Ausgabe 
2.5.1910
 
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bet die Dorsschönen ansschauen. Aber in all dein, fühlt sich der junge Bauer nicht wohl. Er ist nicht heimisch in dieser einfachen, engen Umgebung, in der seine Vorfahren gewaltet; er Paßt nicht hinein in das ewige Wirtschaften, Markten nnd Rechnen. Der melancholische Träumer wird von den Viehhändlern übcr- vorteilt, von den Nachbarn mißachtet. Sern Anwesen bringt) Hirn keinen Segen, die Wohlhabenheit hört auf, und in seiner Verbitterung, gründlich angeekelt von seihen, Leben, will er nach Amerika auswaiidern. Aber auch darin hat er kein Glück, denn die, die mit ihn, nach der neuen Welt ziehen wollten, lassen sich zum Bleiben bewegen, und allein mag er d,e Nährt nicht wagen. Da endlich dämmert ihm in dem Wust seiner sinneren Unrast, seiner dumpf gährendcn .Mäste, ein Ausweg: in der Nacbt seines Unglücks leuchtet ein ferner Hoffnungsschein aus aus längst vergessenen Kindheitstagen. Blitzartig reift tn ihm bet Entschluß: er will Bildhauer werden. Mit 24 Jahren ver­kauft er' den Hof seiner Väter und zieht nach Innsbruck, der Landeshauptstadt, um bei Prof. Stolz das Zeichnen zu lernen. Der hält den kräftigen jungen Tiroler, der in Lederhosen, Joppe, Gurt und Wadenstrümpfen bei ihm eintritt, zunächst für einen Maurergesellen und ist höchlichst erstaunt, als der linkische, schüch­terne Geselle ihn dringend anfleht, ihm doch das Zeichnen bei­zubringen, er werde alles zahlen. Er sucht ihn von seinem Ent- sschluß abzubringen, hält ihm all die Schwierigkeiten vor, die einem schon so alten Menschen gegenüberständeii, aber auf weiteres Witten nnd Drängen verspricht er, es mit ihm zu versuchen. Während der Studien bei Stolz reift nun in Defregger der Ent- fchluß, Maler zu werden, und er macht so glänzende Fortschritte, schließlich der Professor den bereits zu einem tüchtigen Zeichner heraiigediehenen Gewerbeschüler Piloti in München vorstellt. Defregger arbeitet dann in München erst auf der Künst- Aewerbeschule und wird endlich in die Akademie ausgenommen. Von entscheidender Wichtigkeit für die Entfaltung seiner Kunst ist ein 15 Monate langer Aufenthalt in Paris. Aber erst die Be­rührung mit dem Bechen der Heimat bringt seine Begabung zur vollen Blüte. Der Zufall führt ihn im Sommer 1864 nach seinen Tiroler Bergen und hier in der alten Bergeinsamkeit offenbart sich ihm die Eigenart seiner Kunst. SeinBon einem Wilderer angeschossener Förster" bildet die Grundlage seines Ruhmes. __________

Leidende Tiere.

Von Eugen Reichel.

Es ist noch nicht allzulange her, seit man den Tieren eine Seele, ein Empsinduugsleben zuerkannt hat. Noch Descartes stritt den Tieren diese Eigenschaften vollständig ab und brach damit der in der Christenheit ohnehin üblich gewesenen Tier­quälerei vollends die Bahn. Brauchte man sich doch fortan kein Gewissen daraus zu machen, den seelenlosenBestien" alle nur erdenkliche Unbill zuzusügen: sie suhlten ja nichts; und es mußte ihnen schon etwas sozusagenan die neunte Haut 'gehen", ehe sie Überhaupt merkten, daß man sie nicht gerade liebkoste. Aus dieser sürchterlichen Anschauung heraus sind viele Greuel zu er­klären, die den sprachlosen Wesen von feiten der unverständigen, einsichtslosen Menschheit in alter und neuer Zeit zugefügt worden find. Erst Gottsched, dieser große Tier- nnd Menschenfreund, hatte den Mut, auch den Tieren eine Seele, ein stark entwickeltes Empfindungsleben zuzuerkennen; wenngleich auch schon Shake­speare gelegentlich erklärt hatte, daß der Käser, der zertreten werde, dabei genau denselben Schmerz empfände, wie ein sterben- der Riese. Gottsched aber bewies, warum die Tiere eine Seele hätten; er sagte unter anderem:Die Tiere haben nicht nur von außen ebensolche Gliedmaßen der Sinne wie nur, sondern auch inwendig eben ein solches Gehirn und ebensolche Nerven: dadurch dann auch ebensolche Eindrücke von außen in sie »geschehen. Daher schließe ich denn von ihnen mit eben der Gewißheit, daß sie Seelen haben, als ich es von anderen Menschen aus ihrer lAehnlichkeit mit mir schließe." (Weltweisheit I, § 1095.)

