Ausgabe 
3.1.1910
 
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Die Pistole.

Mir Albert Johannsen.

lNachdruck verboten.)

Run waren drei Monate seines Urlaubs verstossen und Noch Wmer wollte die schreckliche Nervosität nicht weichen.

Hätte er sich doch- in eine Nervenheilanstalt begeben, nm dort fcittc ordnungsmäßige Kur durchzumachen, dann wär« er jetzt Vielleicht genesen. Aber dazu hatte er sich nicht entschließen Wunen, ans Furcht, sich in seiner Karriere zu schaden. Noch war Dm der Posten eines Vortragenden Rates im Ministerium, das ZiM seiner Sehnsucht, dem er Gesundheit und Lebensglück g®= opfert hatte, ganz sicher, man konnte ihn unmöglich übergehen. Menn Man aber seinen Zustand genau gekannt, der manchmal stahezu an Verrücktheit grenzte, würde man sicherlich eher an seine Pensionierung als an seine Beförderung gedacht haben'.

Nachdem die Berg- und Waldluft Thüringens keine Bessv- Vulrg seines Befindens herbcigeführt hatte, wollte er noch sein Heil auf einer stillest! Nordsee-Insel versuchen. Aus der Reise d.ahm hatte er einen halben Tag und eine Nacht Aufenthalt in einer kleinen Küstenstadt, da der Tampser, der zwischen dem Festlande und der Insel fuhr, erst die Flut des andern Tages Kbwarteu mußte.

Mim Verlassen des Bahnhofes wär er recht scharf mit dem Schaffner zusammengerate», darüber ärgerte er sich noch, als er mit ferner Handtasche durch die Straßen schritt, um ein .Hotel «nfzusncheu.

Tas; auch jede Kleinigkeit ihn so entsetzlich anfregen mußte. Erue au sich höchst gleichgültige Sache Lunte ihn noch immer vo'llWndcg aus dem Gleichgewicht bringen/ genau so wie beim Antrrtt serues Urlaubs. Damals hatte er beim Anblick der un- «rledrgteu Arbeiten, die sich ans seinem Schreibtisch häuften, Wernen Mussen, wre ein Sextaner, der rakloS vor seinen EchuE nrberten sitzt. Und doch hätte er nur zuzugreifen brauchen, und m emigen Tagen wäre alles erledigt gewesen, aber dazu fehlte rhm eben die Kraft.

Bedenklicher noch als diese Schl räche waren die Zwangs- VVrstellrmgen, die blitzartig über ihn fomcn und die er mit Arrfbrctmrg seiner ganzen Willenskraft nicht abzuwehren ver­mochte Wie bösartige und ekle Insekten bohrten sie sich ihm ,ins Gehirn. Um feinen Gedanken eine aridere Richtung zu gebest, griff er wohl zu dein Mittel, sich körperliche Schmerz«« zuzufügeü; er schnitt sich mit dem Messer ins Fleisch oder brachte nch mit einem brennenden Zündhölzchen eine Brandrvnstde bei. sH solchen Augenblicken der Verzweisluiig fragte er sich, wohl: bist du noch bei gestiuder Vernunft, ist das nicht Heller Wahnsinn?

Hotel zur Sonne"! Das Hans machte einen zu bescheidenen Eindruck. Weiter!Behrens Hotel"! Auch nichts! Eine Dogge rag der Treppe, und er konnte- die Hunde nicht leiden..

Mwr, so e,n Köter ihn anbellte, geriet er gewöhnlich in sch-reE- ,ich« Aufregung; bann schlug er drein, nnd das gab immer einen, furchtbaren Spcktaftl.

en, &ln =n bki-.dr-m Schaufeitsler eines Eisenwaren- nnd Waffeiihändler» vorbei. Dabei fiel fein Mick auf eine Pistole. Er machte Halt Sonderbar, daß du noch keine Pistole hast. Und nun - Herrgott! da war wieder eine dieser schrecklichen, Ztmrngsborstellungen er konnte nicht anders, er iustßte hinein und die Pistole kaufen.

