MV
Msntag den 5. Zanuar
KSK
S b W
Ig
E
RMS KWMHK ®1»W
Sommerseele.
Bon Helene Böhlau.
(Nachdruck Verboten.)
Meine Großmutter hatte einen alten Küchenschrank. — „Unter der Linde, aus Melcher der alte Schrank gezimmert tvurde, hat eine goethische Liebste gesessen." Das sagte die Großmutter, als mir Enkel oben in ihrer Küche zu- schanicn, wie die Ananaserdbeeren aus einem kupfernen Tops, in dem sie in lauter Zucker und Gürt ihre duftenden Seelen aushauchten, in Gläser gefüllt werden sollten. Die kleine Küche duft-ste herzbeioegend. Der würzige Geruch drang durchs offene Fenster hinaus in sonnedurchschienene Juniluft. Die Schwalben zogen in kristallener Bläue ihre zarten, schrillen Wonne- und Jagdrufe nach sich. Der Küchenschrank bekam ein Gesicht; ich sah ihn gewissermaßen zum erstenmal. Da stand er — aus weichem, mie sammet- weich gescheuertem .Holz, trug etliche Kupfergefäße, eine messingene Teemaschine — altes Hausgerät, das nur noch blank gerieben, aber kaum mehr gebraucht wurde.
Aus seinem Innern drang Brotgeruch; aber ein eigentümlicher Brotgeruch, ein Geruch nach Brotgenerationen, die bis hinab in die Jugendzeit meiner Urgroßmutter reichten.
Unvergeßlich ist mir dieser Geruch". Er verband uns mit einer fernen, fernen Zeit, mit nie gesehenen, uahver- wandten, vergessenen Menschen.
.„Unter der Linde, aus der dieser Schrank gemacht wurde, hat eine goethische Liebste gesessen." Der Schrank trieb Blätter und Blüten unb ward zu einem Baum voller Geheimnisse. Damals Maren die Ananaserdbeeren gerade in Gefahr gekommen, anzubrenuen. Es entstand ein Durcheinander, kleine, eifrige Schreie der Großmutter: „Ei — et '— ei — ei — ei der Tausend!" Die alte Köchin brummte, die Ananaserdbeeren dufteten auf höchster Höhe des Duftes. Um den Topf wob sich eine Wolke weißen Dampfes, der Großmutter lief die Brille an. Sie schob sie auf die Stirn. — Sie rührten und schauten.
Die Beeren waren. Gottlob, gerettet. Wir aber wurden hinausgeworfeu. Regine, die Köchin, verstand keinen Spaß, Henn sie Ivar eine alte, sonderbare Person mit sonderbaren Schicksalen, die ihre erste Jugend im goethischen Hause verlebt hatte. Mit zwölf Fahren war sie Spielgefährtin und Wärterin von Goethes Enkelin Alma, worauf sie sich gar viel zu gute tat, und von uns Kindern wurde sie deshalb wie ein heiliges Wunder angestaunt und verehrt.
«-
.„Großmutter," sagte ich am Abend, als ich nut der lieben Frau in ihrem blumengeschmückten Zimmer saß, „was für eine Geschichte mag das sein, von der goethischen Sielte unter dem Lindendanm, aus bent dein Küchenschrank gemacht wurde?"
.„So," sagte meine Wroßmutter, „willst du das wissen?
— Ja, das war etwas . - 's ist nie so recht ans TagesliM geiommen. — Bei uns daheim, in meiner Fugend war auch gar mancherlei davon bekannt. Die Sache ist mit den Leuten» die davon wußten, begraben worden.
„Mein alter Küchenschrank, der von der Urgroßmutter stammt, ist freilich aus dem Holze gemacht von jenem! Lindeubaum, unter dem der alten Bäckermeisterin Bauchen, von der wir die Semmeln bekommen, ihre Großtante mit den Schwestern gesessen hat."
„Ja, das sagtest du schon einmal," unterbrach ich sie, „Das hab' ich ost gesagt," wiederholte meine Großmutter, „und oft hat es mir meine Mutter gesagt. Zu deren Aussteller kaufte dein Urgroßvater bei der Bauchscheu Familie, die damals Metzgersleute waren, das Holz zu diesem! Schranke, altes, ausgetrocknetes Lindenholz —" und die Großmutter erzählte mancherlei, was sie wußte.
Wir gingen au einem schönen Sommertage, gegen Abend, die liebe Frau unb ich, auf der leichten Anhöhe, von der aus man in das grüne Ilmtal blickt, oben am Horn, spazieren.
Es war zur Zeit, als die Mohnblumen wie Blutstropfen in den Feldern standen; das Laub der Bäume wav von einer ganz erstaunlichen Dichte und Mächtigkeit, denn noch hatte man rurbewußt die kahleir Bäume int Sinn, Unb die neue Gestalt hatte noch etwas Befreindliches an sich. Sie rauschten so weich und voll, tote sie im Juli, wenn die Blätter härter sind, rticht mehr rauschen. Mau spürte int Rauschen dieser Blätter weiche Zartheit, und es" löste sich noch ein junger, würziger Duft von ihnen.
Meine Großmutter und ich, wir trugen beide große Mohnblumensträuße. Um diese Zeit zogen wir gar zu gern miteinander aus. tlud ich sah sie noch, tote eifrig sie in die Kornfelder einbrach mit einer jugendlichen Freude ernt Blumenraub. Ich war die Aengstlichere. „Das geht nicht, Gomelchen, das geht nicht, so tief darfst tnt nicht hinein!"
„Geh, laß mich, du siehst doch, wie geschickt ich's mach'."
Ich: „Wenn dich wer sieht."
Sie: „I gar — laß nur!"
Und tote sie ging, so leicht unb ungebeugt von Zeit und Erfahrungen, ein lieber Trost für bie, die auch einmal alt werden müssen. Alter, wo ist dein Stachel, Kummer, wo ist dein Sieg? ! — Leid unb Kummer waren ihr hoch über die Seele gegangen; aber wie ein buntschillerndes Entlein war ihre Seele immer wieder glatt und schimmernd aus der trüben Flut anfgetaucht und war im Sonnenlichte weitergeschwommen.
„Sich' einmal da," sagte sie und wies ans ein knorriges Daxusgebüsch, das, in einem Zaun aus Korneliuskirschen eingeklemmt, ersticken wollte. Seine unterdrückten, aus der Erde schwer herausgerungenen Aeste waren mit wenigem saftigem Grün bedeckt.
.„Siehst du, von demselben Busche hiev haben meins