In den 180 Jahren, seitdem Gottsched diese bedeutsamen! Worte in die Welt sandte, hat sich ja wohl das Verhältnis zwischen Tier und Mensch in mancher Beziehung zum Besseren gewendet; Namentlich die germanischen Völker sind in ihrem Verkehr mit den Tieren vielfach zu den guten und edlen Gewohnheiten ihrer vom Christentum noch unberührten Ahnen zurückgekehrt, die ja mit ihren Pferden, Rindern und Hunden auf einem höchst freund- schastlichen Fuße standen, bei denen es keine Pferdewettrennen, keine Hundewettrennen, keine Stier- und Hahnmkämpse gab, die »selbst den Tieren des Waldes menschlich entgegentraten, keine Hetzjagden veranstalteten und sich nicht an dem langsamen Ver­enden eines Hirsches, Ebers oder Bären weideten. Aber im großen und ganzen muß man doch leider sagen, daß auch heute stoch (nnd nicht etwa nur bei den Romanen, Orientalen und Asiaten) die Menschheit eine gen Himmel schreiende Fülle von Greueln gegen die Tierwelt verübt; daß, allen Tierschutzvereinen) Zum Trotz, die Tierquälerei in schönster Blüte steht, daß tagaus, tagein an Fliegen, Spinnen, Würmern, Hühnern, Gänsen, Sing­vögeln und Schmetterlingen, Fischen und Krebsen, Austern und Seemuscheln, Schafen, Schweinen, Kälbern, Rindern, Hunden, Pferden und überhaupt an ollen. Arten von: Tieren die barbarischsten Untaten verübt werden, die von Rechts wiegen an den ruchlosen

Missetätern gerade so geahndet werden solltest, wie die an MestsckM verübten Verbrechen.

Man hat gesagt: das Leid der Menschheit wiege schwerer als ihr Glück; man hat wohl kurzweg von einerleidenden Mensch­heit" gesprochen, um damit anzudeuten, daß die Menschheit vor­zugsweise unter dem Joche des Leides, des Unglücks seufze. Das mag eine Uebertrcibung sein; denn der Mensch besitzt die köstliche Fähigkeit, sich über seine Leiden hinwegzutäuschen; die Leerheit und Zwecklosigkeit seines Daseinskampses mit allen möglichen, ihm wichtig und wertvoll scheinenden, jhn beseligenden Dingen, mit Hoffnungen und Einbildungen zu schmücken. Auch die Zahl der Gesunden und derer, die von ihren Leiden und Gebrechen nur schwach bedrückt werden, ist zweifellos größer als die Zahl der wirklich Leidenden, Siechen und unter unerträglichen Qualen zugrunde gehenden Kranken. Von einerleidenden Menschheit" also mag man nur in übertreibendem Sinne sprechen dürfen; dagegen wird es wohl endlich einmal au der Zeit sein, dieleidende Tierheit" in den Kreis unserer Betrachtungen einzuschließen und bett Kampf gegen die Tierquälerei mit allem Nachdruck zu be­ginnen. Man werde sich endlich darüber klar, daß eine gründlich« Veredelung der Menschheit unmöglich ist, so lauge das Verhältnis der Menschheit zur Tierheit nicht sittlich geregelt ist. Alle unsere sogenannte Kultur, alle unsere togeuannte Menschenliebe: sie sind nur Schminke und leeres Geschwätz, wenn sie nicht in der Grund- anschauuug wurzeln, daß Tier und Mensch Blutsverwandte sind; daß wir dem Tiere (sofern es sich nicht, wie 'ein böser oder irr« sinniger Mensch, an uns vergreift) dieselbe Rücksicht und Schonung schuldig sind, wie dem Menschen ja vielleicht noch mehr schuldig sind als diesem, weil das Tier gar nicht mit uns im Kampfe liegt, weil es uns harmlos gegeuübersteht und schutzlos dem Willen des Menschen preisgegeben ist. Wie man sich aber nicht an schwachen Weibern und Mudern vergreift, wenn man'auch nur ein wenigMenschlichkeit" sein eigen nennt, so darf,, so soll man sich auch nicht an schwachen, uns nicht gewachsenen Tieren vergreifen das eine ist so gemein wie 'das andere.

