vermischter.
* Die Berk ii m m e r tt it g der H ä n d e. Im Niueteeuth Century veröffentlicht der Leibarzt König Eduards eine Untersuchung, in der er »achzuweise» versucht, daß die fortschreitende Kultur notwendigerweise zu einer Verkümmermig der menschlichen Hände führen müsse. Eine derartige Entartung der Hände sei eigentlich schon seit der Urzeit zu beobachten, da der neolithische Mensch stärker und im Gebrauch seiner Hände geschickter gewesen sei, als !vir: dieser Verfall werde in den letzten Jahrzehnten durch die Fortschritte auf maschiuellem Gebiete künstlich gesteigert. Da die Maschinen alles tun, was die Menschen früher mit den Händen zu hin gewohnt waren, so haben wir allmählich verlernt, uns der Hände in ausgedehnterer Weise zu bedienen. Noch unsere Väter bearbeiteten den Boden mit der Hacke und fällten die Bäume mit der Axt, in Laboratorien und Werkstätten wurde noch vor einem halben Jahrhundert weit häufiger mit den Händen als mit Maschinen gearbeitet, und unsere Mütter stickten, strickten und nähten mit ihren Händen. Auch das geringste Weib vermochte früher Handarbeiten von einer Feinheit und einem Geschmack herznstellen, die man heute selbst bei den Damen der Gesellschaft vergebens suchen würde. Alles, was der Mensch bedarf, ivird jetzt mit der Maschine gemacht, mit* selbst die Handschrift ist durch sie verdrängt worden, Auch die Chirurgie ist vom Fortschritt nicht unberührt geblieben. Chlorofonn und Antisepsis haben beit Operateur zwar nicht sorgloser, aber weniger geschickt 'und weniger entschlossen gemacht, wenn cs sich um ein plötzliches Eingreifen handelt. Wenn daher ein unbenutztes oder nur wenig benutztes Organ im Laufe der Zeit in seiner Gebrauchsfähigkeit abzunehmen pflegt, so werden die Hände künftiger Geschlechter ebenso verkümmern, wie der Blinddarm im Innern des Menschen ein allmählich verkümmertes Berdauungsorgau aus einer Zeit ist, in der sich das Menschengeschlecht noch von den Früchten des Waldes und Feldes in rohem Zustande zu ernähren gewohnt war. — Die Ausführungen des Arztes scheinen auch dem Laien in manchen Punkten nicht stichhaltig zu sein.
* Die Stunden der Mahlzeiten. Die. sonst so konservative französische Akademie hat bei ihrer letzten Sitzung eine Keilte Revolution hervorgerufen: sie hat diese Sitzung einet Stunde später als gewöhnlich angefangen. Solch ein Staatsstreich, schreibt das Journal des Äöbats, muß in der Geschichte vermerkt werde», denn der, Magen der Pariser ivird der erlauchten Versammlung dafür dankbar sein, daß er nicht mehr von Zeit zu Zeit den Augenblick seines Frühstücks unmäßig überstürzen muß. Das schöne Heldentum unserer Vorfahren, die sich mit dem Aufgang der Sonne erhoben, ist nämlich dein heutigen Menschen abhanden gekommen und so hat sich benit mit dem Fortschreiten der Geschichte auch die Stunde des Frühntahles immer mehr hinauL- geschoben. Das Parlament begann damals seine Sitzungen schon zwischeit 5 und 6 Uhr morgens. Die Mahlzeit, die wir heute um Mittag oder auch nach der Mittagszeit einnehmen, verzehrte Ludwig XII. schon unti 8 Uhr früh und viele seiner Zeitgenossen ton 9 Uhr; Franz I. nahm das Mittagsmahl -gegen 10 Uhr und Heinrich III. je nach der Jahreszeit ein ivenig vor oder ein wenig nach 10 Uhr. Heinrich IV. und Ludwig XIII. bevorzugten