Ausgabe 
3.1.1910
 
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Schwester und ich in unserer Kinderzeit im Winter gar oft frisches Grün geholt zum Geburtstag und auch für unsere Pyramide zu Weihnachten. Damals war der Taxus schon genau so uralt; aber er hatte doch viel mehr Grün. Es war auch noch mehr von ihm da, man sah damals noch, daß er zu einer Taxushecke gehört hatte." Dabei brach sie mit leicht in dem Gelenk sitzender Hand einige Kornelius- rirschenzweige, um ihrem alten, treuen Freunde Luft zu Machen.

Ich hatte sie schon einmal so gesehen, wie sie die wild- gewachsenen Rosenranken auf einem ihr sehr teueren Grabe beiseite schob, weil sie den Efeu zu ersticken drohten. Mich hatte damals ein großes Weh überlaufen, wenn ich daran dachte, daß sie dem Schläfer dort unten das Haar gar oft zärtlich aus der Stirn gestrichen haben mochte, wie jetzt hie Rosenrankeu von seinem Grabe. Und ihre Äugen hatten freundlich ernst dabei geblickt, genau lvie jetzt.

Sie ging auf Gräbern, wo sie auch ging, die liebe, alte Frau, und sie ging mit einer hohen seelischen Anmut, die ich nie wieder gesehen habe, bei meiner Mutter in schweren Tagen, da sah ich, wie dieselbe rührende, heilige Unmut wie ein Schleier ihren großen Schmerz verhüllte. Und ich dachte: So hinterläßt eine Generation der anderen das Ornat der wehmütig schmerzlichen Menschenwürde. Un­serer Großmutter Menschenwürde war ein leichtes, weiches Schleierchen.

Aber ich gehe andere Wege, als ich zu gehen beab­sichtige. Ich wollte sagen, wie ich zur Kenntnis einer seltsam schönen Geschichte kam, die ich gar lange Jahre mit mir llmhertrug, ehe ich sie niederschrieb.

Wir standen also vor dem alten Korneliuskirschenzaun, der den verknorrten Taxus zu ersticken drohte.

Weißt du," sagte meine Großmutter,hier, an dieser Stelle ist meiner Mutter Küchenschrank gewachsen."

Hier war das?" fragte ich betroffen, denn ich wußte nun schon so manches.

Ja, hier, hinter dem Zaun, standen zwei große Linden vor einem Häuschen, und darin wohnten sie. Das Häuschen hat der Metzgermeister Bauch äbtragen lassen, weil es jeden­falls baufällig war, und am Ende des Gartens wurde zu meiner Zeit das neue dort gebaut, mit dem Blick auf die Stadt."

Was du nur weißt, das fng' mir doch!" bat ich,und daß niemand mehr diese Geschichten kennt?"

Die sie kannten, sind vergessen," sagte meine Groß- Mutter wehmütig.Die alte Bäckermeisterin die muh uoch Merlei von ihrer Mutter toissen, denn deren Mutter war ja eine von den Schwestern."

*

Unsere Köchin Regiue sagte einmal, daß es in Goethes Garten zu Goethes Lebzeiten gespukt hat. Sie bleibt dabei. Was ich weiß, das weiß ich So ist ihre Redensart. Und es hat nicht etwa in der.Nacht gespukt, sondern .am hellichten Tag, mittags zwölf Uhr, und nur int Sommer in heißer Sonnenglut."

Das gibt es ja gar nicht, Regiue."

So?" sagte sie,das gibt's nicht? Und wem, ich Ihnen sage, die Alma Goethe hat's selbst gesehen, als ich dabei war, und ist vor Schrecken ein paar Tage im Bett gelegen und der alte Herr ist so oft zu ihr hinein. Ich hab' damals immer bei ihr sitzen müssen und weiß, 'was sie geredet haben die Alma war damals ein Kind Gott, so'n drei bis vier Fahr. Ich mocht' so'n zehn, zwölfe gewesen sein, etwa; das weiß ich nicht mehr so ganz genau. Die Alma, was die Enkelin vom alten Herrn war, und ich, wir saßen int Garten, und ich lehrte sie stricken. 'Die Alma war eilt ganz außerordentliches Kind, und schön, sag' ich Ihnen. Wenn ich an bie. Hundert werde, die Alma vergess' ich nicht. Aus ihren Augen brach's wie Sonne heraus, so braune, große, dunkle Augen in einem Gesicht lvie eine zarte Rose, und die Haare goldblond, eine ganze Mähne, nicht zum durchkämmen. Mau konnte gar nicht von ihr fortsehen. Sie sprang und hüpfte. Nie sah man sie ruhig gehen. Die war so voller Leben, das ist gar nicht zu beschreiben. Und solche müssen so früh sterben! Der Tod von der Alma ist mir seiner Zeit arg gewesen. Du mein Gott, du mein Gott! Ach, und wer alles fo weiß. Na, wie wir so damals saßen es war in Mitte Sommer, die Rosen blühten am Hause hin, überall blühten auch die Centifolien und der Eisenhut und der Mohn und die Aglei, Ja, was der goethische Garten

