„HMum wolltest du heute eigentlich von dem — dem t— nun von dem ,andern Erbfeind' anfangen?" sagte sie ganz unvermittelt. „Ich weiß wohl, was du damit sagen wolltest, aber ich meine —" '
„Habe ich nicht gut gesprochen?" fragte er rasch,
„Doch — das wohl — aber —"
■ „Dir bist nicht zufrieden mit mir, Helene?" Es klang leicht verletzt. „Das Herz floß mir über. Wenn man, wie wir, auf so vorgeschobenem Posten steht — eigentlich,exponiert — ohne rechten — nun, wie soll ich sagen? — ja, lohne rechten Rückhalt, dann tlanrrnert man sich um so fester an sein Deutschtum an. Es wird einem A und O. Man steift sich darauf. Verstehst bit das?"
„O ja!" Ihr sehr regelmäßiges und dadurch Fremden Vst ansornckslos erscheinendes Gesicht wurde klug. „Ich verstehe es. Aber man dürfte nie vergessen, auch den Gefühlen andrer —"
„Verstimme mich nicht!" Er unterbrach sie mit einer gewissen Gereiztheit. „Es tut mir leid, daß dir nicht gefallen hat, was ich sagte, aber ich mußte so sprechen, ja, ich Ivar in heutiger Zeit geradezu verpflichtet dazu. Wären nicht die Kontraste in unsrer Provinz jetzt so zugespitzt, und spitzten sie sich nicht noch immer mehr zu, hätte ich gewiß was andres gesprochen. Dann hätte ich" — er sah sie mit einer ausleuchtenden Freundlichkeit an — „von dir geredet! Za, ihr Leute, wem ein tugeudsaM Weib bescheret ist, die ist viel edler denn köstliche Perlen!"
Er zog ihren Kdpf au seine Brust und strich ihr zart über das blonde Haar.
„Und dann hätte ich auch von i h r e n Frauen gesprochen, daß sie die in Ehren halten sollen, — „hebt nicht die Hand gegen sie, sie sind, die Mütter eurer Kinder!" Und den Weibern hätte, ich auch ins Gewissen geredet, daß sie nicht herumschlampen sollen, wie sie es so gerne tun!"
„O hättest du's gesagt!" Das brach laut aus ihr heraus. De» Kopf aufrichtend, warf sie beide Arme um des Gatten Hals. „Warum nicht das?! Dann, ja dann hätten sie dich verstanden! Mein guter Mann!"
Sie hatte es mit großer Innigkeit gerufen, fast wie in zärtlicher Besorgnis; er fühlte, wie festste ihn umschlang. .
Er küßte sie. Mund ruhte auf Mund in einer glücklichen Versunkenheit.
'Da schreckten sie aus: horch, was für ein Schrei?! Kein Gchreckensruf tvar es, vielmehr ein Aufjvhlen des Jubels. Vom Lysa Gora her kam's.
Mer Ivie sie auch lauschten und sich spähend zürn Fenster hinausneigten, der Schrei erklang nicht zum zweiten Wal. liebernr See lastete schweigend der dunkle Herbst- abend, der Berg drüben war nicht mehr zu erkennen.
Sie wandten sich ins Zimmer zurück.
Als der Diener jetzt die Lampe hereinbrachte und die Mcimfel erschien, die Herrschaften zum Abendbrot zu bitten, sagte Doleschal: „Friert dich, Helene, du bist so blaß?!"
„Ja." Sie schauerte leicht zusammen. „Und ich habe Mich erschrocken."
„O! Hier nimm dieses Tuch um!" Es hing eines über ihrem Stuhl am Nähtisch, er legte es ihr sorglich uni die Schultern. „Geh schon hinüber ins Eßzimmer — ja, tvir müssen im Kamin zum Abend heizen, es wird Herbst — ich will nur eben noch einmal nach! den Leuten sehen, ehe wir uns zu Tische setzen. Zwei" Minuten, entschuldige!"
„Die wird der gnädige Herr nicht mehr finden," sagte die Mamsell. „Nicht wahr, Karl?"
Der altgeschulte Diener verzog keine Miene. „Zu Befehl, gnädiger Herr, fort sind sie, ganz, heimlich. Nur ein paar kleine Kinder haben sie dagelassen und die Ciotkä. Die liegt unter ihrer Tonne."
„Was — fort?! Und ganz heimlich?! —"
Helene sah, wie ihr Mann die Farbe wechselte. Er wurde glühend rot und dann ganz fahl.
Mer er verlor kein Wort mehr darüber. Er sagte nur noch: „Sorgen Sie, daß die Ciotka ins Stroh kommt, in den Stall oder sonst unter Dach, 's ist nicht mehr die Jsthres- zeit, um draußen zu liegen!"