Y, , ®r Mte das Gefühl, einen gefährlichen Schritt getan zu haben. Was wollte er nut der Pistole? Ta war es ihm, als -wem« einer ihm zuflüsterte: Sie luirb dir noch einmal einen» guten Dienst leisten! Ilnd nun sah er schon, wie er den blitzenden Lauf an die Stirn setzte und losdrückte--- Allerbarmer!

Er wußte, dieser fürchterliche Gedanke wÄrde ihn nun wvcheip- lang verfolgen.

fo.eiiig durch 'die Straßen, daß die Leute i,hm kopsschüttelnd nachschauten. Da war er am Hafen. Wenn er sich der Pistole entledigte, sie ins Wasser warf? Er hob den wacht« eine schleudernde Bewegung, aber die Finger schlossen sich krampfhaft nm den Griff.

Erst als er die geschlossene Hand in die Tasche steckte, da Dosten dre F-mger sich

Gänzlich geknickt ging! er in die! erste Gastwirtschaft, die gst ,eurem Weg lag. &ie war noch einfacher als dasHotel zur Sonne", aber das war ihm jetzt gleichgültig.

Beim Auskleideu. legte er die Pistole in eine Ecke, möglichst Weit von seinem Bette entfernt. Aber nun fand er keine Ruhe: ds war Dm, als wenn ein magnetischer Strom- ihn mit dem schrecklichen Trug verband. Er mußte aufstehen und die Pistol« steben sich auf den Tisch legen. Sinn erst 'tonnte er die Augen schließen und ein tuenig schlafen.

Nn< andern Morgen, als er mit der Tasche in der Hand das ZrMmer verlassen wollte, raffte er seine ganze Willenskraft Mammen und warf die Pistole in den Ofen. Der Schweiß nand ihm auf der Stirn und seins Glieder flöge« vor Anf- regnng. Es- war -ihm, als toäm er eine furchtbare Tat vvlh- -bracht hätte. Dämt rannte er die Treppe hinunter.

Als er aber ans der Tür der Wirtschaft auf die Straß«! treten- wollte, da konnte er nicht weiter. Er machte ein furchtbar Verstörtes Gesicht. Ter Wirt, der ihn zur Tür begleitete, fragte Msnehmeich:Sft,d Sie nicht wvyl, Herr Geheimrat?"

Er schüttelte ben Kopf.Ich habe et'wds aus meinem Zimmer vergessen!" Und mit schnellen Sätzen eilte er ivicber die Treppe hinauf.

Rach einig« Minuten war er wieder da. Der Wirt machte ihn.' ans einen großen Rußflcck an seiner rechten! Hand aufmerksam:

Sie haben sich 'die Hände beschmutzt, Herr Geheimrat." Er aber hörte nicht; ohne den höflichen Gruß des Wirtes zu «rp widern, ging er rasch davon.

In seiner Verstörtheit irrte er durch eine Anzahl Straßenj umher, ehe er den Weg zum Hasen, fand.

Tas Dampfschiff pfiff fchon zum drittenmal, als er atemlos herangelaufen kam. Eine Minute später, und er hätte das MaG> sehen gehabt.

Es dauerte lang'«, bis er sich ein wenig beruhigt hatte. Und wÄhreud das Schiff feine Bahn durch die- aufschäumenden! Wellen schnitt, schaute er ins Wasser und hing schweren Ge­danken nach-.

Niemals würde er die Pistole wieder los werden, das fühlte er. Und Nun sah er auch schon das Ende: eines schönen Tages würde sie ihm- den letzten Dienst erweisen. Noch schauderte ihm! bei diesem- Gedanken. Aber was half es? Er mußte sich mit dem Unabänderlichen vertraut machen.

Als er ans Land stieg, dachte er schon daran, .Bestimmung» über sein«« Nachlaß zu treffen. Wenn er kein Testament hinter­ließ, würde fein ganzes Vermögen an seinen Bruder Hans fallen'. Das durfte liicht fern1, denn er hatte seit Jahren wegen einer leidigen Erbscha stsangeleg en heit jede B eziehung mit ihn« ab­gebrochen. Es handelte sich damals nm die Kosten seines Stu­diums, die er sich nicht, >vie sein Bruder verlangte, ans dis Erbschaft anrechnen lassen wollte. Sie- hatten sich zwar schließlich verglichen, ein brüderliches Verhältnis war aber nicht wieder zustande gekommen. Sonstige Verwandte hatte er nicht. Was blieb ihm anderes übrig, als Legate- zu stiften? Vielleicht füL die Schule oder die Armen seinerHeimat, oder zum- Besten alters­schwacher Hottentotten. Es war ja ganz gleichgültig, wohin bat? Geld siel.