die 11. Tagesstunde. Die Zeit u|m 12 Uhr kam um die Mitte des 17. Jahrhunderts allgemein auf; im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts aß man daun um' 1 Uhr, ja die Mode schob die Essenszeit noch nm 2 und 3 Stundeil lucitee hinaus und 1789 hätte es für gewöhnlich gegolten, vor Uhr sich zu Tisch zu setzen. Nur die Klöster u. die Kollegien blieben bis zur Revolution bei der guten alten. Sitte, um 11 Uhr zu. speisen. Aber das ivaren altmodische, zurückgebliebene Leute, die an den provinziellen und bäuerlichen Sitten festhielten. Das kritische Wörterbuch von Carae- cioli, das 1768 erschien, bestimmte das Wort „Mittag" folgender-. maßen: „Die Stunde, wo die Provinzialen ihr Frühstück nehmen und wo die meisten vornehmen Herren und Damen, die den Geschmack des Hofes und der großen Welt huldigen, aufstehen." Ludwig XII., der um 8 Uhr seine erste große Mahlzeit nahm, setzte sich zwischen 4 und 5 Uhr zum Diner, Franz I., der uni 10 Uhr frühstückte, aß um 6 Uhr zu Mittag, ebenso Heinrich III. und Ludwig XIII. Unter Ludwig XIV. schob man die Stunde der Hauptmahlzeit bis um 7 Uhr abends heraus, und unter Ludwig XV. und Ludwig XVI. gab man es ganz auf, nicht etwa aus Einfachheit und Sparsamkeit, sondern ganz einfach, iveil das Frühstück, das erst inifl 5 oder 6 Uhr abends aushörte, de» hohen Herren es von selbst verbot, sich noch einmal zur Tafel zu setzen. Möglichst spät in der Nacht erst speiste man daun noch einmal und diese neue Mahlzeit wurde „Souper" genannt. Da das Theater unter Ludwig XIV. um 5 Uhr aufing, so hatte man Muße, seinen Appetit zn pflegen, so lange das Schauspiel dauerte; gegen 9 Uhr aß man dann zu Abend, aber am Hofe Ludwigs XV. war diese Zeit schon für 10 Uhr abends und später, unter Ludwig XVI. sogar erst um V$12 Uhr angesetzt.
® c r Hu m or d c r I n t erp nnkt io n. Professor Richard M. Meper, der Berliner. Philologe, veröffentlicht in der ^„.Zeitschrift für den deutschen Unterricht" einen fesselnden «Aufsatz über
Gefahren der Interpunktion", in dem sich viele humoristische [ Beispiele iiiiben, wo diese Gefahren außer acht gelassen worden 1
sind. Bereits Abraham' a Santa Clara sagt: ein einziges Pnnktnnk oder Tüpfel ist sv klein, und doch «kann dasselbe einen ketzerischen Text verursachen, wie folgt: Surrexit non. cst chie. Hier ist durch den eingeschobenen Punkt der sinn des Evangelieuwortes!„Er ist auferstanden, und nicht hier", umgekehrt, so daß es heißt: er ist nicht auferstanden, er ist hier. Das «Lateinische mit seinem „cyklopischen Bau" bietet zn solchen Fehlern reichlich Gelegenheit, Jedoch auch int Deutschen finden sich zahlreiche Beispiele. Bekannt sind die Schulscherze: mein Freund, kannst du nicht länger' sein?, oder das entstellte Zitat aus der Glocke: „nehmet Holz vom Fichten stamme, doch recht trocken. Laßt es sein." Oder die' Entstellung: Das Leben ist der Güter höchstes. Nicht? — Max Friedländer hat sogar einmal einen Rezitator gehört, der Uhlands auf folgende geistreiche Weise entstellte: „Weg die Fesseln deines! Geistes., Hab ich einen Hauch verspürt?" Richard Meyer meint, bei der schauspielerischen Deklamation sei so etwas igar nicht selten, und als treffliches Beispiel führt er au, wie mit „Kainz ischev Atemlosigkeit" deklamiert wird: Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage. In Uhlands „Schwert" sagt der Held: „Nein, heut!