Nun ist aber diese Erkenntnis heutzutage, selbst unterGe­bildeten", noch sehr wenig verbreitet; und so gehören denn die leidenden Tiere zu beit alltäglichsten Erscheinungen, denen gegen­über nur die allerwenigsten von uns ein tiefes Grauen vor der Bestie Mensch" empsiudeit. In Wahrheit: was sind die Tausend« von Menschenopfern, die der Fabrik-, der Schiffs- und Eisenbahn­betrieb alljährlich fordert; was sind die Tausende von gräßlichen) Verstümmelungen, die alljährlich in Kriegen und Schlägereien stattsinden; was die, doch immerhin seltenen, fürchterlichen Folgen der Unmäßigkeit und anderer Laster, denen alljährlich Menschen nach langen Qualen erliegen was bedeutet das alles gegen die Summe der Leiden, die wir Tag für Tag auf die gemarterte Tierwelt häufen! ? Man denke an die Millionen von Fliegen, denen von morolustigen Buben und Mädchen Beine und Fliegel ausgerissen werden; man denke an die Millionen Spinnen, denen man die Beine abreißt, um sich an dem Anblick der zuckenden Glieder zu ergötzen; man denke an die Qualen der aufgespießten Schmetterlinge; an die ungezählten Würmer, die ganz ober zerrissen auf die Angelhaken gespießt werden; man denke an di« genabelten" Gänse, an die Zeit.ihres Lebens in ihren dunklen, stinkenden Ställen eingeschlossenen Kühe; man denke an die Fische, die bei lebendigem Leibe abgeschuppt werden, an die '.Aale, denen gemütvolle Köchinnen die Haut abziehen; an die Krebse, denen man den Mastdarm ausreißt, um sie dann langsam 'gar zu kochen; an die Seemuscheln, die ebenfalls sounblutig" in ein besseres) Leben befördert werben; an die Austern, die man aus ihrer Schale herausschneidet und lebend verschluckt! Man denke an alle die Greuel der Schlachthäuser, an die zu TRw gehetzten Tiere des Waldes man denke an die unsäglichen Qualen unserer Lastpferde und Ziehhunde, an die Vögel, denen man di« Augen ausbrennt, damit sie anbaucruber ihre Klagelieder ertönen lassen kurz, man stelle sich als empfindender Mensch diese maßlos« Fülle von Qualen vor, unter der die Tierwelt, soweit sie dem Machtbereich des Ebenbildes Gottes unterworfen ist, leidet: und man wird Mühe haben, auf seine Zugehörigkeit zu diesem Ge­schlecht von Tiermördern und Tiermarterern stolz zu sein. Eins aber ist gewiß: wenn die Menschheit unter der Fülle ihrer Leiden seufzt, so hat sie dies Geschick, schon allein um der durch sie leidenden Tiere willen, mehr als reichlich verdient.

Ich entsinne mich nicht, jemals eine ergreifendere Wirkung empfunden zu haben, als vor etwa 30 Jahren, da ich die Mit­teilung eines Vivisektors las, daß sein Hund, als er ihn, aus Mangel an einem anderen Opfer, um der Wissenschaft und der leidenden Menschheit" willen zerschnitt, ihm wimmernd dieHand geleckt habe das arme Wesen biß nicht nach seinem Zersleischer: cs küßte ihm die Hand; es hoffte, die Seele des Mannes, den es in Treuen geliebt hatte, zu rühren; und es rührte sie auch: denn der gelehrte Mann hatte, wie er emgestand, Mühe, die Untersuchung" zu Ende zu führen; das Verhalten des ge- quälten Tieres überwältigte ihn beinahe. Und an Tieren, die, wenn sie sprechen könnten, vielleicht stöhnen wurden:Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" an solchen seelenvollen Wesen vergreift sich die Menschheit tagaus, tagein) in der grauenvollsten Weise!