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nicht gerade erbaut, aber deine Schwester HM es mut mal für ihr Glück, und du hast nut wenigsten Veranlassung, es ihr zu verwehren, denn du hcht dich ja doch nie um sie gekümmert. Also kann's dir vollkommen Wurscht sein, was aus ihr imrb. .
Die Prinzessin zog die Mundwinkeln herab, die Schultern in die Höhe:
— Ist mir auch ganz gleich!
— Siehst du, das dachte ich mir. Also dann laß sie tu Frieden.
Prinz Hohengart wurde, wie es sein Schicksal tu der Familie war, überhaupt nicht g fragt Er san> die An wort allein, ging auf seine Schwägerin zu, nahm ihren Arm und führte sie in das Bilderzimmer.
Dort zog ete sie in die Fensternische, damit drinnen niemand etlvas davon hören sollte, und begann in herzlichen Worten förmlich eine kleine Rede. Welch große Hochachtung er vor ihrem Bräutigam habe, er fände ihn so gut aussehend, so gut angezogen, er ritte so schön. Vor allem aber sei er ein tüchtiger Bdensch, denn als solchen habe er ihn wahrend dieser langen Arbeitszeit mit dem Justizrat erkannt. Er wünsche ihr Glück, ein Glück,, das es doch so selten auf der Erde gäbe, und sie solle gegen ihren zukünftigen Mann immer gilt sein. Dabei war es, als ob er ihr alles wünsche, was er selbst in seiner Ehe nicht gefunden hatte. Die Augen waren ihm feucht geworden, als er schloß:
— Wenn du mal einen Rat brauchst, so komm zu mir.
Im selben Augenblick figl ihm die eigene Hilflosigkeit ein, und er meinte, ein wenig beschämt:
— Abew dein Mann wird dir schon helfen, wie er mir ja auch geholfen hat. Ich bin soviel krank gewesen und habe leider keine Energie, das weiß ich. I b habe auch nicht genug gelernt, Agathe; doch ich kann dir doch vielleicht einmal die Stang-e halten, wenn es etwa Schwierigkeiten in der Familie gäbe. Wer nun komm, sonst will Valy ivissen, was ich dir gesagt habe, und — es ist besser: sprich darüber nicht.
Das klang fast, als zöge der arme kleine Prinz alles zurück, was er eben in der ersten Gefühlsaufwallung großmütig versprochen hatte.
Louis Droesigl nahm die Glückwünsche ruhig entgegen. Er Wßte Gräfin Lindenbach die Hand, war besonders artig mit der Prinzessin und sagte auch den jungen Äeasen Lindenbach und Röguier ein paar liebenswürdige Worte. Als er dann mit Agathe in den Speisesaal hinüberging, wo sie es „ganz im Vertrauen" dem allen Elftmann mitteilen wollten, herrschte tiefes Schweigen. Tie Prinzessin sagte:
— Ein Engel fliegt durchs Zimmer!
Als die anderen lächelten, stand Gräfin Lindenbach auf:
— Ach was, quetscht euch nur aus. Valy hat schon! ihren Senlf gegeben.
Sie wandte sich zu ihrem Enkel:
— Nun, meinst du dazu?
Der junge ernste Mensch blickte seine Großmutter an:
— Die Hauptsache ist doch wohl, daß man glücklich ist, und das scheint Agathe zu sein.. Sie empfindet es auch wohl am wenigsten, daß sie in eine sozial ein wenig andere Familie kommt. Es gibt ja auch welche, die damit nicht einverstanden wären.
Die Prinzessin sah ihn an:
r- Meinst du Patsch?
Ich habe doch keinen Namen genannt
Nun blickten sich alle nach Gräfin Patsch um:
— Wo ist sie denn? — fragte die alte Gräfin. Graf Röguier rief:
— Ich will mal sehen! — und lief hinaus.
*
Im „Hospiz am Brandenburger Tor" hatte Agathe mit Gräfin Lindenbach, die sie bis zur Hochzeit bemuttern wollte, ein gemeinsames Zimmer. Der selige Graf wäre im Hotel Bristol Unter den Linden abgestiegen. Doch die alte Gräfin meinte:
7- Jeder streckt sich nach seiner Decke, außerdem ist es hier für Damen allein sehr passend.
Vielleicht spielte dabei ein wenig mit, daß sie eine eifrige Protestantin war und denn auch am ersten Morgen die Hausandacht nicht versäumte.
Herr Droesigl wohnte schräg gegenüber im Palasthotel am Potsdamerplatz.
Jeden Morgen schickte eTi jeiner Braut einen Blumenstrauß, und täglich machte er mit den Damen nachmittags! Besuche, während sie früh allein Wäsche und Kleider zur Ausstattung besorgten, lieber der Einrichtung schwebte ein gewisses Dunkel. Herr Droesigl sagte seiner Braut, das müsse feine Sache bleiben, denn bei ihm sei jedes Stück alt, und neue Möbel würden sich.nicht einfügen. Agathe nahm es nut gesenkten Augen hin, b cn.it die Voryältnisse in Kölln schienen so traurig, daß kachn etwas übrig blieb. Und dann hatte ihr Verlobter eine Redensart, wobei er den Kopf wiegte und die Schulter hob:
— Mas dir gehört, gehört mir, und was mir gehört/ gehört dir.