„Ist schon besorgt, gnädiger Herr!" Die alte Mamsell lachte. „Sternhagelvoll, mit Erlaubnis zu sagen. M, so was kann Vorkommen!"
Helene wachte in der Nacht einmal auf — was, was wär? Seufzte hier jemand? Wer — wo?!
Was war's, das sie geweckt hatte?! Verschlafen, mit noch geschlossenen Lidern, tastete sie nach ihren; Manne — nein, her lag ganz still, der schlief ja! Beruhigt horchte sie ein paar Minuten auf seine Atemzüge. Sonst alles still! Dann schlief sie weiter.
Aber sie träumte--!■—. •---
Aus der Ferne, vom Lysa Gora her, kauten Stimmen: Gesang, den Park entlang, am Garten vorbei — ah hin zu den Leutehäusern! Es war Sommer, ein schöner Tag — froh zogen die Schnitter heim, die Sense über der Schulter —- — i— —
Wer jetzt — -——- r—
In jähem Schreck fuhr sie empor: o, cs graute ja schon der Morgen! Die schweren Lider aufreißend, war sic plötzlich ganz wach.
Bon jenseit der Parkmauer kam trunkenes Gröhleni Und dann, wüst geschrieen, und doch pathetisch, ein Lied —> jenes Lied —:
„Mit dem Rauch von Feuersbrünsten, Mit des Bruderblutes Dünsten Steigt, o Herr, zu deinem Thron Unsrer Rächerstimme Ton!"
6.
Die Fahne auf dein Buckel des Lysa Gvrä hätte Doleschal umgestürzt gefunden am Morgen nach seinem Erntefest, die Stange zerbrochen und zertreten, in Atome zersplittert, die deutschen Farben zerfetzt. An den unteren Aesten der Kiefer waren noch ein paar Läppchen hängen gebliebenj er nahm sie da herab; alles übrige hatte der Wind verweht, ersäuft im See. .
Zu niemandem hatte er darüber gesprochen — Gott sei Dank, daß Helene nicht fragte! Er hatte auch nicht nach den Schuldigen geforscht. Wozu? Sollte er sie schlagen? Zur Anzeige bringen? Das hätte doch an der Tatsache nichts geändert Eine schmerzvolle Schnur hielt ihn ab: nur nicht darüber reden müssen! Der Mund war ihm wie verschlossen.
Jenen Schrei, den einzigen, aber lauten Schrei des aufjohleuden Triumphs am dunklen Abend vom Lysa, Gorst hörte er immer noch; der hatte ihn nervös gemacht. —>
Nun waren auch die letzten Mandeln längst eingebracht. Schwarz hing das Kartoffelkraut, und sein starker Geruch zog ivie Verwesungsdunst über die Felder.
Der Przyborowoer war schon dabei, seine Rüben heraus- zunehmen. In Chwaliborczyce waren sie noch nicht so weit; in Riemczyce erst recht nicht, da stand die Rübeir- ernte noch am längsten aus, denn der Boden war nässer, kälter wie bei den attbern.
kleb er all knallten Schüsse. Tie Hasen, die sonst so frech im Acker gesessen und Männchen gemacht hatten, sah mau jetzt nur in langgestrecktem Lauf auf der Flucht; die Rebhühner hatten längst den Reiz der Neuheit verloren, bloß die Bauern warfen sie noch mit Steinen tot.
Der herrschaftliche Förster Frelikowski lief Hern»; und wärb bereits Treiber, da sich ihrer von selber nicht genug meldeten, zu der ersten großen Hstsentreibjagd auf Chwalh- borczycer Flur. Nüchterne Leute sollte« es fern — Trunkenbolde sind nicht verläßlich — aber da er selber gern eins trank, nahm er es mit dieser Bedingung nicht so genau.
Beim ersteu Novemberschnee ivürde die Jagd stattfinden, bis dahin waren ja die Aecker sänrtlich blank, leer wie eine: gekehrte Tenne. Die Einladungen waren schon ergangen: den Landrat hatte man zuerst bedacht und diejenigen Herren von der Kommission, die Jäger waren; und Doleschal.
Auch die Przyborowoer hatten angenommen; der Ritt- meister war nach dem Manöver zu Hause eingetroffen, um sich bei vier Wiochen Hasenjagd von den Strapazen zu erholen.
Paul Kestner schlenderte viel umher. Die Flinte über der Schulter, die Hände in den Hosentaschen, stieg er Mer die Felder. Nie ging er an einer« Acker vorbei, ohne daß die Weiber, die beim Rübenausziehen so gebückt standen, daß sie mit der Nase den Erdboden berührten und Marr nichts von ihnen sah, als das in die Luft gereckte Hinterteil und die Waden bis zur Kmekchle, leise kicherten. „Pan Pawel", der war ein lustiger Herr!
iFortsetzuug folgt.)


