Donnerstag den 2. Juni
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Ihres Vaters Tochter, vornan von Lulu von Strauß und Torney. (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Na, ,mn nicht gleich so außer Rand und Band vor Freude. So weit sind ioir ja. Mer ich habe da nicht viel hereingepfuscht, da hilft sich die liebe Natur selbst, wenn wir ihr nur ein bißchen den rechten Weg freimachen. Und dies ist auch erst der Anfang. Das ist eine lange Geschichte. Noch ein paar Jahre solch eine Badekur und zwischen durch alles so weiter wie jetzt, dann kriegen wir ihn wohl auf die Miße. Mer Geduld gehört dazu. Guten Morgen!"
Ein paar Jahre noch! Aber es ist doch die Möglichkeit da, daß er gesund wird! Ich sehe ihn schon über den Rasen laufen, lachend und frisch wie die andern Kinder, denen er jetzt oft mit so frühaltem Ernst in den Augen vom Fahrstuhl aus nachsieht!
Ich habe mir etwas ausgedacht und mit Seppl besprochen: wir wollen dem Professor noch nichts von den Gehversuchen sagen. Er soll damit überrascht werden, wenn er kommt.
Seppl ist sehr wichtig mit seiner großen Heimlichkeit; ich! „rußte vorhin seinen Brief an den Vater durchlesen, um zu sehen, ob er es auch nicht „aus Versehen" geschrieben hatte.
8. Septembers
Der Schreck heute morgen geht mir den ganzen Tag ltach, daß ich unruhig und gedrückt bin.
Es lag da ein Brief auf dem Frühstückstisch. Wie ich ihn aufnahm, sah ich den Poststempel Di. . . stadt. Eine Sekunde lang schoß mir alles Blut zum Herzett, daß ich schwindelig wurde.
Georg! Von ihm!
Es ivar ein rmsinniger Einfall. Jin nächsten Augenblick sah ich, daß es eine ganz andere Schrift war, die ich nicht gleich erkannte.
Der Brief war von Lotte Gelsa. Während ich ihn das erste Mal las, gingen meine Augen ganz gedankenlos die Seiten herunter, so benommen ivar ich "noch von dem Schrecken. Aber dann las ich genauer.
Ein lieber wilder Brief, ganz Lotte Gelsa, die rebelt lische Lotte, die ich so gut kenne. Und ein Brief aus dev Not heraus.
Kein Wort über unsere Münchner Zeit, über mein Fortgehen, metit gänzliches Schweigen. Das ist auch wohl das! Beste.
Sie fällt gleich mit der Tür ins Hans. Ihre Malter in Sorge, seit sie allein bei Damianis ist. Nach längerem! Verhandeln offener Kriegszustand, scharfe Maßregeln, gänzliche Gekdentziehung.
„Menu ich nicht Türschilder und heilige Antoniusse malen wollte, mußte ich schon heim! Weg von der lieben Münchnerstadt, wo mich's wie mit tausend Ketten hält! Und nun sitze ich gefangener Zigeuner und schlage gegen die Gitter, betrage mich wie em ungezogenes Kind — ick) kann nicht anders, Aga! — und bekomme stündlich zu hären, daß München mich demoralisiert hat und daß ich der Schandfleck der (Helsas bin —,
27. August,
Seppl steht! Wirklich und gewiß auf beiden Füßen, noch ängstlich zwar und nur eine halbe Minute lang — aber er steht!
Der alte Medizinrat, wie Seppl ihn nennt, hat das Wunder fertig gebracht. Es ist ja scholl mein tägliches Erstaunen, wie zutraulich er mit seiner bärbeißigen Freundlichkeit den scheuen Jungen schon gemacht hat.
J'ch war nicht gleich mit in SePPls Stube gegangen. Hinter der Tür hörte ich schon seinen knurrigen Baß und die.Helle, eifrige, kleine Stimme dazwischen.
Und tote ich hereinkomme, sehe ich, daß er den Jungen auf den Knieen hält und ihn gerade sacht heruntergleiten läßt, daß die Füße auf den Boden kommen.
„So ist's recht! So, mein Junge!"
„Doktor, was ist das? Was machen Sie mit ihm?"
Der Mte achtete gar nicht auf mich, nur Seppl sieht auf, ein Tränchen auf der Backe, aber er lacht mich tapfer an.
„Na, nur zu! Den Fuß fest aufsetzen! Was? Heulen? Schwerebrett, 'wir find doch keine Memme und kein kleines Mädel!"
Seppl steht wirklich, aber nur erst auf dem gesunden Bein. Nun schiebt er das andere auch vor, ungeschickt tastend und ängstlich, und verzieht den Mund dabei.
„So, nun mal einen Schritt! Nein, mit dem andern Fuß! Tapfer!"
Der kleine Mann sieht utich! hilfesuchend an, aber er versucht's richtig, hebt das gesunde Bein, daß er zwei, drei Sekunden auf dem armen kranken steht, und .wirft sich! dann mit einem kleinen Schrei zurück.
Der Doktor lacht, tote er ihn wieder aufs Knie nimmt.
„So, so. Das bißchen Wehtun schadet nichts. Für heute ist das genug- morgen haben wir schon mehr Courage, was? Und wenn der "Papa kommt, spazieren wir ihm kreuzfidel entgegen. Der wird Augen machen!"
Seppl lacht auch, aber er schluchzt zugleich, und tote er im Fahrstuhl ist, .wirft er mir fest die Arme um den Hals.
„Hast du's gesehn? Ein bißchen weh! tut es. Arg weh-. Mer ich bin ja ein Bub!"
Ich laufe, nein, ich stürze dem' Medizinalrat nach', der Stoch auf dem Borplatz seinen vorhin weggelegten Zigarren- tzummel sucht.
„Doktor, ist das denn möglich ? Wird es wirklich besser? Und das haben wir Ihnen zu danken!"
Er zieht die grauen borstigen Augenbrauen zusammen-


