Christine Hebbel.
Ein Lebensbild.
Non Dr. Richard Böhme.
In früheren Zeiten hatte Christine Hebbel, wenn der. Sommer ins Land kant, die große Stadt verlassen nnd war hinansgezogen in das kleine Haus in Gilt rind'en am Traunsee, das Friedrich int Jahre 1855 erworben hatte. Greisenalter und Siechtum hat sie in den letzten Jahren an die Stadt, zuletzt an das Haus gefesselt, und so ist sic denn, im 94. Jahre, in Wren selbst heimgegangen, das' 70 Jahre hindurch ihre Heimat gewesen war. Bon 1840—1875 hat sie dem Hofbnrgtheater angehört; seitdem vor fast 5 Jahren Luise Schönfeld-Neumann im 87. Lebensjahre gestorben war, war Christine die letzte aus der alten Garde der berühmten Bühne. Daß sie schon mit 23 Jahren an diese bevorzugte Stätte gekommen war, verdankte sie wohl auch den BeNtühungen Amalie Haizingcrs, die sie bei einem Gastspiele in Bremen, dem ersten Orte ihrer Wirksamkeit, gesehen und lieb- gewonnen hatte.
Schon mit 7 Jahren kam Christine, nm ihre bitterarme, verwitwete Mutter zu unterstützen, ins Kinderbett des Braun-- schweiger Hostheaters; der Monatlohn war IVa Taler; für kleine Rollen im Schauspiel erhielt sie noch 3 Taler besonders. Bis zu ihrer Einsegnung blieb sie dort; dann führte ihre Weigerung, als Knabe im Ballett zu tanzen, zu ihrer Entlassung und brachte sie auf die richtige Bahn. 9luf_ ihre Bitte prüfte sie der Dramaturg Dr. Köchh, fauch daß sie Talent, ein gutes Organ und äußere Mittel habe, studierte ihr die Jungfrau von Orleans, die Luise Müller und Körners „Toni" ein und verschaffte ihr das Gastspiel in Bremen, das zur Anstellung führte. Amalie Haizinger empfahl sie dann dem Direktor Schmidt in Hamburg; als sie vor diesem den ersten Monolog der „Jungfrau" gesprochen hatte, kleidete er sein Urteil in die Worte: „Nun, wenn man solche Posaune in der Kehle hat, da kanns nicht fehlen!" Christine wurde ^ald der Liebling des Publikums, und Ungern ließ der alte Schmidt sie ziehen, als sie 1840 den Rist nach Wien erhielt. Von den Kämpfen, die sic hier auszusechten hatte, um die ihrer Begabung entsprechenden Rollen zugewiesen zü erhalten, ist hier nicht der Ort zu reden. In Christine Hebbel, sagt Emil Kuh, Hebbels Biograph, brannte die Flamme des Dämonischen am hellsten, und das Zusammenleben der Künstlerin mit dem Dichter der Judith mußte gerade das Geheimnisschwere und Schicksalsvolle, worauf das Wesen des Dämonischen beruht, in ihr steigern und zur elektrischen Entladung bringe,!. Ihr breiter Strich und ihre einfache Mallveisc, charakterisiert er ihr Spiel, brachten die ;e- weilige Grundfarbe voll zur Anschauung, und ihr Pathos, zwischen Wehrlosigkeit und Notwehr wundersam geteilt, hatte die Monotonie >vie Ebbe und Flut. Während aber die Heftigkeit ihrer leidenschaftlichen Ausbrüche nicht selten etwas Unartikuliertes an- nahm, kleidete sich ihr Erleiden immer in den schönsten tragischen Ausdrucks Kuh lvcist noch darauf Hin, daß die begleitenden Motive bei ihr nicht immer genügend hervorgetreten seien, daß aber, wo zu ihrer seelcnvollen Macht im' Anschlag des Eharakterthcmas der Reichtum der Variation sich' gesellte und wo sich die ihr eigene Stimmungs- und Koloritstärke in den Wechsel der Lichter und Schatten auflöste, ihr Gebilde jedesmal ein Schmaus der Sinne und eine Erquickung des'-Gemütes.waren. Er spricht von Christine Hebbels in purpurne