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faßen habe, das mal ich' eben. Da MnE meine Bilde« sagen."
Seppi sieht mit altklugen Augen den Bergsee an, der 'Ärmlich übergossen ist vom Licht.
„Was sagt dies Bild denn, Vater?"
Ter Professor fährt mit der Hand über den kleinen tzlatten Jüngetiskopf. .. c
„Sich freuen, daß die Welt so schön ist! Und brav sind gut fern, damit sie noch ein bißt schöner wird. Ver-, stehst?" ' .
Ja. Sevpl nickt und versteht. Tie Leiden sind crnrg.
Es gibt da ein kleines, altes, deutsches Bild in der Binakothek, einen Christophorus. Mit starken, ruhigen chritten geht der Riese durch das blaue, eilige Wellen- gekräusel, gut und geduldig, seine Bärenkräfte beugend eitlem kleinen Kind. An das Bild muß ich denken, wenn Professor Bernhardt seinen lieben, kranken, blassen Jüngeil so sorgsam die Treppen hinunterträgt.
Lotte geht selten mit. Sie hat immer andere Weg« vor mit ihren Atelierfreundinnen, oder sie will zu Hanse bleiben und arbeiten. Ich sehe überhaupt wenig von ihr in dieser Zeit; etwas Unrastiges ist in dein Mädchen, das sie mir fremd macht. Es ist wohl ihre junge Kunst mit ihrem Kampf und Zweifel, die sie ganz ausfüllt, und von der ich nichts verstehe.
Wut, daß ich wenigstens jetzt den Seppi habe. Ich flüchte mich förmlich zu ibn, vor Einsamkeit und Gedanken. Es ist so wundervoll, ein Menschengesicht zu wissen, das aufstrahlt, tvenu man kommt, und traurig wird, wenn Uian geht — und wenn's auch nur so ein blasses, kleines Bubengesichtl ist!
' Was sagen Sie zu dieser neuen Freude? Sind Sie auch schlechter Laune wie der Doktor, der behauptet, für ihn hätte ich nie mehr Zeit? Wer Sie haben ja nichts zu klagen — für meinen lieben Freund hab ich immer Zeit!
Ihre Agnes W
äugen unter den schwarzen Brauenstrichen von innen heraus- strahlend und dabei ein bißchen spöttisch.
Sie war mit einem SciH vom Tisch.
„Aga, Süßes, reden Sie doch nicht wie der Blinde von der Farbe! Was ist denn das für ein Verbrechen, wenn wir uns lieb haben? Waren Sie denn schon mal verliebt? Nein? Na, dann gehen Sie hin und verlieben sich erst einmal bis über die Ohren, und werden Sie Mensch! Und dann halten Sie Predigten!"
„Was soll ich denn aber mit Ihnen machen, Lotte?"
„Mit mir? Nichts. In Ruh lassen sollen Sie mich und brav fein. Und es mir uachmachen! Sie Goldiges, sehen Sie oenn nicht, wie glücklich ich bin?"
„Ich muß es aber Ihrer Mutter sagen, Lotte!"
Sie kniff mich, daß ich schrie.
„Wenn Sie das tun, Aga! Sie haben nicht das Recht dazu. Ich bin mündig und will aus eigene Fasson selig werden. Für so einen Leutnant oder Assessor von Mamas Gnaden bin ich doch nichts. Dem würde ich auch unfehlbar durchbrennen. Da ist's schon besser so."
' Ich stöhnte förmlich.
„Lotte, Lotte! Das hätte ich nie von Ihnen gedacht, nie!"
„So?" Sie zuckt die Schultern. „Ms moderner Mensch hätten Sie das wissen müssen. Erbliche Belastung. Das ist wen der Urahn, der mir im Blut steckt."
Sie bläst plötzlich hinterrücks die Lampe aus und nestelt den heißen Kopf mit dem dicken zerzausten Haar eng an meine Schulter.
„Hören Sie auf nnt Moralpauken, Prinzeß! Ich bin ja so unbändig glücklich! Ich hab ihn so lieb, lieb, lieb!"
Ich wußte nichts mehr zu sagen. Es lag wie ein Druck auf mir — Verantwortung, heimliche Angst, Auf-, regung!
Sie hat mir ihr Wort gegeben, ihn nicht ohne mein Wissen zu sehen. Und ich habe ihr versprochen, ihrer Mutteri nichts zu sagen. Aber irgend etwas mußte doch geschehen, (Fortsetzung folgt.)
Dies ist unerhört, Charlotte. Sie müssen sofort nach
Haus."
Sie läßt sich gar nicht stören, streichelt mein Haar und drückt mich in den Lehnstuhl.
„Ach, das arme, kleine Prinzeßchen! Hat das wilde Fohlen tlicht hüten können, und nun das Unglück da ist, soll ich nach Haus, und Sie wollen Ihre Händchen in Unschuld waschen!"
Ich Ivar ernstlich empört. Ich fing an, ihr eine Standrede zu halten. Sie unterbrach mich auch gar nicht. Wer sie saß mir gegenüber auf der Dischkante und sah mich groß an. _ _
Und auf einmal brachte mich das aus dem Te^t. Das Kauze braune Gesicht noch glühend heiß und die Zrgenuer-
München, 28. Februar 1901.
