334
Ich Ins den leidenschaftlichen Jaiumererguß kopfschüttelnd, legte ihn hin und sah aus dem Fenster in den Cpttnenschein, aber ohne zu sehen.
Also Lotte wieder in D . . . ft erbt. Da, wv er ist. Wunderlich, daß sie nichts von ihm schreibt. Sie weiß doch —
Unsinn. Gerade weil sie davon weiß, kann sie nichts von ihm schreiben. Das ist Sache des Taktgefühls.
Will ich denn überhaupt von ihm hören? Nein, nein, nein! Alles in mir wehrt sich ans einmal dagegen. Ich weiß nicht, ob ich ihn noch liebe. Ich Weiß nicht, ob ich noch an ihn denke! Ich habe Angst vor der Erinnerung! Ruhe will ich, nichts als Ruhe!
Aber die Unruhe ist einmal da, ich bin sie noch nicht ganz los. Es ist mir wieder klar geworden, daß meine Ruhe noch ei» unsicheres Ding ist, Weit» sie so leicht aufgestört werden kann. Ich komme mir so verloren in der Welt vor: als hätte ich stärkeren Schutz und mehr Sicherheit für meine Seele nötig, als mein Junge, mein Seppl mir geben kann!
lieber all dem war mir Lotte aus dem Gesicht gekommen. Ich habe erst heute nachmittag ihren Bries noch einmal hervorgeholt.
Sie tut mir leid, der arme Wildling,, der nun auf einmal wieder, zahm sein soll.
Wie ich den Brief jetzt lese, schaut mich aus jeder Zeile die stumme Bitte an, die sie nicht offen ausznsprechen wagt: hilf du mir!
Aber ich kann ihr jetzt nicht helfen, selbst wenn ich wollte, ich bin ja gebunden. Das einzige, was ich für sie tun kann, ist, daß ich mit dem Professor über sie spreche, wenn er herkommt. Das will ich ihr schreiben.
Sagt sie nicht auch etwas über den in ihrem Brief? Richtig, da!
„Mein Professor hilft mir auch nicht. Mas in den gefahren ist, versteh ich überhaupt nicht. Ich habe mich ja ursprünglich in sein kernhaftes Schimpfen verliebt. Aber wenn's so hageldick kommt, daß keiner vom Atelier mehr Gnade vor seinen Augen findet und er herumläuft wie ein gereizter Bär, daun wird die Sache ungemütlich. Er muß irgend was haben, Wit sagen's alle. Meine Studien Und Akte waren durch die Bank nur „elende Schmarrn", Und mich schaut er schon gar nicht mehr an.
„Er hat mich auch keinmal wieder aufgefordert, in sein Haus zu kommen, und aufdrängen wollte ich mich nicht, gerade, weil er ein großes Tier ist."
Gereizt? Professor Bernhardt gereizt?
Ich sehe den blondroten Kopf vor mir mit der eckigen Stirn und den Hellen, lebhaften Augen; den ganzen großen Menschen mit dem tiefen Lachen und de» breite» Bewegii»- gen, die so viel Platz brauche». Diese unverwüstliche Lebens- frtsche und gesunde Kraft, an der man sich selbst halte» sind wieder gesund worden könnte, wenn man krank und (zerfahren und haltlos ist! Der verstimmt?
Ich kann es mir nicht vorstelle»! Es ängstigt mich K beinah, wenn ich daran denke, daß er im Spätsommer men will!
Und wir hatten uns doch darauf gefreut, Seppl Und ich!
12. September.
Morgen kommt er schon, morgen früh! Bierzehn Tage lang keine Zeile Nachricht, und dann, wie wir vorhin bei Tisch sitzen, plötzlich ein Telegramm:
„Komme morgen. Wohne im Gasthof. Beruhardi."
Ich habe die blauen Buchstabeii ganz verwirrt an» gestarrt. Was soll denn das? Im Gasthof? Fürchtet er, Mir Unbequemlichkeit zu machen? Sei» Zimmer steht ia bereit, ich muß es ihm morgen gleich sagen, wen» er kommt!
Oder ist es vielleicht Absicht? Ich kau» mir freilich nicht denke», warum; aber Lotte Gelsas Brief hat mir Unruhe gemacht.
„Seppl," sage ich über de» Tisch, „Vater kommt morgen." ■
Der Junge hört auf zu esse» und macht große Auge». „Morgen schon?"
„Ich Bubi Freust du dich?"
Er nickt, aber etwas ängstlich. '
ttud auf einmal, wie ich ihn ansehe, kommt mir der Gßdanke: wenn der Professor mir nun den Jitpaen Weg» Nähme! Wen» er deswegen käme!