damals gewesen ist, ist nicht zu sagen, Ter Paradies­garten kann nicht schöner sein. Es war im letzten Fahr des alten Herrn. Geblüht hat's damals, ich sag' Ihnen nie seitdem hat's wieder so geblüht. Es war, als wüßien's alle Sträucher im Garten, daß der alte Herr bald fort müßte, und wollten Abschied nehmen. Wir saßen int Schatten; aber heiß war's, kein Wölkchen am Himmel, die Schwalben schrieen, und ein Duft stieg auf von all den Rosen und Blumenzeug. Es mochte so gerade Mittag sein, und still war's ringsumher, als wenn alles eingefchlafen wär'.

Mit einem Mal da sehe ich, daß die Alma ganz blaß ist, und sieht so eigen vor sich hin.

Alina!" ruf ichAlma, was ist denn?" Die ant­wortet nicht und regt sich nicht. Ich fass' vor Schreck ihre Hand; aber sie rührt sich nicht.

Ich fürcht' mich," sagt sie jetzt ganz leise, kaum hör-, bar wie im Traum. --Es ist jemand im Garten, hier­bei uns." Aber sie rührt sich immer uoch nicht.

Da seh' ich den alten Herrn aus dem Hause treten, die Arme auf dem Rücken, im weißen Hausrock. Und wie er so einige zwanzig Schritt von uns uoch entfernt ist da erhebt sich die Alma, geht mit starren Augen, schnee­weiß, ihm entgegen, bleibt stehen, faltet die Hände., Und ich höre, wie sie sagt aber es klingt wie ein schwerer, tiefer SeufzerO! o! o!" Der alte Herr ist auch stehengeblieben. Er saht sich an die Brust und fährt so sacht an seinem Arm hin. Er sieht auch ganz eigen­tümlich aus---Und so stehen sie.

Nie im Leben ist mir so bange gewesen, denn da war etwas, und da sehe ich, daß die Alma ganz matt hinsinkt, ganz auf bie Seite, so sanft sah 'das aus. Ich kaun mich vor Schreck nicht rühren und denke, sie ist tot; aber der Herr ist schon bei ihr und hebt sie ans und hat das Kind in den Armen. Auch er ist, ganz bleich.

Ohne ein Wort zu reden, trägt er sie durch den Garten, und durch die Zimmer, und durchs ganze Haus, und legt sie in ihrem Stübchen auf ihr Bett. Sie hat die Augen weit auf. Sie war aber bei sich. Gr hielt ihre beiden Händchen in den seinen, und so bleibt er neben ihr sitzen; und keins regt sich. Ich stehe an der Türe, die ich hinter mir zugemacht habe, und wage kaum zu atmen.

Ist dir bange, Alma?" Sie schüttelt den Kopf.

Nach einer Weile sagte sie leise:Sie war so schön." Wer, mein Kind?"

Die bei dir war, bie aus dem Schatten zu dir hin­wehte," so sagte die Alma.Kennst du sie?"

Kind was sprichst du?"

Du weißt ja," sagte Alma ruhig. Dann fielen ihr die Augen zu, und sie schlief.

Er saß uoch lauge nachdenklich neben ihrem Bettchen und hielt die kleinen Hände dann erhob er sich und sali- sehr ernst aus. Er erblickte mich und sagte:Verlasse sie keinen Augenblick!"

Nach einer Stunde schon kam er wieder, nahm wieder an ihrem Bettchen Platz, da erwachte sie gerade und sagte: Haare, wie ein gold'nes Schleierchen und dunkle dunkle Augen."

Du teures And!" das sagte er sehr bewegt und ganz erschüttert.Ja, dunkle dunkle Augen--das war

die Sommerseele.".

Und gegruselt hat michs wie nm Mitternacht auf deut' Friedhof.

Unsere Dienstboten hatten immer vom Sommermitiags- spuk im Garten gesprochen. Die kleine Alma aber hatte ihn gesehen. Sie war einige Tage sehr matt und still, und der alte Herr behielt sie viel um sich. Gesprochen hat sie nie von deut, was sie gesehen., Und bann hat sie es wohl wieder vergessen.

Und nun sagen Sie nicht, das hat sich die kleine Alma! eingebildet. So'n kleenes Kind. Wenn Sie die beiden ge­sehen hätten; die Alma und den alten Herrn. Nie sah rch etwas Feierlicheres, als den alten Herrn im weißen, langen Schlafrock, wie er das arme, schöne Kind durch den Garten und durchs Haus trug und dann an ihrem! Bettchen sah, so tief in Gedanken, daß eins ehrfürchtig davon? hätte niederknien können."

Gyrtsetzung folgt.)