Lieber Georg,
Mo nicht einmal das habe ich gekonnt! lieber egoistischen Grübeleien meine nächste einzige Pflicht hier vergessen und die Dinge laufen lassen, bis ich sie nicht mehr halten konnte!
Ich bin außer mir! Lotte, das Kind, in offerier Revolution l Empört bin ich über sie, über diesen kecken Menscherr, über mich selbst —
Es kam so. Als ich vor ein paar Tagen im Dunkeln heimkomme, stehn zwei Schatten irr dem däminrigen Haus- Kg. Ich denke, es ist Resi, die sich mit ihrem Schatz eit.
Plötzlich ein halblauter Ausruf, die zwei fahren auseinander, ich sehe sie deutlich: — Lotte Gelsa!
Der Mann stand im Dunkeln. Ich erkannte ihn erst an der nachlässigen Grazie, mit der er sich verbeugte. Der Pole, Lottes.van Dt)k!
Pause. Dann lacht Lotte ganz leise. Und auf,einmal, als ob ich Nicht da wäre, wirft sie dem Menschen die Arme um den Hals: „Geh jetzt, Schatz, ich muß hinauf. Bis Morgen!"
Der Pole verbeugt sich liebenswürdig gegen mich: „yaj hoffe, Sie werden nicht mißverstehen —"
Herrgott, was war da noch mißzuverstehen? Ich drehte
ihm den Rücken.
Ich sagte kein Wort; auch oben in meiner Stube nicht. Lotte war mir trachgekommen. Und wie die Lampe brennt, faßt sie mich um, als ob sie mich erdrücken will.
Ich schiebe sie zurück.
Aus Defreggers Iugendtagen.
Wie ein Märchen klingt die Erzählung von den Lebens- schicksalcn des Bauernmalers Franz von Defregger: vom Ziegenjungen zum berühmten, mit Ehren überschütteten Maler führt der Weg, aus stiller Bergeseinsamkeit zu Ansehen, Reichtum und, Weltruf. Auf der Weide hat sich auch in dem kleinen Defregger- Franzl der dunkle Punkt zum Gestalten geregt. Am 30. April 1835 auf dem Ederhof zu Stronach in der Gemeinde Dölsach war er geboren worden als der einzige Sohn, der dern Vater als Erbe des stattlichen Besitztums Nachfolgen sollte. Der. Ederhof lag ganz einsam und ein Bleistift war eine Seltenheit. Als .aber dann der erste Bleistift in die Hände des Knaben kam, da wurde das zu einem Ereignis, das seinem Denken mü> Tun eine ganz neue Richtung gab. Nun mußte er zeichnen und immer wieder zeichnen. Ging ihm der Bleistift aus, dann kritzelte er mit Meide auf Tische, Wände und Gestein, und bald waren die Tat«» des Franzl so bekannt, daß jedermann die überall im Dorch befindlichen Spuren seines sonderbaren K'unstwillens kannte und das krause Zeug mit verwundertem Staunen betrachtete. Der Vater jedoch war stolz auf das Talent des Buben und erprobte senk Können einmal auf eine ziemlich gefährliche Weise. Er fragte! den Franz eines Tages, ob er sich w-ohl getrauen würde, einen! Fünfzigguldenzettel genau nachzuzeichnen. Das gelang dem jungen Künstler so gut, daß der Vater die Zeichnung ein Mar befreundeten Nachbarn zeigte. Auch die lobten die Nachahmung außerordentlich und einer war von dem falschen Guldenzettel so begeistert, daß er den andern eine Wette antrug, auf den Schein würde jeder reinfallen. Die Zeichnung wird also einen» anderen spaßeshalber in Zahlung gegeben und der nimmt stü als gutes Geld an, worauf er über die Sache aufgeklärt wird. Die Künde aber, daß der Äefreggcr-Franzl, dessen Gekritzel maw sowieso schon für Teufelszeug hielt, Geld machm könne, hat sich wie ein Lauffeuer im Dorfe verbreitet; der Vorfall ward beim Amte angezeigt und der Junge soll nun wegen Fälschung vor Gericht. Zum Glück war der Vater Defregger Gemeindevorsteher und konnte daher durch seine Aussage dm harmlosen Hergang der ganzen Sache klarlegen. Dmi Sohne aber war ein gewaltiger Schrecken in die Glieder gefahren Und seine Lieblingsbeschäftigung arg verleidet. Die harte Wirklichkeit tritt zudem mit ihrem unerbittlichen Zwang bald an ihn heran; er muß als KNecht den ganzen Tag auf dem Hofe des Vaters arbeiten; er ivira stumpf und müde in der alltäglichen Tretmühle und die so früh, und so deutlich hervorgetretene Begabung scheint vergeßen, verloren, vernichtet. Sie erwacht auch nicht sogleich wieder, in UMN als der Vater stirbt und er nun Herr des Ederhoses wird. W« sitzt er nun in Amt und Würden, als Amtsvorsteher aus stattlichem Sitz, mit zwölf Dienstleuten um sich; er ist eine gute Partie, nacy