Ei» Leben ohne Seppl! Wie ich das Wort nur aus- denke, sehe ich schon die langen, grauen, leere» Tage vor mir, die da»» für mich kämen!
Ja, er hat ihn mir damals doch nur gebracht, weil er mit dem eigensinnige» Kranken nicht anders fertig wurde. Er hatte vielleicht gar nicht vor, ibn so lange hier zu lassens Jin Sommer war ihm ja schon die Reise nach Oeynhausen; nicht recht. Ich weiß, Wie er de» Jungen liebt. Vielleicht hängt seine Mißstimmung damit zusammen, daß er ihn so lange entbehrt!
Ich versuche, mir meine Angst auszureden. Man muß sich doch nicht gleich das Schlimmste ausmalen!
Ja, aber habe ich! mir denn eigentlich schon jemals klar- gemacht, wie die Zukunft werden soll?
Ich habe mich in den Gedanken an die Aufgabe hereingelebt, ohne daß die Sache überhaupt Hand und Fuß hatte. Alles Weitere kam mir so selbstverständlich vor. Aber jetzt!
Was soll ich dem Professor denn eigentlich sage»? Ihm den Jungen tvegnehmen und hierbehalten? Oder etwa mich ihm zur Hausgenossin anfdrängen?
Wie ein Berg ist mir die Sorge aufs Herz gefalleir und wächst jede Stunde!
Ich habe den Medizinalrat selten so sehnsüchtig er» wartet wie heute. Ehe er zu Seppl hincinging, hielt ich ihn fest.
„Herr Doktor, morgen kommt der Professor. "
Er bleibt stehen und zieht sich umständlich den nassen Mantel aus — es regnet heute de» ganzen Tag. „So. Hm!" Weiter nichts.
„Sie werden doch mit ihm über Seppl sprechen, nicht wahr?"
„Natürlich. Wir können ja ganz zufrieden mit dem Bengel sein, wen» er so weitermncht!"
Eine» Augenblick zögere ich noch. Aber dann kann ich nicht anders, ich schütte meine ganze Not vor ihm aus und bitte ihn, dem Professor zu sagen, daß ich für Seppl nötig bin, absolut nötig. Das vereinfacht die ganze Sache.
„Wahr. Hm." Er putzt seine Brillengläser. '„Liebes Kind, ich will Ihne» mal was sage». Sie habe» brav für de» Jungen gesorgt, sehr brav, das muß ich Ihnen lassen. Aber Sie müssen sich da nichts vormache». Was Sie tu», das kann schließlich jede tüchtige Pflegerin auch. Ich kann dem Herr» Professor da nicht vorschreiben: die und keine andere! Mich geht bloß die kröpelige Gesundheit meiner Patienten etwas an und nicht ihre Privatsachen. Ich menge mich da nicht hinein. Machen Sie das mit dem Herrn Professor allein ab."
Als er mein Gesicht ansah, klopfte er mich auf di« Schulter.
„Na, na, nur Courage! Ein Menschenfresser wird er schon nicht sein! Und im Grund kann er ja dem lieben Gott danken, wenn Sie —"
„Wollen Sie ihm beim das nicht wenigstens sagen, Herr Medizinalrat? Ihn nur darauf bringen? Vielleicht kommt er von selbst gar nicht darauf."
Wer der Alte zieht die Augenbrauen in die Höhe und schlügt mit der Hand in die Luft.
//Ich bin kein Diplomatikus. Machen Sie das nur selbst! Es soll schon nicht de» Kopf kosten."
Also kein Mensch, der mir hilft! Und sch lveiß nicht, wie ich es ihm sagen soll!
(Fortsetzung folgt.).
Die „Erwesgeije".*)
Von Herman n S t r a ck
In Kjnzebach war „Quetschetanz". Der Tanz hatte feinest Namen daher, weil um diese Zeit die Zwetschen reif geworden! und der Quetschenkuchen gebacken Wurde. Der Bachschneider mit der Baßgeig, der K'ühjust mit der Klarinett und der Fauster mit der Posaune bildeten die Halste der Musikkapelle, die zum Tanzq aufspielte. ,
Der Bachschneider War seines Gewerbes, wie sein Name! besagt, Schneider, ein hageres, spindeldürres Männchen mit eilt Paar gclblichweißcn Stoppeln unter der langen, spitzen Nase,
*) Statt „Erweskrätzer" sagt man im Vogelsberg vielmehr „Erwesgeiier". Ihre Sippe, von der hingst die „Gieß. Familien-- blätter" eine interessante Notiz brachten, ist schon seit 40 bis 50 Jahren verschwunden. Noch lebe» sie aber frisch in der Erinnerung,