Dabei Wßte er ihr die Hand und wartete ihre Antwort nicht ab, sondern fing vom Wichtigsten an zu reden, das bevorstand: dem Besuch bei seinem Vater.
Der Geheime Kommerzienrat Droesigl war am Rhein. Dort hatte ihn sein Sohn aussuchen wollen, um die Braut vorzustellen. Doch der alte Herr antwortete, er käme bald wegen einer Debatte int Herren hause nach Berlin.
Endlich, eines Täges,. als die Besorgungen schon ihrem Ende zuneigten, meldete Herr Droesigl senior seine bevorstehende AnWnst. Es wäre eigentlich seine Sache gewesen, Gräfin Lindenbach einen. Bestich zu machen. Doch Herr Louis Droesigl sagte:
— Gnädigste Gräfin, bitte, entschuldigen Sie meinen Vater. Er hat täglich KommifsionsZtzungen, er empfängt Lieferanten, Geschäftsfreunde, Angestellte, oder hat Besprechungen mit seinem juristischen Beirat. Das geht so, seitdem ich denken kann. Bitte, nehmen Sie es nicht übel, wenn er nicht zu I jneu kommt. Er hat einfach keine Zeit dazu.
Als sie nun in eine Droschke stiegen, entwarf Louis Droesigl aus der kurzen Fahrt in der Königgrätzerstraß« bis zum Askanischen Hof, wo der Kohlenbaron abzusteigeu pflegte, den Damen ein deutliches Bild von seinem Vater: einer Art Bär, dessen Mangel an Formen man durch den ständigen Verkehr mit den Arbeitern zu erklären hätte. Wenn er auf sein Aeußeres nichts gäbe, so habe er dafür ein goldenes Herz. Es könne eiben in einem Menschen nicht alles vereinigt sein.
(Fortsetzung folgt.)
Adolf Spieß.
Zum 100 jährigen Geburtstag am 3. Februar 1910.
Unsere Provinz Oberhessen kann stolz darauf sein, das Geburtsland eines der berühmtesten Turnpüdagogen gewesen zu fein. In einer Zeit der Reaktion wußte Spieß trotz vieler Hindernisse seinem System Geltung zu verschaffen. Heute an seinem hundertsten Geburtstage sei durch Schilderung seines Lebenslaufes ans dessen Bedeutung in nachfolgendem ausführlich hingeiviesen.
Wolf Spieß wurde am 3. Februar 1810 als Sohn des Pfarrers Spieß in Lauterbach int Vogelsberg geboren. Tie ersten Eindrücke des Knaben führten, indes nach der Mainstadt Offenbach, wo feilt Vater schon tin folgenden Jahre die zweite Predigerstelle erhielt und Vorsteher einer nach Pestalozzis Lehren geordneten Erziehungsanstalt würde. In einer Zeit, da das Turnen geächtet ward und der Jugend entzogen, wurde, brachte Fritz Hessemer die Hebungen Jahns, besonders am Recke und Barren, von der Höch- fchule mit nach der Stadt und der junge Spieß zeigte sich als ein besonderer Anhänger der körperlichen Leibesübungen. Iw Garten des Hvfrats Andre wurden turnerische Zusammenkünfte abgehalten und bald trat der Verein mit solchen des benachbarten Hanau in nähere Verbindung. Diese Beziehungen äußerten sich int lebhaften Verkehr und fröhlichen Wettstreit der Kunstfertigkeiten. Was ihm so in grüner Jugendzeit ans Herz gewachsen war, hütet« er fürs Leben mit feiner ganzen. Persönlichkeit. In den Jahren 1826 und 1827 wurden gemeinschastliche Turnfahrten in den! nahen Taunus unternommen, wobei die frischen Turnlieder er# Kangen; stolz war man in dem Gedanken, Turner und Sänge« zu sein fürs Vaterland. Solche Wanderungen waren für Schwächliche doch etwas zu anstrengend und Spieß erlag einst der Anstrengung und würde nach Frankfurt a. M. mehr nach Haus« geschleppt, wo eine hitzige Krankheit ihn überfiel, di« ihn an den Rand des Grabes brachte.
Ostern 1828 ging Spieß nach Gießen mit der Absicht, Theologie zu studieren. Tie Beteiligung an Musik, Zeichnen und an der Turnkunst nahm jedoch seine meiste Zeit in Anspruch, nur wenig blieb ihm da für das Studium der Theologie übrig.. Ter turnerische Verkehr, die Wanderungen riefen den Meister des Turnens in ihm wach. Eine Verwundung der Lunge, die er bei Gelegenheit eines Duells erhielt, legte den Grund zu einem Nebel, das ihn nicht verlassen sollte, noch im vierten- Jahrzehnt ihn! quälte und schließlich seinen frühen Tod herbeiführte.