Sinnlichkeit gc- • tönchter, von rätselhafter Schwermut umfangener, gewitterschwüler Judith, er sagt von ihrer Klare in Maria Magdalene, daß im Gebiete des Scelenhaften und mit dessen Ausdrucksmitteln allein diese Nachschaffende Leistung nicht ihresgleichen in der Geschichte der Schauspielkunst aufzuweisen habe. Wir erwähnen von ihren Rollen noch die Kriemhild in Ranpachs „Nibelungenhort", von der Hebbel selbst den mächtigsten Eindruck erfahren hat, die Kriemhild, und die Brunhild in Hebbels Nchelnngen, die Iphigenie, die Deborah, die Maria Stuart. Der Künstlerin hat Hebbel die Verse gewidmet:
„Ich will den Funken aus den Höh'n, Der sanft der Seele sich- verbündet, Und langsam wachsend, immer schön' Zuletzt zur Flamme sich entzündet: Zur Flamme, die den Leib durchstrahlt Ihn nicht verzehrt in blindem Toben Und uns in reinstem Purpur. malt, Wie sich Natur nnd Geist verwoben. Als wär' zum erstenmal ein Stern Sn menschlicher Gestalt erschienen, erschmolzen bis zum tiefsten Kern
Mit Menschcnblick und Menschenmienen — Mit dieser Flamme kröntest du
Stets' deine schöpfrischen Gebilde,
/ Drum sprech ich dir den Lorbeer zu."
Aber Christine steht ihm als Weib noch höher denn 'als Künstlerin: „Ich brauche sic bloß abzuschreiben, um sicher zu sein, das Vortreffliche zu erreichen."
Als Hebbel von seiner italienischen Reise nach Wien gekommen war, wie er glaubte, zu kurzem Aufenthalte und ganz
ungewiß über seine Zukunft, da hatte Otto Prechtlcr ihm erzählt, daß die Schauspielerin Christine Enghaus die „Judith" zn spielen wünsche, und hatte ihn ihr zugeführt. Als sie das Drama gelesen hatte, da hatte sie Grauen und Bewunderung gepackt — Granen vor dem Dichter, der dies geschrieben, Bewunderung vor der Dichtung selbst, vor allem vor der Gestalt der Judith. Als sic nun aber den Dichter sah, da flößte diese hagere Gestalt und seine blasse Leidensmiene ihr Heine ersten Anblick das tiefste Mitleid ein. Als er dann über die dramatische Kunst sprach, da sah sie nicht mehr die hagere Gestalt, wie sie selbst erzählt hat, sondern nur sein blaues Auge, aus dem Funken sprühten. Roch ein zweites Mal kam er, um Abschied zu nehmen, und tiesa Trauer erfüllte Christinen. Aber tzeöbel verläßt Wien nicht, er kommt zum dritten Male, mit dem Geständnis: „Sie haltest mich hier fest." Und diesem Geständnis läßt er eine Beichte über sein früheres schweres Leben, auch über das unselige Band, das ihn an seine Freundin Elise Lensing fesselt, folgen. Auch sie legt die Geheimnisse ihres Lebens vor ihm dar. Am 26. Mai schlossen sie den Bund, in dem sie die Verwirrungen seiner Lebenslage gelöst hat, tote er die der ihrigen. Hatte Hebbel sich einst gegen die Ehe ausgesprochen, so weiß er jetzt gewiß, daß „ein Leben in frommer Ehe ein ganz anderes, ein verdoppeltes und ver-^ dreifachtes ist", so freut er sich jetzt unendlich „ins Nest zurückzukriechen", so ist „das Ivahre Leben" allein bei Christine. Siebzehn Jahre war es ihm und Christine vergönnt, dieses Glück zu genießen, in dieser harmonischen Ehe zu leben, in der es ihrer „unwiderstehlichen Güte" gelang, alle äußeren wie inneren Kämpfe zu überwinden. Ihr Glück wurde durch ein Töchterchen erhöht. Das Glückgefühl zwingt dem Dichter die Worte ab: „Götter, öffnet die Hände nicht mehr, ich würde erschrecken, denn ihr gebt mir genug: hebt sie nun schirmend empor."