Die Seeluft brachte ihm auch keine Erholung, im Gegenteil, sein Leiden verschlimmerte sich immer Mehr. An jedem Morgen nahm er die Pistole, zur Hand, die stets neben ihm auf einchst Tischchen am Kopfende seines Bettes lag. Er spielte dann mit ihr wie ein Kind Mit seiner Puppe. Streichelnd glitten seine! Finger über den glatten Laps: Tu entsetzliches, liebes, liebes Ting! Ja, fast verliebt war er .jetzt ini sie, bei allem Grauen!, das ihre dämonische Einwirkung ihm verursachte.

Eines Nachts träumte ihm, daß er vor seinem elterlichen! Hanse stand. Gar zu gern tuäre er hineingegangen, aber er durfte ja nicht, da drinn.cn lauerte di« Feindschaft auf ihn. Er erwachte ans diesem- Traum, und-, merkwürdig, obgleich er schon die Augen ausgeschtagen hatte, stand das Haus noch einige Sekunden lang ganz deutlich vor ihm. Nun erfaßte ihn eins gewaltige Sehnsucht; seine Heimat mußte er wieder sehen, bevor er mit allem ein Ende machte. i

Er packte sein« Sache« und verließ mit dem nächsten Dampfer dis Insel. Noch am selben- Tage brachte di« Eisenbahn ihn in die Nähe seines Heimatdorfes.

Eine Fußwanderung von einer kleinen Stunde, und er hatte sein Ziel erreicht. So flach die Gegend Wär, erschien sie ihm! doch nicht ohne Reiz, denn allerlei Jugendcrinnerungen lUüpften sich an die alten Häuser an der Landstraße und die knorrigM Eichen auf den- mit Binsen und Heidekraut bewachsen«« Wällen, lind als bei einer Wendung des Weges der Kirchturm auß- stieg, da wurde ihm ganz wehmütig ums Herz.

Ta lag nun das Haus feiner Eltern hinter einer schÄM-ft grünen Wiese, etwas abseits vom Dorf. Häufig hatte er an schönen Sonntag-Nachmittagen ans dieser Wiese im Gras ge­legen und war tränimenbm Auges den langsam dahinsegelnden! Wolken am blauen Firmament gefolgt.

Er formte nicht widerstehen; mit einem langen Schritt setzt« er über den schmalen Graben, der sich zwischen der Wiese und dem Weg dahinzog. Das Gras war lang- und zur Nachmahd reif. Er warf sich nieder, mit dem Gesicht auf die Erde. Die hohen! Grashalme schlagen über ihm zusammen und verbargen ihn vor den Blicken der Vorübergehenden.

Lange lag er so und atunte den Tust des- HeiMatbvdens, Allmählich kam eine wunderbare Ruhe über ihn, und dann ver­fiel er in eilten Zustand, der nicht Schlaf und nicht Wachen- war. Zu blitzschnell wechselnden Bilbern zog seine Jugend- wie in einem! Panorama an ihm vorbei. Sein Vater in seinem ruhigen! würdigen Wesen, die bewegliche, immer freundliche und tätige Mutter, die schlanke, feingebaute Schwester, die nun alle schon längst Unter der Erde ruhten, den kräftigen Hans und dazu oll die guten Nachbarn und Bekannten sah er wieder in voller! Lebendigkeit. Dabei verließ ihn nicht einen Augenblick das Be­wußtsein, daß er im Gras aus der Wiese lag und daß alles dies Nichts als Visionen eines überreizten Gehirns sei.

Ms er die Augen aufschlug, dämmerte es schon. Schwarze. Nedennäuse schossen im Zickzack durch di« Lust, und von bw Dvrfstraße klang xi« Ringelreihenlied:

Ringel ringel Rosen, Milchen, Aprikosen!