« bei aller Ritterschaft —. Durch meine nicht, «durch Fenerskraft." Im praktischen Leben kann so ein versetztes tobet fehlendes Komma teuer zu stehen kommen und die Bereinigten Staaten sollen einmal ein versehentlich gesetztes Komma mit 8 Millionen bezahlt haben, Im Texte eines neuen Zollgesetzes, in dem die steuerfreien Einfuhrgüter aufgezählt wurden, ersetzte nämlich versehentlich ein Beamter fruit-plants (fruchttragende Pflanzen) durch fruit, plantss (Früchte und Pflanzen). Ehe der Fehler ausgemerzt «wurde, wurden ein ganzes Jahr lang Früchte und Obst unverzollt in die Vereinigten Staaten eingeführt. Der Humorist weiß die Jnter- punktionsfehler geschickt zu handhaben, so daß er aus bekannten. Dichterworten reizende Varianten macht. Das hat z. ,B. Schön- thau in seiner Humoreske „Das junge Paar" «getan, wo ein' eingefügter Doppelpunkt die Bedeutung eines Wortes und «zugleich die Konstruktion eines Satzes völlig verändert. Er «sagt nämlich: „Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter: die Fülle!" Den Schluß mag ein drolliger Parlamcntsbericht bilden, «bei beut der Setzer die Kommata vermutlich absichtlich vertauscht hat:« „. . . Lord Salisbury erschien auf dein Kopfe, .einen weißen Hut an den Füßen, große aber gut geputzte «Stiefel auf der Stirn, eine dunkle Wolke in seiner Hand, den unvermeidlichen Spazier-, stock in den Augen, einen drohenden Blick. . ."
* Wärmeeinheit oder Kalorie? Im Zentralblatt; der Bauverwaltung vertrat kürzlich H. Görges, „ohne einer blinde»! Ausländerin das Wort rede» zn wollen", die Ansicht, daß die aus den toten Sprachen eutuommene» wissenschaftlichen Fachwörter den Vorzug der internationalen Verständlichkeit hätten > und nahm deshalb die Kalorie gegen Wärmeeinheit in Schutz. H. Zimmermann, den Lesern der Zeitschrift des Allgemeines Deutschen Sprachvereins durch ausgezeichnete Beiträge bekannt, bewies aber schlagend, daß inhaltlich das deutsche Wort zum Ersatz für Kalorie durchaus genüge, und wendete sich dann ausführlich gegen die vermeintliche internationale Verständlichkeit.. „Sollten die anderen Kulturvölker," so folgerte er, „wirklich! einen so großen Wert auf gemeinsame Fachausdrücke legen, wie manche Deutsche meinen, so könnten sie das ja im vorliegenden! Falle einmal sehr schön dadurch beweisen, daß sie das Worts Wärmeeinheit als international anerkennen." Dieser scheinbar scherzhafte Vorschlag zur Güte trifft den Kern der Sache: diö gerade von Deutschen so gern geforderte sprachliche Jntcrnatiouali- tiit bedeutet nämlich immer nur für die Deutschen einen Verzicht auf die eigene Sprache und die Unterordnung unter die fremde.. Sie ist aber außerdem — und auch das wurde aus einem leuchtenden Beispiele klar —• für die sachliche Vereinbarung gar nicht einmal nötig.
* Kleines Mißver stänbnis. „Gestern war ich beim 7,Barbier von Sevilla"." „So ! Denke, Sie rasieren sich selbst?"
*Neugierig. „Was ist der Mann?" — „Jnnen-Architekt." — -„Und was ist er außen?"
Bilderrätsel.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des VersteekrätselZ in voriger Nummer: Ein. guter SchlaVist ein gut Frühstück wert.
Redaktion: K. Neura tb. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»