Aber schon mit 50 Jahren wurde Friedrich Hebbel am' 13. Dezember 1863 hiuweggenonrmen. Nach wenigen Jährest schien sein Werk fast der Vergessenheit anheimfallen zu wollen, Christine sah ihre Aufgabe darin, sein Andenken zu pflegen; aber lange mußte sie auf Erfolg warten. Erst in den 90 er Jährest haben Bambergs und Werners Bemühungen den Dichter wieder weiteren Kreisen zugänglich gemacht, haben die Bühnen sich ihrer Pflicht gegen den großen Dramatiker erinnert. Als das Berliner Schauspielhaus im Mai 1895 die „Nibelungen" aufführte, da: ließ es sich Christine trotz ihrer 78 Jahre nicht nehmen, Zeugin der getoalttgen Wirkung zu fein, die die Dichtung auf den Zuschauer ansübte. Und ich habe selbst gesehen, toie glücklich die! neue Anerkennung des Vielgeliebten sie gemacht, und voll jugendlicher Hofsmmgsfreudigkeit hat sie mir erklärt, cs sei ihr nicht zweifelhaft, daß Hebbel sich bei seinem Volke durchsetzen werde. Tic letzten anderthalb Jahrzehnte scheinen ihr Recht geben jn wollen. Und so hat noch ein spätes Glück ihren Lebeusabychi vergoldet, _____________
Prinz Friedrich Kail und Vazaine.
In den Aufzeichnungen des Prinzen Friedrich Karl von Preußen über die Belagerung von Metz, die in dar! Stuttgarter Detttschen Revue erscheinen und im Juliheft zu Ende geführt werden, bildet ben Höhepunkt die Schilderung der Zusammenkunft des Prinzen mit dem besiegten Heer- sichrer nach der Kapitulation im Schloße zit Corny. Nachdem die Kapitulatiousverhandluugen, deren Verlauf in allen Einzelheiten dargestellt wird, zit einem für den deutschen Heerführer so ruhmvollen Ende geführt hatten, fand am' L9. Oktober nachmittags der Ausmarsch der kriegsgefangenen französischen Armee dtlrch sechs Tore der Festung gleichzeitig statt. Prinz Friedrich Karl wohnte dem Defilieren des Gardekorps bei, und in den Aufzeichnungen seines Tagebuches liest man über diesen wohl bedeutsamsten Augenblick in seinem Leben, nachdem er die einzelnen Regimenter aufgeführt hat: „Diese Truppen sahen unvergleichlich gut aus, und wer mit diesen nicht schlagen resp. sich nicht durchschlagen konnte, muß das selbst vertreten. Diese Truppe konnte alles leisten! Sehr hübsch und imponierend war die Art, leie mich die Zuaven begrüßten, jeder verschieden, alle sehr militärisch. Bazaine meinte nachher, sie würden sich sehr gefreut haben, mich zu sehen. Anstandsvolt war auch wie die Offiziere, die Fransecky die Rapporte übergaben, die Mützen abnahmen und hielten, wie. rührend, wie die alten Soldaten von einigen Offizieren Abschied nahmen." Um fünf Uhr trifft der Prinz dann mit Bazaine zusammen. „In Corny Marschall Bazaine begrüßt", sio berichtet er darüber. „Er sieht mehr polnisch als französisch aus, Ivar unbefangen und gar nicht bewegt. Er fing gleich damit an, daß er anerkannte, er habe es mit einem Ennerni loyal zu tun gehabt, wofür ich ihm dankte, und er freute sich, daß ich den Offizieren die Säbel gelassen. Ihn beruhigte immer der Gedanke, daß die Ehre der französischen Armee, die so vielfach angegriffen worden sei und es so nötig gehabt habe, gewahrt zu werden, gewahrt sei, und daun, daß, wenn man


