen gestört wird ? - - Freilich, eich Journal kst sollte derartige Wunsche nicht anssprech.cn, denn jhm liefert ja dieser sieberhäfts Zustand täglich überreichen Stoff. Aber fort mit so sträflichem Eigennutz! Es wäre für die ganze Welt ein Segen und mehr als ein Segen, wenn einmal die Zeitungen ein paar Jahre hindurch über keine „Fälle", Fragen/ Resormen, drohende Konflikte und ander« Spaninungsmomentj« zu berichten hätten!
Die flüchtigen Landestin-er.
In jenen Zeiten, als die Kolorierung der politischen Landkarte des Deutschen Reiches noch sehr groß« Ansprüche an den, Farbenkasten des Zeichners -stellte, war Fahnenflucht ans einem! Kleinstaate in den anderen an der Tagesordnung, zumal der flüchtig« Soldat hoffen durste, jenseits der Grenzpfähle mit offenen Armen! empfangen zu werden, falls er sich zur Einstellung, in den KriegK- dieust der neuen Heimat bereit finden ließ'.
Um diesem llebelstand nach Kräften zu steuern, waren hie« und da zivischell einzelnen LandesväterU Militärkartell« in Kraft getreten.
Mich die beiden HcssenfÜrstrN Wilhelm IX., nachmaliger Kurfürst, und Ludwig X., der spätere. GroWerzog! Ludwig I, hatten! gegen Ende des 18. Jahrhunderts einen solchen Vertrag geschlossen) der die wechselseitige Verfolgung und Auslieferung landesflüchtiger! Untertanen bezweckte. Seine Artikel wurden durch Berleselv von! den Kanzeln herab und öffentliches Ausrufen in den Garnisonen, unter.Twmlnelsck-lag und Trvm-petenschall alljährlich aufs_ncu.e! bekanntgegeben, außerdem war durch Mauerauschläge an deuStadt-- lvren, Zoll-und Jagdhäusern dafür gesorgt, daß die Bestimmungen nicht in Vergessenheit gerieten.
Beide Bertragschiießende verpslichteten sich vor allem- dazn, feinen unter das Mttekl fallenden Flüchtling einzustellen, sondern ihn unverzüglich- zu feinem; Regiment zurückzubefördern. Jedes Offizier, der dieser Weisung nicht nachskmn, wurde mit.dem Verlusts seines Dienstgrades bestraft, und Mim eine Ortsobrigl'eit einen! FahneuflÄchtigeu passieren ließ, konnte sie unter llinftänben zu einem entsprechenden -Schadenersatz in Geld hcrangezogcii werden. Dagegen durste jeder, der einen militärischen. Durchbrenner, bei seinem Regimeutslvmmanbo «vlieferte, ein Kartellgeld von sechs Reichstälern bearffpruchen, wovon dem, der den Deserteur an» gezeigt hatte, fünf ReichStaler gebührten „mit Verschweigung seines Namens." Dem Ablieferer mußte eine Bescheinigung über die etwa zugleich mit übergebenen „Pferde, Armatur-Mvudieruugs- und Eauipcuu'uts-Stücke" ausgestellt werden. Für die täglich« Verpflegung eines Arrestanten wurden 8 Kreuzer ausgeworfen, während die Unterhaltung eines Pferdes pro Tag mit 18 Kreuzern! vergütet würde. Die Berfol'guug eines Deserteurs jenseits bei' Grenze war nur mit gewissen Einschränkungen gestattet. ®» dursten zwar Wälder und Felder abgestrcist werden, aber eine Hausmchuug war nur mit landesherrlicher Genehmigung erlaubt, auch hatten die Rachsetzr'udc» kein Recht, sich! au _ dem Eilige- sangcneu, so lange sie noch nicht auf heimischem Boden waren, zn „vergreisen".
Viel zur Eutweicküiug der Soldaten trug das damals fo.de.r-. breitete und beliebte Werdespstem bei. Auch dieser Gepflogenheit begaben sich die beiden Landgrafen, soweit ihre, gegenseitig«« Territorien in Betracht kamen, stellten strenge BestrasiMg für' die, welche sich „in loco delicti und beprehensionis" betreten ließeul und richteten ihr .Hauptangenmerk auf die heimlichen Werber der außerhalb des. Kartells stehenden Länder.
Tie vor VertraMchlnß ■ - 31. Dezember 1791 — in gegenseitigen Diensten stehenden Hessen warcü' von Verfolgung und MWesermg frei und konnten, gegen ein pon ihnen zu. erlegende«


